Der Kemp Clay ist die jüngste kreidezeitliche Formation der Navarro Group im östlichen und zentralen Texas. Seine dunkelgrauen, kalkhaltigen Tone entstanden während des späten Maastrichtiums auf einem schlammigen Meeresboden am nordwestlichen Rand des Golfs von Mexiko. Besonders wertvoll ist die Formation wegen ihrer außergewöhnlich reichen Fischfauna: Allein 1.160 Otolithen repräsentieren 25 Knochenfischarten, hinzu kommen zahlreiche Haie und Rochen. Damit gewährt der Kemp Clay einen selten detaillierten Blick auf eine Meeresgemeinschaft kurz vor dem Massenaussterben an der Kreide-Paläogen-Grenze.

Robert T. Hill |
Der amerikanische Geologe Robert T. Hill führte 1901 die Bezeichnung Kemp clay beds für die obersten Schichten seiner damaligen Navarro Formation ein. Der Name bezog sich auf Aufschlüsse bei der Stadt Kemp im Kaufman County. Hill beschrieb gelbe Tone mit fossilführenden Konkretionen, war sich über ihre genaue Abgrenzung und selbst über ihr kreidezeitliches Alter jedoch noch nicht sicher. Spätere Arbeiten beschränkten den Kemp Clay auf die Tone oberhalb des Corsicana Marl. Als wahrscheinliches Typusgebiet gilt heute ein durch Störungen begrenztes Vorkommen in der Umgebung von Kemp.1Hill, R. T. (1901). Geography and geology of the Black and Grand Prairies, Texas. Twenty-first Annual Report of the United States Geological Survey, Part VII, 1–666.2Stephenson, L. W. (1941). The larger invertebrate fossils of the Navarro Group of Texas. The University of Texas Publication, 4101, 1–641. |
Hier am Jim Chapman Lake unweit des Städtchens Commerce östlich von Dallas befinden sich entlang des Sulphur River typische Aufschlüsse des Kemp Clay.
Bildquelle: Greg Jensen / GoogleMaps.
Geologie
Der Kemp Clay besteht überwiegend aus mittel- bis dunkelgrauem, kalkhaltigem und häufig schluffigem Ton. Frisches Gestein kann bläulich grau erscheinen, während verwitterte Partien graue, grünlich graue oder beinahe schwarze Böden bilden. Typisch sind kalkige Konkretionen; stellenweise treten dünne Lagen oder konkretionäre Bänke aus feinkörnigem Kalksandstein hinzu. Die weichen Tone verwittern schnell, sodass gute Aufschlüsse meist nur vorübergehend an Bachufern, Straßenanschnitten, Tongruben und Baustellen zu sehen sind. Die Formation gehört zur Navarro Group. In der klassischen Gliederung Nordosttexas folgen von unten nach oben die Neylandville Marl Formation, die Nacatoch Sand Formation, der Corsicana Marl und der Kemp Clay. Der Kemp Clay bildet damit den obersten Abschnitt der texanischen Oberkreide. Über ihm folgen nach einer regional unterschiedlich ausgeprägten Schicht- und Erosionslücke die paläozänen Ablagerungen der Midway Group, meist die Kincaid Formation. Die Mächtigkeit schwankt beträchtlich. Einige Abschnitte weisen ungefähr 113 Meter auf, während die Formation an manchen Aufschlüssen kaum 49 Meter erreicht. Geologische Karten geben regional auch etwa 24 bis 76 Meter an. Diese Unterschiede sind nicht nur auf wechselnde Ablagerungsbedingungen zurückzuführen: Erosion, schlechte Aufschlussverhältnisse und die unterschiedliche Abgrenzung gegenüber dem Corsicana Marl und der paläozänen Midway Group erschweren eine einheitliche Messung.3Stephenson, L. W. (1941). The larger invertebrate fossils of the Navarro Group of Texas. The University of Texas Publication, 4101, 1–641.
Die feinen Sedimente lagerten sich überwiegend in einem flachen bis mäßig tiefen Schelfmeer ab. Der Meeresboden war schlammig und wurde von Muscheln, Schnecken, Seeigeln, Röhrenwürmern und grabenden Organismen besiedelt. Ammoniten und Fische lebten in der Wassersäule, während Haie und Rochen verschiedene Bereiche des Nahrungsnetzes einnahmen. Einzelne Arbeiten deuteten küstennahe Bereiche als ästuarisch oder von Süßwasser beeinflusst. Rudisten, Ammoniten, benthische Foraminiferen und die vielfältige Fischfauna zeigen jedoch, dass zumindest die fossilreichen Fundstellen vollmarine Bedingungen repräsentieren.4Case, G. R. & Cappetta, H. (1997). A new selachian fauna from the Late Maastrichtian of Texas (Upper Cretaceous/Navarroan; Kemp Formation). Münchner Geowissenschaftliche Abhandlungen, Reihe A, 34, 131–189. Der Kemp Clay stammt aus dem späten Maastrichtium und reicht in seiner üblichen Fassung bis nahe an das Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren. Die Formation lässt sich über einen langen Ausstrichgürtel verfolgen, ihre Grenzen sind aber nicht in jedem County gleich ausgebildet. Außerdem fehlen an vielen Stellen Teile der obersten Kreide durch spätere Erosion.5Schwarzhans, W. & Stringer, G. L. (2020). Fish otoliths from the late Maastrichtian Kemp Clay (Texas, USA) and the early Danian Clayton Formation (Arkansas, USA) and an assessment of extinction and survival of teleost lineages across the K–Pg boundary based on otoliths. Rivista Italiana di Paleontologia e Stratigrafia, 126(2), 395–446. doi:10.13130/2039-4942/13425
Besondere Vorsicht verlangt die Literatur über den Brazos River im Falls County. Dort werden die obersten kreidezeitlichen Tonsteine je nach Arbeit als Kemp Clay, Corsicana/Kemp Formation, Corsicana Formation oder Corsicana Marl bezeichnet. Neuere Untersuchungen verwenden meist Corsicana Marl und erklären ausdrücklich, dass diese Einheit der älteren Kemp- und Corsicana-Terminologie entspricht. Beide Lagerstätten sind sich aber insgesamt sehr ähnlich und bildeten sich unter gleichen Bedingungen.6Keller, G. (1989). Extended Cretaceous/Tertiary boundary extinctions and delayed population change in planktonic foraminifera from Brazos River, Texas. Paleoceanography, 4(3), 287–332. doi:10.1029/PA004i003p002877Witts, J. D. et al. (2021). Cephalopods from the Cretaceous–Paleogene (K–Pg) boundary interval on the Brazos River, Texas, and extinction of the ammonites. American Museum Novitates, 3964, 1–52. doi:10.1206/3964.1

Heutige Lage des Kemp Clay:
Lage: östliches und zentrales Texas
Benannt: 1901 von Robert T. Hill
Koordinaten heute: 33.2° N, 95.9° W
Paläo-Koordinaten: 41.9° N, 62.4° W
Alter: 68–66 Millionen Jahre
Liegt unter: Kincaid Formation
Liegt über: Corsicana Marl
Paläo-Lage des Kemp Clay:
Fossilbericht
Der Fossilbericht wird von Meerestieren beherrscht, wie Muscheln, Schnecken, Kahnfüßer und Kopffüßer. Hinzu kommen Schwämme, Röhrenwürmer, Armfüßer, Seeigel und der große Rudist Titanosarcolites oddsensis. Mikrofossilien sowie vom Festland eingetragene Pollen und Sporen helfen bei der Altersbestimmung und Umweltrekonstruktion.8Stephenson, L. W. (1941). The larger invertebrate fossils of the Navarro Group of Texas. The University of Texas Publication, 4101, 1–641.9Stephenson, L. W. (1938). A new Upper Cretaceous rudistid from the Kemp Clay of Texas. U.S. Geological Survey Professional Paper, 193-A, 1–15. doi:10.3133/pp193A Außergewöhnlich ist die Fischfauna. 1.160 Otolithen, kleine Kalkkörper im Innenohr von Fischen, repräsentieren 25 Knochenfischarten, darunter frühe Dorschartige und Schlammaale. Außerdem lebten hier mindestens 44 Knorpelfischtaxa: Dornhaie, Ammenhaiartige, Sandtigerhaiartige, Koboldhai-Verwandte, Katzenhaie, Sägefische und Rochen. Ein einzelner Eutherierzahn gelangte vermutlich vom Festland ins Meer. Der möglicherweise aus dem Kemp Clay stammende Kiefer von Mosasaurus hoffmanni könnte auch aus dem Corsicana Marl stammen, doch ist es durchaus möglich, dass diese gewaltige Meeresechse auch über den Ablagerungsbänken des Kemp Clay seine Bahnen zog.10Case, G. R. & Cappetta, H. (1997). A new selachian fauna from the Late Maastrichtian of Texas (Upper Cretaceous/Navarroan; Kemp Formation). Münchner Geowissenschaftliche Abhandlungen, Reihe A, 34, 131–189.11Schwarzhans, W. & Stringer, G. L. (2020). Fish otoliths from the late Maastrichtian Kemp Clay (Texas, USA) and the early Danian Clayton Formation (Arkansas, USA) and an assessment of extinction and survival of teleost lineages across the K–Pg boundary based on otoliths. Rivista Italiana di Paleontologia e Stratigrafia, 126(2), 395–446. doi:10.13130/2039-4942/1342512Tokaryk, T. T. & Case, G. R. (1987). An eutherian from the Late Cretaceous (Maestrichtian, Kemp Clay Formation) of Texas. Journal of Vertebrate Paleontology, 7(1), 115–117.13Rempert, T. H. & Hartley, L. C. (2025). A new jaw of Mosasaurus hoffmanni Mantell 1829 from Chambers Creek in Navarro County, Texas. Researchers.One, 25.06.00004. Originalpublikation
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Die Artenvielfalt des Kemp Clay sowie seiner Nachbarformationen sind in einem eigenen Artikel gelistet. Alle spektakulären Lebewesen der Meereswelt, also von den Muscheln, Kopffüßern und Fischen, bis hin zu den mächtigen Meeresreptilien, die dort lebten, findest du hier! |
Weitere Lagerstätten der kreidezeitlichen westlichen Golfküste:
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Alle anderen Lagerstätten, die in meinen Büchern eine Rolle spielen, erreichst du über meine interaktive Karte:
Quellenangaben:
- 1Hill, R. T. (1901). Geography and geology of the Black and Grand Prairies, Texas. Twenty-first Annual Report of the United States Geological Survey, Part VII, 1–666. ↩︎
- 2Stephenson, L. W. (1941). The larger invertebrate fossils of the Navarro Group of Texas. The University of Texas Publication, 4101, 1–641. ↩︎
- 3Stephenson, L. W. (1941). The larger invertebrate fossils of the Navarro Group of Texas. The University of Texas Publication, 4101, 1–641. ↩︎
- 4Case, G. R. & Cappetta, H. (1997). A new selachian fauna from the Late Maastrichtian of Texas (Upper Cretaceous/Navarroan; Kemp Formation). Münchner Geowissenschaftliche Abhandlungen, Reihe A, 34, 131–189. ↩︎
- 5Schwarzhans, W. & Stringer, G. L. (2020). Fish otoliths from the late Maastrichtian Kemp Clay (Texas, USA) and the early Danian Clayton Formation (Arkansas, USA) and an assessment of extinction and survival of teleost lineages across the K–Pg boundary based on otoliths. Rivista Italiana di Paleontologia e Stratigrafia, 126(2), 395–446. doi:10.13130/2039-4942/13425 ↩︎
- 6Keller, G. (1989). Extended Cretaceous/Tertiary boundary extinctions and delayed population change in planktonic foraminifera from Brazos River, Texas. Paleoceanography, 4(3), 287–332. doi:10.1029/PA004i003p00287 ↩︎
- 7Witts, J. D. et al. (2021). Cephalopods from the Cretaceous–Paleogene (K–Pg) boundary interval on the Brazos River, Texas, and extinction of the ammonites. American Museum Novitates, 3964, 1–52. doi:10.1206/3964.1 ↩︎
- 8Stephenson, L. W. (1941). The larger invertebrate fossils of the Navarro Group of Texas. The University of Texas Publication, 4101, 1–641. ↩︎
- 9Stephenson, L. W. (1938). A new Upper Cretaceous rudistid from the Kemp Clay of Texas. U.S. Geological Survey Professional Paper, 193-A, 1–15. doi:10.3133/pp193A ↩︎
- 10Case, G. R. & Cappetta, H. (1997). A new selachian fauna from the Late Maastrichtian of Texas (Upper Cretaceous/Navarroan; Kemp Formation). Münchner Geowissenschaftliche Abhandlungen, Reihe A, 34, 131–189. ↩︎
- 11Schwarzhans, W. & Stringer, G. L. (2020). Fish otoliths from the late Maastrichtian Kemp Clay (Texas, USA) and the early Danian Clayton Formation (Arkansas, USA) and an assessment of extinction and survival of teleost lineages across the K–Pg boundary based on otoliths. Rivista Italiana di Paleontologia e Stratigrafia, 126(2), 395–446. doi:10.13130/2039-4942/13425 ↩︎
- 12Tokaryk, T. T. & Case, G. R. (1987). An eutherian from the Late Cretaceous (Maestrichtian, Kemp Clay Formation) of Texas. Journal of Vertebrate Paleontology, 7(1), 115–117. ↩︎
- 13Rempert, T. H. & Hartley, L. C. (2025). A new jaw of Mosasaurus hoffmanni Mantell 1829 from Chambers Creek in Navarro County, Texas. Researchers.One, 25.06.00004. Originalpublikation ↩︎
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