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Die Weißen Steine

Entdeckungsreise in die Welt der Urzeit

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Kreationismus – ein persönliches Statement

Posted on September 18, 2016Juli 28, 2026 by Markus Kretschmer
Lesedauer 12 Minuten

Aus gegebenem Anlass ein paar Worte zum Thema Kreationismus und ein persönliches Statement: Diese Seite ist eine Wissenschaftsseite. Sie hat nicht nur das Ziel, meine Buchreihe Die weißen Steine zu begleiten, sondern es sich auch zur Aufgabe gemacht, aktuelle und wissenschaftlich belastbare Informationen aus der Welt der Urzeitforschung zu liefern. Jeder, der sich für die Erdgeschichte und insbesondere für Dinosaurier interessiert, soll damit begeistert, aber natürlich nicht bekehrt werden. Toleranz und Weltoffenheit sind Werte, die ich hier ausdrücklich großschreibe. Für missionarische Beiträge, Wissenschaftsleugnung und religiös begründete Angriffe auf wissenschaftliche Erkenntnisse halte ich diese Seite dennoch geschlossen. Wer mich damit behelligen möchte, dem sage ich ganz deutlich: Lasst mich gefälligst in Ruhe!


Die Weißen Steine ist kein Forum für Wissenschaftsleugner!

Wer mich kennt, weiß: Jeder kann sich gerne mit Fragen an mich wenden, und auch Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Ich bemühe mich, auf jeden einzelnen Kommentar einzugehen und zu antworten, sofern das meine Zeit zulässt. Für politischen Aktivismus, religiöse Missionierung oder die Verbreitung wissenschaftsfeindlicher Behauptungen ist diese Seite jedoch kein Forum. Beiträge mit ideologisierendem oder missionarischem Charakter werden gelöscht und ihre Urheber von mir ermahnt. Bei wiederholten Verstößen werde ich die betreffenden Personen dauerhaft von dieser Seite ausschließen. Das tut mir leid, weil die Vermittlung von Wissen und Bildung sowie auch der gegenseitige, freundliche Austausch über Urzeit-Themen zu meinen wichtigsten Zielen gehörten. Deshalb möchte ich eigentlich niemanden von vornherein ausschließen.

Aber ich tröste mich mit folgendem Gedanken: Intolerantem und missionarischem Verhalten auf der eigenen Website Grenzen zu setzen, ist keine Doppelmoral. Kreationismus tritt häufig im Umfeld religiös-fundamentalistischer Weltbilder auf.1Numbers, R. L. (2006). The Creationists: From Scientific Creationism to Intelligent Design. Harvard University Press, Cambridge, MA.2Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385  Seine Ideologie widerspricht klar belegten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entstehung und Entwicklung des Lebens.3Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.0024National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 Der Glaube an eine in sechs Tagen und vor wenigen Jahrtausenden erschaffene Erde ist für sich genommen zwar noch nicht direkt menschenfeindlich oder für politischen bzw. religiösen Fanatismus. Problematisch wird er aber dort, wo aus einer religiösen Überzeugung ein Anspruch auf absolute Wahrheit entsteht, wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch zurückgewiesen und die Freiheit oder Gleichberechtigung anderer Menschen infrage gestellt werden.

Harte Worte? Zu hart vielleicht? Nein. Ich möchte dir nach langer Erfahrung und vielen fruchtlosen Auseinandersetzungen mit Kreationisten erklären, warum es wichtig ist, wissenschaftsfeindlichen und fundamentalistischen Behauptungen entschieden entgegenzutreten, und warum Diskussionen zumindest dann aussichtslos werden, wenn das Ergebnis schon vor jeder Prüfung durch eine angeblich unfehlbare Offenbarung feststeht.


Was gehört zum Kreationismus?

Kreationismus ist eine Begleiterscheinung von fundamentalistischen Religionen. Also solchen, die auf einer schriftlichen Grundlage basieren, die von ihren Anhängern wortwörtlich ausgelegt wird.5van den Brink, G. (2023). On defining ‘fundamentalism’. Religious Studies, 59(4), 729–747. doi:10.1017/S00344125220006836Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 Kreationismus tritt damit nicht nur im Christentum auf, sondern auch bei muslimischen oder jüdischen Hardlinern.7Edis, T. (2007). An Illusion of Harmony: Science and Religion in Islam. Prometheus Books, Amherst, NY.8Spetner, L. M. (1997). Not by Chance: Shattering the Modern Theory of Evolution. Judaica Press, Brooklyn, NY. Diese Fundamentalisten glauben an eine göttliche Inspiration der Bibel, des Korans, der Hadithe, des Talmuds, der Tora oder eben aller Schriftquellen, die in ihrer Religion heilig sind. Das bedeutet konkret: sie glauben, dass diese Bücher nicht von normalen Menschen geschrieben wurden. Ihre Inhalte

Kreationismus ist besonders häufig in fundamentalistischen religiösen Strömungen anzutreffen, die ihre heiligen Schriften als wörtlich oder in zentralen Aussagen unfehlbar verstehen.9van den Brink, G. (2023). On defining ‘fundamentalism’. Religious Studies, 59(4), 729–747. doi:10.1017/S003441252200068310Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 Entsprechende kreationistische Vorstellungen gibt es nicht nur im Christentum, sondern auch in bestimmten muslimischen und jüdischen Milieus.11Edis, T. (2007). An Illusion of Harmony: Science and Religion in Islam. Prometheus Books, Amherst, NY.12Spetner, L. M. (1997). Not by Chance: Shattering the Modern Theory of Evolution. Judaica Press, Brooklyn, NY. Gemeinsam ist solchen Positionen häufig die Überzeugung, dass religiöse Schriften oder Überlieferungen letztlich auf göttliche Offenbarung bzw. direkte Inspiration zurückgehen. Wie genau diese Inspiration verstanden wird, unterscheidet sich jedoch zwischen Religionen, Konfessionen und einzelnen Gläubigen erheblich. Mal stammen die Inhalte direkt von Gott, der entweder höchstselbst die Feder geführt hat, oder mithilfe seiner Engel in die menschlichen Autoren, die Propheten, „eingefahren“ ist, sie durch den Heiligen Geist „inspiriert“ hat und somit direkt seinen Willen diktiert hat, die Versionen sind vielfältig. In jeder Version ist der Inhalt der Schriften aber entsprechend heilig, irrtumslos und unwiderlegbar und er darf nach der Überzeugung der Kreationisten nur auf eine ganz bestimmte Weise ausgelegt werden. 

Klingt erst einmal vielleicht unproblematisch, oder? Daran kann man glauben, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Ja und nein. Tatsächlich ist der Schöpfungsglaube selbst natürlich nicht automatisch gefährlich. Sobald Kreationismus jedoch als wissenschaftliche Alternative zur Evolutionstheorie ausgegeben wird, bewegt er sich im Bereich der Pseudowissenschaft.13Kotthaus, J. (2003). Propheten des Aberglaubens: Der deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und Pseudowissenschaft. LIT Verlag, Münster.14Numbers, R. L. (2006). The Creationists: From Scientific Creationism to Intelligent Design. Harvard University Press, Cambridge, MA.15O’Connor, R. (2007). Young-Earth Creationists in early nineteenth-century Britain? Towards a reassessment of Scriptural Geology. History of Science, 45(4), 357–403. doi:10.1177/00732753070450040116National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 Diese kleidet sich selbst gern im Vergleich echter Wissenschaft und benutzt eine ähnliche Sprache. Doch hält sie sich weder an wissenschaftliche Prinzipien noch akzeptiert sie es, wenn sie widerlegt wird. Auch Kreationistische Autoren verwenden häufig wissenschaftlich klingende Begriffe und präsentieren selektiv einzelne Befunde, ohne ihre Grundannahmen ergebnisoffen prüfen zu lassen.17Hansson, S. O. (1996). Defining pseudoscience. Philosophia Naturalis, 33, 169–176.18Pigliucci, M. & Boudry, M. (Hrsg.) (2013). Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering the Demarcation Problem. University of Chicago Press, Chicago. Tatsächlich arbeiten Pseudowissenschaften zumeist auf das Infragestellen von echten wissenschaftlichen Fakten hin, ohne selbst welche zu liefern. Wenn sie tatsächlich mal wissenschaftlich argumentieren, gehen sie dabei immer nur so weit, dass es ihren eigenen Narrativen entgegen kommt. Aber alles, was diesen entgegenläuft, wird bestritten, wenn es für die Etablierung ihrer eigenen Aussagen nötig ist.19Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002 Gefährlich wird dies dann, wenn solche Denkweisen auf andere gesellschaftlich relevante Wissensbereiche übertragen werden. Und das fast immer der Fall.

Zuerst einmal schon aus folgendem Grund: Denn wenn man ein höheres Wesen direkt verantwortlich für die Inhalte macht, an die man glaubt, versperrt man sich jeder Reflexion und Diskussion darüber. Gott ist für diese Menschen die höchste Autorität, und seine als unfehlbar verstandene Offenbarung darf nicht korrigiert werden, auch nich durch empirische Befunde.20McDonough, R. (2013). Religious fundamentalism: A conceptual critique. Religious Studies, 49(4), 505–522. doi:10.1017/S003441251200047921Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 Der Inspirationsglaube beinhaltet die Prämisse: Es geht entweder so, wie Gott (bzw. unsere Ideologie) das will, oder eben gar nicht. Nicht jeder Inspirationsglaube führt zwar zwangsläufig zu Extremismus. Er kann aber dann zu einer Grundlage fundamentalistischer Auswüchse werden, wenn eine bestimmte religiöse Deutung absolut gesetzt und anderen Menschen verbindlich vorgeschrieben wird.

Extremismus

Für mich sind Kreationisten religiöse Extremisten. Was Extremismus bedeutet, und warum auch der Kreationismus eine extrem gefährliche Form von Extremismus darstellt, habe ich in einem anderen Artikel ausführlicher erklärt. Lies ihn gerne auch begleitend zu diesem einmal durch. Kreationisten erfüllen in meinen Augen tatsächlich alle Kriterien, die sie als Extremisten so problematisch machen.


Warum überhaupt Kreationismus?

Da stellt sich natürlich die Frage: Wieso hängen Menschen überhaupt Glaubensvorstellungen an, die nachweislich falsch sind? Die Evolutionstheorie gehört schließlich zu den am besten belegten wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt.22National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/1187623Futuyma, D. J. & Kirkpatrick, M. (2017). Evolution. 4. Auflage. Sinauer Associates, Sunderland, MA. Sie ist sogar deutlich besser belegt, als die Magnetismus-, Quanten- oder Gravitationstheorie. Trotzdem gibt es wohl deutlich mehr Menschen, die an Gott, die sechs Tage und sprechende Schlangen glauben, als solche, die morgens auf dem Weg zur Arbeit statt den Fahrstuhl zu nehmen lieber aus dem Fenster springen, weil sie glauben, dass die Schwerkraft nur ein Hoax ist. Es mag natürlich sein, dass paradoxerweise die Schwerkraftleugner aus offensichtlichen Gründen schneller von der Evolution selbst ausselektiert werden als die Evolutionsleugner. Aber trotzdem bewegen sich letztere – rein aufgrund der wissenschaftlichen Datenlage – tatsächlich auf weit dünnerem Eis.

Um aber wieder ernst zu werden: die Gründe, warum sich Menschen solchen Glaubensvorstellungen öffnen, sind vielfältig.24van Prooijen, J. W. (2022). Psychological benefits of believing conspiracy theories. Current Opinion in Psychology, 47, 101352. doi:10.1016/j.copsyc.2022.10135225Rutjens, B. T., Sutton, R. M. & van der Lee, R. (2018). Not all skepticism is equal: Exploring the ideological antecedents of science acceptance and rejection. Personality and Social Psychology Bulletin, 44(3), 384–405. doi:10.1177/0146167217741314 Bei einigen ist natürlich vor allem der soziale Hintergrund entscheidend: wer mit Eltern aufwächst, die bereits ein entsprechendes Weltbild mitbringen, neigt natürlich dazu, das erst einmal auch mit zu übernehmen.26Okagaki, L. & Bevis, C. (1999). Transmission of religious values: Relations between parents’ and daughters’ beliefs. The Journal of Genetic Psychology, 160(3), 303–318. doi:10.1080/0022132990959540127Gutierrez, I. A., Goodwin, L. J., Kirkinis, K. & Mattis, J. S. (2014). Religious socialization in African American families: The relative influence of parents, grandparents, and siblings. Journal of Family Psychology, 28(6), 779–789. doi:10.1037/a003573228Leonard, K. C. (2021). Transmission of faith in families: The influence of religious ideology. Sociology of Religion, 82(3), 332–356. doi:10.1093/socrel/sraa045 Ähnlich ist es ja auch mit politischen Positionen oder der Vorliebe für einen ganz bestimmten Fußballverein oder Musikgeschmack. Doch wenn es nur danach ginge, dürften die Kreationisten ja nicht immer größeren Zulauf bekommen. Tatsächlich gibt es viele Menschen, die einst in der Schule bereits über die Evolution (und andere wissenschaftliche Inhalte) gut aufgeklärt wurden, aber im späteren Verlauf ihres Lebens zu Wissenschafsleugnern und (religiösen) Extremisten werden.

Hierfür gibt es nämlich eine ganze Reihe psychologisch erklärbarer Gründe:29van Prooijen, J. W. (2022). Psychological benefits of believing conspiracy theories. Current Opinion in Psychology, 47, 101352. doi:10.1016/j.copsyc.2022.10135230Douglas, K. M. et al. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 538–542. doi:10.1177/096372141771826131Hornsey, M. J. & Fielding, K. S. (2017). Attitude roots and Jiu Jitsu persuasion: Understanding and overcoming the motivated rejection of science. American Psychologist, 72(5), 459–473. doi:10.1037/a0040437

  • kognitive Verzerrungen (sogenannte Biases)
  • motiviertes Denken / ideologische Motive
  • Desinformation / Fehlinformation
  • emotionale Faktoren (z. B. Bedrohung, Angst, Ohnmacht)
  • Bedürfnis nach emotionaler Regulation

Einen ausführlichen Beitrag dazu, warum Extremisten gerade heute so erfolgreich sind, findest du hier.

Gefahren für den demokratischen Rechtsstaat

Eine kreationistische Geisteshaltung verletzt vielleicht nicht direkt den Rechtsstaat. Bürger dürfen auch wissenschaftlich falsche oder religiös begründete Überzeugungen vertreten. Der demokratische Staat selbst muss jedoch religiös-weltanschaulich neutral bleiben und politische Entscheidungen auf überprüfbare Tatsachen, nachvollziehbare Verfahren und die gleichen Rechte aller Menschen stützen. Problematisch wird Kreationismus deshalb dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch untergraben, anderen Menschen religiöse Vorschriften aufgezwungen oder demokratische und menschenrechtliche Grundsätze bestritten werden. Wissenschaftsleugnung kann demokratische Entscheidungsprozesse erheblich beschädigen, das haben wir besonders in den Pandemie-Jahren in aller Deutlichkeit gesehen.32Brzezinski, A. et al. (2021). Science skepticism reduced compliance with COVID-19 shelter-in-place policies in the United States. Nature Human Behaviour, 5, 1519–1527. doi:10.1038/s41562-021-01227-033Loomba, S. et al. (2021). Measuring the impact of COVID-19 vaccine misinformation on vaccination intent in the UK and USA. Nature Human Behaviour, 5, 337–348. doi:10.1038/s41562-021-01056-1 Und auch die Dynamiken zwischenn Desinformationen, Wissenschaftsleugnung und der Psychologie der Menschen, die darauf hereinfallen. So konnten auch in der Forschung bereits einige Korrelationen dazu nachgewiesen werden.34Roozenbeek, J. et al. (2022). Psychological inoculation improves resilience against misinformation on social media. Science Advances, 8(34), eabo6254. doi:10.1126/sciadv.abo625435Schmid, P. & Betsch, C. (2019). Effective strategies for rebutting science denialism in public discussions. Nature Human Behaviour, 3, 931–939. doi:10.1038/s41562-019-0632-4 Es ist daher sicher keine zu gewagte These, dass Kreationismus auch anderen wissenschaftsleugnenden Grundideen nahesteht. Dazu gehören z.B. Flache Erde, Chemtrails, QAnon-Verschwörung, Impfgegnerschaft, Klimawandelleugnung, Homöopathie etc.36Lewandowsky, S., Oberauer, K. & Gignac, G. E. (2013). NASA faked the moon landing – therefore, climate science is a hoax: An anatomy of the motivated rejection of science. Psychological Science, 24(5), 622–633. doi:10.1177/095679761245768637Lobato, E., Mendoza, J., Sims, V. & Chin, M. (2014). Examining the relationship between conspiracy theories, paranormal beliefs, and pseudoscience acceptance among a university population. Applied Cognitive Psychology, 28(5), 617–625. doi:10.1002/acp.304238Enders, A. M. et al. (2022). The relationship between social media use and beliefs in conspiracy theories and misinformation. Political Behavior, 45, 781–804. doi:10.1007/s11109-021-09734-639Catto, R. (2024). Creationism and climate skepticism: Power and public understandings of science in America. Cultural Studies of Science Education, 19, 1–8. doi:10.1007/s11422-023-10208-w Auch mit rechtsradikalem Gedankengut gibt es nachweislich mehrere Überschneidungen.40Howison, J. (2016). Creationism in Europe. Politics, Religion & Ideology, 17(1), 1–17. doi:10.1080/21567689.2016.117388441Forchtner, B. (Hrsg.) (2019). The Far Right and the Environment: Politics, Discourse and Communication. Routledge, London. Das bedeutet zwar noch nicht, dass all dieser nachweislich falsche Unsinn automatisch mitgeglaubt wird, wenn man nur eine dieser Ideologien annimmt. Und natürlich ist nicht jeder Bibelgläubige direkt ein Neonazi. Ausgeschlossen ist das wiederum aber auch nicht. Und es gibt tatsächlich einige negative Beispiele, wie diese mir doch sehr unangenehmen Herren hier.

Mit solchen grässlichen Leuten, auch solchen, die gerne mal den Bundestag stürmen oder Todesdrohungen gegen Politiker aussprechen, sind die Kreationisten gemeinsam und Parolen brüllend auf den Querdenker-Versammlungen mitmarschiert. Das dürfen wir nicht vergessen, und muss jedem klar sein, wenn wir über das Thema Kreationismus sprechen. Ich gehe zwar nicht so weit, jeden Kreationisten und ganz bestimmt nicht jeden tiefgläubigen Menschen als Staatsfeind oder Demokratieverächter zu bezeichnen. Richtig ist aber: Es gibt kreationistische und christlich-nationalistische Strömungen, die einen religiös bestimmten Staat anstreben und damit Pluralismus, Religionsfreiheit und die Gleichheit der Bürger infrage stellen.


Meine persönliche Meinung

Für mich als Autor und Betreiber einer Wissenschaftsseite stellt der Kreationismus aber auch ein ganz persönliches Ärgernis dar: wer wissenschaftliche Fakten leugnet, untergräbt damit die Autorität von ernstzunehmender wissenschaftlicher Arbeit.42Schmid, P. & Betsch, C. (2019). Effective strategies for rebutting science denialism in public discussions. Nature Human Behaviour, 3, 931–939. doi:10.1038/s41562-019-0632-4 Forscherinnen und Forschern entgegenzutreten, die nach jahrelanger Arbeit und einem aufwändigen Studium über umfassende Fachkenntnisse verfügen, und ihnen allein mit einer bestimmten Auslegung einer Sammlung jahrtausendealter religiöser Texte zu widersprechen, ist für mich nicht nur ignorant, sondern auch zutiefst arrogant!

Was hier allerdings nicht falsch verstanden werden darf: Ich habe absolut nichts gegen Menschen mit einem festen Glauben. Ich selbst habe jahrelang Religionswissenschaften studiert und bin ebenfalls gläubiger Christ. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass man die Bibel nicht als naturwissenschaftliches Lehrbuch und nicht in jeder Passage wortwörtlich auslegen sollte. Religiöse Aussagen und empirische Erkenntnisse müssen methodisch voneinander getrennt werden. Beides kann in einem Kopf selbstverständlich gemeinsam und nebeneinander existieren.43National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876

Robert T. Bakker Auch manche Paläontologen, wie zum Beispiel Robert T. Bakker, sind bekennende Christen oder Mitglieder einer Kirchengemeinschaft. Für sie und für mich sind die Bibel und andere religiöse Schriften bedeutende Werke der Weltliteratur und können moralische Orientierung geben. Sie sind aber weder naturwissenschaftliche Enzyklopädien noch im modernen wissenschaftlichen Sinne verfasste Geschichtsbücher. Religiöse Überzeugungen und wissenschaftliche Erkenntnisse müssen deshalb nicht grundsätzlich im Widerspruch zueinander stehen.44National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/1187645National Academy of Sciences (1999). Science and Creationism: A View from the National Academy of Sciences. 2. Auflage. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/6024

Kreationisten: Wieso Jesus nicht zu euch gehören würde!

Womit ich Fundamentalisten auch sehr gerne ärgere: Jesus selbst hätte, wäre er in der heutigen Zeit geboren, Kreationisten und überhaupt jeden religiösen Extremisten wahrscheinlich nach allen Kräften bekämpft. Schließlich setzte er sich mit ganzem Herzen für jene Menschen ein, die ein religiöser Extremist verachtet. Jesus machte sich für Prostituierte, Zöllner, Ausländer, Behinderte und viele andere Randgruppen stark.46Vgl. Mt 9,9–13; Mt 21,31–32; Mk 2,15–17; Lk 7,36–50; Lk 10,25–37; Lk 19,1–10; Joh 4,1–42; Joh 8,1–11. Er hatte keine Vorurteile gegenüber Andersdenkenden. Und er hat alle Menschen nicht nur toleriert, sondern sie sogar bedingungslos geliebt. So steht es in der Bibel! Religiöse Regeln sah er nur als Leitlinien und machte gern auch mal Ausnahmen, (z.B., als er am Sabbat Getreideähren sammelte).47Vgl. Mt 12,1–8; Mk 2,23–28; Lk 6,1–5. Die Gebote seien für die Menschen da, nicht die Menschen für die Gebote!48Vgl. Mk 2,27: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Ja, ihr Lieben, das steht in absolutem Gegensatz zu dem, was Kreationisten tun. Kreationisten sind die Pharisäer unserer Zeit! Und genau wegen solchen Leuten hing Jesus schließlich sogar am Kreuz und musste einen qualvollen Tod sterben.

Okay, ich beruhige mich besser mal wieder. Denn ich höre gerade, wie Jesus mir zuflüstert:

„Markus, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“


Aus all diesen Gründen gilt hier: Du darfst gerne an alle möglichen Dinge glauben, die ich persönlich ablehne oder für vollkommenen Unsinn halte. Sobald du diese Überzeugungen jedoch missionarisch, beleidigend oder als angebliche wissenschaftliche Tatsachen auf meiner Seite verbreitest, musst du dich leider von ihr verabschieden.

Liebe Grüße,

Markus Peter Kretschmer


Quellenangaben:

  • 1
    Numbers, R. L. (2006). The Creationists: From Scientific Creationism to Intelligent Design. Harvard University Press, Cambridge, MA. ↩︎
  • 2
    Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 ↩︎
  • 3
    Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002 ↩︎
  • 4
    National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 ↩︎
  • 5
    van den Brink, G. (2023). On defining ‘fundamentalism’. Religious Studies, 59(4), 729–747. doi:10.1017/S0034412522000683 ↩︎
  • 6
    Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 ↩︎
  • 7
    Edis, T. (2007). An Illusion of Harmony: Science and Religion in Islam. Prometheus Books, Amherst, NY. ↩︎
  • 8
    Spetner, L. M. (1997). Not by Chance: Shattering the Modern Theory of Evolution. Judaica Press, Brooklyn, NY. ↩︎
  • 9
    van den Brink, G. (2023). On defining ‘fundamentalism’. Religious Studies, 59(4), 729–747. doi:10.1017/S0034412522000683 ↩︎
  • 10
    Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 ↩︎
  • 11
    Edis, T. (2007). An Illusion of Harmony: Science and Religion in Islam. Prometheus Books, Amherst, NY. ↩︎
  • 12
    Spetner, L. M. (1997). Not by Chance: Shattering the Modern Theory of Evolution. Judaica Press, Brooklyn, NY. ↩︎
  • 13
    Kotthaus, J. (2003). Propheten des Aberglaubens: Der deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und Pseudowissenschaft. LIT Verlag, Münster. ↩︎
  • 14
    Numbers, R. L. (2006). The Creationists: From Scientific Creationism to Intelligent Design. Harvard University Press, Cambridge, MA. ↩︎
  • 15
    O’Connor, R. (2007). Young-Earth Creationists in early nineteenth-century Britain? Towards a reassessment of Scriptural Geology. History of Science, 45(4), 357–403. doi:10.1177/007327530704500401 ↩︎
  • 16
    National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 ↩︎
  • 17
    Hansson, S. O. (1996). Defining pseudoscience. Philosophia Naturalis, 33, 169–176. ↩︎
  • 18
    Pigliucci, M. & Boudry, M. (Hrsg.) (2013). Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering the Demarcation Problem. University of Chicago Press, Chicago. ↩︎
  • 19
    Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002 ↩︎
  • 20
    McDonough, R. (2013). Religious fundamentalism: A conceptual critique. Religious Studies, 49(4), 505–522. doi:10.1017/S0034412512000479 ↩︎
  • 21
    Kindermann, N., van den Brink, G. & van Woudenberg, R. (2024). Mapping the concept of fundamentalism: A scoping review. Politics and Religion, 17(4), 648–673. doi:10.1017/S1755048324000385 ↩︎
  • 22
    National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 ↩︎
  • 23
    Futuyma, D. J. & Kirkpatrick, M. (2017). Evolution. 4. Auflage. Sinauer Associates, Sunderland, MA. ↩︎
  • 24
    van Prooijen, J. W. (2022). Psychological benefits of believing conspiracy theories. Current Opinion in Psychology, 47, 101352. doi:10.1016/j.copsyc.2022.101352 ↩︎
  • 25
    Rutjens, B. T., Sutton, R. M. & van der Lee, R. (2018). Not all skepticism is equal: Exploring the ideological antecedents of science acceptance and rejection. Personality and Social Psychology Bulletin, 44(3), 384–405. doi:10.1177/0146167217741314 ↩︎
  • 26
    Okagaki, L. & Bevis, C. (1999). Transmission of religious values: Relations between parents’ and daughters’ beliefs. The Journal of Genetic Psychology, 160(3), 303–318. doi:10.1080/00221329909595401 ↩︎
  • 27
    Gutierrez, I. A., Goodwin, L. J., Kirkinis, K. & Mattis, J. S. (2014). Religious socialization in African American families: The relative influence of parents, grandparents, and siblings. Journal of Family Psychology, 28(6), 779–789. doi:10.1037/a0035732 ↩︎
  • 28
    Leonard, K. C. (2021). Transmission of faith in families: The influence of religious ideology. Sociology of Religion, 82(3), 332–356. doi:10.1093/socrel/sraa045 ↩︎
  • 29
    van Prooijen, J. W. (2022). Psychological benefits of believing conspiracy theories. Current Opinion in Psychology, 47, 101352. doi:10.1016/j.copsyc.2022.101352 ↩︎
  • 30
    Douglas, K. M. et al. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 538–542. doi:10.1177/0963721417718261 ↩︎
  • 31
    Hornsey, M. J. & Fielding, K. S. (2017). Attitude roots and Jiu Jitsu persuasion: Understanding and overcoming the motivated rejection of science. American Psychologist, 72(5), 459–473. doi:10.1037/a0040437 ↩︎
  • 32
    Brzezinski, A. et al. (2021). Science skepticism reduced compliance with COVID-19 shelter-in-place policies in the United States. Nature Human Behaviour, 5, 1519–1527. doi:10.1038/s41562-021-01227-0 ↩︎
  • 33
    Loomba, S. et al. (2021). Measuring the impact of COVID-19 vaccine misinformation on vaccination intent in the UK and USA. Nature Human Behaviour, 5, 337–348. doi:10.1038/s41562-021-01056-1 ↩︎
  • 34
    Roozenbeek, J. et al. (2022). Psychological inoculation improves resilience against misinformation on social media. Science Advances, 8(34), eabo6254. doi:10.1126/sciadv.abo6254 ↩︎
  • 35
    Schmid, P. & Betsch, C. (2019). Effective strategies for rebutting science denialism in public discussions. Nature Human Behaviour, 3, 931–939. doi:10.1038/s41562-019-0632-4 ↩︎
  • 36
    Lewandowsky, S., Oberauer, K. & Gignac, G. E. (2013). NASA faked the moon landing – therefore, climate science is a hoax: An anatomy of the motivated rejection of science. Psychological Science, 24(5), 622–633. doi:10.1177/0956797612457686 ↩︎
  • 37
    Lobato, E., Mendoza, J., Sims, V. & Chin, M. (2014). Examining the relationship between conspiracy theories, paranormal beliefs, and pseudoscience acceptance among a university population. Applied Cognitive Psychology, 28(5), 617–625. doi:10.1002/acp.3042 ↩︎
  • 38
    Enders, A. M. et al. (2022). The relationship between social media use and beliefs in conspiracy theories and misinformation. Political Behavior, 45, 781–804. doi:10.1007/s11109-021-09734-6 ↩︎
  • 39
    Catto, R. (2024). Creationism and climate skepticism: Power and public understandings of science in America. Cultural Studies of Science Education, 19, 1–8. doi:10.1007/s11422-023-10208-w ↩︎
  • 40
    Howison, J. (2016). Creationism in Europe. Politics, Religion & Ideology, 17(1), 1–17. doi:10.1080/21567689.2016.1173884 ↩︎
  • 41
    Forchtner, B. (Hrsg.) (2019). The Far Right and the Environment: Politics, Discourse and Communication. Routledge, London. ↩︎
  • 42
    Schmid, P. & Betsch, C. (2019). Effective strategies for rebutting science denialism in public discussions. Nature Human Behaviour, 3, 931–939. doi:10.1038/s41562-019-0632-4 ↩︎
  • 43
    National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 ↩︎
  • 44
    National Academy of Sciences & Institute of Medicine (2008). Science, Evolution, and Creationism. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/11876 ↩︎
  • 45
    National Academy of Sciences (1999). Science and Creationism: A View from the National Academy of Sciences. 2. Auflage. National Academies Press, Washington, D.C. doi:10.17226/6024 ↩︎
  • 46
    Vgl. Mt 9,9–13; Mt 21,31–32; Mk 2,15–17; Lk 7,36–50; Lk 10,25–37; Lk 19,1–10; Joh 4,1–42; Joh 8,1–11. ↩︎
  • 47
    Vgl. Mt 12,1–8; Mk 2,23–28; Lk 6,1–5. ↩︎
  • 48
    Vgl. Mk 2,27: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.“ ↩︎

Hier meine anderen Statements:

… gegen Kreationismus


… zur Prä-Astronautik


… zur „gendergerechten“ Sprache


… zu „Rasse“ und Rassismus


… für Toleranz


… zur Nutzung von KI

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4 thoughts on “Kreationismus – ein persönliches Statement”

  1. Ramona Wagner sagt:
    Juli 18, 2021 um 8:34 a.m. Uhr

    Das ist ein wunderbares Statement und vor allem wichtig gleich klare Kante zu zeigen. Danke dafür lieber Markus.
    Die wissenschaftliche Methode ist die Einzige die tatsächlich funktioniert, gerade wenn es darum geht am Ende erklären zu müssen: „das weiß ich nicht, noch nicht“.

    LG
    Ramona

    Antworten
    1. Markus Kretschmer sagt:
      Juli 21, 2021 um 9:29 a.m. Uhr

      Danke Ramona, genau darum ging es mir. Leider gab es auf Facebook bereits mehrfach Probleme mit Kreationisten, oder auch Trollen, die jeden neuen Artikel mit ihren hanebüchenen Thesen zugespammt haben. Deshalb musste ich hier klare Kante zeigen: hier darf man mitlesen, gerne auch offene Fragen stellen, mich liebend gerne auch sachlich und konstruktiv kritisieren. Aber für Missionierung und Wissenschaftsleugnung ist das hier kein Tummelplatz.

      Antworten
  2. Agnes sagt:
    Februar 17, 2026 um 4:16 p.m. Uhr

    Ich habe irgendwo sogar gelesen das Jesus Evolution gepredigt hat. Das man Tiere achten soll da sie unsere Verwandten sind! Er war aber nicht der erste. Der Gedanke der „Evolutionstheorie“ stammt aus alten Griechenland.

    Antworten
    1. Markus Kretschmer sagt:
      Februar 18, 2026 um 7:44 p.m. Uhr

      Hallo Agnes, soweit würde ich nun nicht gehen. Die Evangelisten hatten schließlich noch keine Kenntnisse von der Evolutions- und Deszendenztheorie, wie sie Charles Darwin erst 1800 Jahre später formulierte. Jesus predigt nirgends Evolution und auch nicht, dass man Tiere achten soll, weil sie unsere Verwandten seien. Das ist vielleicht eine moderne Interpretation, ich würde damit aber vorsichtig sein.

      Was Jesus tatsächlich sagt, geht aber schon in eine ähnliche Richtung: Er betont den Wert der Tiere vor Gott, zum Beispiel Matthäus 10,29:
      „Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.“

      Oder Matthäus 6,26:
      „Seht die Vögel unter dem Himmel … euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“

      Zum zweiten Punkt: Ja, schon in der Antike gab es in Griechenland Naturphilosophen, die über Veränderung von Lebewesen nachdachten. Das war aber noch keine Evolutionstheorie im heutigen Sinn, sondern spekulative Philosophie ohne moderne Belege und empirische Mechanismen. Interessanterweise findet man solche Überlegungen aber auch bei islamischen Gelehrten des Mittelalters. Ein bekanntes Beispiel ist al-Dschāḥiẓ (9. Jahrhundert). In seinem Werk Kitāb al-Ḥayawān beschreibt er die Konkurrenz zwischen Lebewesen, Anpassung an Umweltbedingungen und eine Art „Kampf ums Überleben“. Das erinnert an das, was Darwin später als natürliche Selektion formuliert. Auch Ibn Khaldūn (14. Jahrhundert) formulierte in seiner Muqaddima eine Art Stufenmodell der Natur. Er beschreibt eine „Abfolge“ von Mineralien zu Pflanzen zu Tieren zu Menschen, wobei die höchste Tierstufe beinahe in den Menschen übergeht. Das klingt stark nach Entwicklungsvorstellungen, dürfte aber eher metaphysisch als biologisch gemeint sein. Tatsächlich haben diese Gelehrte aber oft auf griechische Vorbilder aus der Antike zurückgegriffen und auf ältere Vorstellungen aufgebaut.

      Antworten

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