Extremisten gibt es nicht erst seit dem Internetzeitalter. Fanatische Massenbewegungen, politische Gewalt und autoritäre Heilsversprechen sind historisch viel älter. Neu sind jedoch Geschwindigkeit, Reichweite und Präzision, mit denen politische Akteure heute Angst, Empörung und Feindbilder verbreiten können. Warum lassen sich Menschen auch in wohlhabenden Demokratien radikalisieren? Wieso sind Extremisten auch bei uns wieder so erfolgreich?

Psychologische Ursachen für Extremismus
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Im vorangehenden Artikel ging es darum, wer eigentlich die gefährlichsten extremistischen Gruppierungen hinsichtlich der von ihnen begangenen Straftaten und der tatsächlichen Umsturzgefahr sind. Dabei sind wir zu einem klaren Ergebnis gekommen. Hier soll es nun darum gehen, warum diese gefährlichen Gruppierungen es in unserer Zeit geschafft haben, eine so große Bedeutung zu erlangen und zu so einer großen Gefahr zu werden. Was treibt Menschen zu den Extremisten? Und hält ihre Anhänger an ihnen fest? |
Wirtschaftliche Krisen, Arbeitslosigkeit und soziale Ungerechtigkeiten können bei uns ein Gefühl der Unsicherheit und Frustration verursachen. In solchen Zeiten suchen Menschen oft zuerst nach besonders einfachen Erklärungen und Lösungen, die Extremisten ihnen (scheinbar) anbieten. Und zwar tun sie das unabhängig ihres Alters. Aber warum gewinnen populistische und extremistische Kräfte immer mehr Zustimmung, obwohl ihre Erklärungen oft nachweislich verkürzt, widersprüchlich oder falsch sind – und heute jeder in seiner Hosentasche ein Gerät hat, dass die falschen Narrative in Sekundenschnelle eigentlich aufdecken und zerstören könnte?
Geringe Intelligenz und Bildung als Extremismus-Vertärker?
Allerdings durchaus abhängig von ihrem Bildungsgrad. Denn die Auseinandersetzung mit extremistischen Inhalten erfordert keine große Mühe oder besondere Begabung. Ihre Ideologien sprechen besonders leicht Menschen mit begrenzter Bildung und schwachen kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten an, was sich auch durch Studien belegen lässt.1Stockemer, D., Lentz, T. & Mayer, D. (2018). Individual predictors of the radical right-wing vote in Europe: A meta-analysis of articles in peer-reviewed journals (1995–2016). doi:10.1017/gov.2018.2 2Decker, O., Kiess, J., Heller, A. & Brähler, E. (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Kinder, bei denen ein nur geringer IQ gemessen wurde, neigen als Erwachsene häufiger zu Wertemodellen aus Vorurteilen und auch zu Rassismus. Was aber natürlich nicht heißt, dass weniger intelligente oder ungebildete Menschen automatisch zu Rassisten oder Extremisten werden, oder intelligente oder gebildete automatisch gegen populistische Narrative immun wären.
Die Erklärung ist schlicht: Komplexe Themen werden von extremistischen Narrativen vor allem emotional, aber nicht rational erklärt. Und das spricht eher Menschen an, die sich nicht tiefer mit den wirklichen Ursachen befassen wollen oder aufgrund niedriger Bildung oder Intelligenz es gar nicht können.3Hodson, G. & Busseri, M. A. (2012). Bright minds and dark attitudes: Lower cognitive ability predicts greater prejudice through right-wing ideology and low intergroup contact. doi: 10.1177/09567976114212064Dravoj, L. (2019). Intelligenz und Rassismus: Eine Studie über den Zusammenhang zwischen aversivem Rassismus und Intelligenz. Masterarbeit, Universität Innsbruck.

Soziales Abgehängtsein und attraktive Identitätsangebote
Extremistische Gruppen bieten nicht nur einfache Erklärungen für komplexe Probleme, sondern auch Identität. Besonders attraktiv kann dieses Angebot für Menschen werden, die sich bedeutungslos, gedemütigt, entwurzelt oder sozial ausgeschlossen fühlen. Die sogenannte Quest-for-Significance-Theorie beschreibt Radikalisierung als möglichen Versuch, verlorene Bedeutung, Anerkennung und Selbstwert zurückzugewinnen.5Kruglanski, A. W. et al. (2014). The psychology of radicalization and deradicalization: How significance quest impacts violent extremism. Political Psychology, 35(S1), 69–93. doi:10.1111/pops.121636Webber, D. et al. (2018). The road to extremism: Field and experimental evidence that significance loss-induced need for closure fosters radicalization. Journal of Personality and Social Psychology, 114(2), 270–285. doi:10.1037/pspi0000111 Und es schließt auch den Kreis auch zu der vorherigen Hypothese: Menschen mit geringer Intelligenz und niedriger Bildung haben eine verringerte Chance, einen guten, sie erfüllenden Job mit guter Entlohnung, oder auch eine glückliche, funktionierende Beziehung zu erreichen. Dies kann Frust und Unzufriedenheit verstärken und die Angst erhöhen, sozial abgehängt zu werden.7Gidron, N. & Hall, P. A. (2017). The politics of social status: Economic and cultural roots of the populist right. British Journal of Sociology, 68(S1), S57–S84. doi:10.1111/1468-4446.12319
Eric Hoffer |
Eric Hoffer untersuchte schon in den 1950ern in seinen Werken The True Believer und The Passionate State of Mind die psychologischen und gesellschaftlichen Hintergründe von Menschen, die sich fanatischen Massenbewegungen anschließen. Fanatische Massenbewegungen ziehen ihmzufolge vor allem Menschen an, die ihr eigenes Leben als sinnlos, gescheitert oder unerträglich empfinden, sich dies aber natürlich nicht eingestehen wollen. Bei extremistischen Gruppierungen finden sie eine stabile Ersatzidentität. Somit folgen viele Anhänger extremistischer Organisationen weniger aus rationaler Überzeugung den Idealen ihrer Gruppe, sie bauen aber dennoch ein ungeheuer starkes Band zu ihr auf, aus dem Bedürfnis, das eigene Selbst aufzugeben, Frustration in Gewissheit zu verwandeln und persönliche Ohnmacht durch Zugehörigkeit, Opferbereitschaft und Feindbilder zu kompensieren.8Hoffer, E. (1951). The true believer: Thoughts on the nature of mass movements. New York: Harper.9Hoffer, E. (1955). The passionate state of mind, and other aphorisms. New York: Harper & Brothers. |
Seymour M. Lipset |
Seymour M. Lipset argumentierte, dass es neben einem Extremismus der politischen Linken und der politischen Rechten auch einen „Extremismus der Mitte“ gebe. Dieser entstehe besonders aus verunsicherten Mittelschichten, die zwischen Angst vor sozialem Abstieg, einer anti-kommunstischen Haltung und der Sehnsucht nach Ordnung politisch mobilisierbar werden. Die Leute radikalisieren sich somit aus der Mitte der Gesellschaft heraus, aus einem Betreben nach „Normalität“, Anstand und Ordnung. Dies ist gerade heute auch weltweit wieder zu beobachten, dass Menschen in wirtschaftlichen wie sozialen Krisenzeiten ihre demokratischen Prinzipien zugunsten von nationaler Einheit, Disziplin und Ausgrenzung an verschiedene populistische Gruppen preisgeben. Nach Lipsets Auffassung bildete gerade dies den gesellschaftlichen Nährboden für den Faschismus.10Lipset, S. M. (1976). Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte. In Nolte, E. (Hg.), Theorien über den Faschismus. 4. Auflage, Köln, S. 449–491.11Lipset, S. M. (1960). Political Man: The Social Bases of Politics. Garden City: Doubleday. |
Michael Hogg |
Michael Hogg weist außerdem darauf hin, dass Menschen unter Bedingungen starker Unsicherheit eher Gruppen bevorzugen, die eindeutige Regeln, klare Grenzen und unmissverständliche Antworten anbieten. Je bedrohlicher und unübersichtlicher die Welt erscheint, desto attraktiver kann ein geschlossenes Weltbild werden. Extremistische Gruppen beseitigen Unsicherheit aber natürlich nicht wirklich. Sie ersetzen sie vielmehr durch eine neue Gewissheit. Der Preis dafür ist hoch: Zweifel gelten als Schwäche, Kompromisse als Verrat und Andersdenkende als Gefahr.12Hogg, M. A. (2014). From uncertainty to extremism: Social categorization and identity processes. Current Directions in Psychological Science, 23(5), 338–342. doi:10.1177/096372141454016813Hogg, M. A., Kruglanski, A. & van den Bos, K. (2013). Uncertainty and the roots of extremism. Journal of Social Issues, 69(3), 407–418. doi:10.1111/josi.12021 |
Für die viele wird dann schon allein die Geburt oder Herkunft zum entscheidenden Anker in ihrer Realität, da beides sie mit großem (National-)Stolz erfüllt. Auf vermeintlichen Moralwerten, die aus der eigenen Kultur erwachsen sind, baut dann die Ideologie auf. Und bietet gleich ein „Belohnungserlebnis“: „Du bist schon etwas wert, nur weil du einer von uns bist!“ Diese „Auszeichnung“ kriegst du, obwohl du überhaupt nichts dafür getan hast und es schon eine größere Eigenleistung ist, dass du allein aufs Töpfchen gehen kannst, als zufällig in diesem Land geboren worden zu sein oder deine Religion zu haben – die hast du schließlich auch „geerbt“, von deinen Eltern. Das ist vielleicht psychologisch mächtig, weil Zugehörigkeit, moralische Gewissheit und persönliche Aufwertung gleichzeitig angeboten werden. Dämlich ist es aber auch. Wenn du unbedingt stolz auf dein Volk sein möchtest, dann solltest du dir bitte Bienen anschaffen.
Emotionalität statt Rationalität
Trotzdem können wir hier festhalten: Extremismus ist weder ein notwendiges Ergebnis von Armut noch ein zuverlässiges Kennzeichen geringer Intelligenz. Bildungsnachteile können die Anfälligkeit für Desinformation zwar erhöhen. Doch auch Akademiker, Unternehmer, Beamte und andere gut ausgebildete und gut verdienende Menschen können extremistische Weltbilder entwickeln. Bildung schützt vor allem dann, wenn sie mit politischer Urteilskraft, Medienkompetenz, Ambiguitätstoleranz und der Bereitschaft verbunden ist, die eigene Meinung zu korrigieren. Wer viele Fakten kennt, kann dieses Wissen nämlich auch dazu verwenden, die eigene Identität besonders geschickt gegen Kritik zu verteidigen. Deshalb wäre es falsch und herablassend, Extremismus pauschal als Problem „dummer“ Menschen zu behandeln.14Pennycook, G. & Rand, D. G. (2019). Lazy, not biased: Susceptibility to partisan fake news is better explained by lack of reasoning than by motivated reasoning. Cognition, 188, 39–50. doi:10.1016/j.cognition.2018.06.01115Kahan, D. M. et al. (2017). Motivated numeracy and enlightened self-government. Behavioural Public Policy, 1(1), 54–86. doi:10.1017/bpp.2016.2
Extremisten liefern einfache Narrative, die bei Menschen Angst, Wut und Empörung auslösen . Besonders wirksam sind Erzählungen, die eine komplizierte Lage auf eine einzige Ursache reduzieren: „Die Elite“, „die Ausländer“, „die Kapitalisten“, „der Westen“, „die Ungläubigen“, „die Juden“ oder irgendeine andere angeblich homogene Gruppe soll dann für (fast) jedes Problem verantwortlich sein. Die Forschung zeigt, dass vor allem subjektiv erlebte Ungerechtigkeit, relative Benachteiligung und moralische Empörung Radikalisierungsprozesse begünstigen können, unabhängig davon, ob die objektive Lebenslage tatsächlich so schlecht ist, wie sie empfunden wird.16van den Bos, K. (2020). Unfairness and radicalization. Annual Review of Psychology, 71, 563–588. doi:10.1146/annurev-psych-010419-05095317Smith, H. J. et al. (2012). Relative deprivation: A theoretical and meta-analytic review. Personality and Social Psychology Review, 16(3), 203–232. doi:10.1177/1088868311430825

Extremismus trotz vergleichsweise stabiler Verhältnisse?
Sicherlich ist Deutschland kein perfekter Staat. Probleme gibt es hierzulande wirklich genug. Aber unsere Situation heute ist absolut kein Vergleich zu der wirklich prekären Lage vergangener Zeiten, wo die Menschen tatsächlich in größten existenziellen Nöten lebten, wie etwa Ende der 1920er. Als Straßenkämpfe und öffentliche Schießereien Alltag waren. Oder während schlimmer Kriegsjahre, mit überall Tod und Zerstörung! Oder auch in der Zeit direkt nach dem letzten großen Krieg, wo Hunger und eine ungleich größere Sorge vor der Zukunft Realität für unsere Großeltern waren, die damals aufwuchsen! Auch wenn wir derzeit eine stagnierende Wirtschaftslage zu beklagen haben, sind wir noch weit entfernt von einer großen Depression oder einer Stunde Null, oder den ständigen Repressalien, denen die Menschen in der DDR ausgesetzt waren.
Deutschlands objektive Lage in den 2020ern
Alle Narrative, dass es mit Deutschland spürbar bergab ginge, sind nach nüchterner Untersuchung und Auswertung der Statistik nicht zu halten. Trotz aller berechtigten Sorgen sollte nicht übersehen werden, dass sich einige Lebensbedingungen in Deutschland in den letzten Jahren objektiv stark verbessert haben: 2025 erreichte die durchschnittliche Lebenserwartung mit 83,6 Jahren für Frauen und 79,1 Jahren für Männer neue Höchstwerte,18Statistisches Bundesamt (7. Juli 2026). Lebenserwartung bei Geburt für Frauen und Männer im Jahr 2025 auf neue Höchstwerte gestiegen. Pressemitteilung Nr. 236 vom 7. Juli 2026. 2024 waren mit rund 46,1 Millionen Menschen so viele Personen erwerbstätig wie noch nie seit der Wiedervereinigung,19Statistisches Bundesamt (2. Januar 2025). Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2024 auf neuem Höchststand. Pressemitteilung Nr. 001 vom 2. Januar 2025. und auch die Erwerbstätigenquote von Frauen stieg auf einen Rekordwert von rund 74 Prozent.20Statistisches Bundesamt (1. Oktober 2025). 35 Jahre Deutsche Einheit: Erwerbstätigkeit von Frauen seit 1991 um 30 Prozent gestiegen. Pressemitteilung Nr. N053 vom 1. Oktober 2025. Zugleich stiegen die Reallöhne 2024 mit 3,1 Prozent so stark wie in keinem Jahr seit Beginn der Statistik 2008,21Statistisches Bundesamt (26. Februar 2025). Reallöhne im Jahr 2024 um 3,1 Prozent gestiegen. Pressemitteilung Nr. 068 vom 27. Februar 2026. während der Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern auf 16 Prozent sank.22Statistisches Bundesamt (13. Februar 2025). Gender Pay Gap sinkt 2024 im Vergleich zum Vorjahr von 18 Prozent auf 16 Prozent. Pressemitteilung Nr. 056 vom 13. Februar 2025. Erstmals stammte dauerhaft mehr als die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien,23Bundesnetzagentur (3. Januar 2025). Bundesnetzagentur veröffentlicht Daten zum Strommarkt 2024. BNA 03.01.2025. die deutschen Treibhausgasemissionen sanken auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung,24Umweltbundesamt (2026). Treibhausgas-Emissionen in Deutschland. Zuletzt aktualisiert am 02.07.2026. die öffentlich geförderte Kinderbetreuung funktioniert besser als je zuvor,25Statistisches Bundesamt (31. Oktober 2025). Zahl der unter Dreijährigen in Kindertagesbetreuung 2025 um 5,6 Prozent gesunken. Pressemitteilung Nr. 392 vom 31. Oktober 2025. und Ende 2025 waren rund 95 Prozent der Fläche Deutschlands mit 5G sowie etwa 98 Prozent mit mobilem Breitband versorgt. 26Bundesnetzagentur (15. Dezember 2025). Bundesnetzagentur aktualisiert Daten zum Mobilfunkmonitoring. Zuletzt aktualisiert 15.12.2025.
Man sollte nicht immer nur darauf schauen, was schlecht läuft oder besser laufen könnte. Stattdessen kann man mit Fug und Recht behaupten:
Den Deutschen geht es im Jahr 2025 besser als in den allermeisten Jahren seit mindestens einem Jahrhundert!

Objektive Lage vs. empfundene „Realität“
Ebenso falsch wäre es aber, heutige Belastungen kleinzureden. Deutschland erlebte mehrere Jahre mit Pandemie, Energiepreisschock, hoher Inflation, geopolitischer Unsicherheit und wirtschaftlicher Stagnation. Auch die Arbeitslosenquote stieg 2025 wieder, und zwischen Ost und West bestehen weiterhin Unterschiede. Gerade die Differenz zwischen objektiver Lage und subjektivem Bedrohungsgefühl ist politisch bedeutsam.
Menschen vergleichen sich nicht nur mit früheren Generationen oder mit ärmeren Ländern. Sie vergleichen ihre heutige Position mit ihren Erwartungen, mit wohlhabenderen Gruppen und mit der Zukunft, die ihnen versprochen wurde. Wenn der Eindruck entsteht, dass das eigene Leben trotz Anstrengung schlechter wird, während andere ständig weiter vorankommen, kann relative Deprivation entstehen. Das bedeutet: man erlebt das Gefühl, im Vergleich zu anderen Menschen oder Gruppen benachteiligt zu sein, selbst dann, wenn die eigene Lebenslage objektiv gar nicht schlecht ist. Extremistische und populistische Akteure versuchen, dieses Gefühl in Angst, Empörung und Wut zu übersetzen.27Pettigrew, T. F. (2016). In pursuit of three theories: Authoritarianism, relative deprivation, and intergroup contact. Annual Review of Psychology, 67, 1–21. doi:10.1146/annurev-psych-122414-03332728Rooduijn, M. & Burgoon, B. (2018). The paradox of well-being: Do unfavorable socioeconomic and sociocultural contexts deepen or dampen radical left and right voting among the less well-off? Comparative Political Studies, 51(13), 1720–1753. doi:10.1177/0010414017720707

Regionale Benachteiligung – besonders in Ostdeutschland
Hier soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass jede Empörung über vermeintliche Ungerechtigkeit falsch und alles in Deutschland Friede, Freude, Eierkuchen wäre. Tatsächlich gibt es hierzulande erhebliche regionale Benachteiligungen, die teilweise mit schwacher gesellschaftlicher Repräsentation einhergehen. In vielen strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands haben jahrzehntelange Abwanderung, Alterung, Fachkräftemangel und der Rückgang wirtschaftlicher sowie öffentlicher Infrastruktur das Gefühl des Abgehängtseins verstärkt. Ostdeutsche sind zugleich in wichtigen Führungspositionen weiterhin deutlich unterrepräsentiert, während Befragungen ein etwas geringeres Institutionenvertrauen und ein stärkeres Gefühl relativer Benachteiligung erkennen lassen.29Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2026). Wachsende und schrumpfende Arbeitsmarktregionen. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, 2020–2026.30Nehring, F., Oelgarth, A., Ragnitz, J. (Hgg.) (2026). Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026.31Elitenmonitor (2025). Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen: Ergebnisse 2024.32Deutschland-Monitor (2023). Gesellschaftliche und politische Einstellungen in Deutschland. Online-Versionen.
In Teilen Ost- aber auch in einigen Regionen Westdeutschlands deutschlands wirken sich wirtschaftliche und demografische Umbrüche besonders stark aus. Viele junge und gut ausgebildete Menschen wandern ab. In manchen Regionen ist so ein deutlicher Männerüberschuss entstanden, weil junge Frauen häufiger fortzogen. Solche Entwicklungen erklären nicht automatisch rechtsextreme Wahlergebnisse, sie können aber lokale Vereinsamung, Statusverlust und politische Entfremdung verschärfen.33Leibert, T. (2016). She leaves, he stays? Sex-selective migration in rural East Germany. Journal of Rural Studies, 43, 267–279. doi:10.1016/j.jrurstud.2015.06.00434Manow, P. (2018). Die Politische Ökonomie des Populismus. Berlin: Suhrkamp. Politische Akteure können diese reale Unzufriedenheit aufgreifen und sie in Ressentiments gegen Minderheiten verwandeln.35Rodríguez-Pose, A. (2018). The revenge of the places that don’t matter. Cambridge Journal of Regions, Economy and Society, 11(1), 189–209. doi:10.1093/cjres/rsx02436Dijkstra, L., Poelman, H. & Rodríguez-Pose, A. (2020). The geography of EU discontent. Regional Studies, 54(6), 737–753. doi:10.1080/00343404.2019.1654603
Extremismus – ein Generationenproblem?
Man könnte schnell auf die Idee kommen, dass Extremismus vor allem ein Problem der älteren Generation sein müsste. Es wäre jedenfalls leichter zu erklären: Menschen, die mit einem gewissen Zeitgeist aufgewachsen sind, wurden davon sicher beeinflusst und geprägt. Bis vor noch nicht allzu langer Zeit bestanden ja auch bei uns in Deutschland noch autokratische, totalitäre Staatsformen, nämlich das Dritte Reich und die DDR. Die älteren Menschen in unserem Land, damals natürlich noch Kinder, wurden von deren Propaganda beeinflusst und geprägt, und ihnen wurden in der Schule viele Inhalte indoktriniert, die heute überholt und als absolut falsch widerlegt wurden. Wer von Rassisten und Faschisten, oder auch von Sozialisten und Kommunisten aufgezogen und indoktriniert wurde, hätte nach dieser These eine hohe Wahrscheinlichkeit, selbst einer zu werden und auch zu bleiben, selbst lange Zeit nach der Abschaffung dieser Unrechtsstaaten.
Doch interessanterweise lässt sich das kaum bestätigen. Extremismus ist nicht etwa verstärkt bei Älteren zu beobachten. Tatsächlich stehen die ganz alten, also die in den 30ern und 40ern aufgewachsenen Kinder, mehrheitlich einer extremistischen Grundeinstellung sogar am kritischsten gegenüber. Aus den Generationen der 50er, 60er und 70er, den sogenannten „Boomern“, haben wir tatsächlich deutlich mehr Menschen mit tendenziell oder auch offen gezeigten extremistischen Einstellungen. Es gibt heute viele Anzeichen dafür, dass extremistische Ansichten besonders in einigen Teilen der jüngeren Generationen immer mehr an Bedeutung gewinnen, insbesondere im Kontext des wachsenden Rechtsextremismus und rechtsextremistischer Gewalttaten in Deutschland. Viele jüngere fühlen sich von der Gesellschaft abgehängt. Sie haben wachsende Zukunftsängste, die mit Blick auf die Wirtschaftskrise und andere globale wie auch regionale Probleme auch durchaus verständlich sind. Jedoch nutzen Rechtsextreme diese Sorgen aus, um eine breite Anhängerschaft unter Jüngeren zu radikalisieren.

Keine einfache Generationenerzählung
Eine einfache Generationenerzählung funktioniert also nicht. Weder sind ältere Menschen allein wegen ihrer Sozialisation automatisch autoritärer, noch sind jüngere Menschen grundsätzlich toleranter und demokratischer. Politische Einstellungen werden durch Lebensphase, Bildung, Geschlecht, Region, soziale Lage, Mediennutzung und konkrete politische Ereignisse beeinflusst. Generationen sind außerdem keine einheitlichen Blöcke. Innerhalb derselben Altersgruppe können politische Einstellungen stärker auseinandergehen als zwischen zwei Altersgruppen.37Grasso, M. et al. (2019). Thatcher’s children, Blair’s babies, political socialization and trickle-down value change: An age, period and cohort analysis. British Journal of Political Science, 49(1), 17–36. doi:10.1017/S000712341600037538Foa, R. S. et al. (2020). Youth and Satisfaction with Democracy: Reversing the Democratic Disconnect? Cambridge: Centre for the Future of Democracy. Veröffentlicht im Oktober 2025.
Die Bundestagswahl 2025 zeigt, wie wenig ein einziges Etikett erklärt. Bei den unter 25-Jährigen war Die Linke mit 27,3 Prozent stärkste Kraft. In den Gruppen von 25 bis 34 sowie 35 bis 44 Jahren lag dagegen die AfD vorn. Besonders deutlich war ihr Vorsprung bei Männern. Bei älteren Wählerinnen und Wählern dominierten CDU und CSU. Daraus folgt weder, dass „die Jugend“ links- bzw. rechtsradikal sei, noch dass Rechtsextremismus nur ein Problem älterer „Boomer“ darstelle. Es zeigt vielmehr, dass politische Polarisierung auch jüngere Milieus erreicht und sich innerhalb derselben Generation geschlechtsspezifisch und sozial sehr unterschiedlich ausprägt.39Die Bundeswahlleiterin (2025). Bundestagswahl 2025: Ergebnisse der repräsentativen Wahlstatistik. Pressemitteilung Nr. 223 vom 23. Juni 2025.
Extremismus trotz Informationsüberfluss – oder gerade deswegen?
Ich selbst gehöre zur Generation Y, oder den sogenannten Millenials. Viele meiner Leser sicher auch. So nennt man Leute, die zwischen 1980 und 1995 geboren sind. Ich muss mich also langsam mit dem Gedanken anfreunden, nicht mehr zu den ganz jungen, sondern eher den „Mittelalten“ zu gehören. Und doch sind wir etwas ganz Besonderes: Meine Generation ist die allererste, die schon in ihrer Kindheit und Jugend erstmalig mit den neuartigen Informationsmedien und -Technologien in Berührung kam, die heute in unserem Alltag selbstverständlich sind: Internet, Handys, Smartphones, Social Media und künstliche Intelligenz. Man sollte doch meinen, dass unsere Generation, die im Geschichtsunterricht auch intensivste Aufklärung über die Gefahren von Extremismus erfahren hat, und die außerdem am besten mit den neuen Technologien und der ständigen Verfügbarkeit von Informationen umgehen können sollte, am wenigsten bereit ist, den Bullshit von Populisten und Demagogen zu fressen, oder?
Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in meiner Jugend das Internet in seiner Anfangszeit als eine ungeheure Bereicherung empfunden habe. Das Internet wird unsere Welt in nie dagewesener Weise verbinden, so dachte ich. Es wird uns einen raschen Informationsaustausch ermöglichen. Die Menschen werden in der Folge gebildeter sein. Toleranter. Verbundener zu wissenschaftlichen Fakten stehen und damit selbstbestimmter und reflektierter durchs Leben gehen. Es wird dadurch viel weniger Extremismus und viel mehr Offenheit zwischen unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen geben. Und dadurch auch weniger Raum für Extremismus, weniger Hass, weniger Konflikte und vielleicht sogar nie wieder einen Krieg!

Zunehmende Desinformationen
Was war ich damals naiv! Vielmehr ist heute das genaue Gegenteil der Fall. Wenn ich mich nun in der Welt, besonders in der virtuellen Welt umschaue, ist genau das Gegenteil eingetreten. Der Ton ist rauer denn je zuvor, die Gesellschaft zutiefst gespalten, und das in den meisten Teilen der Welt. Populisten sind inzwischen weltweit erfolgreich, wie sie es niemals zuvor waren – jedenfalls nicht in wirtschaftlich stabilen Zeiten! Aber woran liegt das? Offenbar habe ich in meiner naiven Jugend die Extremisten massiv unterschätzt. Denn auch politische Demagogen und religiöse Fanatiker haben gelernt, das Internet und die sozialen Medien für sich zu nutzen. Und sie nutzen es weit effizienter, als es für Bildung und Aufklärung je genutzt werden könnte. Schnell hat man gelernt, ganzen Generationen, die in den besten und sichersten Zeiten aufwachsen durften, die unser Land je erlebt hat, die größtmögliche Angst vor dem eigenen Untergang zu machen.
Tatsächlich sind die Leute, die am engsten mit den neuen Technologien in Berührung stehen, offenbar am anfälligsten dafür, sich zu radikalisieren. Aus einem Aufwachsen mit digitalen Medien folgt schließlich keine automatische Medienkompetenz. Technische Vertrautheit bedeutet höchstens, digitale Geräte vielleicht schnell und effizient bedienen zu können. Sie garantiert aber weder Quellenkritik noch historisches Wissen oder die Fähigkeit, manipulierte Inhalte zu erkennen. Forschung zur digitalen Nachrichtenkompetenz zeigt, dass viele Nutzer Schwierigkeiten haben, die Qualität von Quellen zu beurteilen, Werbung von redaktionellen Inhalten zu unterscheiden oder professionelle Nachrichten von imitierenden Webseiten abzugrenzen.40Wineburg, S. & McGrew, S. (2019). Lateral reading and the nature of expertise: Reading less and learning more when evaluating digital information. Teachers College Record, 121(11), 1–40. doi:10.1177/01614681191210110241Jones-Jang, S. M., Mortensen, T. & Liu, J. (2021). Does media literacy help identification of fake news? Information literacy helps, but other literacies don’t. American Behavioral Scientist, 65(2), 371–388. doi:10.1177/0002764219869406

Warum Empörung so gut funktioniert
Das Internet mag den Zugang zu Wissen revolutioniert haben. Es hat aber gleichzeitig die Kosten der Veröffentlichung fast auf null gesenkt. Früher brauchte man eine Druckerei, einen Verlag oder einen Rundfunksender, um Millionen Menschen zu erreichen. Heute kann ein einzelner Account innerhalb von Minuten eine Behauptung verbreiten, die von Influencern, automatisierten Konten oder politischen Netzwerken weitergetragen wird. Das macht Desinformation skalierbar. Es bedeutet zwar nicht, dass alle Menschen ständig Falschinformationen konsumieren. Neuere Übersichtsarbeiten warnen auch vor Übertreibungen: Die intensive Nutzung zweifelhafter Quellen konzentriert sich häufig auf eine vergleichsweise kleine, politisch hoch engagierte Minderheit. Gerade diese Minderheit kann aber erheblichen Einfluss auf Debatten und politische Mobilisierung ausüben.42Budak, C. et al. (2024). Misunderstanding the harms of online misinformation. Nature, 630, 45–53. doi:10.1038/s41586-024-07417-w43Guess, A., Nagler, J. & Tucker, J. (2019). Less than you think: Prevalence and predictors of fake news dissemination on Facebook. Science Advances, 5(1), eaau4586. doi:10.1126/sciadv.aau4586
Egal, ob Zeitung, Fernsehnachrichten oder Online-Magazin: wir finden überall ein ähnliches Geschäftsmodell, das lautet: „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Besonders emotionale Inhalte mit reißerischer Schlagzeile verbreiten sich besser als sachliche, objektive Beiträge. Es kann somit auch als erwiesen gelten, dass moralisch-emotionale Sprache die Weitergabe politischer Botschaften erhöhen kann und dass negative Nachrichten häufiger geteilt werden als positive. Besonders stark wirkt die Abwertung der politischen Gegengruppe. Soziale Medien haben diese menschliche Neigung nicht erfunden, ihre Aufmerksamkeitslogik belohnen sie aber: Inhalte, die Wut, Angst oder Verachtung auslösen, werden von den Algorithmen gepusht und bleiben dadurch sichtbar.44Brady, W. J. et al. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313–7318. doi:10.1073/pnas.161892311445Rathje, S., Van Bavel, J. J. & van der Linden, S. (2021). Out-group animosity drives engagement on social media. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(26), e2024292118. doi:10.1073/pnas.202429211846Robertson, C. E. et al. (2024). Negative online news articles are shared more to social media. Scientific Reports, 14, 21592. doi:10.1038/s41598-024-71263-z

Brandolinis Gesetz
Auch Fakenews besitzen einen entscheidenden Vorteil. Eine große Untersuchung auf Twitter zeigte, dass falsche Nachrichten in dem untersuchten Datensatz weiter, schneller und tiefer verbreitet wurden als wahre. Das lag nicht allein an Bots: die Menschen selbst trugen erheblich zu ihrer Verbreitung bei.47Vosoughi, S., Roy, D. & Aral, S. (2018). The spread of true and false news online. Science, 359(6380), 1146–1151. doi:10.1126/science.aap955948Shao, C. et al. (2018). The spread of low-credibility content by social bots. Nature Communications, 9, 4787. doi:10.1038/s41467-018-06930-7 Warum ist das so? Eine Erklärung lieferte der italienische Informatiker Alberto Brandolini, der 2013 scherzhaft das Bullshit Asymmetry Principle, auch bekannt als Brandolinis Gesetz formulierte. Das Widerlegen von Unsinn koste erheblich mehr Energie als seine Produktion. Es handelt sich zwar nicht um ein wissenschaftlich bestätigtes Gesetz mit einer messbaren festen Größenordnung. Als Beschreibung eines realen Kommunikationsproblems ist die Pointe dennoch nützlich: Eine falsche Behauptung kann in einem Satz aufgestellt werden, ihre Widerlegung benötigt dagegen Quellenprüfung, Kontext und oft mehrere Absätze.49Brandolini, A. (2013). Bullshit Asymmetry Principle. Öffentliche Formulierung auf Twitter und in Vorträgen.50Lewandowsky, S. et al. (2012). Misinformation and its correction: Continued influence and successful debiasing. Psychological Science in the Public Interest, 13(3), 106–131. doi:10.1177/1529100612451018 Eine einmal gelernte Falschinformation kann sogar dann weiterwirken, wenn sie später korrigiert wird. Psychologen sprechen vom continued influence effect. Korrekturen sind deshalb keineswegs nutzlos, sie müssen aber verständlich sein, die falsche Behauptung klar benennen und möglichst eine plausible alternative Erklärung anbieten. Bloßes Löschen oder ein herablassendes „Das ist Quatsch“ reicht häufig nicht aus.51Ecker, U. K. H. et al. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. doi:10.1038/s44159-021-00006-y

Der Dunning-Kruger-Effekt
Eng damit verknüpft, besonders beim Thema Fakenews, aber generell auch bei fast jedem anderen Thema, was auf Social Media für starke Emotionen sorgt, ist der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt. Er beschreibt eine besonders tückische Form der Selbstüberschätzung: Menschen, denen in einem bestimmten Bereich Wissen oder Fähigkeiten fehlen, können gerade deshalb Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Wissenslücken zu erkennen. Wer ein kompliziertes Thema nur oberflächlich kennt, hält seine Erklärung deshalb mitunter für vollständiger und sicherer, als sie tatsächlich ist. Oder salopp gesagt: je inkompetenter ein Mensch ist, für umso stärker hält er sich in einem bestimmten Bereich, weil ihm die notwendigen Kompetenzen fehlen, um zu erkennen, wie schwach er eigentlich ist.52Kruger, J. & Dunning, D. (1999). Unskilled and unaware of it: How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1121–1134. doi:10.1037/0022-3514.77.6.1121 Na, fällt euch auch sofort eine ganz bestimmte Person ein, die immer wieder extrem selbstbewusst auftritt und großspurige Versprechen macht, aber immer wieder eine enorme Ignoranz an den Tag legt und bislang keines der Versprechen halte konnte?
Ausgebildete Handwerker kennen das ebenfalls zur Genüge, wenn sie einen Hobby-Handwerker als Kunden haben. Und aus eigener Erfahrung erlebe ich diesen Effekt auch immer wieder bei Möchtegern-Dino-Experten, aber auch sehr oft bei Eltern, wenn sie bei pädagogischer Arbeit reinreden. Es kommt eigentlich immer dann vor, wenn Besserwisser auf Leute treffen, die es wirklich besser wissen. Und wer es schon ein paar mal erlebt hat, kann denen, die es noch nicht erlebt haben, kaum begreiflich machen, wie sehr dieser Effekt nerven und aufregen kann. In Verbindung mit politischer Empörung kann ist er jedoch nicht nur nervig, sondern kann sogar gefährlich werden.
Bei Emotionalen Themen treten aufgebrachte Leute dann direkt als „Experten“ auf, äußern lautstark ihre Meinung und machen ihrem Ärger in den Kommentarspalten Luft. Wer sich mit einem Thema auskennt, kann darüber meist nur ermüdet mit den Augen rollen. Und erleben, dass wenn er seine Fachexpertise beisteuern und deeskalieren möchte, hart auf die Schnauze fällt und direkt einen Shitstorm bekommt. Wer glaubt, den gesamten Zusammenhang bereits durchschaut zu haben, empfindet weitere Informationen nämlich nicht als „Hilfe“, sondern als Ausrede, Täuschung oder Beweis einer Verschwörung. Die eigene Empörung erscheint dann nur noch berechtigter.53Motta, M., Callaghan, T. & Sylvester, S. (2018). Knowing less but presuming more: Dunning-Kruger effects and the endorsement of anti-vaccine policy attitudes. Social Science & Medicine, 211, 274–281. doi:10.1016/j.socscimed.2018.06.032
Forschungen zur sogenannten Illusion der Erklärungstiefe zeigen, wie eng dieses Gefühl vermeintlichen Verstehens mit extremen politischen Positionen zusammenhängen kann. Versuchspersonen äußerten sich gemäßigter, nachdem sie nicht nur Gründe für ihre Meinung nennen, sondern den konkreten Wirkungsmechanismus einer politischen Maßnahme Schritt für Schritt erklären sollten. Beim Erklären wurden die Lücken im eigenen Verständnis deutlich sichtbar.54Fernbach, P. M. et al. (2013). Political extremism is supported by an illusion of understanding. Psychological Science, 24(6), 939–946. doi:10.1177/0956797612464058 Auch andere Untersuchungen verbinden politische Überkonfidenz mit extremeren Positionen und stärkerer Parteinahme.55Ortoleva, P. & Snowberg, E. (2015). Overconfidence in political behavior. American Economic Review, 105(2), 504–535. doi:10.1257/aer.20130921

Das Imposter-Phänomen
Der umgekehrte Effekt wird Imposter-Phänomen, oder auch Hochstapler-Syndrom genannt. Betroffene sind meist gut ausgebildete Menschen mit einer hohen fachlichen Expertise, die aber an massiven Selbstzweifeln hinsichtlich eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge leiden und glauben, dass sie anderen bloß vorgemacht haben, sie seien kompetenter, als sie es tatsächlich sind, obwohl es eindeutige Beweise für ihre Kompetenz gibt. Ursächlich ist vor allem der Zuwach an eigener Kompetenz, der sie selbst in die Lage versetzt, zu erkennen, wo denn noch eigene Defizite liegen. Und das kann sich selbst für sehr kluge Menschen enorm belastend anfühlen, wenn man merkt, wie wenig man eigentlich noch weiß und was es noch alles zu wissen gibt.56Clance, P. R. & Imes, S. A. (1978). The impostor phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 15(3), 241–247. doi:10.1037/h008600657Gullifor, D. P. et al. (2024). The impostor phenomenon at work: A systematic evidence-based review, conceptual development, and agenda for future research. Journal of Organizational Behavior, 45(2), 234–251. doi:10.1002/job.2733
Wer ein komplexes Gebiet gut genug kennt, sieht nicht nur die Probleme und (vermeintlichen) Antworten, sondern auch offene Fragen, Ausnahmen, Wechselwirkungen und Grenzen des eigenen Wissens. Fachkundige Menschen formulieren deshalb häufiger vorsichtig: „Nach bisherigem Kenntnisstand…“, „Wahrscheinlich….“, „Eine Möglichkeit ist, dass…“, wobei der (notwendige!) Zweifel in der Aussage immer mitklingen muss. Redliche wissenschaftliche Erkenntnis tritt eben selten so laut und absolut auf wie selbstbewusste Vereinfachung.58Vaupotič, N., Kienhues, D. & Jucks, R. (2024). Complexity appreciated: How the communication of complexity impacts topic-specific intellectual humility and epistemic trustworthiness. Public Understanding of Science, 33(6), 740–756. doi:10.1177/09636625241227800Sie kann und darf sich das auch gar nicht leisten! In einer aufgeheizten Debatte kann aber genau diese Genauigkeit, ja diese abligatorische Ehrlichkeit rhetorisch deutlich schwächer wirken. Wer sich nicht gut auskennt, will trotzdem gerne sofort Gewissheit, klare Schuldige und vor allem eine Lösung haben und bevorzugt deshalb Narrative, die seine Emotionen rasch befriedigen und das alles (wenn auch nur scheinbar!) liefern. Wenn Fachkundige ihnen aber „nur“ Theorien bieten können, empfindet man das dann so, als hätte der Experte ja selbst keine Ahnung.

„Flood the zone“: Verwirrung statt Überzeugung
Und das nutzen Extremisten gern für ihre Zwecke aus. Es kann ihnen auch prinzipiell egal sein, ob die gestreuten Desinformationen ihre Empfänger vollständig überzeugen. Eine massenhafte Flut widersprüchlicher Behauptungen kann bereits dadurch wirken, dass sie Aufmerksamkeit bindet und das Vertrauen in seriöse Medien erschüttert. Und das ist die Absicht dahinter: Es wird durch sie der Eindruck erzeugt, die „Wahrheit“ sei ohnehin nicht mehr feststellbar. Oder salopp gesagt: es geht darum, dass niemand mehr irgendwas glaubt. Propagandaforschung beschreibt ähnliche Strategien als schnelles, wiederholtes und widerspruchstolerantes Feuerwehrschlauch-Modell: Es werden sehr viele Botschaften über zahlreiche Kanäle verbreitet, ohne dass Konsistenz oder spätere Widerlegungen eine große Rolle spielen.59Paul, C. & Matthews, M. (2016). The Russian “Firehose of Falsehood” Propaganda Model. Santa Monica: RAND Corporation.60Benkler, Y., Faris, R. & Roberts, H. (2018). Network Propaganda: Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/oso/9780190923624.001.0001
Die Strategie funktioniert nach folgendem Schema:
- Erstens: Wenn ständig neue Behauptungen, Halbwahrheiten und erfundene Skandale zirkulieren, wird die Unterscheidung zwischen seriöser Information und Manipulation schwieriger.
- Zweitens: Politische Gegner und Medien werden gezwungen, ihre begrenzte Aufmerksamkeit auf immer neue Provokationen zu richten.
- Drittens: Werden Lügen entlarvt, kann die Korrektur selbst als angeblicher Beweis einer „Hexenjagd“ oder Verschwörung umgedeutet werden.

Und hier kann man angesicht der scheinbaren Chancenlosigkeit wahrlich in Resignation verfallen. Unsere Zeit wird von mehreren Autoren bereits als „Post Truth Era“ bezeichnet, also als eine Zeit, in der die Wahrheit praktisch ein überholtes Konzept sei.61Lewandowsky, S., Ecker, U. K. H. & Cook, J. (2017). Beyond misinformation: Understanding and coping with the “post-truth” era. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 6(4), 353–369. doi:10.1016/j.jarmac.2017.07.008
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In der „Post Truth Era“ spielen aber auch althergebrachte rhetorische Tricks und Scheinargumenten nach wie vor eine große Rolle. Wie sie funktionieren, behandle ich in einem eigenen Artikel. Schau ihn dir unbedingt an! Darin lernst du, richtige Argumente von Scheinargumenten zu unterscheiden und letztere zu entlarven und zu kontern. Mach dich vertraut mit dem „Kung Fu“ der Argumentation! Denn du solltest dich niemals unvorbereitet einer Diskussion mit einem Extremisten stellen. Lerne vorher, wie Despoten eigentlich vorgehen, um ihren Maschen zu widerstehen! |
Wieso bleibt man Extremist?
Wir haben uns nun angeschaut, was Menschen zum Extremismus treibt. Zweifel zu schüren und Instabilität zu fördern, stehen dabei immer am Anfang. Und das dafür besonders Menschen anfällig sind, die gar nicht merken, wie sie manipuliert werden, weil ihnen dazu die nötigen Kompetenzen fehlen. Außerdem spielen Desinformationen eine große Rolle, vor allem, wenn sie emotional und nicht rational wirkten. Wenn erst einmal genug Menschen für sie brennen, voll dabei und begeistert auf ihrer Seite sind, haben Vernunft und Wahrheit kaum noch eine Chance. Das führt sogar dazu, dass Menschen Parteien wählen, die – folgt man dem Programm – eigentlich komplett gegen sie selbst Politik machen.
Viele AfD-Wähler gehören schließlich zu unteren oder mittleren Einkommensgruppen. Sie leben häufiger in strukturschwachen Regionen, sind überdurchschnittlich oft Arbeiter oder arbeitslos und wären deshalb von den wirtschafts- und sozialpolitischen Vorhaben der AfD besonders negativ betroffen. Dazu gehören eine geringere soziale Absicherung, die Ablehnung der Erhöhung des Mindestlohns, steuerliche Vorteile vor allem für hohe Einkommen und Vermögen sowie Nachteile, die durch eine Schwächung der EU, Nachlässigkeit beim Klimaschutz und dadurch höhere Energiepreise sowie öffentlicher Daseinsvorsorge einhergehen. Von den verheerenden renten- und gesundheitspolitischen Folgen, die eine „millionenfache Remigration“ mit sich brächte, ganz zu schweigen. Gerade unter populistischen Herrschaften gedeihen auch Korruption und Vetternwirtschaft, es findet eine massive Einschränkung der Freiheit statt, Medien werden gleichgeschaltet und unterdrückt… Und es steht teilweise genauso bereits im Wahlprogramm, dass die Partei genaugenommen das Schlechteste für ihre eigene Wählerschaft im Sinn hat.62Stichnoth, H. & Hebsaker, M. (2025). Reformvorschläge der Parteien zur Bundestagswahl 2025: Finanzielle Auswirkungen. Mit Informationen zu fiskalischen Wirkungen vom 20. Januar 2025. Gutachten, ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim.63Fratzscher, M. (2023). Das AfD-Paradox: Die Hauptleidtragenden der AfD-Politik wären ihre eigenen Wähler*innen. DIW aktuell, 88.64Fratzscher, M. (2026). Sachsen-Anhalt würde sich mit der AfD selbst am meisten schaden. DIE ZEIT, 24. Juli 2026.65Fratzscher, M. (2026). Sachsen-Anhalt zeigt das AfD-Paradox: Strukturschwache AfD-Hochburgen würden unter ihrer Politik am stärksten leiden. DIW aktuell, 121.
Doch sollte das nicht nur ein temporärer Zustand sein? Wenn man klar vorgeführt bekommt, dass man auf ganzer Linie verarscht wird, sollte man dann nicht „aufwachen“ und sich von den Verführern wieder abwenden? Und sollte es dann nicht ziemlich einfach sein, Menschen davon zu überzeugen, dass sie ihre Stimmen komplett gegen ihre eigenen Interessen geben? Das passiert tatsächlich nur sehr selten und so gut wie gar nicht. Denn Extremisten verstehen es ausgezeichnet, die eigene Anhängerschaft an sich zu binden. Das muss nicht einmal mit roher Härte, Drohungen und Gewalt passieren. Die meisten Extremisten greifen dazu nur in den seltenen Fällen zurück, wenn sich wirklich einmal jemand von ihnen abwendet. Aber die meisten bleiben ihnen treu, bedingungslos! Und das hat Gründe.
Komplexe Radikalisierungsmechanismen
Die Radikalisierung geschieht häufig in sozialen Beziehungen. Freundschaften, Familienbindungen und kleine Gruppen können dabei zunächst wichtiger sein als abstrakte Ideologien. Menschen übernehmen Positionen nicht, weil sie die Argumente geprüft haben, sondern vor allem, weil charismatische und vertrauenswürdige Bezugspersonen sie vertreten. In einer eng verbundenen Gruppe wird Zustimmung belohnt, Abweichung dagegen mit Spott, Misstrauen oder Ausschluss sanktioniert. Dadurch können sich Positionen schrittweise verschärfen, ohne dass die Mitglieder jeden einzelnen Schritt bewusst als Radikalisierung wahrnehmen.66McCauley, C. & Moskalenko, S. (2008). Mechanisms of political radicalization: Pathways toward terrorism. Terrorism and Political Violence, 20(3), 415–433. doi:10.1080/0954655080207336767Sageman, M. (2004). Understanding Terror Networks. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
Gruppen können sich außerdem gegenseitig radikalisieren. Wenn sich verfeindete Lager fortlaufend als existentielle Bedrohung darstellen, bestätigt jede Seite das Feindbild der anderen. Gewalt, Provokation oder pauschale Ausgrenzung auf einer Seite kann der Gegenseite neue Rekrutierungsargumente liefern. Diese wechselseitige Dynamik wird in der Forschung als reciprocal radicalization oder cumulative extremism beschrieben. Sie bedeutet nicht, dass beide Seiten moralisch oder quantitativ gleichzusetzen wären. Sie beschreibt lediglich einen Mechanismus, bei dem gegnerische Extremisten einander stärken.68Eatwell, R. (2006). Community cohesion and cumulative extremism in contemporary Britain. Political Quarterly, 77(2), 204–216. doi:10.1111/j.1467-923X.2006.00763.x69Ebner, J. (2017). The Rage: The Vicious Circle of Islamist and Far-Right Extremism. London: I.B. Tauris.
Es gibt aber keinen einzelnen Persönlichkeitstyp und keine soziale Eigenschaft, aus der zwangsläufig Radikalisierung folgt. Forschung beschreibt Radikalisierung vielmehr als einen Prozess, in dem persönliche Krisen, Gruppendynamik, Ideologie, moralische Rechtfertigung, soziale Netzwerke und politische Gelegenheiten zusammenwirken. Manche Menschen radikalisieren sich nach Diskriminierungs- oder Verlusterfahrungen, andere über Freundschaften, Familienmitglieder oder Onlinegemeinschaften. Wieder andere suchen Abenteuer, Status, Zugehörigkeit oder eine klare moralische Aufgabe.70Borum, R. (2011). Radicalization into violent extremism I: A review of social science theories. Journal of Strategic Security, 4(4), 7–36. doi:10.5038/1944-0472.4.4.171Moghaddam, F. M. (2005). The staircase to terrorism: A psychological exploration. American Psychologist, 60(2), 161–169. doi:10.1037/0003-066X.60.2.161

Kognitive Dissonanz
All dies führt zu einer engen Bindung, zu einer zunehmenden Annahme der Ideologie als Bestandteil der eigenen Identität. Und dann ist sie nicht mehr leicht aufzubrechen, weder durch klar dargelegte Tatsachen noch überzeugende Argumente. Menschen lösen sich nicht von ihrer Ideologie, wenn einzelne Behauptungen widerlegt werden. Wer viel Zeit, Beziehungen, Geld oder öffentliches Ansehen in eine Bewegung investiert hat, müsste beim Ausstieg ja nicht nur einen Irrtum eingestehen, wobei selbst das schon vielen Menschen schwer genug fällt. Hier stehen schließlich Freundschaften, Status, Identität, ja sogar der ganze Lebenssinn auf dem Spiel.
Den unangenehmen Spannungszustand, der entsteht, wenn Überzeugungen und neue Informationen nicht zusammenpassen, nennt man Kognitive Dissonanz. Die meisten von uns kennen das gut. Wir wissen, dass Süßigkeiten oder fettes Essen ungesund sind. Dass Alkohol ein Nervengift ist. Das Tabak Krebs verursacht. Und das für ein leckeres Steak ein Tier gestorben ist. Eine mögliche Reaktion, damit umzugehen, ist ehrliche Korrektur unseres Verhaltens. Also nie wieder Haribo, Zigaretten, Schnaps und McDonalds. Es gibt tatschlich zunehmend mehr Menschen, die ihr Leben nach der Überwindung ihrer kognitiven Dissonanz neu ausrichten und auf das Schädliche verzichten. Doch die häufigere Reaktion sieht doch eher so aus, dass wir die widersprechende Information schlicht auszublenden versuchen. Und wenn uns andere mit der Nase draufstoßen, sie abzuwerten und das eigene Weltbild sogar noch stärker zu verteidigen.72Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford: Stanford University Press.73Cooper, J. (2007). Cognitive Dissonance: Fifty Years of a Classic Theory. London: Sage.

Identitätsstiftung über Leitfiguren und Kritikimmunisierung
Die soziale Identitätstheorie erklärt, weshalb das auch über die Mitgliedschaft in einer Gruppe besonders gut wirkt, und warum Mitglieder einer Gruppe sich zunehmend gegen Kritik immunisieren und bestimmten Leitfiguren huldigen. Kritik wird dann zunehmend als persönlicher Angriff wahrgenommen. Anhänger, die sich besonders stark mit ihrer Gruppe identifizieren, können nachweislich genau dieselbe Information unterschiedlich bewerten, je nachdem, ob sie aus dem eigenen oder dem gegnerischen Lager stammt. Und statt eine gesunde Skepsis zu hegen und bei einer neuen Information sich die Frage zu stellen: „Stimmt das überhaupt?“ stellen sie unbewusst nur noch die Frage: „Könnte das meiner Gruppe / meiner Leitfigur helfen oder ihr schaden?“74Tajfel, H. & Turner, J. C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. In: Austin, W. G. & Worchel, S. (eds.). The Social Psychology of Intergroup Relations. Monterey: Brooks/Cole, 33–47.75Van Bavel, J. J. & Pereira, A. (2018). The partisan brain: An identity-based model of political belief. Trends in Cognitive Sciences, 22(3), 213–224. doi:10.1016/j.tics.2018.01.004
Wer sich die Vorbilder von Extremisten einmal anschaut, der wird schnell feststellen, dass diese oft etwas gemeinam haben. Zwar sind die Leitfiguren keineswegs immer reich und politisch mächtig. Entscheidend ist vielmehr ihre symbolische Rolle: Die Leitfiguren verkörpern Stärke, Gewissheit, Opferbereitschaft oder und das Versprechen, dass alles mit ihnen besser wird. Charismatische Führung funktioniert besonders gut, wenn Anhänger sich bedroht fühlen und der Führungsperson zutrauen, Ordnung, Stolz und Bedeutung wiederherzustellen.76Steffens, N. K. et al. (2014). Leadership as social identity management: Introducing the Identity Leadership Inventory (ILI) to assess and validate a four-dimensional model. The Leadership Quarterly, 25(5), 1001–1024. doi:10.1016/j.leaqua.2014.05.002 Und so wird um diese Personen ein regelrechter Kult aufgebaut.

Empathieverlust und Abstumpfung

Spaltung und Feindbilddenken
Feindbilder projiziert, den Extremisten die Abschottung gegen widersprechende Informationen erleichtern. Werden Journalisten, Wissenschaftler, Gerichte und politische Gegner pauschal als „böse“ wahrgenommen, muss man ihre Argumente nicht mehr einzeln prüfen. Jede Kritik bestätigt dann scheinbar die Verschwörung. Psychologisch entsteht ein sich selbst abdichtendes System: Das Fehlen von Belegen gilt als Beweis besonders geschickter Vertuschung. Und vorhandene Gegenbelege gelten als Fälschung der Feinde.82Douglas, K. M. et al. (2019). Understanding conspiracy theories. Political Psychology, 40(S1), 3–35. doi:10.1111/pops.1256883van Prooijen, J.-W. & Douglas, K. M. (2018). Belief in conspiracy theories: Basic principles of an emerging research domain. European Journal of Social Psychology, 48(7), 897–908. doi:10.1002/ejsp.2530
Für politische Extreme ist die Dehumanisierung, also Entmenschlichung des Gegners, besonders bedeutsam. Dem Feindbild zugerechnete Menschen werden dann nicht mehr als Mitbürger mit Rechten, Gefühlen und unterschiedlichen Erfahrungen betrachtet, sondern als „Verräter“, als „Schädlinge“ und „Parasiten“. Der Feind wird so zu einer homogenen, gesichtslosen Masse. Die sprachlichen Entmenschlichungen senken moralische Hemmungen. Damit gehen sowohl Diskriminierung leichter von der Zunge und sogar Gewalt leichter von der Hand.84Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. Personality and Social Psychology Review, 3(3), 193–209. doi:10.1207/s15327957pspr0303_385Haslam, N. & Loughnan, S. (2014). Dehumanization and infrahumanization. Annual Review of Psychology, 65, 399–423. doi:10.1146/annurev-psych-010213-115045
Nach unten treten und Minderheiten gegeneinander ausspielen
Als Feindbilder werden jedoch nicht nur die Gegner, sondern vor allem sozial schwache Teile der Bevölkerung oder Minderheiten aufgebaut. Indem sie schwache und verletzliche Gruppen gegeneinander ausspielen, Minderheiten ausgrenzen und diskriminieren, schaffen es Populisten, ihren Unterstützern einzureden, sie würden es unter ihrer Regierung tatsächlich besser haben und wirtschaftlich, sozial und politisch einen Vorteil erringen. Das Programm richtet sich fast ausnahmslos gegen Schwächere, meistens die Schwächsten überhaupt in der Gesellschaft. Dann nämlich, wenn die sozialen Leistungen oder Grundrechte von Ausländern, Langzeitarbeitslosen, chronisch Kranken und Alleinerziehenden eingeschränkt werden. Es spielt dann noch nicht einmal eine Rolle, wenn man vielleicht sogar selbst zu einer dieser Gruppen mit dazugehört. Der wirklich dumme Leitgedanke, auf dem dies alles aufbaut, lautet:
„Hauptsache, es geht „den anderen“ noch schlechter als mir selbst!“
Dabei sind die Extremisten nicht mehr bereit, sich vorzustellen, wer am Ende wirklich von der extremistischen Politik profitieren würden. Das sind nämlich eben die eingangs erwähnten Superreichen und ihre Mitläufer, also die tatsächlichen Eliten. Paradoxerweise sind die Profiteure also genau die, gegen die man als Extremist ja eigentlich etwas haben und gegen die man aufstehen sollte, weil sie ja in erster Linie für die eigene prekäre soziale Lage verantwortlich sind. Aber nein: der Hass richtet sich ausschließlich nach unten, und selten nach oben.88Mudde, C. (2004). The populist zeitgeist. Government and Opposition, 39(4), 541–563. doi:10.1111/j.1477-7053.2004.00135.x89Sidanius, J. & Pratto, F. (1999). Social Dominance: An Intergroup Theory of Social Hierarchy and Oppression. Cambridge: Cambridge University Press. Es ist wirklich so stumpf: Menschen können politische Maßnahmen unterstützen, die ihnen selbst wenig nutzen oder sogar schaden, wenn diese Maßnahmen eine abgewertete Außengruppe noch stärker treffen oder die eigene Gruppe symbolisch aufwerten. Experimente und Umfragen zeigen, dass parteipolitische und gruppenbezogene Motive wirtschaftliche Eigeninteressen überlagern können.90Huddy, L., Mason, L. & Aarøe, L. (2015). Expressive partisanship: Campaign involvement, political emotion, and partisan identity. American Political Science Review, 109(1), 1–17. doi:10.1017/S000305541400060491Mason, L. (2018). Uncivil Agreement: How Politics Became Our Identity. Chicago: University of Chicago Press.

Das Geheimnis des Erfolgs
Der Erfolg extremistischer und autoritär-populistischer Kräfte lässt sich somit nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Er entsteht aus einem Zusammenspiel von realen Krisen, subjektivem Statusverlust, Vertrauensschwund, Identitätspolitik, charismatischer Führung, wirksamen Feindbildern und digitalen Kommunikationsstrukturen. Extremisten sind nicht deshalb erfolgreich, weil alle ihre Anhänger ungebildet, psychisch krank oder von Natur aus bösartig wären. Erfolgreich werden sie, wenn sie reale Probleme mit einfachen Schuldzuweisungen verbinden, Unsicherheit in Gewissheit verwandeln, persönliche Kränkungen politisieren und Zugehörigkeit als Belohnung anbieten. Sie schaffen ein geschlossenes Weltbild, in dem die eigene Gruppe gut, die Gegenseite böse und jeder Widerspruch Teil einer Verschwörung ist. So wird aus berechtigter Unzufriedenheit schrittweise ein Denken, das Kompromisse, Pluralismus und die Würde anderer Menschen ablehnt.92Kruglanski, A. W. et al. (2014). The psychology of radicalization and deradicalization: How significance quest impacts violent extremism. Political Psychology, 35(S1), 69–93. doi:10.1111/pops.1216393van den Bos, K. (2020). Unfairness and radicalization. Annual Review of Psychology, 71, 563–588. doi:10.1146/annurev-psych-010419-050953 Auch das Internet und die sozialen Medien sind nicht allein für das Phänomen verantwortlich. Dass sie es jedoch beschleunigen, verstärken und über nationale Grenzen hinweg vernetzen, kann niemand bestreiten.94Norris, P. & Inglehart, R. (2019). Cultural Backlash: Trump, Brexit, and Authoritarian Populism. Cambridge: Cambridge University Press.95Mudde, C. (2019). The Far Right Today. Cambridge: Polity.
In Europa haben radikal rechte und rechtspopulistische Parteien in zahlreichen Ländern hohe Stimmenanteile erreicht und teilweise Regierungsverantwortung übernommen oder Regierungen parlamentarisch gestützt. Auch außerhalb Europas ist demokratische Autokratisierung ein wachsendes Problem. Der V-Dem-Demokratiebericht 2026 beschreibt eine anhaltende globale Welle des Demokratieabbaus und warnt davor, dass inzwischen auch etablierte westliche Demokratien betroffen sind. Wahlerfolge allein beweisen selbstverständlich noch keinen Extremismus; entscheidend ist, ob Parteien Pluralismus, unabhängige Gerichte, freie Medien, Minderheitenrechte und faire politische Konkurrenz respektieren.96Nord, M. et al. (2026). Democracy Report 2026: Unraveling the Democratic Era? Gothenburg: V-Dem Institute.97Freedom House (2025). Freedom in the World 2025: The Uphill Battle to Safeguard Rights. Washington, D.C.: Freedom House.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Erfolg von Extremisten und Populisten durch eine Kombination aus sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, technologischen und vor allem psychologischen Faktoren erklärt werden kann. Um diesen Trends entgegenzuwirken, ist es wichtig, die zugrunde liegenden Ursachen zu verstehen und geeignete Strategien zur Förderung von Bildung, Aufklärung und demokratischen Werten zu entwickeln. Und das kann man am besten tun, wenn man sich einmal vor Augen führt, wenn man überhaupt nichts unternimmt! So schrieb schon Edmund Burke:
„Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“
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Wie wir aber nun doch etwas gegen das Erstarken von Extremismus und Populismus tun können, darum soll es im nächsten Artikel gehen. Die Lage ist nämlich absolut nicht hoffnungslos, auch wenn mit diesem Text hier vielleicht ein anderer Eindruck entstanden sein könnte. Denn erstens sind wir rational denkenden und nicht-extremen Menschen immer noch in der Mehrheit. Und wenn wir wissen, wie, können wir auch viele, die sich erst am Anfang ihrer Radikalisierung befinden, immer noch zurück in die demokratische Mitte holen. Lies also bitte unbedingt weiter! |
Hier kommst du zu den weiteren Extremismus-Artikeln:
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Was ist Extremismus?
Welche Formen von Extremismus gibt es? Wer sind die gefährlichsten Extremisten? Wieso sind Extremisten so erfolgreich? Was können wir gegen Extremismus tun? |
Noch eine letzte Bitte
Wer Artikel wie diese hier veröffentlicht, muss damit rechnen, zu polarisieren. Was traurig genug ist: ich bemühe mich hier grundsätzlich um einen sachlichen Stil, um ein gemeinsames Auskommen miteinander und trete für nichts Geringeres ein als für elementare Grund- und Menschenrechte, von denen wir am Ende alle profitieren und die niemandem einen Nachteil bereiten. Das scheint für einige da draußen aber trotzdem ein Grund für Empörung zu sein.
Für mich als Autor bleibt das leider nicht ohne Folgen. In der Vergangenheit habe ich mehrfach erlebt, dass Beiträge über Toleranz, Diskriminierung und meine klare Ablehnung von Extremismus von gezielten persönlichen Angriffen begleitet wurden. Besonders auffällig war, dass die Bewertungen meiner Bücher auf Amazon häufig unmittelbar nach solchen Veröffentlichungen deutlich schlechter ausfielen. Ich habe sogar einige besonders treue „Fans“, die schon gleich am ersten Tag nach der Neuerscheinung eines meiner Bücher direkt einen 1-Sterne-Verriss schreiben. Auch auf Facebook und Instagram wurde ich wiederholt ohne nachvollziehbaren Grund gemeldet und meine Seite vorrübergehend gesperrt. Dennoch zeigen solche Vorfälle, mit welchen Methoden manche Menschen versuchen, mich einzuschüchtern, mundtot zu machen und mir wirtschaftlich zu schaden.
Ich würde diese Zeilen hier nicht schreiben, wenn es nicht wirklich ernst wäre. Normalerweise würde ich ja über diesen Anfeindungen stehen. Da es aber tatsächlich Konsequenzen für meine Sichtbarkeit hat, und ich es schlichtweg übelst feige und gemein finde, jemandem mit falschen Bewertungen eins auszuwischen, möchte ich alle meine Leser dringend darum bitten, mir zu helfen. Nimm auch du dir doch bitte ein paar Minuten Zeit und gib meinen Büchern, sofern du sie kennst und sie dir gefallen haben, eine ehrliche Bewertung auf Amazon. Darüber würde ich mich nicht nur sehr freuen, du unterstützt dabei auch meinen eigenen Kampf gegen Extremismus.
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Vielen Dank! ❤️🙏
Quellenangaben:
- 1Stockemer, D., Lentz, T. & Mayer, D. (2018). Individual predictors of the radical right-wing vote in Europe: A meta-analysis of articles in peer-reviewed journals (1995–2016). doi:10.1017/gov.2018.2
- 2Decker, O., Kiess, J., Heller, A. & Brähler, E. (2024). Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024.
- 3Hodson, G. & Busseri, M. A. (2012). Bright minds and dark attitudes: Lower cognitive ability predicts greater prejudice through right-wing ideology and low intergroup contact. doi: 10.1177/0956797611421206
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