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Die Weißen Steine

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Pseudowissenschaftliche Scheinargumente – bekämpfen!

Posted on Februar 3, 2025Juli 30, 2026 by Markus Kretschmer
Lesedauer 67 Minuten

Pseudowissenschaft begegnet uns heute fast überall. Besonders auf Social Media geben etliche Nicht-Experten Tipps zu Gesundheit und Ernährung, fabulieren über Klimawandel und verbreiten auch Verschwörungsmythen. Oft wirken sie auf den ersten Blick glaubwürdig, geben sich sogar als studierte Akademiker aus. Doch entlarven sie sich selbst duch pesudowissenschaftliche Scheinargumente, logische Fehlschlüsse und gezielte Manipulation. Hier lernst du ihre Maschen kennen und das nötige „Kung Fu“, um sie zu kontern.


Was ist Pseudowissenschaft?

Wir leben in einer Zeit, in der sich Informationen rasant verbreiten. Aber nicht immer beruhen sie auf verlässlicher, wissenschaftlicher Grundlage. Besonders gefährlich wird es, wenn sich Personen den Anschein von Wissenschaftlichkeit geben, obwohl sie selbst überhaupt keine Forschung betreiben. Sogenannte Pseudowissenschaftler treten mit Grafiken, Fachbegriffen oder Laborkitteln auf, zitieren selektiv Studien oder verwenden wissenschaftlich klingende Sprache, um ihren Aussagen Autorität zu verleihen. Gerade in brisanten gesellschaftlichen Debatten, etwa zur Klimakrise, aber auch zu Evolution und insbesondere bei Gesundheits- oder Ernährungsthemen, melden sich diese Akteure zu Wort. Ihre Ziele: dich vom Kauf der von ihnen beworbenen Produkte zu überzeugen, um sich persönlich zu bereichern. Dieses Quacksalbertum ist als „Gewerbe“ wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst.

Zuerst solltest du dir bewusst machen: Pseudowissenschaftler imitieren echte Wissenschaft! Sie sprechen gezielt jene Menschen an, die sich ohnmächtig oder überfordert fühlen und eine einfache Erklärung für komplexe Probleme suchen. Mit verhängnisvoller Wirkung: Sie untergraben das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen, fördern Verschwörungsdenken, verzerren die öffentliche Debatte und gefährden so die freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung. Es ist somit auch für dich persönlich wichtig, die rhetorischen Strategien und typischen Trugschlüsse pseudowissenschaftlicher Argumentation zu erkennen. Denn nicht nur du selbst, sondern auch Menschen, die dir am Herzen liegen, können durch pseudowissenschaftlichen Unsinn in Gefahr geraten. Sogar in Lebensgefahr! Zu verstehen, wie sich seriöse Wissenschaft von ihrem Zerrbild unterscheidet, ist also eine wichtige Form der Medienkompetenz.1Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.0022West, J. D. & Bergstrom, C. T. (2021). Misinformation in and about science. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(15), e1912444117. doi:10.1073/pnas.19124441173Gsenger, R. (2025). Die Finanzierung von Desinformation: Ein Überblick über Akteure, Profiteure und deren Infrastruktur. Springer VS, Wiesbaden. doi:10.1007/978-3-658-48048-64Schüz, B. & Jones, C. (2024). Falsch- und Desinformation in sozialen Medien: Ansätze zur Minimierung von Risiken in digitaler Kommunikation über Gesundheit. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 67, 300–307. doi:10.1007/s00103-024-03836-25Schlag, M. (2023). Wege durch den Informationsdschungel: Psychologische Faktoren erkennen und bewerten. Springer VS, Wiesbaden. doi:10.1007/978-3-658-40330-06Lilienfeld, S. O. & Landfield, K. (2008). Science and pseudoscience in law enforcement: A user-friendly primer. Criminal Justice and Behavior, 35(10), 1215–1230. doi:10.1177/00938548083215267Douglas, K. M. et al. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 538–542. doi:10.1177/09637214177182618Ecker, U. K. H. et al. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. doi:10.1038/s44159-021-00006-y9van Prooijen, J.-W. & Douglas, K. M. (2017). Conspiracy theories as part of history: The role of societal crisis situations. Memory Studies, 10(3), 323–333. doi:10.1177/1750698017701615

Die scheinbare Gewissheit und schnellen Lösungen der Pseudowissenschaften sind oft verlockend und können bereits beim ersten Mal sehr überzeugend klingen. Aber: Wir können ihr perfides Schema erkennen, wenn wir auf einige klare Warnsignale achten. Und dann müssen wir sofort anfangen, selbst zu denken – was ein bisschen ironisch ist, denn Wissenschaftsleugner behaupten ja ständig und sehr laut, genau das zu tun. Tun sie aber nicht! Lass dich von solcher Großspurigkeit nicht beeindrucken!10Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.00211West, J. D. & Bergstrom, C. T. (2021). Misinformation in and about science. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(15), e1912444117. doi:10.1073/pnas.191244411712Schüz, B. & Jones, C. (2024). Falsch- und Desinformation in sozialen Medien: Ansätze zur Minimierung von Risiken in digitaler Kommunikation über Gesundheit. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 67, 300–307. doi:10.1007/s00103-024-03836-213Schlag, M. (2023). Wege durch den Informationsdschungel: Psychologische Faktoren erkennen und bewerten. Springer VS, Wiesbaden. doi:10.1007/978-3-658-40330-014Lilienfeld, S. O. & Landfield, K. (2008). Science and pseudoscience in law enforcement: A user-friendly primer. Criminal Justice and Behavior, 35(10), 1215–1230. doi:10.1177/0093854808321526


Der Unterschied zwischen „schlechter“ Wissenschaft und Pseudowissenschaft

Pseudowissenschaft unterscheidet sich sogar eklatant von „schlechter“ Wissenschaft. Was? Es gibt auch „schlechte“ Wissenschaft? Natürlich gibt es die! Wissenschaftler sind ja schließlich auch nur Menschen. Und alle Menschen machen Fehler. Manche haben auch Fehler, nämlich charakterliche. Und wieder andere stehen unter einem so hohen Veröffentlichungsdruck, dass Fehler und Schlampereien direkt vorprogrammiert sind. Der entscheidende Unterschied, der schlechte Wissenschaft von Pseudowissenschaft trennt: Schlechte Wissenschaft nutzt durchaus wissenschaftliche Methoden. Die Schlampereien passieren lediglich bei der Anwendung. Wir sprechen hier z. B. von zu kleinen Stichproben, Verzerrungen oder auch bewusster Übertreibung und sogar Falschdarstellung.15Fanelli, D. (2009). How many scientists fabricate and falsify research? A systematic review and meta-analysis of survey data. PLoS ONE, 4(5), e5738. doi:10.1371/journal.pone.000573816Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/174569161246068717Ioannidis, J. P. A. (2005). Why most published research findings are false. PLoS Medicine, 2(8), e124. doi:10.1371/journal.pmed.002012418Open Science Collaboration (2015). Estimating the reproducibility of psychological science. Science, 349(6251), aac4716. doi:10.1126/science.aac471619Fanelli, D. (2010). Do pressures to publish increase scientists’ bias? An empirical support from US states data. PLoS ONE, 5(4), e10271. doi:10.1371/journal.pone.0010271  Auch in der Paläontologie gibt es durchaus Forscher, denen vorgeworfen wurde, wissenschaftliche Standards (bewusst oder unbewusst!) verletzt zu haben: Vorwürfe von Datenmanipulation oder auch die Kleinhaltung oder gar Verweigerung der Transparenz für andere Forscher findet man auch in unserer Lieblingsdisziplin.

Aber: ein schlechter Wissenschaftler mit einem schlechten wissenschaftlichen Paper fliegt früher oder später auf, weil ihm dabei ja die gesamte akademische Fachwelt auf die Finger schaut. Wenn du selbst schon einmal bei einer Klassenarbeit geschummelt hast und damit durchgekommen bist: Schwein gehabt. Als Forscher musst du dir aber vorstellen, dass deine „Klassenarbeit“ durch die Hände und unter die Augen des gesamten Lehrerkollegiums kommen kann. Und zwar weltweit! Dieses Prinzip ist das sogenannte Peer Review.

Schon vor deiner wissenschaftlichen Veröffentlichung schauen mehrere wachsame Augen darauf, von Leuten, die alle mindestens genauso clever sind wie du. Peer Review ist zwar kein perfekter Sicherheitsfilter, und manche Fehler oder Fälschungen bleiben lange unentdeckt. Gerade deshalb lebt Wissenschaft nicht von blindem Vertrauen in einzelne Veröffentlichungen, sondern von fortlaufender Kritik, Überprüfung und der Gesamtheit der verfügbaren Evidenz.Doch selbst wenn du erst einmal mit deiner Schummelei durchkommst, kann jederzeit, noch Jahre nach deiner Veröffentlichung, ein anderer Forscher deine Fehler bemerken! Es stellt sich somit weniger die Frage, ob deine Schummelei irgendwann jemandem auffällt, sondern vielmehr, wann.20Smith, R. (2006). Peer review: A flawed process at the heart of science and journals. Journal of the Royal Society of Medicine, 99(4), 178–182. doi:10.1177/01410768060990041421Bornmann, L. (2011). Scientific peer review. Annual Review of Information Science and Technology, 45(1), 197–245. doi:10.1002/aris.2011.144045011222Horbach, S. P. J. M. & Halffman, W. (2018). The changing forms and expectations of peer review. Research Integrity and Peer Review, 3, 8. doi:10.1186/s41073-018-0051-523Fanelli, D. (2009). How many scientists fabricate and falsify research? A systematic review and meta-analysis of survey data. PLoS ONE, 4(5), e5738. doi:10.1371/journal.pone.000573824Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/1745691612460687

Und somit kann auch „schlechte“ Wissenschaft am Ende doch wieder gut werden! Vorausgesetzt natürlich, ein Fehler wird entdeckt, transparent gemacht und korrigiert. Nachgewiesenes wissenschaftliches Fehlverhalten – insbesondere bei erwiesenem Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit – kann Rücknahmen von Veröffentlichungen, den Verlust von Fördermitteln und schwere berufliche Konsequenzen nach sich ziehen.25Longino, H. E. (1990). Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry. Princeton University Press, Princeton.26Bak, P. M. (2025). Psychologie als Wissenschaft: Grundlagen, Probleme und Herausforderungen. Springer, Berlin/Heidelberg. doi:10.1007/978-3-662-71181-127Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/174569161246068728Fanelli, D. (2009). How many scientists fabricate and falsify research? A systematic review and meta-analysis of survey data. PLoS ONE, 4(5), e5738. doi:10.1371/journal.pone.000573829Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/1745691612460687

Die Prinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens

Wie echte Forschung eigentlich funktioniert, habe ich in einem eigenen Artikel ausführlich erklärt. Schau gerne rein, wenn du lernen möchtest, wie du seriöse Forschung von Pseudowissenschaft unterscheiden kannst!


Warum wir auf Pseudowissenschaft hereinfallen

Pseudowissenschaft hingegen kann niemals gute Wissenschaft werden, weil sie eben gar keine Wissenschaft ist und auf alle diese wichtigen Standards pfeift! Sie ist aber dennoch nicht zu unterschätzen, weil sie sehr leicht verfängt. Sie arbeitet ja vor allem emotional, aber auch mit einer Argumentationsstrategie, die für Laien ohne wissenschaftlichen Hintergrund oft seriös und überzeugend klingt. Dahinter steckt ein System von Erklärungen, Methoden und Annahmen, das sich als Wissenschaft ausgibt und auch oft hochgestochene, akademische Sprache verwendet. Dabei werden aber die grundlegenden wissenschaftlichen Prinzipien wie Überprüfbarkeit und Falsifizierbarkeit nicht beachtet! Aber wieso wirkt es trotzdem? Wieso fallen nicht nur die allerletzten Dummköpfe darauf rein, sondern auch viele ganz normale, anständig gebildete Leute?30Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.00231West, J. D. & Bergstrom, C. T. (2021). Misinformation in and about science. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(15), e1912444117. doi:10.1073/pnas.191244411732Schüz, B. & Jones, C. (2024). Falsch- und Desinformation in sozialen Medien: Ansätze zur Minimierung von Risiken in digitaler Kommunikation über Gesundheit. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 67, 300–307. doi:10.1007/s00103-024-03836-233Schlag, M. (2023). Wege durch den Informationsdschungel: Psychologische Faktoren erkennen und bewerten. Springer VS, Wiesbaden. doi:10.1007/978-3-658-40330-034Lilienfeld, S. O. & Landfield, K. (2008). Science and pseudoscience in law enforcement: A user-friendly primer. Criminal Justice and Behavior, 35(10), 1215–1230. doi:10.1177/0093854808321526

Emotionale Verknüpfungen, logische Trugschlüsse und anekdotenbasierte Evidenz

Wir Menschen sind Wesen, die immerzu nach Mustern suchen. Wir mögen keine Unsicherheit und streben stets nach Kontrolle, besonders in schwierigen Situationen, etwa bei einer schwer lösbaren medizinischen Erkrankung. Pseudowissenschaft nutzt dies aus, indem sie einfache, sichere Lösungen für schwierige Probleme verspricht. Ihre Vertreter sprechen oft mit absoluter Überzeugung, während evidenzbasierte Fachleute vorsichtig formulieren und in Wahrscheinlichkeiten sprechen. Genau hier liegt das Problem: denn das wirkt natürlich weit weniger beruhigend und stimmt einen bei ernsten Problemen auch nicht unbedingt zuversichtlich.35Whitson, J. A. & Galinsky, A. D. (2008). Lacking control increases illusory pattern perception. Science, 322(5898), 115–117. doi:10.1126/science.115984536van Prooijen, J.-W. & Acker, M. (2015). The influence of control on belief in conspiracy theories: Conceptual and applied extensions. Applied Cognitive Psychology, 29(5), 753–761. doi:10.1002/acp.316137Douglas, K. M. et al. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 538–542. doi:10.1177/096372141771826138Ecker, U. K. H. et al. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. doi:10.1038/s44159-021-00006-y

Wenn dir ein Arzt z. B. von einer Erfolgsquote von 64,8% bei einer Therapiemethode für deine ernste, vielleicht sogar lebensbedrohliche Krankheit erzählt (was eigentlich hoch ist!), und du dann auch noch unter den unangenehmsten Nebenwirkungen zu leiden hast – dann macht das natürlich nur wenig Mut. Wenn du aber von einem Pseudowissenschaftler hörst, dass er jeden einzelnen (!) seiner Patienten in null Komma nichts und ohne Nebenwirkungen heilen konnte – dann sind diese Behauptungen deutlich hoffnungs- und reizvoller. Und du denkst dir dann: wieso nicht wenigstens mal ausprobieren? Wenn dann sogar tatsächlich endlich eine Besserung eintritt, dein Leiden vielleicht sogar wirklich ein Ende nimmt und du wieder ganz gesund wirst, könntest du sogar zu dem Schluss kommen, dass es allein an den „alternativen“ Methoden lag.39Hróbjartsson, A. & Gøtzsche, P. C. (2010). Placebo interventions for all clinical conditions. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2010(1), CD003974. doi:10.1002/14651858.CD003974.pub340Wager, T. D. & Atlas, L. Y. (2015). The neuroscience of placebo effects: Connecting context, learning and health. Nature Reviews Neuroscience, 16, 403–418. doi:10.1038/nrn397641Shang, A. et al. (2005). Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. The Lancet, 366(9487), 726–732. doi:10.1016/S0140-6736(05)67177-242Ernst, E. (2002). A systematic review of systematic reviews of homeopathy. British Journal of Clinical Pharmacology, 54(6), 577–582. doi:10.1046/j.1365-2125.2002.01699.x

Mentale Abkürzungen

Diese Denkweise, die sich oft zu festen Überzeugungen verfestigt, kann man als „mentale Abkürzungen“ bezeichnen. Sie verstärken den Reiz der Pseudowissenschaft: Bestätigungsfehler (sog. confirmation bias) und motiviertes Denken (motivated reasoning) begünstigen letzten Endes nämlich oftmals genau das, was wir uns wünschen. Das erklärt übrigens auch die „Wirkung“ von Placebo-Medikamenten oder Homöopathika! Eigentlich „wirkt“ da nämlich gar nichts. Aber die Psychologie ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Bewältigung auch der allergrößten Probleme. Und oft sind Erfolg, ja sogar Gesundheit, sogar vor allem eine Frage der richtigen Einstellung. Gesundheit ist jedoch keineswegs vor allem eine Frage des richtigen „Denkens“ oder „Glaubens“.43Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. doi:10.1037/1089-2680.2.2.17544Pennycook, G. & Rand, D. G. (2019). Lazy, not biased: Susceptibility to partisan fake news is better explained by lack of reasoning than by motivated reasoning. Cognition, 188, 39–50. doi:10.1016/j.cognition.2018.06.01145Ludwig, J. & Sommer, J. (2024). Mindsets and politically motivated reasoning about fake news. Motivation and Emotion, 48, 249–263. doi:10.1007/s11031-024-10067-046Kunda, Z. (1990). The case for motivated reasoning. Psychological Bulletin, 108(3), 480–498. doi:10.1037/0033-2909.108.3.48047Hróbjartsson, A. & Gøtzsche, P. C. (2010). Placebo interventions for all clinical conditions. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2010(1), CD003974. doi:10.1002/14651858.CD003974.pub348Wager, T. D. & Atlas, L. Y. (2015). The neuroscience of placebo effects: Connecting context, learning and health. Nature Reviews Neuroscience, 16, 403–418. doi:10.1038/nrn397649Shang, A. et al. (2005). Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. The Lancet, 366(9487), 726–732. doi:10.1016/S0140-6736(05)67177-250Ernst, E. (2002). A systematic review of systematic reviews of homeopathy. British Journal of Clinical Pharmacology, 54(6), 577–582. doi:10.1046/j.1365-2125.2002.01699.x

Somit lassen wir uns eher von anschaulichen Anekdoten als von statistischen Daten überzeugen. Und das passiert jedem von uns! Auch ich bin, ohne dass ich auch nur den Hauch eines wissenschaftlichen Belegs dafür habe, und ohne dass ich mir dessen bewusst bin, selbst sicherlich von allerlei Quatsch überzeugt. Wichtig ist: wir dürfen einander für unsere Überzeugungen nicht verurteilen. Wenn diese aber tatsächlich problematisch werden, sollten wir vielmehr versuchen, unsere Mitmenschen mit logischen Argumenten zu überzeugen. Sie sanft auf die Problematik hinweisen, aber ohne Vorwürfe zu erheben. Das kann mitunter aber ziemlich schwierig sein. Deshalb braucht man bei diesem Thema sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Und man muss auch bereit sein, anzuerkennen, wenn der oder die andere die gutgemeinten Ratschläge nicht will. Dränge dich also bitte niemandem auf, wenn er eine starke Ablehnung signalisiert.51Hoeken, H. & Hustinx, L. (2009). When is statistical evidence superior to anecdotal evidence in supporting probability claims? The role of argument type. Human Communication Research, 35(4), 491–510. doi:10.1111/j.1468-2958.2009.01360.x52Allen, M. & Preiss, R. W. (1997). Comparing the persuasiveness of narrative and statistical evidence using meta-analysis. Communication Research Reports, 14(2), 125–131. doi:10.1080/0882409970938865453Hornikx, J. (2018). Combining anecdotal and statistical evidence in real-life discourse: Comprehension and persuasiveness. Discourse Processes, 55(3), 324–336. doi:10.1080/0163853X.2017.131219554Lewandowsky, S. et al. (2012). Misinformation and its correction: Continued influence and successful debiasing. Psychological Science in the Public Interest, 13(3), 106–131. doi:10.1177/152910061245101855Chan, M.-P. S. et al. (2017). Debunking: A meta-analysis of the psychological efficacy of messages countering misinformation. Psychological Science, 28(11), 1531–1546. doi:10.1177/095679761771457956Dan, V. (2021). Von Fehlinformationen lernen: Ein unkonventioneller Vorschlag zur Konzeption von Richtigstellungen. Publizistik, 66, 277–294. doi:10.1007/s11616-021-00667-y


Zehn Warnsignale für Pseudowissenschaft

Was du aber durchaus verlangen kannst: Dass dein Gegenüber sein eigenes Verhalten und seine „Überzeugungen“ selbst reflektiert. Und du kannst ihm die Möglichkeit an die Hand geben, selbst zu erkennen, wo denn die Schwächen in der Argumentation liegen, wenn er Opfer von pseudowissenschaftlichem Nonsens wurde. Aus der Psychologie habe ich dir hier nun einige Warnsignale herausgearbeitet, wie du Pseudowissenschaft erkennen und durchschauen kannst. Wie du hoffentlich nicht mehr so leicht selbst darauf hereinfällst. Und wie du das auch anderen beibringen kannst – ohne aufdringlich zu sein!57Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.00258West, J. D. & Bergstrom, C. T. (2021). Misinformation in and about science. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(15), e1912444117. doi:10.1073/pnas.191244411759Schüz, B. & Jones, C. (2024). Falsch- und Desinformation in sozialen Medien: Ansätze zur Minimierung von Risiken in digitaler Kommunikation über Gesundheit. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 67, 300–307. doi:10.1007/s00103-024-03836-260Schlag, M. (2023). Wege durch den Informationsdschungel: Psychologische Faktoren erkennen und bewerten. Springer VS, Wiesbaden. doi:10.1007/978-3-658-40330-061Lilienfeld, S. O. & Landfield, K. (2008). Science and pseudoscience in law enforcement: A user-friendly primer. Criminal Justice and Behavior, 35(10), 1215–1230. doi:10.1177/0093854808321526

Deshalb: Wenn du das alles schon vorher wusstest, gut. Aber sprich bitte auch mit deinen Mitmenschen, insbesondere mit Kindern darüber! Diese zehn Signale können auch die Kleinsten spielend einfach zu erkennen lernen. Aber sie werden in der Schule leider oft nicht oder nur unzureichend gelehrt. Von daher liegt es an dir als Mama oder Papa, deinem Kind das nötige Know-how mitzugeben. Besonders in einer Welt, in der Pseudowissenschaft immer sichtbarer, lauter und „angesagter“ wird. Denn viele Pseudowissenschaften sind wirklich gefährlich!62Diethelm, P. & McKee, M. (2009). Denialism: What is it and how should scientists respond? European Journal of Public Health, 19(1), 2–4. doi:10.1093/eurpub/ckn13963Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f64Rosenau, J. (2012). Science denial: A guide for scientists. Trends in Microbiology, 20(12), 567–569. doi:10.1016/j.tim.2012.10.00265Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002

#1: Nicht falsifizierbare Behauptungen

Pseudowissenschaftler behaupten gerne, dass Krankheiten durch bestimmte „negative“ Energien, durch Schwingungen des zu sich genommenen Wassers oder sogar durch „böse Geister“ ausgelöst werden. Wenn du dann nachfragst, ob es denn dafür auch einen Beleg oder eine wissenschaftliche Arbeit dazu gibt, hörst du dann oft das Narrativ, dass die Wissenschaft ja vieles heute noch gar nicht wüsste und noch lange nicht alles erklären könne. Das mag zwar vielleicht stimmen, aber: Die Nichtexistenz eines beliebig definierten, prinzipiell unbeobachtbaren Gegenstands lässt sich gar nicht beweisen. Zwar wohl kann die Forschung konkrete Existenzbehauptungen nach Wahrscheinlichkeit testen, starke Obergrenzen bestimmen oder zeigen, dass vorhergesagte Wirkungen ausbleiben. Wer eine zusätzliche Ursache behauptet, muss aber selbst überprüfbare Belege und Vorhersagen liefern.66Popper, K. R. (2002 [1959]). The Logic of Scientific Discovery. Routledge, London.67Mahner, M. (2007). Demarcating science from non-science. In: Kuipers, T. A. F. (Hrsg.). General Philosophy of Science: Focal Issues. Elsevier, Amsterdam, 515–575. doi:10.1016/B978-044451548-3/50011-268Hansson, S. O. (2025). Science and pseudo-science. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford University, Stanford.

Egal ob es um Energien, Schwingungen oder Geister, oder auch Feen, Drachen und Kobolde geht: Eine Behauptung, die niemals als falsch nachgewiesen werden kann, ist auch niemals wissenschaftlich, egal welcher hochdekorierte Professor davon schwadroniert! Du solltest jedenfalls immer dann skeptisch werden, wenn du erkennst, dass dein Gegenüber dir gar keine Möglichkeit zum Widerlegen einer bestimmten Behauptung offenlässt. Denn offen gesagt fordert man hier von dir nur einen blinden Glauben ein.69Popper, K. R. (2002 [1959]). The Logic of Scientific Discovery. Routledge, London.70Mahner, M. (2007). Demarcating science from non-science. In: Kuipers, T. A. F. (Hrsg.). General Philosophy of Science: Focal Issues. Elsevier, Amsterdam, 515–575. doi:10.1016/B978-044451548-3/50011-271Hansson, S. O. (2025). Science and pseudo-science. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford University, Stanford.

#2: Umkehrung der Beweislast

Der nächste Schritt, der mit dem ersten Punkt oft Hand in Hand geht: Pseudowissenschaftler brüsten sich oft damit, dass die „Gegenseite“ ihre Behauptungen nicht widerlegen könne. Oder: dass die Forschung bislang noch keinen Beweis erbringen konnte, dass die behaupteten Ursachen für bestimmte Probleme wie Krankheiten nicht existieren! Damit zäumen sie das Pferd aber von hinten auf. In einer rationalen, wissenschaftlichen Argumentation muss – übrigens genau wie vor Gericht! – immer derjenige, der eine Behauptung (oder Beschuldigung) aufstellt, die Beweise liefern.

In einer rationalen wissenschaftlichen Argumentation liegt die Begründungslast grundsätzlich bei der Person, die eine positive Behauptung aufstellt. Je außergewöhnlicher und folgenreicher die Behauptung ist, desto belastbarer müssen die Belege sein. Der bloße Umstand, dass eine Behauptung bislang nicht widerlegt wurde, macht sie noch nicht wahr.72Popper, K. R. (2002 [1959]). The Logic of Scientific Discovery. Routledge, London.73Mahner, M. (2007). Demarcating science from non-science. In: Kuipers, T. A. F. (Hrsg.). General Philosophy of Science: Focal Issues. Elsevier, Amsterdam, 515–575. doi:10.1016/B978-044451548-3/50011-274Hansson, S. O. (2025). Science and pseudo-science. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford University, Stanford.

Wenn z. B. ein Pseudo-Archäologe davon schwadroniert, dass die „Mainstream-Wissenschaftler“ seine Thesen zu einem frühen Kontakt zwischen Ägyptern und den alten Maya noch nicht widerlegen konnten; oder dass es bislang keinen „echten“ Beweis dafür gäbe, dass die Pyramiden nicht viel älter sind als bislang gedacht – dann ist das Pseudowissenschaft! Wie du selbst erkennst: hier kehrt jemand die Beweislast um. Denn der Typ müsste nämlich selbst Belege liefern, dass seine Thesen stimmen. Wenn er aber noch nicht einmal einen Hinweis bringen kann – und Vermutungen sind keine Hinweise!  – dann ist die echte Wissenschaft ihm nicht das geringste schuldig.

#3: Faule Ausreden (Special Pleading)

Das Weg-Erklären unbequemer Wahrheiten gehört ebenfalls mit zum Repertoire des Schwurblers. Denn natürlich tätigt er durchaus auch Behauptungen, die sich sehr wohl wissenschaftlich überprüfen und widerlegen lassen. Wenn aber dann tatsächlich stichhaltige Daten und Fakten gegen die eigene Position vorgebracht werden, erfindet der Pseudowissenschaftler einfach Ausreden. Das ist aber immer ein logischer Fehlschluss, bei dem er eine künstliche Ausnahme konstruiert, um die Behauptung zu retten.75Diethelm, P. & McKee, M. (2009). Denialism: What is it and how should scientists respond? European Journal of Public Health, 19(1), 2–4. doi:10.1093/eurpub/ckn13976Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f77Rosenau, J. (2012). Science denial: A guide for scientists. Trends in Microbiology, 20(12), 567–569. doi:10.1016/j.tim.2012.10.00278Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002

Ein hervorragendes Beispiel hierfür findet man immer wieder beim Thema Homöopathie. Hier haben mehrere empirische Studien mit Test- und Kontrollgruppe keinerlei Unterschied zwischen homöopathischen Mitteln und Placebos nachweisen können. Die Anhängerschaft liefert aber natürlich gerne Ausreden: „Ja, aber Homöopathie kann nur wirken, wenn der Patient auch wirklich daran glaubt. Das kann man in Studien gar nicht richtig messen.“ Merkst du den Fehler selbst? Denn schon sind wir wieder bei den ersten beiden Punkten.79Shang, A. et al. (2005). Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. The Lancet, 366(9487), 726–732. doi:10.1016/S0140-6736(05)67177-280Ernst, E. (2002). A systematic review of systematic reviews of homeopathy. British Journal of Clinical Pharmacology, 54(6), 577–582. doi:10.1046/j.1365-2125.2002.01699.x

#4: Rosinenpickerei

Was auch immer wieder vorkommt: Der Pseudowissenschaftler liefert dann mal wirklich eine echte wissenschaftliche Studie, um seine Position zu belegen. Das Raffinierte dabei: er sucht gezielt Belege heraus, die nur die eigene Behauptung stützen, und ignoriert den ganzen Rest. Zum Beispiel wird er vielleicht beim Thema „Wassergedächtnis“ mit einer echten Studie aus den 1980ern um die Ecke kommen. Was er dabei bewusst verschweigt: Dieses Experiment konnte nie unter kontrollierten Bedingungen erfolgreich wiederholt werden. Es verletzt damit den wissenschaftlichen Standard der Replizierbarkeit – und kann damit als unwissenschaftlich gelten.81Davenas, E. et al. (1988). Human basophil degranulation triggered by very dilute antiserum against IgE. Nature, 333, 816–818. doi:10.1038/333816a082Maddox, J., Randi, J. & Stewart, W. W. (1988). “High-dilution” experiments a delusion. Nature, 334, 287–290. doi:10.1038/334287a0

Das Gute ist: Du kannst das heute viel einfacher nachprüfen. Hake nach! Lass dir den vollständigen Titel, die Autoren und möglichst den DOI der Studie geben. Suche anschließend in wissenschaftlichen Datenbanken und nach systematischen Übersichtsarbeiten, Replikationen, Korrekturen oder Rücknahmen. Du kannst dazu auch eine KI benutzen und so herausfinden, ob diese Arbeit überhaupt noch Gültigkeit hat, oder ob sie längst als widerlegt gilt. Damit kannst du „faule“ Rosinen recht einfach entlarven. Und du kannst direkt mit echter Wissenschaft zurückargumentieren. Nutze die moderne Technik zu deinem Vorteil, dann hat ein Pseudowissenschaftler bei dir ganz schlechte Karten!83Davenas, E. et al. (1988). Human basophil degranulation triggered by very dilute antiserum against IgE. Nature, 333, 816–818. doi:10.1038/333816a084Maddox, J., Randi, J. & Stewart, W. W. (1988). “High-dilution” experiments a delusion. Nature, 334, 287–290. doi:10.1038/334287a0

#5: Missbrauch von Wissenschaftsjargon

Noch eine fiese Taktik ist der sogenannte „Kugelfisch„: Das ist ein rhetorischer Trick, bei dem jemand seine eigene Argumentation oder auch etwas zuvor Gesagtes künstlich aufbläht, um klüger, kompetenter und damit überzeugender zu wirken. Der Anwender setzt bewusst auf eine autoritär und fachlich klingende Sprache. Letzten Endes missbraucht er aber einfach nur den Fachjargon, denn der Inhalt des Gesagten hat meistens wenig bis gar keine Substanz. Es geht darum, mit kompliziert klingenden Begriffen und einer Flut an (oft irrelevanten) Informationen zu beeindrucken und den Gegner einzuschüchtern, anstatt wirklich eine schlüssige Beweisführung zu liefern. Eben wie ein Kugelfisch, der eigentlich ein ziemlich kleiner Fisch ist, sich aber aufbläst, um für seine Feinde größer zu wirken, als er eigentlich ist.85Lilienfeld, S. O., Lynn, S. J. & Ammirati, R. J. (2015). Science versus pseudoscience. In: Cautin, R. L. & Lilienfeld, S. O. (Hrsg.). The Encyclopedia of Clinical Psychology. Wiley, Hoboken. doi:10.1002/9781118625392.wbecp57286Pennycook, G. et al. (2015). On the reception and detection of pseudo-profound bullshit. Judgment and Decision Making, 10(6), 549–563. doi:10.1017/S193029750000699987Turpin, M. H. et al. (2019). Bullshit makes the art grow profounder. Judgment and Decision Making, 14(6), 658–670. doi:10.1017/S1930297500005386

Falls dir also jemand mit einer Sprache gegenübertritt, die du kaum oder gar nicht verstehst, lass den Kugelfisch platzen und fordere diesen „Profi“ doch mal dazu auf, es noch einmal in einfacheren Worten zu erklären. Dabei wirst du schnell merken, wenn der Typ selber keine Ahnung hat. Ein wichtiger Grundsatz der Didaktik ist nämlich: wenn ein vermeintlicher Experte das, wovon er redet, nicht sogar einem Sechsjährigen erklären kann, sodass der es wenigstens im Ansatz versteht, dann hat der „Experte“ nämlich selber keine Ahnung. Und wenn du selbst beim achten Nachhaken immer noch kaum ein Wort verstehst: Bingo, du hast sehr wahrscheinlich gerade ein Alarmsignal eines Pseudowissenschaftlers erkannt.88Lilienfeld, S. O., Lynn, S. J. & Ammirati, R. J. (2015). Science versus pseudoscience. In: Cautin, R. L. & Lilienfeld, S. O. (Hrsg.). The Encyclopedia of Clinical Psychology. Wiley, Hoboken. doi:10.1002/9781118625392.wbecp57289Pennycook, G. et al. (2015). On the reception and detection of pseudo-profound bullshit. Judgment and Decision Making, 10(6), 549–563. doi:10.1017/S193029750000699990Turpin, M. H. et al. (2019). Bullshit makes the art grow profounder. Judgment and Decision Making, 14(6), 658–670. doi:10.1017/S1930297500005386

#6: Übermäßiges Selbstvertrauen und „absolute“ Sprache

Ein wichtiger Grundsatz des wissenschaftlichen Arbeitens ist, wie bereits mehrfach erwähnt, die Falsifizierbarkeit. In Rücksichtnahme darauf, dass in der Forschung immer Platz für den Irrtum und für den Zugewinn von Erkenntnissen gelassen werden muss, verwendet ein echter Wissenschaftler immer eine „vorsichtige“ Sprache. Das Wort „wahrscheinlich“ begegnet einem hier zum Beispiel oft, oder auch Phrasen wie „unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass…“ oder „dies unterstützt die Annahme, dass…“.

Aber deute das bitte nicht als „Beweis“, dass die Forscher doch alle selbst keine Ahnung haben! Ja, dieses Narrativ bedienen Pseudowissenschaftler nämlich gerne! Ein echter Forscher kann es sich aber gar nicht erlauben, sich seiner Sache immer zu hundert Prozent sicher zu sein. Seriöse Forschende sollten den Grad der vorhandenen Sicherheit angemessen wiedergeben und zwischen Daten, Interpretation und Spekulation unterscheiden. Nur wissenschaftlich sehr gut gesicherte Aussagen dürfen eindeutig formuliert werden. Wer sich aber in fast jedem Satz und zu jedem möglichen Thema so „sicher“ und selbstbewusst ausdrückt, der liefert ein deutliches Warnsignal.91Light, M., Qiu, X. Y. & Srinivasan, P. (2004). The language of bioscience: Facts, speculations, and statements in between. In: BioLINK 2004, 17–24.92Kilicoglu, H. & Bergler, S. (2008). Recognizing speculative language in biomedical research articles: A linguistically motivated perspective. BMC Bioinformatics, 9(Suppl. 11), S10. doi:10.1186/1471-2105-9-S11-S1093Hyland, K. (1996). Writing without conviction? Hedging in science research articles. Applied Linguistics, 17(4), 433–454. doi:10.1093/applin/17.4.433

Wenn dir jemand also weismachen will, dass sein Brausepulver bei bisher allen behandelten Patienten immer auch die übelsten Erkältungen wegbekommen hat, dann solltest du bei dieser Art von Behauptung jedenfalls direkt misstrauisch werden. Superlative und absolute Formulierungen kommen in der Sprache eines Wissenschaftlers nicht vor. Ebenfalls ein sicheres Kennzeichen, dass dich jemand hinters Licht zu führen versucht: wenn ein bestimmtes Medikament (oder sonst ein Produkt!) ausschließlich positive Bewertungen und (angeblich) keinerlei Nebenwirungen hat. Besonders in der heutigen Zeit setzen Pseudowissenschaftler auch gerne auf KI und Deepfakes, um die Illusion zu erzeugen, dass ihre Behauptungen absolut wahr sind. In angeblich „gelöschten“ Videos sitzen dann auch gerne mal irgendwelche Prominente in irgendwelchen Talkshows, wo sie dann erzählen, wie sie mit Bitcoins oder bestimmten Finanzprodukten wahnsinnigen Erfolg erzielen konnten. Sei dir dieser schamlosen Täuschung immer bewusst und bleibe skeptisch!94Light, M., Qiu, X. Y. & Srinivasan, P. (2004). The language of bioscience: Facts, speculations, and statements in between. In: BioLINK 2004, 17–24.95Kilicoglu, H. & Bergler, S. (2008). Recognizing speculative language in biomedical research articles: A linguistically motivated perspective. BMC Bioinformatics, 9(Suppl. 11), S10. doi:10.1186/1471-2105-9-S11-S1096Hyland, K. (1996). Writing without conviction? Hedging in science research articles. Applied Linguistics, 17(4), 433–454. doi:10.1093/applin/17.4.43397Vaccari, C. & Chadwick, A. (2020). Deepfakes and disinformation: Exploring the impact of synthetic political video on deception, uncertainty, and trust in news. Social Media + Society, 6(1). doi:10.1177/205630512090340898Köbis, N. C., Doležalová, B. & Soraperra, I. (2021). Fooled twice: People cannot detect deepfakes but think they can. iScience, 24(11), 103364. doi:10.1016/j.isci.2021.103364

#7: Missachtung von Ockhams Rasiermesser

Ein wichtiges Grundprinzip der Forschung besteht bereits seit dem 14. Jahrhundert. Die Rede ist von Ockhams Rasiermesser: William of Ockham (1287–1347) postulierte schon damals, dass man von mehreren möglichen Erklärungen für ein Phänomen immer diejenige bevorzugen sollte, die die wenigsten zusätzlichen Annahmen voraussetzt und somit am einfachsten ist. Im Detail bedeutet dies: Ich kann wie mit einem Rasiermesser alle Hypothesen wegschneiden, die mehrere zusätzliche Parameter benötigen.99Sober, E. (2015). Ockham’s Razors: A User’s Manual. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/CBO9781107705937100Baker, A. (2016). Simplicity. In: Zalta, E. N. (Hrsg.). The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford University, Stanford. Ockhams Rasiermesser besagt zwar nicht, dass die einfachste Erklärung immer wahr ist. Es ist aber irrational, unbelegte Zusatzannahmen einzuführen, wenn eine bereits gut bestätigte Erklärung ausreicht, um den Umstand besser zu beschreiben.101Sober, E. (2015). Ockham’s Razors: A User’s Manual. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/CBO9781107705937102Baker, A. (2016). Simplicity. In: Zalta, E. N. (Hrsg.). The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford University, Stanford.

Wenn dir also jemand weismachen will, dass Mondfinsternisse von einem unsichtbaren Schattenobjekt verursacht wird, das nur dann sichtbar ist, wenn es den Mond beschattet – dann benötigt diese gewagte These einfach zu viele Parameter. Wir können das Entstehen solcher Mondfinsternisse schon sehr gut und viel einfacher durch die Bewegungen von Sonne, Mond und Erde erklären und brauchen dafür keine geheimnisvollen „Schattenobjekte“. Genau das Gleiche: wenn jemand meint, Aliens hätten die Pyramiden gebaut. Denn für dieses Narrativ braucht es viele zusätzliche Parameter (Leben auf anderen Planeten, eine fremde Zivilisation mit Hochtechnologie, die Überwindung der extremen Distanzen im Weltraum, und nicht zuletzt ein Motiv: was sollte es den Aliens überhaupt bringen, dass irgendwelche irdischen Nacktaffen sich an viereckigen Gebäuden mit einer Spitze erfreuen?). Die Erklärung, dass es doch die Ägypter selbst waren, ist sehr viel einfacher – und somit wahrscheinlicher. Zumal durch archäologische Befunde Planung, Werkzeuge, Arbeitsorganisation und Bautätigkeit im Alten Ägypten sehr gut belegt sind.

#8: Zu großes Gewicht auf Anekdoten

Pseudowissenschaftler picken sich zudem gern eigene Erlebnisse heraus, um sie als Scheinbeweise ins Feld zu führen. Du könntest jetzt vielleicht denken: Etwas, was ich selbst oder andere mit ihren eigenen Augen gesehen haben, muss aber doch etwas wert sein, oder? Ja und nein. Eine einzelne Beobachtung kann ein sinnvoller Ausgangspunkt für eine Hypothese sein, ist aber gewöhnlich kein belastbarer Nachweis für eine allgemeine Wirkung. Anekdoten lassen sich häufig nur schwer überprüfen, alternative Erklärungen bleiben offen und es fehlt meist eine geeignete Vergleichsgruppe. Auch der Spruch „Ausnahmen bestätigen die Rege“ ist kein wissenschaftliches Argument. Entscheidend ist, ob sich der behauptete Zusammenhang unter kontrollierten Bedingungen wiederholt zeigen lässt.103Hoeken, H. & Hustinx, L. (2009). When is statistical evidence superior to anecdotal evidence in supporting probability claims? The role of argument type. Human Communication Research, 35(4), 491–510. doi:10.1111/j.1468-2958.2009.01360.x104Allen, M. & Preiss, R. W. (1997). Comparing the persuasiveness of narrative and statistical evidence using meta-analysis. Communication Research Reports, 14(2), 125–131. doi:10.1080/08824099709388654105Hornikx, J. (2018). Combining anecdotal and statistical evidence in real-life discourse: Comprehension and persuasiveness. Discourse Processes, 55(3), 324–336. doi:10.1080/0163853X.2017.1312195

Wenn z. B. dein Onkel Herbert sich über den vielen Regen und die sibirischen Temperaturen in den ersten Juliwochen ärgert und dann damit anfängt, damit das Phänomen der globalen Erwärmung wegzudiskutieren – dann hast du diese „anekdotische Evidenz“ selbst schon erlebt. Oder wenn Tante Marta auf die „Energieheilung“ schwört, mit der ihr Heilpraktiker ihren fiesen Tinnitus endlich beseitigt hat. Wie kannst du dagegen argumentieren? Oft gar nicht. Solche Herberts und Martas sind meistens ziemlich stur und von ihrem Glauben überzeugt. Aber du musst dich natürlich nicht von ihnen einlullen lassen. Schau dir lieber die validen Messdaten und Forschungsergebnisse an. Die sprechen nämlich eine andere, verlässlichere Sprache.106IPCC (2021). Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/9781009157896107Hoeken, H. & Hustinx, L. (2009). When is statistical evidence superior to anecdotal evidence in supporting probability claims? The role of argument type. Human Communication Research, 35(4), 491–510. doi:10.1111/j.1468-2958.2009.01360.x108Allen, M. & Preiss, R. W. (1997). Comparing the persuasiveness of narrative and statistical evidence using meta-analysis. Communication Research Reports, 14(2), 125–131. doi:10.1080/08824099709388654109Hornikx, J. (2018). Combining anecdotal and statistical evidence in real-life discourse: Comprehension and persuasiveness. Discourse Processes, 55(3), 324–336. doi:10.1080/0163853X.2017.1312195

#9: Widerstand gegen Veränderung

Was du bei Pseudowissenschaften aller Couleur immer wieder beobachten kannst: sie bleiben sich und ihren Narrativen über lange Zeit treu. Da ändert sich im Grunde nichts. Homöopathie-Befürworter hängen nach wie vor den (unbelegten!) Behauptungen Samuel Hahnemanns aus dem frühen 19. Jahrhundert an. Als Charles Darwin seine Evolutionstheorie vorstellte, und Geologen mehr und mehr Belege lieferten, dass die Erde viele Millionen Jahre alt sei, begannen die meisten Kirchen, die Bibel bzw. wenigstens die Schöpfungsgeschichte symbolisch auszulegen – aber eine kleine Minderheit hielt am wörtlichen Verständnis fest und glaubt weiterhin an Adam, Eva, den Apfel und die Schlange. Auch die Flat Earth Society hat ihre Ursprünge etwa in dieser Zeit, z. B. mit Samuel Rowbotham. Sie alle wiederholen denselben Quatsch seit über 100 Jahren, mit immer den gleichen Argumenten.110Longino, H. E. (1990). Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry. Princeton University Press, Princeton.111Bak, P. M. (2025). Psychologie als Wissenschaft: Grundlagen, Probleme und Herausforderungen. Springer, Berlin/Heidelberg. doi:10.1007/978-3-662-71181-1112Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/1745691612460687

Wissenschaftliche Ideen entwickeln sich aber immer weiter, mit neuen Daten kommen neue Erkenntnisse. Das erkennst du als Fan dieser Seite schon daran, wie sich das Bild der Dinosaurier über die Jahrzehnte und Jahrhunderte verändert hat – und bis heute verändert. Auch gut bestätigte wissenschaftliche Grundannahmen können zwar über lange Zeit stabil bleiben, aber nur, weil sie immer wieder erfolgreiche Prüfungen bestehen. Wenn eine Lehre ihre zentralen Behauptungen aber trotz wiederholter Gegenbelege nicht verändert und mögliche Widerlegungen grundsätzlich abwehrt, ist das ein starkes Warnsignal für Pseudowissenschaft.113Longino, H. E. (1990). Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry. Princeton University Press, Princeton.114Bak, P. M. (2025). Psychologie als Wissenschaft: Grundlagen, Probleme und Herausforderungen. Springer, Berlin/Heidelberg. doi:10.1007/978-3-662-71181-1115Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/1745691612460687

Auf meiner Seite werden zum Beispiel auch alle Artikel regelmäßig aktualisiert und auf den neuesten Stand der Forschung gebracht. Beim Umfang dieser Seite ist das inzwischen schon zu einer sehr zeitfressenden Mammutaufgabe geworden. Aber um meinen eigenen hohen Ansprüchen gerecht zu werden, muss sie eben gemacht werden!

#10: Fehlende Offenheit und Toleranz

Ich habe in der letzten Zeit oft den Vorwurf gehört, dass ich total intolerant sei. Was ich denn bitte gegen die „armen“ Kreationisten hätte, das seien doch im Grunde völlig harmlose Spinner. Ich solle ihnen doch bitte ihren Glauben lassen. Gleiches auch für Homöopathie-Befürworter, Klimawandel-Skeptiker, Flacherdler… und am besten auch für Corona-Leugner, Impfgegner, Querdenker und Neonazis. Sei doch mal etwas toleranter, Markus! Jeder hat doch ein Recht auf seine freie Meinung!116Diethelm, P. & McKee, M. (2009). Denialism: What is it and how should scientists respond? European Journal of Public Health, 19(1), 2–4. doi:10.1093/eurpub/ckn139117Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f118Rosenau, J. (2012). Science denial: A guide for scientists. Trends in Microbiology, 20(12), 567–569. doi:10.1016/j.tim.2012.10.002119Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002

Wie sehr es dabei in meinem Magen brodelt, wenn ich so etwas höre, kann ich dir gar nicht beschreiben. Aber ich kann dir erklären, warum: Toleranz ist ganz einfach keine Einbahnstraße. Ich war in den letzten 20 Jahren aber genau auf einer solchen unterwegs und zu all diesen Leuten immer tolerant und gesprächsoffen. Ich habe mich intensiv mit Kreationisten, Impfgegnern, Homöopathiegurus und so weiter unterhalten und versucht, sie zu verstehen. Aber das hat aus einem ganz bestimmten Grund nicht geklappt.

Offenheit bedeutet nämlich, bereit zu sein, die eigene Meinung zu ändern, wenn die Gegenseite Argumente bringt, die einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten, und die sowohl logisch als auch nachvollziehbar sind. Dieses Prinzip ist in der Wissenschaft fest verankert: Alle Schlussfolgerungen sind vorläufig, Unsicherheiten werden eingeräumt und anerkannt und alle bisherigen Erkenntnisse können sich mit neuen Daten ändern. Pseudowissenschaftler machen aber stets das genaue Gegenteil: Sie behaupten, dass sie allein im Recht seien, und wehren sich gegen jede Einsicht und Korrektur ihres Weltbildes. Damit ist es schwer bis unmöglich, sie mit empirischen Belegen oder klarer Logik zu überzeugen. In den letzten 20 Jahren ist jede, wirklich jede Unterhaltung mit einem Anhänger von Pseudowissenschaften für mich fruchtlos und enttäuschend zu Ende gegangen. Oft sogar mit einseitigen Beleidigungen, oder dass ich am Ende einfach geblockt oder schlicht ignoriert wurde.120Longino, H. E. (1990). Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry. Princeton University Press, Princeton.121Bak, P. M. (2025). Psychologie als Wissenschaft: Grundlagen, Probleme und Herausforderungen. Springer, Berlin/Heidelberg. doi:10.1007/978-3-662-71181-1122Stroebe, W., Postmes, T. & Spears, R. (2012). Scientific misconduct and the myth of self-correction in science. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 670–688. doi:10.1177/1745691612460687123Lewandowsky, S. et al. (2012). Misinformation and its correction: Continued influence and successful debiasing. Psychological Science in the Public Interest, 13(3), 106–131. doi:10.1177/1529100612451018124Chan, M.-P. S. et al. (2017). Debunking: A meta-analysis of the psychological efficacy of messages countering misinformation. Psychological Science, 28(11), 1531–1546. doi:10.1177/0956797617714579125Dan, V. (2021). Von Fehlinformationen lernen: Ein unkonventioneller Vorschlag zur Konzeption von Richtigstellungen. Publizistik, 66, 277–294. doi:10.1007/s11616-021-00667-y

Wie gehst du am besten mit Pseudowissenschaftlern um?

Meine Erfahrung ist, dass viele überzeugte Anhänger pseudowissenschaftlicher Lehren Gespräche nicht als offenen Erkenntnisaustausch führen, sondern vor allem ihre eigene Sicht verbreiten wollen. Sie zeigten sich nicht imstande, andere Perspektiven einzunehmen oder wollen das gar nicht. Die Ausgangssituation war also für mich bereits von vornherein eine unvorteilhafte: denn mein Gegenüber wollte beharren und bekhren, nicht den eigenen eigenen Horizont erweitern. Solchen intoleranten Menschen gegenüber muss ich mich also nicht offen und tolerant zeigen. Versucht habe ich es lange genug. Jetzt ist meine Geduld mit ihnen zu Ende.126Diethelm, P. & McKee, M. (2009). Denialism: What is it and how should scientists respond? European Journal of Public Health, 19(1), 2–4. doi:10.1093/eurpub/ckn139127Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f128Rosenau, J. (2012). Science denial: A guide for scientists. Trends in Microbiology, 20(12), 567–569. doi:10.1016/j.tim.2012.10.002129Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002 Deshalb: Prüfe zuerst, ob eine Diskussion überhaupt Aussicht auf Erkenntnisgewinn hat. Du musst niemandem bloß eine Bühne geben und darfst Gespräche, wenn sie nur aus Wiederholungen, Missionierung oder persönlichen Angriffen bestehen, auch einfach abbrechen. 

Doch nicht alle Vertreter ihrer „Zunft“ sind so. Und auch nicht alle „Pseudowissenschaften“, die einen entsprechenden Ruf haben, sind allesamt Schwurbeleien oder gar gefährlich: Die Kryptozoologie zum Beispiel: Die Suche nach bislang unbekannten Tierarten kann seriöse Zoologie sein. Und auch das Klären der Identität von zunächst rätselhaften Tiersichtungen oder Kadaverfunden erfolgt durch sie häufig mit wissenschaftlichen Methoden. Pseudowissenschaftlich wird sie, wenn Bigfoot, Nessie oder ähnliche Wesen trotz fehlender belastbarer Evidenz als gesicherte Realität behandelt werden. Ähnlich auch bei der Ufologie: sie kann als Untersuchung unbekannter Himmelserscheinungen zunächst legitim sein. Pseudowissenschaftlich wird sie dort, wo aus ungeklärten Beobachtungen außerirdische Besucher, Entführungen, Prä-Astronautik oder staatliche Vertuschungen abgeleitet werden, ohne dass es dafür irgendeinen belastbaren Beleg gibt.  Allenfalls kann jemand solche Dinge rein symbolisch, spirituell, meditativ oder als Unterhaltung betreiben. Und auch bei Esoterik handelt es sich nicht zwingend um Pseudowissenschaft, weil von ihren „Anhängern“ oft überhaupt kein wissenschaftlicher Wahrheits- oder Wirksamkeitsanspruch erhoben wird. Wer etwa einen Kristall als persönlichen Glücksbringer trägt oder zum Spaß sein Horoskop liest, betreibt damit noch keine Form der Wissenschaftsleugnung. Wer aber an bestimmten Tagen aufgrund der Konstellation der Sterne das Haus nicht mehr verlässt oder sagt, sein Kristall heile Krebs oder gleiche messbare Energiefelder aus, oder wer seine Familie mit Bachblütenmethode, Schüssler-Salzen oder Homöopathie „therapiert“, hingegen schon. Hier lohnt es sich, zu differenszieren und auch zu schauen, mit welcher Sprache die Personen individuell arbeiten.


Häufige Scheinargumente – und wie du sie erkennen und kontern kannst!

Seit den Anfängen humanistischer Bildung spielen Vernunft, überprüfbares Wissen und die kritische Auseinandersetzung mit Behauptungen eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung. Auch politische Entscheidungen sind in vielen Bereichen auf verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen. Das Grundgesetz schützt deshalb ausdrücklich unter anderem die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Doch seit Beginn der Internetära wird es zunehmend schwieriger, korrekte Informationen von irreführenden zu unterscheiden. Feinde der Demokratie wie auch der Wissenschaft greifen dazu mit Vorliebe auf Scheinargumente und Methoden der „schwarzen Rhetorik“ zurück, um ihre ideologischen Standpunkte zu verteidigen oder ihre strikte Ablehnung etablierter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu rechtfertigen. Hier möchte ich nun versuchen, dir ein tieferes Verständnis für die Mechanismen der Wissenschaftsleugnung zu vermitteln. Und ich möchte dir hilfreiche Werkzeuge und „Verteidigungstaktiken“ bereitstellen, um ihnen wirkungsvoll entgegentreten zu können!130Ecker, U. K. H. et al. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. doi:10.1038/s44159-021-00006-y131Lewandowsky, S. et al. (2012). Misinformation and its correction: Continued influence and successful debiasing. Psychological Science in the Public Interest, 13(3), 106–131. doi:10.1177/1529100612451018132Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 5 Abs. 3: Freiheit von Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre. gesetze-im-internet.de

Wissenschaftsleugnung – eine Erfolgsstrategie?

Egal, ob es um den Klimawandel, die Entstehung der Erde oder die Evolution der heutigen Artenvielfalt geht: In öffentlichen Debatten werden grundlegende Erkenntnisse der Forschung immer wieder falsch, verkürzt oder irreführend dargestellt. Dahinter kann bloßes Unwissen stehen, es gibt aber auch gut dokumentierte und strategisch betriebene Desinformationskampagnen. Wissenschaftsleugnung arbeitet dabei häufig nicht mit Sachbehauptungen, sondern eher mit emotionalen Botschaften, Identitätsangeboten und Angriffen auf die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Institutionen. Angst, Wut und Empörung können die Aufnahme und Verbreitung von Falschinformationen begünstigen. Sie schalten kritisches Denken jedoch nicht automatisch vollständig aus. Problematisch wird es vor allem dann, wenn starke Emotionen eine sorgfältige Prüfung der vorgebrachten Argumente verdrängen.133Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f134McCright, A. M. & Dunlap, R. E. (2000). Challenging global warming as a social problem: An analysis of the conservative movement’s counter-claims. Social Problems, 47(4), 499–522. doi:10.2307/3097132135Boussalis, C. & Coan, T. G. (2016). Text-mining the signals of climate change doubt. Global Environmental Change, 36, 89–100. doi:10.1016/j.gloenvcha.2015.12.001136Martel, C., Pennycook, G. & Rand, D. G. (2020). Reliance on emotion promotes belief in fake news. Cognitive Research: Principles and Implications, 5, 47. doi:10.1186/s41235-020-00252-3

Je stärker eine Debatte von Feindbildern, oder auch emotional durch Angst, Wut und Empörung bestimmt wird, desto schwieriger wird ein wirklicher Austausch. Besonders stark ideologisch gebundene Menschen weisen Gegenargumente reflexartig zurück, wenn diese ihre Identität oder die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppe bedrohen. Das bedeutet zwar nicht, dass Anhänger von Verschwörungstheorien und Pseudowissenschaften grundsätzlich niemals erreichbar wären. Zweifler, Mitläufer und weniger gefestigte Anhänger können durch nachvollziehbare Belege, respektvolle Gespräche und das Aufdecken manipulativer Argumentationsmuster durchaus erreicht werden, und genau das versuchen wir ja hier. Wer die rhetorischen Kniffe kennt, kann sachlich auf sie reagieren, ohne sich auf die emotionalen Spielregeln des Gegenübers einzulassen. Genau dort setzt mein „Kung Fu“ der Rhetorik an!137Lewandowsky, S., Ecker, U. K. H. & Cook, J. (2017). Beyond misinformation: Understanding and coping with the “post-truth” era. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 6(4), 353–369. doi:10.1016/j.jarmac.2017.07.008138Kahan, D. M. et al. (2012). The polarizing impact of science literacy and numeracy on perceived climate change risks. Nature Climate Change, 2, 732–735. doi:10.1038/nclimate1547139Wood, T. & Porter, E. (2019). The elusive backfire effect: Mass attitudes’ steadfast factual adherence. Political Behavior, 41, 135–163. doi:10.1007/s11109-018-9443-y

Wie manipulieren Wissenschaftsleugner?

Extremisten haben ein breites Netz von Pseudoargumentationen in petto, das sie einsetzen, um Gespräche auf unfaire und manipulative Weise nach ihren Bedingungen zu lenken. Ich nenne das gerne Schwarze Rhetorik, ein bisschen angelehnt an schwarze Magie. Es ist schon beachtlich, wie leicht man darauf hereinfallen kann. Extremisten, die mit der schwarzen Rhetorik vertraut sind, können damit selbst die redegewandtesten Wissenschaftler oder sogar erfahrene Politiker mitunter an die Wand reden, vorausgesetzt, diese beherrschen kein „Kung Fu“. Studien zur sogenannten psychologischen Inokulation zeigen, dass Menschen widerstandsfähiger gegen Desinformation werden können, wenn sie typische Manipulationstechniken schon vor einer konkreten Begegnung kennenlernen. Deshalb finde ich, dass wir es alle lernen und die Techniken der Pseudoargumentation erkennen können sollten. Auch Kinder sollten das bereits in der Schule lernen, um Extremisten in einem solchen Gespräch inhaltlich stellen zu können.140Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f141Roozenbeek, J. et al. (2022). Psychological inoculation improves resilience against misinformation on social media. Science Advances, 8(34), eabo6254. doi:10.1126/sciadv.abo6254142Cook, J. et al. (2023). The Cranky Uncle game—combining humor and gamification to build student resilience against climate misinformation. Environmental Education Research, 29(4), 607–623. doi:10.1080/13504622.2022.2085671

PLURV (FLICC)

John Cook Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der australische Kognitionsforscher John Cook mit Falschinformationen zum Klimawandel. Er hat im Jahr 2007 die Wissenschaftsplattform SkepticalScience.com gegründet, die populäre Leugnermythen widerlegt. 2013 war er Leitautor der inzwischen berühmten 97-Prozent-Studie, die den Expertenkonsens zum menschengemachten Klimawandel untersuchte. Derzeit forscht er als Assistenzprofessor am renommierten Center for Climate Change Communication (4C) der George Mason University vor den Toren Washingtons. Außerdem ist er Schöpfer der Comicfigur Cranky Uncle, eines mürrischen Wissenschaftsleugners, und entwickelt derzeit ein gleichnamiges Smartphonespiel.143Cook, J. et al. (2013). Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature. Environmental Research Letters, 8(2), 024024. doi:10.1088/1748-9326/8/2/024024

Von all seinen einschlägigen Arbeiten aber, sagte Cook einmal, hatte die größte Resonanz eine schlichte Kette von fünf Buchstaben: FLICC. Mit diesem Kunstwort fasste Cook erstmals 2013 die fünf häufigsten Methoden von Klimawandelleugnern zusammen. Im Englischen stehen die Buchstaben für Fake Experts, Logical Fallacies, Impossible Expectations, Cherry Picking und Conspiracy Myths. Cook ordnete, visualisierte und erweiterte diese Typologie im Laufe mehrerer Jahre. Öffentlich eingesetzt wurde das Akronym unter anderem ab 2015 im Onlinekurs Making Sense of Climate Science Denial; eine ausführliche wissenschaftliche Methode zur logischen Zerlegung von Klimafalschinformationen veröffentlichten Cook, Ellerton und Kinkead 2018.144Cook, J., Ellerton, P. & Kinkead, D. (2018). Deconstructing climate misinformation to identify reasoning errors. Environmental Research Letters, 13(2), 024018. doi:10.1088/1748-9326/aaa49f145Cook, J. (2020). Cranky Uncle vs. Climate Change: How to Understand and Respond to Climate Science Deniers. Citadel Press, New York.146Skeptical Science. The FLICC Poster – Downloads and Translations. skepticalscience.com147George Mason University. John Cook – Faculty Profile. communication.gmu.edu148Center for Climate Change Communication. Countering Misinformation. climatecommunication.gmu.edu

Im Jahr 2020 übertrug klimafakten.de die fünf Hauptkategorien gemeinsam mit Skeptical Science ins Deutsche und entwickelte dafür das Akronym PLURV.149klimafakten.de (2020). P-L-U-R-V: Dies sind die häufigsten Desinformations-Tricks von Wissenschafts-Leugnern. klimafakten.de Die Typologie wurde inzwischen auch von der Bundeszentrale für politische Bildung und in deutschsprachigen Materialien zur Klimakommunikation aufgegriffen.150Bundeszentrale für politische Bildung (2023). PLURV – Was ist das? bpb.de

Ich habe die Struktur und auch die Grafiken hier weitestgehend von SkepticalScience.com übernommen. Allerdings habe ich sie etwas anders strukturiert und auch noch einige Punkte hinzugefügt, die ich selbst bei Diskussionen mit Wissenschaftsleugnern bereits häufig erlebt habe. Ein bisschen weiß ich auch noch aus meinem Rhetorikunterricht.

Ich möchte nun die häufigsten Taktiken der Wissenschaftsleugner der Reihe nach durchgehen und auch Beispiele für PLURV-Strategien liefern, damit du sie in Zukunft als solche erkennen und bekämpfen kannst. Wie du das schaffst, erfährst du anhand einiger nützlicher Gegenantworten und Lösungsvorschläge immer dann, wenn du das Symbol mit dem Kung-Fu-Kämpfer siehst. So kannst du selbst zu einem Kämpfer gegen Desinformation und Wissenschaftsleugnung werden!

Übersicht:

Bild Scheinargument
001Pseudo-Experten Pseudo-Experten
002Masse von Pseudo-Experten Masse von Pseudo-Experten
003Aufgeblähte Minderheit Aufgeblähte Minderheit
004Fingierte Debatte - False Balance Fingierte Debatte – False Balance
005Logische Trugschlüsse Logische Trugschlüsse
006Ad hominem Ad hominem
007Tu quoque Tu quoque
008No true Scotsman No true Scotsman
009Ad baculum Ad baculum
010Zirkelschluss Zirkelschluss
011Verfälschte Darstellung Verfälschte Darstellung
012Strohmann Strohmann
013Reductio ad absurdum Reductio ad absurdum
014Mehrdeutigkeit Mehrdeutigkeit
015Übermäßige Vereinfachung Übermäßige Vereinfachung
016Falsche Wahl Falsche Wahl
017Einzige Ursache Einzige Ursache
018Falsche Analogie Falsche Analogie
019Doppelmoral Doppelmoral
020Argumentum ad Antiquitatem Argumentum ad Antiquitatem
021Falsche Fährte Falsche Fährte
022Gish Galopp Gish Galopp
023Whataboutismus Whataboutismus
024Kugelfisch-Taktik Kugelfisch-Taktik
025Dammbruch Dammbruch
026Relativierung Relativierung
027Unerfüllbare Erwartungen Unerfüllbare Erwartungen
028Abgesenkte Erwartungen Abgesenkte Erwartungen
029Argumentum ex silentio Argumentum ex silentio
030Verankerung Verankerung
031Torpfosten verschieben Torpfosten verschieben
032Argumentum ad ignorantiam Argumentum ad ignorantiam
033Argumentum ex Incredulitate Argumentum ex Incredulitate
034Rosinenpickerei Rosinenpickerei
035Anekdote Anekdote
036Faultier-Induktion Faultier-Induktion
037Selektives Zitieren Selektives Zitieren
038Texanischer Scharfschütze Texanischer Scharfschütze
039Wunschdenken Wunschdenken
040Verschwörungsmythen Verschwörungsmythen
041Üble Absichten Üble Absichten
042Generalverdacht Generalverdacht
043Etwas stimmt nicht Etwas stimmt nicht
044Opferrolle Opferrolle
045Täter-Opfer-Umkehr Täter-Opfer-Umkehr
046Immunität gegen Beweise Immunität gegen Beweise
047Zufälligkeiten uminterpretieren Zufälligkeiten uminterpretieren
048Widersprüche Widersprüche

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Pseudo-Experten

Der erste große Block an Strategien, die von Wissenschaftsleugnern oft ins Felde geführt werden, bringt falschen Autoritäten ins Spiel. Forscher, die zwar durchaus einen Doktortitel oder sogar Professuren und Lehrstühle an renommierten Universitäten innehaben, werden als scheinbare Experten herangezogen. Auf Latein nennt man dies auch Argumentum ad verecundiam (Lateinisch für Argument der Ehrfurcht).

Falsch, weil: Das Problem dabei: Die auftretenden „Koryphäen“ sind für die Thematiken, um die es in der Diskussion geht, aber überhaupt nicht qualifiziert! Ein Professor für Informationswissenschaften oder Chemie ist zum Beispiel keineswegs ein Experte für Evolutionsforschung oder Klimawissenschaften, und hat in diesem Fachbereich genauso wenig Qualifikation wie ein Dachdeckergeselle oder eine Arzthelferin. Es ist also völlig Banane, was sie für eine Meinung haben – denn das ist dann eben nur eine Meinung und keineswegs eine Expertise!

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Masse von Pseudo-Experten

Einige Strategien zielen auch darauf ab, den Eindruck zu erwecken, dass eine Idee oder ein Standpunkt richtig ist, nur weil viele (gebildete) Menschen ihn unterstützen oder glauben. In der Rhetorik versteht man dies wiederum als Argumentum ad populum (Argument an die Menge). Dies muss aber keineswegs der Fall sein! Auch Akademiker können natürlich falsch liegen. Ganz besonders dann, wenn sie sich abseits des Feldes zu einem Thema äußern, für das sie gar keine Experten sind!

Beispiel 1: „Über 1.000 Wissenschaftler wehren sich gegen die Klima-Lüge!“

Beispiel 2: „Interview: Drei renommierte Professoren widersprechen dem dogmatischen Evolutions-Glauben!“

Falsch, weil: Die aufgeführte Liste von Wissenschaftlern mag wirklich Akademiker beinhalten, die allermeisten sind jedoch wahrscheinlich fachfremd – also gar keine Klimaforscher oder Evolutionsbiologen!

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Aufgeblähte Minderheit

In ähnlicher Weise werden auch Einzelmeinungen, manchmal sogar von echten Experten, angeführt, die es selbstverständlich immer gibt. Und auch geben soll! Forschung lebt ja auch vom Widerspruch und der Kontroverse. Bei Themen, die eigentlich aber Konsens sind, und die von der überwältigenden Mehrheit der Forscher als Tatsache anerkannt werden, werden die Minderheiten aber gerne künstlich aufgebläht und dabei Einzelmeinungen so in Szene gesetzt, dass sie als gleichwertig neben dem Konsens erscheinen.

Beispiel 1: „Guck dir mal an, was Richard Lindzen zur angeblichen Klimakrise sagt. Der hat diesen Humbug längst widerlegt.“

Beispiel 2: „Michael Behe von der Lehigh University schreibt, dass bestimmte biologische Strukturen so komplex seien, dass sie nicht durch natürliche Selektion entstanden sein können. Das widerlegt die Evolutionstheorie!“

Falsch, weil: Die Einzelmeinungen von Experten sagen nichts über den tatsächlichen Forschungsstand aus. Beide genannten Forscher stehen einer überwältigenden Mehrheit (weit über 95%!) gegenüber, die ihre Argumentationen auch schon längst in der Fachdebatte widerlegt haben.

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Fingierte Debatte – False Balance

Es passiert leider viel zu oft in unseren Medien: unter dem Deckmantel angeblich „neutraler“ Berichterstattung stellen gewisse Sendungsformate (oft sind es politische Talkshows wie z.B. Markus Lantz) wissenschaftlich gesicherte Fakten und extreme Meinungen gleichwertig einander gegenüber.

Klingt fair?  Ist es aber nicht! Denn nicht jede Meinung hat die gleiche Grundlage. Nicht alles ist einfach nur Ansichtssache, über die man mal diskutieren (lassen) kann. Klimakrise, Migration, Menschenrechte – das sind keine Debattenspiele! Wird zum Thema Klimawandel z.B. ein wirklicher Experte (z.B. ein Professor für Klimatologie, Meteorologie oder Astrophysik) eingeladen, der dann mit einem (wissenschaftsfeindlichen) Politiker diskutiert, bekommen beide gleich viel Raum. Ergebnis: Die ideologische Meinung wirkt gleichermaßen legitim. Damit wird Desinformation aufgewertet, Wissenschaft wird aber relativiert. Extreme Positionen werden so immer salonfähiger.

Hier ein Beispiel:

Die Gäste: Mojib Latif ist Meteorologe, Ozeanograph, Klimaforscher, Hochschullehrer, Seniorprofessor an 2 Universitäten, Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Träger u. a. des deutschen Umweltpreises und des Bundesverdienstkreuzes. Sein Kontrahent ist Steffen Kotré, gelernter Elektromonteur, später Unternehmensberater, hat nie studiert, ist heute Mitglied des Bundestages für die AfD.

Reißerisch beworben wurde die Sendung auf YouTube dann so:

Falsch, weil: Der Titel suggeriert: Hier findet ein Streit zwischen zwei gleichwertigen Meinungen statt. Und warum passiert das? Weil Kontroverse Quote bringt.Weil Medien oft Angst haben, „zu einseitig“ zu wirken.Und Wissenschaftsleugner nutzen genau das aus! Das ist aber keine „Ausgewogenheit“! Das ist eine Einladung an Wissenschafts- und Menschenfeindlichkeit. Wenn Lüge und Hass auf Augenhöhe mit Fakten stehen, verliert die Wahrheit. False Balance gehört zu den gefährlichsten Strategien der Wissenschaftsleugnung. Denn wenn man belegbare Fakten und gezielte Desinformation gleich behandelt , verliert die Gesellschaft ihre gemeinsame Realität.


Was kannst du dagegen tun?

  • Quellen genau checken: Überprüfe sie, falls angegeben, immer auf Richtig- und Vollständigkeit!
  • Checken, wer dahintersteckt: Ist die Person wirklich vom Fach? Die zitierten Forscher kannst du einfach googeln oder eine KI nach ihnen befragen.
  • Auf Konsens und Kontext überprüfen: Wenn der Forscher nun doch ein Experte für sein Fach ist? Nun, dann schau erst einmal, ob die Mehrheit seiner Kollegen ihn und seine Äußerungen wirklich unterstützt. Oder ob man seine Aussagen nicht einfach nur aus dem Kontext gerissen und verdreht hat! (Siehe „Selektives Zitieren“.) Auch dabei können KIs heute schon sehr gut helfen!

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Logische Trugschlüsse

Die wohl fintenreichste Strategie einer Pseudo-Argumentation stellen logische Trugschlüsse dar, die zur Verschleierung nachweisbarer Tatsachen eingesetzt werden. Dabei bedienen sich Wissenschaftsleugner Argumentationen, die bei genauer Betrachtung oft im Widerspruch zu sich selbst stehen.

Die Liste der Trugschlüsse ist lang und ich kann hier noch nicht einmal alle aufführen. Deshalb hier nur die wichtigsten, die in quasi jeder Diskussion mit Wissenschaftsleugnern vorkommen (können).

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Ad hominem

Eine bewährte Methode schwarzer Rhetorik ist es, direkt die Person, aber nicht ihr Argument anzugreifen, um ihre Standpunkte zu diskreditieren. Ad hominem ist Lateinisch und bedeutet wörtlich übersetzt „Argument gegen den Menschen“. Hierbei wird häufig auf simple Äußerlichkeiten oder auch gern ein Fehlverhalten aus der Vergangenheit verwiesen, mit denen eine Ablenkung erzielt werden soll.

Besonders die Spitzenpolitiker der Grünen sind aktuell solchem ad hominem-Bashing ausgesetzt. In zahlreichen Memes und auch Kommentaren, die noch nicht einmal etwas mit diesen Leuten direkt zu tun haben, nehmen Rechtsextremisten die Figur von Ricarda Lang, die Versprecher von Annalena Baerbock oder Robert Habecks frühere Tätigkeit als Kinderbuchautor (was ist daran bitte verwerflich?) zum Anlass, um sie zu diskreditieren. Was natürlich nicht heißen soll, dass Politiker anderer Parteien keinen Hass erleben! Ad hominem ist wohl das bei weitem häufigste Scheinargument unserer Zeit.

Beispiel 1: „Guck dir diesen Typen an… Diese Klamotten, die gelben Zähne… Und erst die Haare! Bah! Dieser Fettsack soll ein Fachmann sein? Der sieht für mich wie ein gewöhnlicher Penner aus!“

Beispiel 2: „Dieser angebliche Forscher hat früher auf Demos Steine gegen Polizisten geworfen. Wie kannst du dem nur glauben?“

Falsch, weil: Das Aussehen oder das frühere persönliche Fehlverhalten eines Experten hat nichts mit seiner Expertise zu tun. Auch wenn eine Person auf anderen Ebenen umstritten ist, kann sie trotzdem noch recht haben!

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Tu quoque

Eine Erweiterung der Ad-hominem-Arguzmentation ist auch das Tu quoque-Argument (lateinisch für „Du (aber) auch!“). Hierbei geht es schließlich direkt um dich selbst: Hier zeigt der Finger deines Gegners direkt auf dich, wobei deine argumentative oder moralische Berechtigung, eine Behauptung oder Vorschrift überhaupt aufzustellen, in Frage gestellt wird – vielleicht, weil du dich auch nicht immer richtig verhalten hast. Doch nur, du vielleicht selbst auch deine Fehler hast, können deine Argumente ja trotzdem richtig und wichtig sein!

Beispiel 1: Person A: „Du solltest weniger trinken.“ – Person B: „Du trinkst doch selbst immer zu viel!“

Beispiel 2: Guck dir mal die Flugbilanz von Luisa Neubauer an. Alter… Und die will uns was vom CO2-Abdruck erzählen?

Falsch, weil: Auch wenn ich selber kein Chorknabe bin, legitimiert das keineswegs dein eigenes Fehlverhalten. Und auch, wenn sich jemand selbst nicht an eine Verhaltensnorm hält, die er selber anpreist, erlaubt das vielleicht Aussagen über die Person und eine gewisse Doppelmoral, aber keine über die Verhaltensnorm. Es ist ein billiges Ablenkungsmanöver. Ich finde, das „Selber, selber, lachen alle Kälber!“ lassen wir deshalb doch bitte lieber im Kindergarten.

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No true Scotsman

Ebenfalls direkt gegen die Person geht eine Taktik, in welcher die Gegenseite durch eine nachträgliche Anpassung der Definition auszuschließen versucht wird. Besonders, wenn du Expertenmeinungen mit in die Diskussion bringst,wird dir sehr schnell vorgeworfen werden, dass die zitierte Person ja gar kein echter „Schotte“, also kein Experte, keine zuverlässige Quelle oder schlichtweg kein guter Mensch ist. Die Gründe dafür werden in pauschalen Diffamierungen gesucht, mit Zirkelschlüssen „bestärkt“ oder basieren schlicht auf hanebüchenen Verschwörungserzählungen.

Beispiel 1: „Du willst ein Klimaschützer sein? Das ich nicht lache! Aber fliegst trotzdem jedes Jahr auf die Kanaren. Und ’ne Kreuzfahrt hast du doch auch neulich erst gemacht!“

Beispiel 2: „Ein wahrer Christ kann Homosexualität niemals akzeptieren, er hat auch keinen vorehelichen Verkehr und an die Evolutionslüge glaubt er auch nicht!“

Falsch, weil: In beiden Aussagen wird das Gegenüber aus dem Kreis der „wahren“ Vertreter der Sache ausgeschlossen, wobei die Kriterien dafür willkürlich gesetzt werden. Selbstverständlich kann man aber auch mit einer Reise-Leidenschaft immer noch für den Klimaschutz eintreten, und auch homosexuell sein, sich sexuell vor der Ehe ausprobieren oder die Evolution als Fakt akzeptieren, ohne dass man dafür seinen Taufschein abgeben muss.

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Ad baculum

Zum Repertoire eines Extremisten gehören auch offene Einschüchterungen und Drohungen. Das Argumentum ad baculum (Argument des Stockes) arbeitet anstatt mit sachlichen Argumenten wieder vor allem emotional. Dabei wird mit negativen Konsequenzen oder Bestrafung gedroht, wenn das Gegenüber bei seiner Position bleibt. Kritische Stimmen sollen so zum Schweigen gebracht werden, ohne dass die Richtigkeit des eigenen Standpunkts weiter belegt werden muss.

Beispiel 1: „Du wirst dich schon noch umgucken, wenn die AfD hier regiert. Dann wird mit Leuten wie dir aufgeräumt!“

Beispiel 2: „Wenn du nicht an das Wort Gottes glaubst, dann bleibt dir nichts anderes als die ewige Verdammnis!“

Falsch, weil: In beiden Aussagen werden negative Konsequenzen angedroht, ohne dass es dafür einen berechtigten Grund gibt. Tatsächlich kann selbst unter einer AfD-Regierung nicht willkürlich und gewaltsam außerhalb des Strafrechts gegen unliebsame Menschen vorgegangen werden, und allein aus Angst vor einer Strafe Gottes an diesen zu glauben klingt doch eher nach brutaler Erpressung als nach einer gesunden spirituellen Beziehung.

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Zirkelschluss

Wenn es dann nicht gegen die Person geht oder er mit seinen Drohungen nicht weiterkommt, bewegen sich Wissenschaftsleugner in ihrer Argumentation gern im Kreis. Kennst du das Lied Ein Loch ist im Eimer? Genau so funktioniert es hier auch: Am Ende braucht man zum Flicken des Eimers wieder den Eimer selbst.

Und in der Argumentation? Anstatt neue Beweise oder logische Schritte anzuführen, wird die ursprüngliche Aussage einfach wiederholt oder durch sich selbst „bewiesen“. Es fehlt jede Form einer externen Validierung oder ein echter Beweis. Zirkelschlüsse sind zwar nach den direkten Beleidigungen wohl die schwächsten Scheinargumente. Trotzdem werden Wissenschaftsleugner nicht müde, sie immer wieder einzusetzen.

Beispiel 1: „Die Klimamodelle sind unzuverlässig, weil sie auf falschen Annahmen basieren. Wir wissen, dass alle Annahmen falsch sind, weil die Klimamodelle nur Ergebnisse liefern, auf die man sich nicht verlassen kann.““

Beispiel 2:„Die Bibel ist Gottes Wort, denn es steht ja darin selbst geschrieben: Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“

Falsch, weil: Beide Sätze drehen sich im Kreis, da sie die Schlussfolgerung bereits in der Prämisse enthalten. Die Klimamodelle werden als unzuverlässig dargestellt, weil sie auf „falschen Annahmen“ basieren, die wiederum nur durch die Modelle selbst als falsch gelten. Genauso wird die Bibel als Gottes Wort bezeichnet, weil sie es selbst behauptet.

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Verfälschte Darstellung

Um irrezuleiten, bedient sich der Sprecher an einer völlig verfälschte Darstellung einer Situation oder der Position eines Gegners. An den Haaren herbeigezogene, ausgedachte Begründungen werden hier geliefert, um die eigene Position zu stärken. Lügen mit einem kleinen Schuss Wahrheit, sozusagen.

Beispiel 1: „Früher nannten sie es ‚globale Erwärmung‘. Jetzt haben sie diese Bezeichnung in ‚Klimawandel‘ geändert. Warum? Weil es überhaupt keine globale Erwärmung mehr gibt!“

Beispiel 2: „Evolutionisten sagen, das Affen sich in Menschen entwickelt haben. Wieso gibt es dann immer noch Affen?“

Falsch, weil: Beide Aussagen verfälschen bewusst die Position der Gegenseite, indem sie entweder Begriffe falsch deuten, wissenschaftliche Aussagen verzerren oder sie aus dem Kontext reißen.

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Strohmann

Eine verfälschte Darstellung wird oft zu einem sogenannten Strohmann ausgebaut. Diese Metapher stammt aus dem Fechttraining: Anfänger trainieren mit Gegnern aus Stroh, die keinen Widerstand leisten können. Dadurch wird natürlich jeder Kampf gewonnen. In der Argumentation ist es ganz ähnlich: da wird die Aussage des Gegners aufgegriffen und verdreht. Ihm werden Worte in den Mund gelegt, die er so gar nicht gesagt hat. Im Anschluss wird diese vermeintliche Aussage des Gegners dann bekämpft und „entkräftet“. Ein besonders mieser Trick der schwarzen Rhetorik!

Beispiel 1: „Diese Klima-Hysteriker wollen sich mit unseren Steuern die Taschen voll machen, uns zum Gendern zwingen und das Fleischessen verbieten. Es geht denen nicht ums Klima, sondern um Bevormundung!“

Beispiel 2: „Evolutionisten sagen, dass alles Leben nur durch Zufall entstanden ist. Das ist genauso wahrscheinlich, wie wenn ein Tornado über einen Schrottplatz fegt und dabei eine voll funktionsfähige Boeing 747 baut!“

Falsch, weil: Beide Aussagen verdrehen die Position der Gegenseite, indem sie ihr absurde,  übertriebene oder frei erfundene Behauptungen unterstellen, die sie aber gar nicht vertritt!

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Reductio ad absurdum

Kommt jemand mit Sachlichkeit nicht weiter, ist es sehr wirkungsvoll, die Argumente des Gegenübers ins Lächerliche zu ziehen. Anstatt das eigentliche Argument sachlich zu widerlegen, wird es durch Übertreibung oder Karikatur verzerrt dargestellt. Diese Taktik lenkt von der eigentlichen Diskussion ab und untergräbt konstruktiven Dialog. Aber die Reductio ad absurdum (Reduktion auf das Absurde) ist trotzdem eine Taktik, die verfängt.

Besonders wenn sie für Lacher unter den Zuhörern sorgt, kann das den Gegner völlig aus dem Konzept bringen und die eigenen Argumente logisch erscheinen lassen – selbst wenn sie es nicht sind. Es ist also eine der schwärzesten Taktiken der Pseudoargumentation, auch, wel sie sich wunderbar mit fast allen anderen Scheinargumenten kombinieren lässt, vor allem aber mit ad hominem.

Beispiel 1: „Du willst die CO₂-Emissionen stoppen? Na, warum hörst du dann nicht einfach auf, zu atmen?“

Beispiel 2: „Wenn es wirklich Evolution gäbe, wieso hat sich dann nicht überall das Kugelgelenk durchgesetzt? Und wieso haben Zebras keine Laser-Augen, um sich gegen Löwen zu verteidigen? Oder wenigstens scharfe Klauen und Zähne?“

Falsch, weil: Beide Beispiele stellen das zur Debatte stehende Thema bewusst übertrieben und verzerrt dar, um es ins Lächerliche zu ziehen. Eine sachliche Auseinandersetzung wird vermieden und durch einen bescheuerten Witz ersetzt.

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Mehrdeutigkeit

Ein anderer, nicht weniger verächtlicher Weg: eine unklare Sprache verwenden, bei der man gezielt mit den Mehrdeutigkeiten bestimmter Ausdrücke arbeiten kann. Im Zweifelsfall kann man sich so einfach aus der Affäre ziehen und behaupten: „So habe ich das gar nicht gemeint!“ Besonders die Vermengung wissenschaftlicher Fachtermini im Gegensatz zu Bedeutungsunterschieden in der Umgangssprache werden dazu häufig herangezogen.

Beispiel 1: „Klimawandel hat es schon immer gegeben!“

Beispiel 2: „Die Evolutionstheorie ist doch nur eine Theorie!“

Falsch, weil: Beide Aussagen nutzen Mehrdeutigkeiten, um falsche Schlussfolgerungen zu ziehen. Der natürliche Klimawandel ist nicht homolog zum viel rasanter ablaufenden anthropogenen Klimawandel. Und der wissenschaftliche Begriff „Theorie“ soll als bloße Vermutung abgestuft werden, obwohl sie eine durch viele Forschungsbelege gestärkte Beschreibung einer beobachtbaren Tatsache ist.

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Übermäßige Vereinfachung

Bei übermäßigen Vereinfachungen wird versucht, eine konsequente, aber dennoch falsche Logik in der eigenen Argumentation aufzubauen. Bei einer Vielzahl von Trugschlüssen wird ein komplexes Thema so stark reduziert und verzerrt, dass die Schlussfolgerung logisch erscheinen, aber trotzdem falsch und irreführend bleiben.

Der Sprecher will sich selbst damit schlau aussehen lassen, und spricht damit vor allem diejenigen an, die sich mit einem Thema noch weniger gut auskennen als er selbst. Oft werden dabei wichtige Faktoren ignoriert oder Ursache und Wirkung verzerrt. Monty Python verstehen es immer noch am besten, solche Pseudo-Argumente humorvoll darzustellen und sie auf die Schippe zu nehmen:

Hier aber trotzdem noch ein paar Beispiele aus unserer Zeit:

Beispiel 1: „Pflanzen brauchen CO₂ zum Wachsen, also sollten wir mehr CO₂ ausstoßen – das fördert die Natur und stoppt den Klimawandel!“

Beispiel 2: „Wenn du einen Fisch ans Land legst, entwickelt er sich doch nicht in ein Landlebewesen! Er stirbt einfach!“

Falsch, weil: Das Wachstum von Pflanzen hängt auch von Nährstoffen, Wasser und Temperatur ab. Und Evolution passiert nicht einfach so einem einzigen Individuum, sondern läuft über tausende von Generationen ab, durch Mutation und Selektion. Beide Beispiele reduzieren somit komplexe Phänomene so stark, dass sie scheinbar einfach erscheinen – und die eigene Logik kohärent.

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Falsche Wahl

Dies ist ein Trugschluss, bei dem eine Diskussion absichtlich auf zwei extreme Optionen reduziert wird, obwohl es in Wirklichkeit mehrere Alternativen gibt. Die falsche Wahl vermittelt den Eindruck, man müsse sich zwangsläufig für eine der beiden Seiten entscheiden. Das ist also ein geschickter Trick, um komplexe Themen zu simplifizieren und Menschen in eine Ecke zu drängen. Oft wird diese Taktik genutzt, um den Gegner zu diskreditieren, indem ihm nur eine untragbare oder radikale Position als „Alternative“ angeboten wird.

Beispiel 1: „Entweder, du folgst der links-grünen Klima-Ideologie, oder du bist für alle doch gleich ein Schwurbler oder Nazi.“

Beispiel 2: „Entweder man glaubt an die wortwörtliche Interpretation der Bibel, oder man leugnet den Glauben an Gott vollständig. Es gibt keine Möglichkeit, die Schöpfungsgeschichte mit der Evolutionstheorie in Einklang zu bringen.“

Falsch, weil: Die Redner stellen in beiden Beispielen ein Entweder-Oder-Schema her, obwohl die Lage eigentlich viel komplexer ist und deutlich mehr Optionen bietet. Es gibt fast immer mehr als nur schwarz und weiß!

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Einzige Ursache

Eng verwandt mit der falschen Wahl, quasi nur umgekehrt, ist die Taktik der einzigen Ursache: Hier ignoriert der Sprecher, dass es mehrere Ursachen oder Gründe für bestimmte Phänomene geben kann. In beiden Varianten wird die Komplexität eines Themas scheinbar reduziert und dann mit eigenen, dummen Erklärungen aufgewartet. Da einfache Erklärungen besonders bei den Leuten hervorragend ankommen, die beim Denken nicht gerade zu den erfolgreichsten zählen, fallen immer wieder welche auf diesen Trug herein.

Beispiel 1: „Die Klimaerwärmung wird nur durch die natürlichen Schwankungen der Sonnenaktivität verursacht. Alle anderen Faktoren sind unbedeutend.“

Beispiel 2: „Nur die Sintflut hat die Macht, Sedimentschichten aufzutürmen und so viel Druck auf sie auszuüben, dass alle darin eingeschlossenen Tiere zu Fossilien werden.“

Falsch, weil: Beide Sätze beinhalten den Fehler, komplexe Phänomene auf eine einzige Ursache zu reduzieren, obwohl sie in Wirklichkeit durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren entstehen.

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Falsche Analogie

„Du kannst doch nicht Äpfel und Birnen vergleichen!“ Doch. Selbstverständlich kann man! Und wer immer diesen Satz sagt, hat das im Grunde bereits getan und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass Äpfel und Birnen unterschiedliche Obstsorten sind. Darum soll es hier aber nicht gehen. Vergleiche sind nämlich absolut erlaubt und zulässige Argumente in den verschiedensten Diskussionen. Was allerdings darin gar nicht geht und definitiv ein Stilmittel der schwarzen Rhetorik sind: zwei Dinge aufgrund von oberflächlichen Ähnlichkeiten nicht nur zu vergleichen, sondern sie miteinander gleichzusetzen!

Das ist nämlich ein wesentlicher Unterschied! Äpfel SIND nämlich keine Birnen. Das Scheinargument der falschen Analogie wird vornehmlich dazu verwendet, irreführende Schlussfolgerungen zu ziehen. Hierbei werden die (oft erheblichen!) Unterschiede einfach vernachlässigt, verharmlost, überspitzt oder verdreht.

Beispiel 1: „Als Galileo damals sagte, dass die Erde sich um die Sonne dreht, haben die Wissenschaftler ihn dafür ausgelacht! Bei diesen Klimaforschern ist das heute doch genauso.“

Beispiel 2: „Unsere DNA ist ein Bauplan – und jeder Bauplan braucht einen intelligenten Architekten!“

Falsch, weil: Galileo lebte noch in einer Zeit, als es noch keine wissenschaftliche Gemeinschaft und empirische Beweisführung gab. Und die Bauplan-Analogie ist auch kein Gottesbeweis. Beide Aussagen setzen völlig unterschiedliche Dinge miteinander gleich.

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Doppelmoral

Das genaue Gegenteil des Apfel-Birnen-Vergleichs gibr es natürlich auch, nämlich Dinge unterschiedlich zu bewerten, die sich durchaus miteinander gleichsetzen lassen. Mit zweierlei Maß zu messen – das ist leider typisch menschlich, da kann sich wohl keiner von uns freisprechen. Aber vielen Leuten ist Moral so ausgesprochen wichtig, dass sie sie gleich doppelt haben!

Sie bewerten gleiches Recht oder Unrecht stets nach ihrer eigener Interessenlage oder ideologischer Position. Eine sachliche Rechtfertigung für diese Bewertung und die Ausnahmen, die sie machen? Fehlanzeige. Einsicht, wenn man sie darauf hinweist? Niemals! Es wird stets von anderen etwas gefordert, was sie selbst nicht einzuhalten bereit sind. Oder sie akzeptieren Belege nur dann, wenn sie ins eigene Weltbild passen​. Kurzgesagt: Reine Heuchelei. Wasser predigen und Wein trinken! Die Doppelmoral tritt bei vielen weiteren Scheinargumenten zutage, z.B. bei der Opferrolle bzw. Täter-Opfer-Umkehr, bei den Pseudo-Experten oder auch beim Cherrypicking. Die vielen Widersprüche sind offensichtlich, nur nicht für sie selbst.

Beispiele:

  • Karnevalswagen in Köln mit Alice Weidel und Wladimir Putin: „geschmacklos, beleidigend, Volksverhetzung!“ vs. Beliebige Witze, in denen Politiker der „Altparteien“ als dumm, fett, zurückgeblieben oder als Alkoholiker diffamiert werden: „Stell dich nicht so an, Meinungsfreiheit!“
  • „Die wollen uns die Gendersprache aufzwingen!“ vs. „Gendersprache muss verboten werden!“
  • „Diese Klima-Wahnsinnigen wollen uns vorschreiben, wie wir zu leben haben!“ vs. „Windräder abreißen! Elekroautos verbieten!“
  • „Wir sind gegen die da oben und die Finanzelite!“ vs. „Cool, der reichste und die beiden mächtigsten Männer der Welt unterstützen uns!“
  • „Überall Cancel Culture! Schrecklich!“ vs. „Diese Sängerin ist woke! Die boykottieren wir!“
  • „Die Mainstream-Medien sind doch alle bezahlte Staats-Propaganda!“ vs. „Mir doch egal, ob XY mal Geldzahlungen von Russland bekommen hat. Hauptsache, die berichten die Wahrheit!“
  • „Evolution? Zeig mir doch mal Beweise!“ vs. „Gott existiert! Das steht ja in der Bibel!“

Falsch, weil: Diese Aussagen demonstrieren, wie unterschiedlich Moralvorstellungen ausgelegt werden, je nachdem, ob es um die eigene Position oder die der Gegner geht. Anstatt eine konsistente und sachliche Bewertung vorzunehmen, wird das eigene Verhalten privilegiert.

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Argumentum ad Antiquitatem

„Das haben wir doch immer schon so gemacht!“ Ein plausibles Argument? Für manche schon, aber es ist kein echtes! Das Argumentum ad Antiquitatem (Argument der Altehrwürdigkeit) ist vielmehr eine klassische Technik der schwarzen Rhetorik, bei der auf alte Traditionen verwiesen wird, um eine Position zu legitimieren.

Im Kern bedeutet das, dass etwas richtig oder gut ist, nur weil es schon lange so gemacht wird. Diese Strategie ignoriert jedoch, dass Traditionen oft überholt sind und keinen wissenschaftlichen oder logischen Beweis liefern. Besonders in konservativen Diskursen wird dieses Scheinargument häufig eingesetzt, um Veränderungen zu verhindern.

Beispiel 1: „Die Automobilindustrie hat unser Land doch erst groß gemacht! Wir sind immer noch Spitzenreiter bei Verbrennermotoren. Sollen wir das jetzt alles aufgeben, nur wegen dieser Klima-Sekte?“

Beispiel 2: „Die Bibel ist tausende von Jahren alt und hat unzählige Generationen inspiriert und in dunklen Zeiten Trost und Halt gespendet. Da muss dann doch etwas wahres dran sein!“

Falsch, weil: Beide Sätze berufen sich allein auf die althergebrachte Tradition, um eine Aussage zu legitimieren. Nur weil etwas lange Bestand hatte, bedeutet das aber nicht, dass es wissenschaftlich richtig oder rational vernünftig ist. Zeiten können sich schließlich ändern, und neue Erkenntnisse Althergebrachtes positiv erweitern, verbessern oder sogar ganz ersetzen.

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Falsche Fährte

Das Pseudo-Argument der falschen Fährte, im Englischen auch als Red Herring bekannt, soll durch die Einführung einer irreleitenden oder unwichtigen Information vom eigentlichen Thema der Diskussion ablenken. Der Begriff stammt möglicherweise von der Praxis, eine falsche Fährte mit einem starken Geruch zu legen, um Hunde bei der Verfolgung abzulenken.

Beispiel 1: „CO₂ ist ein winziger Bestandteil der Luft, kann dann doch gar nicht schädlich sein!“

Beispiel 2: „Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass geschlossene Systeme immer in Unordnung übergehen. Laut den Evolutionisten werden Lebewesen aber immer komplexer. Die Evolutionstheorie widerspricht sich somit selbst, weil sie gegen die Naturgesetze verstößt!“

Falsch, weil: Beide Sätze sind dreiste Ablenkungsmanöver: CO₂ hat trotz seines geringen Anteils an der Atmosphäre trotzdem eine hohe Klima-Potenz (vergleichbar mit Alkohol im Blut!). Und Lebewesen sind offene Systeme, die Energie von außen (Sonne!) aufnehmen. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik gilt hier also nicht.

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Gish Galopp

Diese Ablenkungstaktik erfolgt durch abrupte Gedankensprünge. Der Sprecher galoppiert querfeldein durchs Gesprächsfeld und wechseln dabei ständig das Thema. Dabei präsentieret er eine ganze Flut an Halbwahrheiten, Fehlinformationen und Scheinargumenten, alle auf einmal, sodass der Gegner unmöglich auf all den Quatsch eingehen kann. Quasi ein dutzend falsche Fährten auf einmal.

Es geht dabei nicht um echtes Argumentieren, sondern darum, den Gegner mit einer Masse an Aussagen und Maßnahmen zu überfordern. Diese Taktik orientiert sich direkt an Brandolini’s Law. Sie wurde von Eugenie C. Scott geprägt, die sie nach dem Kreationisten Duane T. Gish benannte. Die Strategie klappt auch in der Politik hervorragend und ist eine der Lieblings-Strategien von Populisten: Flood the zone lautet z.B. auch die Devise von Donald Trump, die von Trumps früherem Berater Steve Bannon formuliert wurde.

Schon direkt zu seinem Amtsantritt 2025 ging Trump direkt damit in die Vollen, als er z.B. forderte, den Golf von Mexiko umzubenennen, den Zusammenschluss mit Kanada propagierte, Grönland kaufen (bzw. übernehmehm) und den Gaza-Streifen besetzen wollte, um ihn zu einem luxuriösen Touristengebiet am Mittelmeer auszubauen…

Der Plan dahinter: Wenn in den Medien und unter seinen Gegnern über diese Flut an Rand-Themen debattiert wird, fallen andere, deutlich prekärere Maßnahmen durchs Raster und werden weniger bis gar nicht kritisiert. So verschiebt sich die Debatte, oft geradezu ins Absurde, wodurch der Populist seine Macht weiter ausbauen kann.

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Whataboutismus

Eine Abwandlung der falschen Fährte und ein ebenso mieses Ablenkungsmanöver ist der sogenannte Whataboutismus (aus dem Englischen „What about…„, mit der Bedeutung „Was ist eigentlich mit…“). Hierbei wird, anstatt auf ein Argument einzugehen, einfach ein anderes Fass aufgemacht.

Ziel ist es, die Diskussion zu entgleisen und Kritik ins Leere laufen zu lassen, Sündenböcke zu präsentieren oder sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Auch mit Relativierungen gehen Whataboutismen häfig Hand in Hand. „Der hat aber angefangen!“ ist wahrscheinlich der erste Whataboutismus, mit dem wir alle schon im Kindergarten einmal konfrontiert gewesen sind.

Beispiel 1: „China und die USA stoßen ganze Größenordnungen mehr CO₂ aus als Deutschland, aber WIR sollen mal wieder die Welt retten.“

Beispiel 2: „Anstatt ständig die Evolutionstheorie zu verteidigen, sollten Wissenschaftler lieber erklären, wie das Leben überhaupt entstanden ist – denn das können sie bis heute nicht!“

Falsch, weil: Beide Aussagen versuchen, vom eigentlichen Thema abzulenken, indem sie ein anderes, scheinbar gleichsam relevantes Problem oder einen „noch Schuldigeren“ in den Vordergrund rücken.

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Kugelfisch-Taktik

Noch eine fiese Abwandlung der falschen Fährte ist der „Kugelfisch“, ein rhetorischer Trick, bei dem jemand einen unbedeutenden Aspekt künstlich aufbläht, um damit von den eigentlichen Inhalten abzulenken. Eben so, wie es auch der Kugelfich tut, der eigentlich winzig klein ist, sich aber zur Abschreckung von Feinden aufblasen kann.

Oft werden dabei tatsächliche Fakten bzw. wissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen, allerdings ohne Kontext und Relativierung. Somit kann diese Taktik eng auch mit falschen Fährten, Whataboutismen oder allen Formen der Rosinenpickerei verknüpft werden.

Es geht darum, mit kompliziert klingenden Begriffen und einer Flut an (oft irrelevanten) Informationen zu beeindrucken und den Gegner einzuschüchtern, anstatt wirklich eine schlüssige Beweisführung zu liefern. Eben wie ein Kugelfisch, der eigentlich ein ziemlich kleiner Fisch ist, sich aber aufbläst, um für seine Feinde größer zu wirken, als er eigentlich ist.

Beispiel 1: „In der Antarktis gibt es Regionen, in denen das Eis wieder zunimmt. Aber klar, globale Erwärmung ist so ein Problem…“

Beispiel 2: „Wissenschaftler ordnen Fossilien dauernd falsch ein. Und auch bei der angeblichen Verwandtschaft heutiger Tiere wurden schon unzählige Fehler gemacht! Wie kannst du trotzdem an Evolution glauben?“

Falsch, weil: Klingt alles hochgradig wissenschaftlich, ist aber im Grunde nur dummes Stammtisch-Geschwurbel, das nur der Ablenkung und Einschüchterung dienen soll.

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Dammbruch

Diese rhetorische Technik soll bei den Zuhörern auf irrationale Weise Panik und Widerstand gegen eine Veränderung erzeugen. Sie dient besonders dazu, (vernünftige!) Lösungsvorschläge für bestimmte Probleme zu diskreditieren. Die Behauptung: Ein vorgebrachter Vorschlag werde zu einer Kettenreaktion aus negativen Folgen führen, auch wenn es dafür keine logische oder empirische Grundlage gibt. Das „Argument“ ist also quasi ein Dammbruch, bei dem sich aufgrund einer in Wirklichkeit harmlosen Entscheidung eine Flut aus schrecklichen Konsequenzen über uns alle ergießen wird. Es ist auch eine beliebte Vorbereitungs-Taktik zum Aufbauen eines Strohmann-Arguments.

Beispiel 1: „Wenn wir CO₂-Emissionen besteuern, werden wir bald gar nichts mehr produzieren dürfen, und die Wirtschaft wird völlig zusammenbrechen!“

Beispiel 2: „Wenn wir Kindern Evolution beibringen, dann verlieren sie jeglichen moralischen Kompass und glauben, dass das Leben bedeutungslos ist!“

Falsch, weil: Klimamaßnahmen und Evolutionslehre sind Wissenschaftsleugnern gleichsam ein Dorn im Auge. Und so werden diese Maßnahmen als Anfang einer unaufhaltsamen Katastrophe dargestellt. Man könnte bei allen Szenarien noch ergänzen: „Das wird zu einer völligen Verrohung der Gesellschaft führen. Es wird einen Bürgerkrieg geben! Millionen Tote sind dann die Folge!“ Und so geht es weiter und weiter…

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Relativierung

Mit dieser Taktik versuchen sie, das Problem herunterzuspielen, zu verharmlosen oder auf auf vermeintlich noch „schlimmere“ Probleme zu verweisen. Dazu verknüpfen sie es gern mit Whataboutismen, doch kann eine Relativierung (oder englisch: Fallacy of Relative Privation) auch ganz allein daherkommen. Genau wie die vorherigen Beispiele lenken Relativierungen von der eigentlichen Diskussion ab und verhindern konstruktive Lösungsansätze.

Oft werden Relativierungen auch als simple Totschläger benutzt, um die Diskussion zu beenden: „Warum überhaupt streiten? Ist doch alles nicht so wild.“ So soll das Gespräch beendet und der „Gegner“ als Alarmist mit völlig übertriebenen Ansichten dargestellt werden. Es ist also ein „umgekehrter“ Dammbruch: Statt direkt die Apokalypse zu erwarten, wenn die Forderungen des Gegners umgesetzt würden, gehen viele Wissenschaftsleugner den komplett gegenteiligen Weg und auf einmal ist alles gar nicht mehr so schlimm!

Beispiel 1: „Ist doch schön, wenn es auf der Welt ein bisschen wärmer wird. Längere Pflanz- und Saatzeiten, weniger Kälte-Tote im Winter… Ich sehe da eigentlich nur Vorteile!“

Beispiel 2: „Na gut, in der Bibel stehen wirklich einige grausame Dinge drin. Aber selbst wenn die Bibel gegen Homosexualität ist, was soll’s? Das war doch früher überall verboten, und die Menschen haben trotzdem gut gelebt.“

Falsch, weil: Beide Sätze relativieren tatsächliche Probleme, indem sie nur ausgewählte positive Aspekte hervorheben und ernsthafte negative Konsequenzen ignorieren. Das kann sich gar zur extremen Menschenfeindlichkeit auswachsen.


Was kannst du dagegen tun?

  • Den Trugschluss entlarven: Frage nach Belegen oder zeige den logischen Fehler auf!
  • Manipulation benennen: Wenn keine oder nur unzureichende Belege liefern kommen, unterbreche den Sprecher. Ruf laut „Stop, das kann so nicht stehenbleiben!“ Dann zeige auf, wie er andere einzuwickeln versucht, und dass seine Argumentation keine Substanz hat.
  • Beim Thema bleiben: Ein anderer Weg: gehe auf den Bullshit gar nicht erst ein, und kehre zum Kern der Diskussion zurück! Du musst nicht auf jeden Mist antworten. Vergiss nicht, dass Ablenkung eine wirkkungsvolle Strategie ist!

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Unerfüllbare Erwartungen

Wissenschaftsleugner arbeiten gern mit fiesen Tricks, um eine berechtigte Kritik an der Forschung vorzutäuschen. Dazu stellen sie unerfüllbare Erwartungen: So fordern sie von Forschern unwiderlegbare Tatsachen oder präzise Prognosen, welche die Forschung wohlweißlich nicht erbringen kann. Schließlich ist Wissenschaft ja keine Kaffeesatzleserei und Forscher haben auch keine Kristallkugel, in der sie nach der „Wahrheit“ forschen.

Raum für Zweifel muss in der Forschung immer offenbleiben, das ist sogar ein wissenschaftlicher Grundsatz! Doch genau den machen sich geschichte Ninjas der schwarzen Rhetorik gern zunutze, um Zweifel zu schüren und die Arbeit der Forscher zu diskreditieren. Diese Technik wird auf Englisch auch Nirvana Fallacy genannt. Oft wird dabei auch pauschal Kritik an Lösungsvorschlägen geübt, weil sie das Problem nicht vollständig oder perfekt lösen können – selbst wenn sie trotzdem effektiv sind. Diese Strategie wird oft eng verwoben mit allen logischen Trugschlüssen.

Beispiel 1: „Wissenschaftler können nicht einmal das Wetter in der nächsten Woche vorhersagen. Wie sollen sie also das Wetter in 100 Jahren vorhersagen können?“

Beispiel 2: „Wenn Evolution wahr wäre, müsste es doch heute noch überall Tiere geben, die sich gerade weiterentwickeln. Warum sehe ich keine Affen, die Menschen werden? Oder Fische, die ans Land gehen?“

Falsch, weil: Beide Aussagen setzen unerfüllbare Erwartungen, indem sie von der Wissenschaft absolute Sicherheit oder perfekte Vorhersagen verlangen. Doch das ist in komplexen Systemen wie Klima oder Evolution unmöglich! Diese Strategie soll Zweifel säen und wissenschaftliche Unsicherheiten fälschlicherweise als Schwäche darstellen.

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Abgesenkte Erwartungen

In umgekehrter Weise kann man aber auch mit abgesenkten Erwartungen arbeiten, mit denen eine Vorstellung oder Beweise für eigene Inhalte, die der Ideologie entsprechen, angeführt (und natürlich immer erfüllt!) werden. Hier machen es sich die Wissenschaftsleugner aber viel zu einfach und sehen Dinge als unumstößlichen Beweis an, obwohl es durchaus auch andere, sogar noch plausiblere Erklärungen für das „erklärte“ Phänomen gibt.

Beispiel 1: „Die letzten beiden Sommer waren viel verregneter und kälter als die davor. Es gibt wohl doch keinen Klimawandel.“

Beispiel 2: „Es gibt Fossilien von Meerestieren auf Bergen. Das ist ein eindeutiger Beweis für die Sintflut!“

Falsch, weil: Beide Aussagen senken die Anforderungen an einen „Beweis“ so stark ab, dass sie eine komplexe Realität verzerren: kurzfristige Wetterveränderungen widerlegen keinen langfristigen Klimawandel. Und Fossilien auf Bergen lassen sich geologisch erklären, ohne eine Sintflut zu benötigen.

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Argumentum ex silentio

Auch das (bisherige!) Fehlen von Beweisen wird von Wissenschaftsleugnern gern als Beweis für die eigene Position interpretiert. Mit der Taktik des Argumentum ex silentio (Argument der Stille) stellen sie dann ihre eigene Position als wahr oder die der Gegner als falsch dar, ohne dass sie es für nötig halten, einen eigenen, positiven Beweis zu erbringen. Auch diese Taktik basiert auf der unrealistischen Erwartung, dass für alles sofort und überall wissenschaftliche Beweise vorliegen müssten. Es ist somit eine klassische Strategie, um unbequeme Fakten zu ignorieren oder Zweifel zu säen.

Beispiel 1: „Es gibt doch überhaupt keinen Beweis dafür, dass diese Flut nun durch den Klimawandel verursacht wurde. Das wird jetzt von den ganzen Hysterikern nur wieder schön ausgeschlachtet.“

Beispiel 2: „Alle diese superschlauen Wissenschaftler konnten bislang noch nie beweisen, dass Gott nicht existiert.“

Falsch, weil: Kausale Zusammenhänge zwischen Wetterextremen und dem Klimawandel lassen sich wissenschaftlich zwar nicht (immer!) direkt belegen, genauso wenig wie die Nichtexistenz Gottes. Dass der Klimawandel Extremwetterereignisse aber begünstigt, sagen Klimamodelle unmittelbar voraus. Nichtexistenzen zu belegen liegt außerhalb des Methodenrahmens der Wissenschaft. Forschung erfolgt immer nur umgekehrt, mit positiven Belegen. Das fehlen von Belegen ist aber per se kein valides Argument, jedenfalls nicht immer!

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Verankerung

Ein übermäßiges Festhalten an der zuerst erhaltenen Information  wird auch „Anchoring“ genannt. Es ist sowohl ein Logikfehler als auch eine unerfüllbare Erwartung wobei eine zuerst genannte Zahl, Behauptung oder Bewertung zum alleinigen Ausgangspunkt für alles weitere gesetzt wird. Alles, was danach kommt, auch neuere, eigentlich bessere Erkenntnisse, wird unbewusst an diesem „Anker“ gemessen, wobei der „Anker“ meist willkürlich, irreführend oder sachlich unpassend ist.

Der Anker selbst muss dabei noch nicht einmal falsch sein. Die Manipulation entsteht häufig eher dadurch, dass eine korrekte Einzelinformation als entscheidender Bezugsrahmen gesetzt wird, obwohl sie allein die Frage gar nicht beantwortet. Das geht dann auch wieder stark in Richtung der Rosinenpickerei.

Beispiel 1: „Wir Deutschen stoßen doch nur rund 2% des globalen CO2 aus. Darum…“

Beispiel 2: „Ein menschliches Auge besteht aus unzähligen Bestandteilen, die perfekt angeordnet sind. Deshalb…“

Falsch, weil: Nee, eigentlich ist hieran gar nichts falsch! Beide Aussagen sind für sich völlig korrekt. Sie bilden jedoch den Anker für weitere, dann falsche Schlussfolgerungen, wie z.B., dass wir global betrachtet doch kaum eine Verantwortung für den Klimawandel trügen, oder dass die irreduzible Funktionalität des Auges ein Beleg für einen intelligenten Schöpfer sei.

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Torpfosten verschieben

Was eine besonders fiese Masche ist: Selbst, wenn die geforderten Belege wirklich erbracht werden, erkennen Wissenschaftsleugner diese einfach nicht an. Übel: Da hast du den Typen wirklich am argumentatorischen Schlafittchen gepackt und er muss sein Geschwurbel sogar an einer Stelle einräumen – da ändert er dann einfach selbst die Spielregeln eures Gesprächs. Er wird nun einfach die Torpfosten verschieben.

Diese Strategie lässt sich quasi endlos fortführen, sodass es sehr müßig sein kann, mit leuten, die sie beherrschen, weiter zu diskutieren. Sie ist eng gekoppelt an Verschwörungserzählungen und eine Ausdrucksform einer gewissen Immunität gegen Beweise.

Beispiel 1: „Okay, der Meeresspiegel mag gestiegen sein, aber dass sich der Anstieg beschleunigt hat, das kannst du trotzdem nicht beweisen!“

Beispiel 2: „Hmm, interessant, dein komischer Archaeopteryx oder dieser Tiktaalik… Aber hast du denn auch eine ‚Zwischenform‘, die zeigt, wie sich ein Dino mal in einen Archaeopteryx verwandelt hat? Oder ein Fisch in deinen Tiktaalik? Nee, haste nicht! Siehste!“

Falsch, weil: Beide Aussagen verschieben die Anforderungen an einen Beweis immer weiter, sodass kein Argument jemals ausreicht. Selbst wenn klare Belege vorliegen, werden neue, oft unerfüllbare Forderungen gestellt, um die eigene Position niemals aufgeben zu müssen.

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Argumentum ad ignorantiam

Letzten Endes laufen Diskussionen mit Wissenschaftslerugnern oft auf das Argumentum ad ignorantiam (Argument der Unwissenheit) hinaus. Wie das abläuft, ist leicht erklärt: Eine These wird für falsch erklärt, nur weil sie bisher nicht bewiesen werden konnte. Genauso gilt umgekehrt: Eine These wird für richtig erklärt, weil sie bisher nicht widerlegt werden konnte.

Es ist allerdings so, dass man niemals wissenschaftlich beweisen kann, dass etwas nicht existiert. Egal ob es um Kobolde, Feen, Drachen, Bigfoot, Nessie, Yeti, Außerirdische oder auch Gott geht: ob es sie gibt, kann nur bewiesen werden, wenn jemand einen klaren Beleg für ihre Existenz liefert.

Beispiel 1: „Dass der Klimawandel zu einer Katastrophe führen wird, ist überhaupt nicht sicher! Du sagst doch selber, dass so eine rasante Entwicklung in der Erdgeschichte noch nie gab!“

Beispiel 2: „Woher willst du eigentlich wissen, dass die Dinos wegen dieses Meteoriten ausgestorben sind? Warst du etwa dabei?“

Falsch, weil: Bei beiden Aussagen werden die eigene Unwissenheit, sowie die (scheinbare!) Unbeweisbarkeit, zur Waffe. Dabei kann man selbstverständlich  auch Klimamodelle zu bislang unbekannten Szenarien erstellen, und zwar auf Basis von verfügbaren Daten, die wir ja trotzdem noch messen können. Und wir können auch Spuren für Ereignisse in der längst zurückliegenden Vergangenheit finden und sie erforschen.

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Argumentum ex Incredulitate

„Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ oder „Ich kann mir das nicht vorstellen, also ist es sicher falsch“. Das Argumentum ex Incredulitate (Argument der Unglaubwürdigkeit) spielt, wie du hier bereits erkennst, mit den eigenen Grenzen des Verständnisses und nutzt das Unbehagen vor dem Unbekannten aus, um ein plausibles Argument der Gegenseite zu diskreditieren.

Anstatt sich mit wissenschaftlichen Fakten oder logischen Erklärungen auseinanderzusetzen, wird die eigene Vorstellungskraft zum Maßstab der Realität erhoben – was natürlich Unsinn ist! Oft geht diese Taktik Hand in Hand mit anderen Scheinargumenten, wie dem Argumentum ad antiquitatem oder baut auf einem Argumentum ad ignorantiam auf.

Beispiel 1: „Nur 1,5 Grad mehr sollen das ganze Klima verändern? Na, das klingt doch eher nach Panikmache als nach Wissenschaft.“

Beispiel 2: „Wie soll aus einer einzigen Zelle ein so komplexer Organismus wie der Mensch entstehen? Das geht nicht, und erst recht nicht ohne einen intelligenten Schöpfer.“

Falsch, weil: Beide Aussagen basieren nicht auf wissenschaftlichen Fakten oder Logik, sondern auf einem Gefühl. Nur weil jemand sich die Auswirkungen eines Temperaturanstiegs oder die Komplexität der Evolution nicht vorstellen kann, bedeutet das nicht, dass sie nicht real sein können.


Was kannst du dagegen tun?

  • Erwartungen richtig einordnen: Zeige auf, dass absolute Sicherheit oder perfekte Vorhersagen in der Wissenschaft nicht möglich sind, aber dass das keine Schwäche, sondern die eigentliche Stärke des wissenschaftlichen Arbeitens ist.
  • Manipulation entlarven: Mache deutlich, dass dein Gegenüber unerfüllbare Maßstäbe setzt, die er selbst nie für seine eigenen Behauptungen anlegen würde. Du kannst hier meistens den Spieß ganz einfach umdrehen!
  • Gegenfragen stellen: „Welcher Beweis würde dich denn überzeugen?“
  • Torpfosten festhalten: Wenn Belege geliefert werden, weise darauf hin, dass die Spielregeln nicht einfach geändert werden können, und dass die Beweise bereits gültig waren! Mache deutlich, dass endlose Nachforderungen kein Zeichen von kritischem Denken, sondern von ideologischer Verbohrtheit sind.
  • Einen kühlen Kopf bewahren: Es kann sehr frustrierend sein, gegen unerfüllbare Erwartungen anzugehen. Bleib dabei auf jeden Fall ruhig, souverän und klar in deiner Argumentation und rutsche nicht ins Emotionale ab.

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Rosinenpickerei

Eine weitere typische Masche ist die Rosinenpickerei, auf Englisch auch oft als Cherrypicking bezeichnet. Was heißt das nun wieder? Der Wissenschaftsleugner „untermauert“ seine Position hier ausnahmsweise wirklich einmal mit wissenschaftlichen Daten, Studien und Forschungsergebnissen, an denen es erst einmal nichts oder nur wenig auszusetzen gibt. Das Verwerfliche: er stellt bei Kontroversen nur die Ergebnisse heraus, die seinen Standpunkt unterstützen. Dass es auch widersprechende Ergebnisse gibt, ignoriert er (wohlweißlich).

Das läuft zum Beispiel so ab:

Experte im Interview: „In der Forschung müssen wir immer für den Irrtum offenbleiben. Es gibt keine Abschließende Wahrheit und ständig neue Erkenntnisse.“

Schlagzeile in Schwurbler-Blatt: „Professor gibt zu, dass Forschung im Grunde gar nichts bringt!“

Falsch, weil: Muss ich nicht erklären, oder? Das Schundblatt gibt die Aussage des Experten derartig reduziert wieder, dass der Inhalt völlig sinnentstellt wird. Dadurch entsteht ein ganz anderes Narrativ.

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Anekdote

Hier pickt man sich eigene Erlebnisse heraus, um sie als Scheinbeweise ins Feld zu führen. Etwas, was ich selbst oder andere mit ihren eigenen Augen gesehen haben, muss doch etwas wert sein, oder? Nein. Erstens lassen sich Anekdoten auf ihren Wahrheitsgehalt nur schwer überprüfen. Zweitens ignorieren sie, dass es mehr als nur eine logische Erklärung geben könnte, selbst wenn die Geschichte wahr sein sollte. Und drittens: Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine eigene Anekdote kann durchaus eine Ausnahme sein, die sehr konträr zur Gesamtlage steht.

Beispiel 1: „Jetzt sieh dir nur mal den ganzen Schnee an, den wir schaufeln müssen! Und die Deppen reden ständig von globaler Erwärmung!“

Beispiel 2: „Schon mein Biolehrer konnte mir nie genau erklären, wie aus toter Materie Leben entstanden sein soll. Das zeigt doch, dass die ganze Evolutionstheorie Quatsch ist!“

Falsch, weil: Beide Aussagen ziehen aus Einzelfällen oder persönlichen Erlebnissen falsche Schlussfolgerungen, ignorieren breitere wissenschaftliche Daten und übersehen, dass Ausnahmen nicht die Regel widerlegen. Lokale Wetterereignisse sagen nichts über das globale Klima aus. Und selbst ein Biolehrer kann nicht alles wissen.

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Faultier-Induktion

Sobald ein Schwurbler nur eine einzige Studie gefunden hat, die sein Argument (angeblich) stützt könnte, stellt er jede weitere Recherche ein. Es reicht ihm dann. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit, wann immer irgendwer auf das betreffende Thema zu sprechen kommt, zitiert er nun aus dieser einen Studie, um sein Argument zu „untermauern“. Gegenbeweise, selbst wenn es reichlich davon gibt, werden schlichtweg ignoriert. „

Faultiere“ gehen auch gern mit anderen Scheinargumenten spazieren, wie z.B. aus der Sparte der logischen Trugschlüsse, und besonders gern auch mit Pseudo-Experten.

Beispiel 1: „Es gibt diese eine Studie, die zeigt, dass die Sonne viel stärker zum Klimawandel beiträgt als CO₂ – also ist die ganze Debatte über menschengemachten Klimawandel Unsinn!“

Beispiel 2: „Ein Wissenschaftler hat gesagt, dass es Lücken in der Fossilienreihe gibt – also ist die Evolution nur eine unbewiesene Theorie!“

Falsch, weil: Beide Aussagen stützen sich auf eine einzelne, oft aus dem Kontext gerissene Studien, die es vielleicht wirklich geben mag. Dabei wird aber ignoriert, dass der wissenschaftliche Konsens durch zahlreiche, unabhängige Untersuchungen gebildet wird. Echte Forschung basiert nicht auf Einzelmeinungen.

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Selektives Zitieren

Die nächste Masche: Einzelne Zitate von Fachleuten aus dem Kontext reißen und so zu verdrehen, dass sie zur eigenen Position passen. Auch wenn die besagten Experten das irgendwann herausfinden und sich von der Zitierweise deutlich distanzieren, hört diese Masche nicht auf. Jetzt wird ständig weiterbehauptet, Professor X hätte dies und jenes gesagt, obwohl er etwas komplett anderes meinte.

Beispiel 1: „Der schwedische Physiker Svante Arrhenius sagte selbst, dass mehr CO₂ das Klima positiv beeinflussen und für bessere Ernten sorgen wird!“

Beispiel 2: „Der berühmte Paläontologe Stephen Jay Gould und sogar Charles Darwin selbst haben zugegeben, dass es in der Fossilienreihe keine Übergangsformen gibt – also ist die Evolutionstheorie falsch!“

Falsch, weil: Arrhenius erkannte 1896 als Erster, dass CO₂ zur Erderwärmung beiträgt. Er hielt eine moderate Erwärmung für vorteilhaft, aber nur, weil er nicht wusste, wie rasant sie tatsächlich verlaufen würde. Und seit Darwin wurden sogar mehrere „Übergangsformen“ entdeckt (z. B. Archaeopteryx oder Tiktaalik). Gould postulierte, dass Evolution manchmal in schnellen Sprüngen abläuft und nicht immer allmählich. Er sagte nie, dass es keine Übergangsformen gäbe, sondern dass sich neue Arten oft relativ schnell entwickeln, weshalb manche Übergangsformen in der Fossilienreihe seltener nachweisbar sind.

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Texanischer Scharfschütze

Eine der miesesten Taktiken der Scheinargumentation, bei dem selektiv Daten oder Fakten herausgegriffen werden, ist der Texanische Scharfschütze. Der Name stammt vom Bild eines Betrügers beim Sportschießen, der erst schießt und erst danach eine Zielscheibe um die Einschusslöcher malt, um den seine überlegene Treffsicherheit vorzutäuschen.

Diese Technik wird oft genutzt, um Zufälle als kausale Zusammenhänge darzustellen und eine falsche Sicherheit in der eigenen Argumentation zu erzeugen. Man greift sich einfach ein (vielleicht sogar zutreffendes!) Beispiel heraus, dass zur eigenen Argumentation zu passen scheint, und führt dieses dann immer wieder als Beweis für seine kruden Behauptungen an.

Beispiel 1: „In Reykjavík sind die Durchschnittstemperaturen in den letzten Jahren nicht gestiegen, sondern gesunken. Das beweist doch, dass der Klimawandel eine Lüge ist!“

Beispiel 2: „Kennst du den Schwertschwanzkrebs? Der hat sich doch angeblich seit Millionen von Jahren nicht verändert. Da siehst du doch, dass der ganze Mist mit der Evolution willkürlich und erlogen ist!“

Falsch, weil: In beiden Beispielen werden einzelne Ausreißer selektiv herausgegriffen, während der globale Trend zu steigenden Temperaturen sowie die vielen Übergangsformen bei anderen Tieren ignoriert werden. So malen beide Beispiele hier ihre Zielscheibe selbst um das gewünschte Ergebnis herum.

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Wunschdenken

Einen „magischen“ Übergang zu den Verschwörungsmythen bietet das Wunschdenken. Dinge für wahr zu halten, weil sie „gefühlt“ wahr sein müssen, weil man möchte, dass sie gern wahr wären, ohne sich dabei aber auf die tatsächliche Datenlage zu verlassen. Oder eben nur die Daten heranzuziehen, die in die gewünschten Narrative passen. Deshalb steht dieser Punkt hier auch bei der Rosinenpickerei.

Beispiel 1: „Die Technologie ist doch da. Wir können also bis 2030 oder auch später immer noch aus Kohle-, Gas- und Kernkraft aussteigen, wenn wir müssen. Wieso sollen wir aber jetzt unsere Wirtschaft kaputtmachen? Und die Natur kann sich eh selbst regulieren!“

Beispiel 2: „Ich finde es absurd, mir vorzustellen, dass meine Vorfahren nur bescheuerte Affen waren! Und das Leben ist doch viel zu schön, um ohne einen Schöpfer entstanden zu sein!“

Falsch, weil: In beiden Beispielen werden die Behauptung nicht deshalb für wahr gehalten, weil gute Belege für sie sprechen, sondern weil man sich wünscht, dass sie wahr wären.


Was kannst du dagegen tun?

  • Ausnahmen bestätigen die Regel: Stelle klar, dass eine einzelne Studie, Anekdote oder ein aus dem Kontext gerissenes Zitat keine ausreichende Beweislage darstellt.
  • Vollständigkeit fordern: Frage gezielt nach weiteren Quellen und Metaanalysen: „Was sagen denn die restlichen 99 % der Forschung dazu?“
  • Den Trick benennen: Mache deutlich, dass dein Gegner bewusst nur passende Schein-Beweise herausgreift und widersprechende Daten ignoriert. Beispiel: „Warum zitierst du nur XY, aber nicht die zweitausend anderen, die ihm widersprechen?“
  • Den Kontext wiederherstellen: Falls ein Zitat oder eine Studie verdreht wurde, liefere die vollständige Aussage oder die breitere Forschungslage. So wird klar, dass der ursprüngliche Sinn verfälscht wurde. Es ist aber natürlich klar, dass dies in persönlichen Gesprächen nicht funktioniert, weil du unmöglich alles Geschwurbel kennen und auf dem Kasten haben kannst. Bei online-Diskussionen kannst du das aber leicht mithilfe von KI recherchieren.
  • Eigenes Cherrypicking vermeiden: Achte darauf, selbst keine unvollständigen Daten zu nutzen!

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Verschwörungsmythen

Den runden Abschluss der schwarzen Rhetorik von Wissenschaftsleugnern bilden die übelsten Maschen von allen. Und das sind die Verschwörungsmythen! Vereinfacht gesagt steckt die Überzeugung dahinter, dass die Wissenschaft von einer (unbekannten) Elite unterwandert wurde, nun politisch gesteuert ist und instrumentalisiert wird. Dadurch werden nun bloß noch Ergebnisse präsentiert, die dem „Mainstream“ entsprechen.

Dass die eigene Meinung ständig angegriffen werde, sei das Ergebnis einer groß angelegten Verschwörung, um die „Wahrheit“ nicht ans Licht kommen zu lassen. Diese Strategie hat ihren Grund: schließlich können empirische Forschungen die religiösen Dogmen und menschenverachtenden Ideologien widerlegen und gefährden damit ihre Agenda.

Beispiel 1: „Globale Erwärmung ist eine Erfindung von China, um die westliche Wirtschaft zu schwächen! In Wahrheit kühlt sich die Erde ab, weil wir noch immer in der Eiszeit sind.“

Beispiel 2: „Paläontologen graben beileibe keine Knochen aus! Die tun nur so! Stattdessen kratzen sie die einfach nur in den Stein oder aus dem Stein heraus. Fossilien… Das ist doch alles nur ‚Kunsthandwerk‘!“

Falsch, weil: Beide Aussagen sind klassische Verschwörungsmythen, die wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur ablehnen, sondern durch wilde Spekulationen ersetzen. Dabei werden Fakten ignoriert, absurde Behauptungen miteinander kombiniert und eine geheime Agenda unterstellt.

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Üble Absichten

Das hier ist eigentlich keine rhetorische Taktik, sondern eine charakterliche Haltung, die auf einer nihilistischen Skepsis basiert und alles abgelehnt, was im Widerspruch zur eigenen Ideologie steht. Alle Nachfragen nach Beweisen haben lediglich rhetorische Natur. Denn auch, wenn du wirklich einen Beweis anführen kannst, kommt sofort der Vorwurf, dass die Daten ungenau seien, oder die ganze Studie sogar gefälscht.

„Die Wissenschaft“ ist natürlich Teil einer weltweiten Verschwörung, die Forscher tun entweder nur so, als seien sie so schlau, oder / und verfolgen ganz eigene finstere Interessen, genauso wie die „Mainstream-Medien“ und die „Altparteien“. Es ist auch völlig egal, ob nach einem Regierungswechsel oder auch einem Paradigmenwechsel in der Forschung ein völlig anderer Kurs gefahren wird. Solange nicht die eigene Ideologie eins zu eins umgesetzt ist, ist jeder andere ein Feind.

Beispiel 1: „Klimaforscher leben doch von ihrer Panikmache – ohne den angeblichen Klimawandel würden die doch alle ihre Jobs verlieren!“

Beispiel 2: „Wissenschaftler verteidigen die Evolution nur, weil sie Atheisten sind und Gott und die Moral aus der Welt schaffen wollen!“

Falsch, weil: Beide Aussagen unterstellen der Wissenschaft oder der Regierung üble Absichten, um ihre Erkenntnisse nicht ernst nehmen zu müssen. Anstatt Argumente auf der Sachebene zu widerlegen (was mitunter schwierig ist!), wird einfach behauptet, dass die Gegenseite eine versteckte Agenda verfolgt. Beweise sind dafür nicht notwendig.

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Generalverdacht

Insbesondere die Forschung steht unter einem Generalverdacht. Die offizielle Darstellung der Forscher muss auf einer Täuschung beruhen. Denn was nicht wahr sein darf, kann auch nicht wahr sein. Egal ob es um Erkenntnisse aus der Klimaforschung, der Medizin oder auch der Evolutionsbiologie geht: alle sind gleichermaßen Anfeindungen ausgesetzt und werden von Wissenschaftsleugnern stets zu diskreditieren versucht.

Hierbei wird oft unterstellt, dass die Forscher ein (auch finanzielles) Eigeninteresse haben und deshalb nicht glaubwürdig sind. Bei dieser Technik wird auch eng mit Pseudo-Experten gearbeitet, die als wenigstens „gleichberechtigtes“ Gegengewicht aufgebaut werden.

Beispiel 1: „Hinter der ganzen Klimahysterie steckt doch die Öko-Lobby! Die verdienen sich mit ihren Windrädern und Elektro-Autos eine goldene Nase.“

Beispiel 2: „Guck dir doch mal an, was die Museen für ein Geld machen! Oder Hollywood mit diesem Dino-Hype… Dabei hat es Dinosaurier überhaupt nicht gegeben!“

Falsch, weil: Alle drei Aussagen arbeiten mit einem pauschalen Generalverdacht, indem sie unterstellen, dass Forschung und Wissenschaft nur aus finanziellen Eigeninteressen betrieben werden. Anstatt die Fakten zu widerlegen, wird einfach behauptet, dass alles nur eine große Geldmacherei sei.

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Etwas stimmt nicht

Sogar, wenn Teile des Verschwörungsmythos absolut nicht mehr haltbar sind, und der Schwurbler sich das schmerzhafterweise eingestehen muss, kriegt er mit einer anderen Masche, dem „Etwas stimmt nicht!“ noch die Kurve. Jede kleine Ungenauigkeit oder (scheinbare!) Unstimmigkeit eines Arguments oder einer Studie wird dabei mit Hilfe von Trugschlüssen ausgeschlachtet. Hierbei wird oft auch mit Techniken aus der Kategorie der unerfüllbaren Erwartungen gearbeitet, und der andere Ast der Verschwörungsmythen, also die Immunität gegen Beweise, mit herbeigezogen.

Beispiel 1: „Ja, okay, 97% der Klimaforscher sagen, dass Menschen die globale Erwärmung verursachen. Die machen das aber doch nur, weil sie keine Abweichler sein wollen. Sonst würden die doch gleich von ihrer Uni fliegen!“

Beispiel 2: „Ja okay, die Arche war für alle lebenden Tiere auf der Erde wohl doch etwas zu klein. Aber von den ganzen Vögeln hat Noah sicher nur die Eier mitgenommen. Und viele Tiere haben sich danach ja noch weiterentwickelt, aus Grundformen. Hunde aus Wölfen und so weiter. Mikro-Evolution eben!“

Falsch, weil: Beide Aussagen geben widerwillig einen Punkt zu, ersetzen die eigentliche Widerlegung aber sofort durch eine neue Spekulation oder Verschwörungsthese. Anstatt echte Argumente zu liefern, wird einfach so lange weiter geschwurbelt, bis die eigene Ideologie doch wieder passt.

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Opferrolle

Wenn nichts mehr klappt, begibt sich der Schwurbler in die Opferrolle. Auf Latein heißt sie übrigens Argumentum ad misericordiam (Argument gegen das Mitleid). Es ist der Versuch, Sympathie oder Mitleid zu erwecken, um Zustimmung zu erhalten, anstatt auf rationale Gründe einzugehen. Und besonders in der eigenen Anhängerschaft ist das sehr wirkungsvoll.  Für viele Wissenschaftsleugner ist die Opferrolle ein Kunststück, dass sie exzellent beherrschen.

Beispiel 1: „Wenn man sich nicht dem Klimawahn anschließt, oder irgendwas Kritisches zu der sakrosankte Greta sagt, wird man doch gleich als Umweltverbrecher oder Nazi abgestempelt!“

Beispiel 2:  „Die Evolutionstheorie wird uns allen in der Schule einfach aufgezwungen. Aber niemand lässt uns Kreationisten auch unsere eigene Meinung sagen! Das ist Diskriminierung!“

Falsch, weil: Beide Aussagen inszenieren die Sprecher als unterdrückte Opfer, um von der inhaltlichen Debatte abzulenken. Dabei ist Kritik an der Forschung ausdrücklich erlaubt. Sogar Falschaussagen darüber sind meistens von der Meinungsfreiheit gedeckt! Man muss allerdings trotzdem natürlich mit Widerspruch rechnen, weil Meinungsfreiheit eben keine Einbahnstraße ist.

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Täter-Opfer-Umkehr

Anstatt sich nur selbst die Opferrolle zuzuschieben, ist es auch sehr verbreitet, die tatsächlichen Opfer von Gewalt und Diskriminierung in widerwärtiger und tatsachenfremder Weise als „die Bösen“ darzustellen. Diese Taktik unterstützt menschenfeindliche Narrative in allen Richtungen. Es geht im Grunde immer um das Gleiche: das eigene Verhalten zu rechtfertigen, (berechtigte!) Kritik daran auf unlautere Weise abzuwehren, die eigene Schuld zu verschleiern und sich vor Verantwortung zu drücken. Prinzipiell ist das Tu quoque in einem noch schamloseren Stil.

Beispiele:

  • Frauen eine Mitschuld zu geben, wenn sie belästigt oder vergewaltigt wurden („Sie hätte sich nicht so freizügig anziehen sollen!“).
  • Wenn Mobber behaupten, dass es ihr Opfer doch darauf angelegt hätte oder zu empfindlich sei.
  • Bei einer gewalttätigen Eskalation darauf zu verweisen, dass man ja zuvor beleidigt und provoziert worden sei.
  • Nach dem Fremdgehen rumzuheulen, dass man in der Beziehung ja nicht genug Aufmerksamkeit bekommen habe.
  • Ganz aktuell: Der Eklat, als Donald Trump und J.D. Vance den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als undankbar und sogar als Kriegsschuldigen diffamierten.

Falsch, weil: Statt sich mit den wirklichen Taten bzw. dem Täter selbst auseinanderzusetzen, wird in allen Beispielen dem Opfer eine Mitschuld gegeben oder es wird sogar zum alleinigen Aggressor erklärt. Dadurch wird die Diskussion emotional aufgeladen und eine sachliche Aufarbeitung der eigentlichen Problematik verhindert.

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Immunität gegen Beweise

Den anderen Zweig dieser Kategorie bildet eine renitente Immunität gegen Beweise, wobei alle der eigenen Meinung entgegenlaufende Aussagen mit Scheinargumenten abgeschmettert werden sollen. Meistens bekommt man es mit der sogenannten Slothful Induction (Faules Schlussfolgern) zu tun. Und wenn das nicht wirkt, wird jeder Beweis, der gegen die eigene Überzeugung spricht, so verdreht, dass er sich wieder darin eingliedert.

Beispiel: „Egal was die sogenannten Forscher sagen – Ich glaube da trotzdem nicht dran!“

Falsch, weil: Egal, welche Fakten vorliegen, sie werden sofort als gefälscht, unglaubwürdig oder unzureichend abgelehnt. Dieses Denkmuster macht eine rationale Diskussion auf Augenhöhe nahezu unmöglich.

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Zufälligkeiten uminterpretieren

Eine weitere Masche geht gern mit Techniken aus der Rosinenpickerei Hand in Hand. Hierbei greift man zu rhetorischen und psychologischen Tricks, bei der zufällige Ereignisse oder Muster nachträglich so gedeutet werden, dass sie in eine vorgefertigte Erzählung oder Ideologie passen. Dabei werden nur jene Zufälle hervorgehoben, die ins Narrativ passen, während widersprechende ignoriert werden.

Wenn irgendein beliebiges Ereignis eingetreten ist, wird ihm dann gern eine tiefere Bedeutung zugeschrieben: Korrelation wird als Kausalität missverstanden – oft absichtlich und wohlweißlich. Daher weist diese Technik eine enge Verwandtschaft mit der Rosinenpickerei auf.

Beispiel 1: „Ein NASA-Satellit ist explodiert? Na klar, ein Unfall! Die versuchen doch nur, ihnen unbequeme Daten zu vertuschen!“

Beispiel 2: „Forscher haben sogar schon Weichgewebe in Dinosaurierfossilien nachgewiesen. Das beweist, dass Dinosaurier noch vor Kurzem auf der Erde gelebt haben müssen!“

Falsch, weil: Beide Aussagen interpretieren zufällige oder wissenschaftlich erklärbare Phänomene so um, dass sie in eine bestehende Verschwörungserzählung passen. So kann sich zwar tatsächlich unter bestimmten Bedingungen bei der Fossilisation Weichgewebe bis in die heutige Zeit erhalten, das ist aber kein Beweis für eine junge Erde.

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Widersprüche

Die Argumentationen von Wissenschaftsleugnern beinhalten häufig erhebliche Widersprüche zueinander. Dass sie sich selbst (eigentlich immer!) widersprechen, blenden sie aber vollkommen aus! Sie bemerken noch nicht einmal, dass sie reflexartig mal die eine, mal die andere These raushauen, obwohl sie sich damit teuflisch in ihrer eigenen Argumentation verheddern können. Hier ist auch eine gewisse Nähe zur Doppelmoral gegeben.

Beispiel 1: „Die Temperaturaufzeichnungen werden von Wissenschaftlern gefälscht!“ vs. „Die Temperaturaufzeichnungen zeigen eine Abkühlung!“

Beispiel 2: „Du sollst nicht töten!“ vs. „Tod allen Ungläubigen!“

Falsch, weil: Beide Beispiele enthalten einen grundlegenden Widerspruch, weil sie je nach Situation einfach die passendste Behauptung wählen – Wissenschaft wird entweder gefälscht oder als Beweis genutzt; religiöse Gebote gelten universell oder nur selektiv. Statt einer konsistenten Argumentation geht es nur darum, die eigene Ideologie zu stützen, egal mit welchen Mitteln.

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Was kannst du dagegen tun?

Leider nicht viel! Es handelt sich ja nicht um rhetorische Taktiken als solche, sondern vielmehr um persönliche Haltungen, die teil des Charakters und der Identität der Person sind. Mit jemandem, der bereits tief in einer Verschwörungsideologie steckt, dass er diese zum Ausdruck bringt, kannst du kaum noch eine sinnvolle Diskussion führen. Also versuche es erst gar nicht!

Diese Menschen halten sich nicht an die Regeln eines fairen Austauschs. Sie sind nicht daran interessiert, Argumente abzuwägen, sondern nur daran, dich von ihrer Sichtweise zu überzeugen. Es ist im Grunde so, als würdest du mit einer Taube Schach spielen – da kannst du auch unmöglich „gewinnen“, weil die Taube alle Figuren einfach umwerfen wird, aufs Brett kackt und irgendwann einfach davonfliegt. Spätestens wenn sich dein Gegenüber in die Opferrolle begibt („Alle sind gegen mich, weil ich die Wahrheit sage!“), hast du die Diskussion verloren. Eine sachliche Auseinandersetzung war nie das Ziel.

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Ich hoffe, dieser Beitrag war hilfreich für dich und du konntest etwas für zukünftige Diskussionen mitnehmen. Wohlgemerkt nutzen ja nicht nur Wissenschaftsleugner diese Techniken der schwarzen Rhetorik, auch viele andere (z.B. Politiker) beherrschen sie. Nun wird es aber (hoffentlich!) nicht mehr so einfach sein, dich hinters Licht zu führen, und dich können viele solcher Pseudoargumente auch nicht mehr überraschen, da du sie ja jetzt kennst! Hab also keine Scheu, zu diskutieren. Extremismus bekämpfen wir am besten, indem man mit anderen Menschen spricht, offen auf sie zugeht und in den respektvollen und freundlichen Austausch geht. Mach dabei gerne mit!


Hier kommst du zu den weiteren Extremismus-Artikeln:

Was ist Extremismus?


Welche Formen von Extremismus gibt es?


Wer sind die gefährlichsten Extremisten?


Wieso sind Extremisten so erfolgreich?


Was können wir gegen Extremismus tun?


Extremistische Scheinargumente – bekämpfen!

Noch eine letzte Bitte

Wer Artikel wie diese hier veröffentlicht, muss damit rechnen, zu polarisieren. Was traurig genug ist: ich bemühe mich hier grundsätzlich um einen sachlichen Stil, um ein gemeinsames Auskommen miteinander und trete für nichts Geringeres ein als für elementare Grund- und Menschenrechte, von denen wir am Ende alle profitieren und die niemandem einen Nachteil bereiten. Das scheint für einige da draußen aber trotzdem ein Grund für Empörung zu sein.

Für mich als Autor bleibt das leider nicht ohne Folgen. In der Vergangenheit habe ich mehrfach erlebt, dass Beiträge über Toleranz, Diskriminierung und meine klare Ablehnung von Extremismus von gezielten persönlichen Angriffen begleitet wurden. Besonders auffällig war, dass die Bewertungen meiner Bücher auf Amazon häufig unmittelbar nach solchen Veröffentlichungen deutlich schlechter ausfielen. Ich habe sogar einige besonders treue „Fans“, die schon gleich am ersten Tag nach der Neuerscheinung eines meiner Bücher direkt einen 1-Sterne-Verriss schreiben. Auch auf Facebook und Instagram wurde ich wiederholt ohne nachvollziehbaren Grund gemeldet und meine Seite vorrübergehend gesperrt. Dennoch zeigen solche Vorfälle, mit welchen Methoden manche Menschen versuchen, mich einzuschüchtern, mundtot zu machen und mir wirtschaftlich zu schaden.

Ich würde diese Zeilen hier nicht schreiben, wenn es nicht wirklich ernst wäre. Normalerweise würde ich ja über diesen Anfeindungen stehen. Da es aber tatsächlich Konsequenzen für meine Sichtbarkeit hat, und ich es schlichtweg übelst feige und gemein finde, jemandem mit falschen Bewertungen eins auszuwischen, möchte ich alle meine Leser dringend darum bitten, mir zu helfen. Nimm auch du dir doch bitte ein paar Minuten Zeit und gib meinen Büchern, sofern du sie kennst und sie dir gefallen haben, eine ehrliche Bewertung auf Amazon. Darüber würde ich mich nicht nur sehr freuen, du unterstützt dabei auch meinen eigenen Kampf gegen Extremismus.

Alle meine Werke findest du in der Sidebar rechts. Dort gibt es auch einen Direktlink zu Amazon. ➡️

Vielen Dank! ❤️🙏


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    Bundeszentrale für politische Bildung (2023). PLURV – Was ist das? bpb.de

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