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Die Weißen Steine

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Welche Formen von Extremismus gibt es?

Posted on Juli 23, 2026Juli 23, 2026 by Markus Kretschmer
Lesedauer 30 Minuten

Bei den vielen verschiedenen Formen von Extremismus fällt es schon schwer, ein allgemeingültiges Schema zu entwickeln, um den Begriff „Extremismus“ selbst zu definieren. Noch einen Level schwerer ist es, die Frage zu beantworten: wo verläuft die Trennlinie zwischen einer legitimen Position und einer extremistischen Ideologie? Und welche Formen von Extremismus gibt es überhaupt?


Extremistische Positionen

Im vorangehenden Artikel ging es darum, zunächst einmal die Merkmale von Extremismus zu definieren. Dies ist zuerst einmal notwendig, um gemeinsam auf einen Nenner zu kommen, was ein Extremist überhaupt ist. Nun soll es darum gehen, extremistische Positionen zu beleuchten. Doch lässt sich dadurch auch eine Brücke zur Beurteilung schlagen? Sind solche Extremisten besonders extrem, die besonders viele dieser Merkmale aufweisen? Oder solche, die besonders viele Anhgehörige haben, die sich schon in Phase 4 oder 5 der Radikaliserung befinden?

Bevor ich darauf eine Antwort gebe, muss ich eine Sache erst einmal ausdrücklich klarstellen. Du musst meine Position, die ich hier vertrete, natürlich nicht teilen und darfst gerne eine eigene Meinung haben. Denn sicher gibt es auch andere Perspektiven und gute Argumente, um zu einem anderen Urteil zu kommen! Bei der Bewertung von Extremisten tut sich nämlich vor allem deshalb ein Problem auf, weil die Mehrheit der Bevölkerung bei den Begriffen „Extremismus“, „extremistisch“ und „Extremisten“ zunächst wohl erst einmal drei besonders auffällige Gruppierungen auf dem Schirm hat. Diese ergeben sich aus der – wie ich finde, nicht zutreffenden! – Definition, dass Extremismus der Gegenentwurf zu unserer Demokratie sei und somit eingentlich „Verfassungsfeindschaft“ bedeute.1Schlesinger, A. M. Jr. (1949). The vital center. The politics of freedom. Boston, MA u. a.: Houghton Mifflin.2Backes, U. (2001). Gestalt und Bedeutung des intellektuellen Rechtsextremismus in Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte, B 46/2001, S. 24.3Kailitz, S. (2004). Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Einführung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 212; vgl. hierzu auch Pfahl-Traughber, A. (2000). Politischer Extremismus – was ist das überhaupt? In Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Bundesamt für Verfassungsschutz. 50 Jahre im Dienst der inneren Sicherheit (S. 213). Köln.4Fischer, F. (2018). Identität, Gemeinschaft und dunkle Mächte. Zentrale Motive in Abwehrideologien des politischen Extremismus. In S. Liebold, T. Mannewitz, M. Petschke & T. Thieme (Hrsg.), Demokratie in unruhigen Zeiten. Festschrift für Eckhard Jesse (S. 195–207). Baden-Baden: Nomos.5Dunkel, B., Gollasch, C. & Padberg, K. (Hrsg.) (2019). Nicht zu fassen. Das Extremismuskonzept und neue rechte Konstellationen. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, S. 254. doi:10.14279/depositonce-70706Bendel, P. (1995). Extremismus. In D. Nohlen (Hrsg.), Lexikon der Politik, Band 7: Politische Begriffe (S. 8384–8387). München: C.H. Beck.

Insofern beträfe dieser Begriff eigentlich nur drei auffällige Gruppierungen:

  • Linksextremisten
  • Rechtsextremisten
  • Islamisten

Und da hört tatsächlich die Liste für die meisten oft schon auf. Da diese drei Gruppen in der Mehrheit der Bevölkerung sicher nur wenig Sympathie genießen, und besonders die letzten beiden mit Menschenverachtung, Unterdrückung und grausamster Gewalt in Verbindung gebracht werden, ist der Begriff „Extremismus“ deutlich negativ konnotiert. Ich möchte trotzdem einen Schritt weitergehen. Extremismus beginnt ja nicht direkt mit einer verfassungs- und gesellschaftsfeindlichen Ideologie. Extremismus beginnt dort, wo eine bestimmte Überzeugung nach und nach wichtiger wird als Wahrheit, Selbstkritik und die Würde anderer Menschen. Und deshalb ist meine Kernthese:

Jede Religion, jede Weltanschauung, jede politische Überzeugung, grundsätzlich sogar jedes Hobby kann sich zum alles überlagernden Mittelpunkt des eigenen Lebens entwickeln und dadurch den Nährboden für extreme Denk- und Verhaltensweisen bilden. Unter bestimmten Umständen kann dies bei allen problematisch oder sogar gefährlich werden.

Laird Wilcox Diese These mag auf den ersten Blick zugespitzt wirken, sie lässt sich aber durchaus mit einem verhaltensbezogenen Verständnis von Extremismus verbinden. Nach Laird Wilcox, der 21 typische Merkmale für Extremisten beschrieb, wird Extremismus eben nicht durch die Mitgliedschaft allein bei einer als extremistisch geltenden Gruppe definiert. Die Radikalisierung einer Person erfolgt nämlich immer schrittweise. Aus Interesse wird Begeisterung, aus Begeisterung Leidenschaft, aus Leidenschaft Besessenheit und aus Besessenheit schließlich Extremismus.7Wilcox, L. (1990). What is „Political Extremism?“. Free Inquiry, 10(1).

Der Punkt ist also folgender: Wenn wir irgendein Thema — ganz gleich, welches — zum wichtigsten Teil unserer Identität und zum Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens machen, dann kann genau das zum Problem werden. In einem solchen Moment reagieren wir zunehmend ablehnend auf Menschen, die damit überhaupt nichts anfangen können. Und wir reagieren verletzt, fast so, als hätte man uns persönlich angegriffen, wenn jemand es wagt, das Objekt oder die Leitfigur unserer Begeisterung zu kritisieren oder gar zu schmähen. Wer dann die Argumente seines Gegners nicht mehr widerlegt, sondern direkt gegen die Person geht, Gegner und Kritiker grundsätzlich als böse oder unmoralisch wahrnimmt und beleidigt, wer auf Einschüchterung anstelle sachlicher Argumentation setzt und keine kritische Meinung mehr zulässt, der hat den festen Boden eines rationalen Umgangs mit seiner Begeisterung längst verlassen.

Und das ist tatsächlich bei den meisten Extremisten zu beobachten: Streng religiöse Menschen schwören denen Rache und Vergeltung, die sich über ihren Gott oder ihren Propheten lustig machen. Dies wurde besonders beim grausamen Anschlag auf das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo deutlich,8Gvelesiani, A. (2023). Kampf um das freie Wort. Zur Semantik von Pressefreiheit und Zensur in den deutschen und französischen ‚Charlie‘-Debatten (2015–2017). Würzburg: Königshausen & Neumann.9Lançon, P. (2019). Der Fetzen (übers. von N. Denis). Stuttgart: Tropen Verlag. Original: Le lambeau, Paris 2018. oder durch die Ermordung des Lehrers Samuel Paty.10di Nota, D. (2021). J’ai exécuté un chien de l’enfer – Rapport sur l’assassinat de Samuel Paty. Paris: Le Cherche-Midi. Beide Verbrechen geschahen vor dem Hintergrund von Mohammed-Karikaturen.

Doch auch viele andere Extremisten neigen zur Gewalt. Einige Fußballfans fangen bei Konfrontation mit ihren Gegnern immer wieder Prügeleien mit anderen an.11Buford, B. (2001). Geil auf Gewalt. München: Carl Hanser. Sogar manche Musikfans neigen zur extremen Gewalt. Ein trauriges Beispiel ist Mark David Chapman, ein enthusiastischer Fan von John Lennon, der aus Enttäuschung über sein Idol einerseits, aus eigener Geltungssucht andererseits den berühmten Beatles-Sänger und Songwriter erschoss.12Goldman, A. (1988). The lives of John Lennon. London: Bantam Press, S. 669–688.

Und auch Taleb al-Abdulmohsen, der am 20. Dezember 2024 auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt einen Anschlag mit fünf Toten und hunderten Verletzten verübte, hatte sich so sehr in seinen Hass auf den Islam radikalisiert, dass er am Ende die gesamte deutsche Gesellschaft für ihre Toleranz und die geltende Religionsfreiheit bestrafen wollte.13Tannenberg, R., Schindler, F. & Pfahler, L. (2024). Anschlag auf Weihnachtsmarkt: Er ist Arzt, seit 2006 in Deutschland – Was wir über den Attentäter von Magdeburg wissen. Welt, abgerufen am 21. Dezember 2024. Sowohl Chapman als auch al-Abdulmohsen fallen somit zwar nicht ins Raster einer der üblichen Extremistengruppen, erfüllen aber trotzdem die Definition von psychisch kranken, von ihrem Enthusiasmus völlig aufgezehrten Extremisten.

Überhaupt werden viele Extremisten erst dann so richtig gefährlich, wenn sie psychisch nicht stabil sind. Es konnte allerdnings bislang kein signifikanter Zusammenhang bzw. eine Kausalkette nachgewiesen werden, dass eine psychische Erkrankung ein erhöhtes Risiko zur Radikalisierung oder gar zu Terrorismus darstelle. Einige Untergruppen zeigen zwar erhöhte Raten psychischer Erkrankungen bei Extremisten, daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.14Trimbur, M. et al. (2021). Are radicalization and terrorism associated with psychiatric disorders? A systematic review. Journal of Psychiatric Research, 141, 214–222. doi:10.1016/j.jpsychires.2021.07.002 Die Mitgliedschaft in extremistischen Gruppierungen, insbesonders in besonders gewalttätigen, kann aber sehr wohl die sozialen Beziehungen, die wirtschaftliche Sicherheit, aber auch die körperliche Gesundheit und allgemein das psychisches Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen. Sie kann mit Depressionen, Angst, Traumafolgen und anderen psychischen Problemen verbunden sein, ähnlich wie bei Kriegsheimkehrern.15Ferguson, N. & McAuley, J. W. (2020). Staying engaged in terrorism: Narrative accounts of sustaining participation in violent extremism. Frontiers in Psychology, 11, 1338. doi:10.3389/fpsyg.2020.01338

Vorsicht bei Verallgemeinerungen!

Das bedeutet für mich, dass man beim Begriff „Extremismus“ auf keinen Fall zur Verallgemeinerung verwenden sollte. Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man bestimmte Gruppierungen mit diesem Attribut versehen möchte, denn es trifft wohl auf keine einzige zu, dass ihre Mitglieder allesamt psychisch krank und bis in den tiefsten Kern extremistisch geprägt und ideologisch aufgestellt sind. Bei den meisten – vielleicht sogar bei allen – Gruppierungen, die oft in mit dem Extremismusvorwurf konfrontiert werden, ist nur ein kleiner Teil ihrer Mitglieder tatsächlich extremistisch eingestellt, während der Großteil noch mit beiden Beinen in der Mitte der Gesellschaft steht.

Mit fallen hierbei vor allem folgende Gruppierungen ein, auf die das zutreffen könnte (in alphabetischer Reihenfolge):

  • AfD-Sympathisanten
  • Anarchisten
  • Antifa
  • Enthusiastische Musik-Fans
  • Esoteriker
  • Evangelikale Freikirchler (Methodisten, Baptisten, Siebenten-Tages-Adventisten, Pfingstkirchler…)
  • Flacherdler
  • Free-Palestine-Demonstanten
  • Fußballfans / Ultras / Hooligans
  • Homöopathie-Befürworter
  • Impfgegner
  • Jagdgegner
  • Jäger
  • Klimawandel-Skeptiker
  • Klimaprotestler / Letzte Generation / Extinction Rebellion
  • Kryptozoologen
  • Landwirte
  • PEGIDA
  • Männer
  • Prä-Astronautiker
  • Prepper
  • Querdenker
  • Rocker-Gangs / Motorradclubs
  • Reichsbürger
  • Sekten (u.a. Scientology)
  • Tierrechtler (PETA) / Zoo- und Landwirtschaftsgegner
  • Traditionalistische Katholiken
  • Umweltschützer / Greenpeace
  • Veganer
  • Zeugen Jehovas

Viele Menschen, die sich einer oder sogar mehrerer dieser Gruppierungen zuordnen, sehen sich oft zu Unrecht dem Vorwurf gegenüber, Extremisten zu sein. So dürfte sich so mancher enthusiastische Fan einer Musikband oder begeistertes Mitglied bzw. Förderer eines Fußballvereins sicher angegriffen fühlen und mich für bescheuert erklären, wenn ich ihn als Extremisten bezeichne. Ist jeder Landwirt oder Jäger auch ein Extremist? Und schwimmt ein Tierschützer etwa mit Nazis, radikalen Autonomen und salafistischen Bombenlegern im gleichen Pool? Und Alter: da steht ja sogar „Männer“ in der Liste! Ist nun jeder Mann eine Gefahr? Natürlich nicht! Und wenn du dast jetzt gedacht hast: bitte wieder runterfahren. Es war etwas völlig anderes gemeint. Denn nur weil es einige wenige Bekloppte in allen diesen Gruppierungen gibt, darf man von diesen nicht auf den ganzen Rest schließen.

Idioten gibt es überall!

Tatsächlich gibt es militante Veganer, die jeden von ihrer Lebensweise überzeugen wollen. Es gibt unter Jägern auch (viele!) schießwütige und blutgeile Vollpfosten, die mehr Tierquäler als ehrenwerte Waidleute sind. Daneben gibt es aber auch irre Jagdgegner, die Hochsitze ansägen und damit Menschenleben gefährden. Auch selbsterklärte Tier-, Umwelt und Klimaschützer, die mit ihren radikalen Aktionen ihrer Bewegung schon häufig einen Bärendienst erwiesen haben. Also: Idioten gibt es überall! Und Extremisten gibt es überall! Jeder kennt solche Leute, wenn er sich für eine bestimmte Sache begeistert. Ich als Urzeit-Fan kenne z.B. sogar ein paar ziemliche Idioten aus dem Fachbereich der Paläontologie und Archäologie.

Du wirst mir sicher zustimmen: auch wenn du selbst einer der oben genannten Gruppierungen angehörst, wenn du Mitglied einer Freikirche bist, oder Unterstützer eines Motorradclubs, in der Fan-Szene einer Musikband oder eines Fußballclubs, dann kennst du solche Idioten auch. Solche, die es mit ihrem Enthusiasmus in extremer Weise übertreiben. Deshalb wirst du meiner Eingangsthese, dass jede Religion, jede Weltanschauung, jede Philosophie, jede Lebenseinstellung und sogar jedes Hobby sich zu einer potenziell gefährlichen Form von Extremismus auswachsen kann, nun vielleicht doch zustimmen. Und wenn du mir da absolut nicht zustimmen kannst, wenn du wirklich keinen einzigen Idioten in deiner Blase kennst, dann kennst du vielleicht aus einem ganz bestimmten Grund keinen.

Der Punkt ist hier: wir können eine ganze Gruppierung eigentlich nur schwer im Kollektiv als extremistisch einstufen. Das ginge nur dann, wenn entweder wirklich alle oder wenigstens der Großteil ihrer Mitglieder die Definition von Extremismus erfüllen und sich soweit radikalisiert haben, dass sie sich auf den obersten beiden Stufen meiner Extremismus-Definition befinden. Und das ist nur bei sehr wenigen, vielleicht sogar bei überhaupt keiner dieser genannten Gruppierungen wirklich der Fall.

Abgrenzung von den Falschen, Solidarität mit den Richtigen

Ist das nun aber ein Grund zum Aufatmen? Ist dann tatsächlich keine der genannten Gruppen wirklich so gefährlich und problematisch, wie man vielleicht denkt? Leider nein. Und besonders dann, wenn wir nun selbst einer der Gruppierungen angehören, die ziemlich oft unter einem gewissen Generalverdacht steht und mit Extremismus-Vorwürfen konfrontiert wird, sollten wir uns nicht entspannt zurücklehnen. Denn dann müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass wir von vielen anderen Menschen außerhalb unserer Gruppe tatsächlich als problematisch gelesen werden. Und das gilt tatsächlich für jede Gruppe, die von einer anderen als Teil eines gesellschaftlichen Problems wahrgenommen wird. Denn es ist eine Tatsache, und das gilt für jede politische Partei, jede Religion, selbst für jeden Fußballclub, dass es in „unseren“ Reihen Menschen gibt, die Probleme verursachen.

Diesen schlichten Fakt zu akzeptieren, heißt nicht, dass auch DU ein Problem darstellst. Aber du hast nach dieser Erkenntnis auch die Pflicht, es zu reflektieren, dass andere Menschen dich entsprechend wahrnehmen können. Nicht wegen dir selbst! Aber wegen den Aktionen anderer Leute in deinem Umfeld. Die Konsequenz, die wir daraus ziehen sollten, egal was wir wählen, glauben und im Stadion anfeuern: wir müssen uns umso mehr von den Extremisten in unseren Reihen distanzieren. Aber dafür müssen wir uns zuerst einmal selbst eingestehen, dass es sie bei uns gibt, und dieses große „Uns“ kritisch überdenken!

Leider tun das viele dieser Gruppierungen nicht, oder zumindest nicht deutlich genug. Und dadurch entstehen solche Vorwürfe und das kritische Bild, dass sie in der Gesellschaft genießen. Hier sollten wir also selbst ein bisschen „radikaler“ werden, aber in die entgegengesetzte Richtung. Wir dürfen keine Scheu haben, denen die Stirn zu bieten, die es zu weit treiben. Wir müssen dagegen aufstehen, es ihnen auch ins Gesicht sagen und sie dazu auffordern, auf den Weg der Mäßigung umzukehren! Falsche Solidarität mit extremen „Mitstreitern“ ist immer ein Bärendienst für unsere Leidenschaften und die Inhalte, die wir selbst vertreten und erreichen wollen. Hören wir also damit auf, zu falschen Freunden zu stehen!

Es ist im Grunde gar nicht schwer, solche „falschen“ Freunde zu entlarven. Fanatische Extremisten gehen strikt nur den einen Weg, sind unerbittlich und hochemotional in ihrem Fanatismus. Die „richtigen“ zeichnen sich dagegen durch Geduld, Hingabe, Verständnis und Toleranz aus. Wir sollten hierbei auch immer an uns selbst arbeiten und uns sowie unsere Leidenschaften hinterfragen. Nehmen wir dazu am besten eine Perspektive von außen ein: gefalle ich mir eigentlich selbst in der Rolle, die ich im Leben, in meinem Umfeld einnehme? Wenn wir an uns aber eine tiefsitzende Unzufriedenheit bemerken, sollten wir den Hintergründen dazu an uns selbst auf den Grund gehen, anstatt die Antworten in irgendwelchen Ideologien zu suchen und uns darin zu versteifen.


Welche Extremismus-Formen gibt es?

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurück. Du hast beim Lesen und Nachdenken über die bislang erwähnten Punkte nun wahrscheinlich verstanden, warum manche Formen von Extremismus vielleicht nicht harmlos, aber um einiges weniger gefährlich und abscheulich sind als andere. Allerdings, und das muss betont werden, kann sich jede Form von Extremismus auch weiterentwickeln, und dann ebenfalls zu einem massiven Problem in der Gesellschaft werden, wenn ihre Mitglieder radikalisieren und dann auch gewaltbereiter werden. Genauso können sich (manche!) Formen von Extremismus auch zurücknehmen und deradikalisieren.

Es ist also schwer, die verschiedenen Formen von Extremismus zu „ranken“, also ihrer Gefährlichkeit nach zu ordnen. Denn das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen als heute! Das wollen wir an dieser Stelle auch noch nicht versuchen. Gehen wir also nun erst einmal die Gruppierungen durch, die besonders häufig für ihren Extremismus im Fokus der Medien stehen, und schauen uns ihre (unterschiedlichen?) Positionen einmal genauer an.


Politischer Extremismus

Die meisten Gruppierungen, die mit dem Extremismus-Vorwurf konfrontiert werden, sind politisch. Die meisten Gruppierungen, die mit dem Extremismus-Vorwurf konfrontiert werden, sind politisch. Im Mittelpunkt ihrer Ideologien stehen Vorstellungen darüber, wie Staat, Gesellschaft und Wirtschaft organisiert sein sollten. Daraus leiten sie ihre Forderungen nach einer grundlegenden Veränderung oder vollständigen Überwindung der bestehenden demokratischen Ordnung ab. In Deutschland wie auch in vielen anderen Ländern sind die politischen Extreme an den rechten und linken „Rändern“ des politischen Spektrums zu finden.

Was bedeutet eigentlich politisch „rechts“ und „links“?

Die politischen Begriffe „rechts“ und „links“ stammen noch aus der Frühzeit des Parlamentarismus. In der Nationalversammlung saßen die Anhänger des Königs und der traditionellen Ordnung rechts, während die Befürworter tiefgreifender Reformen und einer stärkeren bürgerlichen Gleichheit links Platz nahmen. Aus dieser Sitzordnung entwickelten sich die bis heute gebräuchlichen politischen Richtungsbezeichnungen. Obwohl sich ihre Inhalte im Laufe der Jahrhunderte stark verändert haben, stehen „links“ und „rechts“ noch immer für unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte.

Rechts…

…steht grundsätzlich für Werte wie Tradition, Ordnung, Sicherheit und Eigenverantwortung. Rechte Positionen möchten gewachsene Strukturen wie Familie, Nation oder kulturelle Identität bewahren und Veränderungen nur wenn unbedingt nötig und dann meist vorsichtig und schrittweise gestalten. Wirtschaftlich reichen rechte Ansichten von marktwirtschaftlich-liberal bis hin zu staatlich gelenkten Modellen. Es gibt also keine einheitliche Wirtschaftsauffassung. Besonders in der Migrationspolitik wird häufig eine strengere Kontrolle der Zuwanderung gefordert. Das rechte Spektrum ist jedoch sehr groß und reicht von demokratisch-konservativen oder liberal-konservativen Positionen bis eben hin zum autoritäten Rechtsextremismus.

Links…

…steht dagegen für Werte wie soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität. Linke Positionen sehen gesellschaftliche Ungleichheiten häufig als Folge wirtschaftlicher oder sozialer Strukturen und befürworten deshalb einen stärkeren Staat, der große Vermögen umverteilt und benachteiligte Menschen unterstützt. Sie setzen eine progressive Haltung voraus, die gesellschaftlichen Wandel eher als Chance denn als Bedrohung betrachtet, etwa bei Fragen der Gleichberechtigung, der Bürgerrechte oder auch des Umwelt- und Klimaschutzes. In wirtschaftlichen Fragen treten linke Parteien meist für einen ausgebauten Sozialstaat und stärkere Regulierung ein. Auch hier gilt: Das Spektrum ist groß und demokratisch linke Positionen sind klar vom Linksextremismus zu unterscheiden.


Rechtsextremismus

Wie „rechtsextrem“ eine Person ist, lässt sich tatsächlich empirisch messen. Seit 2002 untersucht die Leipziger Arbeitsgruppe um Elmar Brähler und Oliver Decker die rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Im Rahmen dieser als Leipziger „Mitte“-Studien bekannt gewordenen Studienreihe werden im Zwei-Jahres-Rhythmus repräsentative Erhebungen durchgeführt. Über die Jahre entwickelten sich die Studie zu einem vielbeachteten Barometer politischer Einstellung in Deutschland. Die gewonnenen Daten und die sozialpsychologischen Analyse der Studienreihe der Universität Leipzig sind heute zur bundesweiten Grundlage der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus geworden. Im Interview sind die Befragten aufgefordert, zu diesen Aussagen Stellung zu nehmen, wofür eine fünfstufige Skala zur Verfügung steht. Sie reicht von „lehne voll und ganz ab“ (Wert = 1) bis „stimme voll und ganz zu“ (Wert = 5). 16Decker, O. & Brähler, E. (2022). Autoritäre Dynamiken: Neue Herausforderungen – alte Reaktionen? Psychosozial-Verlag, Gießen.17Decker, O. & Brähler, E. (2020). Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. Psychosozial-Verlag, Gießen.18Decker, O. & Brähler, E. (2018). Flucht ins Autoritäre: Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Psychosozial-Verlag, Gießen.19Decker, O., Kiess, J. & Brähler, E. (2016). Die enthemmte Mitte: Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Psychosozial-Verlag, Gießen.

Beispiele für rechtsextreme Positionen:

Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur

  • Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.
  • Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.
  • Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.

Nationalchauvinismus

  • Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.
  • Was unser Land heute braucht, ist ein hartes Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland.
  • Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.

Ausländerfeindlichkeit

  • Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.
  • Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken.
  • Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.

Antisemitismus

  • Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.
  • Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.
  • Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.

Sozialdarwinismus

  • Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen.
  • Es gibt wertvolles und unwertes Leben.
  • Die Deutschen sind anderen Völkern von Natur aus überlegen.

Verharmlosung des Nationalsozialismus

  • Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als einen großen Staatsmann ansehen.
  • Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden.
  • Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten.

Die Leipziger Autoritarismus-Studie untersucht inzwischen zusätzlich weitere autoritäre und gruppenbezogene Ressentiments, die häufig mit rechtsextremen Einstellungen einhergehen. Dazu gehören unter anderem Antifeminismus, Sexismus, Queer- bzw. Transfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, Antiziganismus (Feindlichkeit gegenüber Sinti und Roma) sowie Feindlichkeit gegenüber wohnungslosen Menschen.

Wenn du beim Lesen feststellst, dass du einer oder sogar mehreren dieser Aussagen zustimmst, bedeutet das keineswegs automatisch, dass du ein Rechtsextremist oder gar ein Nazi bist. Die Leipziger Studie dient nicht dazu, Menschen in Schubladen zu stecken. Sie untersucht vielmehr statistisch, welche Kombinationen von Einstellungen in der Bevölkerung auftreten und wie stark verschiedene rechtsextreme Denkmuster verbreitet sind. Einzelne Aussagen können aus ganz unterschiedlichen Gründen Zustimmung finden. Erst das Gesamtbild mehrerer Einstellungsdimensionen erlaubt wissenschaftliche Rückschlüsse.

Reichsbürger

Aktiv auf die Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung arbeitet auch die Reichsbürgerbewegung hin. Ihre Anhänger erkennen die Bundesrepublik Deutschland und ihre staatlichen Institutionen nicht als legitim an und behaupten stattdessen, das Deutsche Reich bestehe fort oder Deutschland werde von geheimen Mächten kontrolliert. Ein Teil der Szene beschränkt sich auf Verschwörungserzählungen und die Verweigerung staatlicher Maßnahmen, andere Gruppierungen sind jedoch erheblich gefährlicher. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt Waffenlager entdeckt, Polizisten angegriffen und konkrete Umsturzpläne aufgedeckt. Eine enge Verknüpfung zur Rechtsextremen Szene ist ebenfalls nachgewiesen.

Besonders bekannt wurde die mutmaßlich rechtsterroristische Gruppierung „Patriotische Union“ um Heinrich XIII. Prinz Reuß. Nach Auffassung der Bundesanwaltschaft plante die Gruppe einen gewaltsamen Staatsstreich, die Erstürmung des Bundestages sowie die Festnahme von Mitgliedern der Bundesregierung. Nach einem erfolgreichen Umsturz sollte ein eigenes Übergangsregime eingesetzt werden, in dem  Reuß eine führende Rolle übernehmen sollte. Zu den Angeklagten gehören ehemalige Bundeswehrangehörige, Polizisten, Unternehmer sowie die frühere AfD-Bundestagsabgeordnete und Richterin Birgit Malsack-Winkemann.20Leber, S. (2023). Weder verwirrt noch harmlos: Reichsbürger im Staatsdienst und das mutmaßlich rechtsterroristische Netzwerk um Heinrich XIII. Prinz Reuß. In H. Kleffner & M. Meisner (Hrsg.), Staatsgewalt: Wie rechtsradikale Netzwerke die Sicherheitsbehörden unterwandern (S. 123–131). Freiburg im Breisgau: Herder. Die strafrechtliche Aufarbeitung dauert bis heute an.

Unabhängig vom Ausgang der einzelnen Strafverfahren gilt der Fall bereits heute als einer der größten Terrorismusprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Er zeigt, dass Teile der Reichsbürgerbewegung längst keine skurrilen Spinner mehr sind, sondern sich in Einzelfällen zu bewaffneten und staatsfeindlichen Netzwerken entwickeln können, die bereit sind, demokratische Institutionen mit Gewalt anzugreifen. Gerade die Verbindungen zwischen Reichsbürgern, Rechtsextremisten, ehemaligen Angehörigen von Polizei und Bundeswehr sowie Anhängern verschiedener Verschwörungsideologien machen diese Szene aus Sicht der Sicherheitsbehörden besonders gefährlich.


Linksextremismus

Für linksextreme Einstellungen existiert bislang noch kein allgemein anerkannter Standardfragebogen, der eine vergleichbare Rolle spielt wie der FR-LF der Leipziger Autoritarismus-Studien. Es gibt aber mehrere wissenschaftliche Projekte, die entsprechende Skalen entwickelt haben. Der Forschungsverbund SED-Staat (Freie Universität Berlin) ist wohl die wichtigste Quelle zu linksextremen Einstellungen. Seine Studien entwickelten eigene Items, führten ebenfalls repräsentative Bevölkerungsbefragungen durch, untersuchten Feindbilder und analysierten verschiedene Dimensionen linksextremer Einstellungen. Er wurde allerdings 2024 aufgelöst.21Schroeder, K. & Deutz-Schroeder, M. (2015). Gegen Staat und Kapital – für die Revolution!: Linksextremismus in Deutschland – eine empirische Studie. Frankfurt am Main u. a.22Staadt, J. (Hg.) (2024). Die deutschen Todesopfer des Eisernen Vorhangs 1948–1989: Ein biografisches Handbuch. Unter Mitarbeit von J. Kostka & H. Puchta. Halle.23Schmole, A. (2023). Mittäterinnen: Frauen und Staatssicherheit. Halle. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung verwendet eigene Items für allgemeine Extremismusnähe sowie rechts- und linksextremismusaffine Einstellungen und untersucht auch Überschneidungen mit anderen Einstellungen.24Pokorny, S. & Roose, J. (2024). Nur nicht, dass der Verfassungsschutz bei mir klingelt: Zur Verbreitung rechts- und linksextremistischer Einstellungen in Deutschland. Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin. Auch aus der kriminologischen Forschung gibt es einige interesante Arbeiten zu linksextremen Positionen.25Politisches Bildungsforum Berlin (2024). Linksextremismus: Seminar für Angehörige der Berliner Polizei. Konrad-Adenauer-Stiftung, 17. Oktober 2024.26Treskow, L. & Baier, D. (2020). Wissenschaftliche Analyse zum Phänomen des Linksextremismus in Niedersachsen, seiner sozialwissenschaftlichen Erfassung sowie seiner generellen und spezifischen Prävention. Hannover & Zürich. Aus diesen habe ich folgende Übersicht zu den sechs wichtigsten linksextremen Positionen und Aussagen abgeleitet:

Beispiele für linksextreme Positionen und Parolen:

Antikapitalismus

  • Eine sozialistische Wirtschaftsordnung ist dem Kapitalismus grundsätzlich überlegen.
  • Der Kapitalismus muss vollständig überwunden werden.
  • Das Privateigentum an Produktionsmitteln sollte abgeschafft werden.

Ablehnung der parlamentarischen Demokratie

  • Die parlamentarische Demokratie dient nur den Interessen der herrschenden Klasse.
  • Wahlen ändern an den eigentlichen Machtverhältnissen nichts.
  • Das bestehende politische System sollte durch ein anderes Gesellschaftssystem ersetzt werden.

Systemüberwindung durch Revolution

  • Reformen reichen nicht aus, um soziale Gerechtigkeit zu erreichen.
  • Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen sind nur durch eine Revolution möglich.
  • „Smash the State!“

Legitimation von Gewalt gegenüber Staat und Privateigentum

  • Militante Aktionen können notwendig sein, um politische Ziele durchzusetzen.
  • Der Klassenkampf ist auch heute noch notwendig.
  • Gewalt gegen Sachen ist ein legitimes Mittel politischen Protests.

Rechtfertigung und verharmlosung antifaschistischer Gewalt

  • Der Staat schützt rechte Kräfte eher als ihre Gegner.
  • Der Kampf gegen den Faschismus rechtfertigt notfalls militante Mittel.
  • Antifaschistischer Widerstand darf Gesetze überschreiten.

Linksextreme Ideologien streben die Überwindung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an und wollen sie meist durch ein sozialistisches oder kommunistisches System ersetzen, häufig mit einer staatlich gelenkten Planwirtschaft „zum Wohle aller“. Tatsächlich zeigen jedoch zahlreiche historische Beispiele – etwa die Sowjetunion unter Stalin, Maos China, die DDR oder das heutige Nordkorea –, dass entsprechende Systeme vielfach mit Einparteienherrschaft, grausamer politischer Unterdrückung, fehlenden Freiheitsrechten und erheblichen wirtschaftlichen Problemen verbunden waren.

Wann werden linke Positionen linksextrem?

Der entscheidende Unterschied zwischen demokratisch linken Positionen und Linksextremismus liegt nicht in der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit oder gesellschaftlichem Wandel, sondern in der Haltung zu unserer Demokratie und zu universellen Menschenrechten. Linksextrem wird eine Position dort, wo politische Gegner nicht mehr als legitime Mitbewerber akzeptiert, sondern pauschal als „Nazis“ oder „Faschisten“ diffamiert werden, wie es z.B. der neugewählte Vorsitzende der Linkspartei, Luigi Pantisano, mehrfach gegenüber der CDU-Regierung getan hat.27Tagesschau (2026). Faschismus-Vergleich: Günther fordert Rücktritt von Linken-Chef Pantisano. tagesschau.de, 22. Juni 2026.28Tagesschau (2026). Nach Faschismus-Aussage: Linken-Chef Pantisano bittet CDU um Entschuldigung. tagesschau.de, 22. Juni 2026. 

Was mich hinsichtlich einer erkennbaren Radikalisierung der Linkspartei besonders beunruhigt, ist ihre unverhohlene Solidarisierung mit autoritären Regimen oder terroristischen Organisationen wie der Hamas, der Hisbollah, den Huthis oder dem iranischen Mullah-Regime infolge der Free-Palestine-Bewegung.29Bundesamt für Verfassungsschutz (2024). Palästinasolidarität im dogmatischen Linksextremismus. verfassungsschutz.de, April 2024.30Brunner, K. et al. (2026). „Israel verrecke!“ – Was die Linksjugend intern schreibt. BR24, 17. Juni 2026.31Duwe, S., Hackmann, K. & Pohl, M. (2025). Drohungen gegen eigene Leute: Hat die Linkspartei ein Antisemitismus-Problem? Kontraste/rbb, 27. November 2025.32Tagesschau (2026). Niedersächsischer Landesverband: Zentralrat reagiert empört auf Linken-Beschluss. tagesschau.de, 18. März 2026. Ein offen gepflegte Antisemitismus, der sich nicht mehr nur in Parolen wie „Israel verrecke!“ niederschlägt, sondern zunehmend auch zu antijüdischer Gewalt von links führt, war auch der Grund für den Parteiaustritt des Brandenburger Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner, sowie mehrerer weitererer Mitglieder.33rbb24 (2026). Partei-Auffassungen zu Israel: Brandenburger Antisemitismusbeauftragter Büttner tritt aus Linkspartei aus. rbb24, 16. März 2026.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Wer sich für Menschenrechte einsetzt und gegen die Besetzung des Gaza-Streifens, die israelische Siedlungspolitik auf die Straße geht und die Kriegsverbrechen infolge des aktuellen Krieges verurteilt, der handelt moralisch integer. Und ich würde mich persönlich diesen Demonstrationen auch sehr gerne anschließen! Aber ich kann nicht gleichzeitig mit Leuten demonstrieren, die offenen Antisemitismus pflegen, Frauen unterdrücken, Homosexuelle verteufeln oder unter dem Slogan „From the River to the Sea“ die Vernichtung eines anderen Staates propagieren. Menschenrechte gelten universell, ebenso wie das Völkerrecht. Und da wird meiner Meinung nach von Linksextremisten viel zu sehr selektiert, nicht mehr ausreichend reflektiert und in alle Richtungen geschaut. Denn Tatsache ist: nur weil die von Israel ausgehende Gewalt brutal und menschenunwürdig ist, bedeutet das nicht, dass es die Gegenseite nicht wäre. Es können auch zwei unbequeme Wahrheiten gleichzeitig wahr sein.

Wissenschaftsfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung und Geschichtsrevisionismus

Ein trauriger Fakt: auch bei Linksextremisten ist zunehmend eine antiwissenschaftliche Haltung festzustellen. Das zeigt sich etwa bei pauschalen Parolen wie „Fuck Zoos“. Sicher verdienen nichtartgerechte Haltungsformen und kommerzieller Wildtierhandel die schärfste nur mögliche Kritik. Doch die Bedeutung von Zoos für den nationalen wie internationalen Artenschutz, mit Erhaltungszucht, Auswilderungsprogrammen und vor allem essentieller Forschung und Bildungsarbeit ist ebenfalls Fakt.34IUCN SSC (2023). Position statement on the role of botanic gardens, aquariums, and zoos in species conservation. Gland: IUCN Species Survival Commission, 8 S.35IUCN (2023). IUCN Species Survival Commission acknowledges vital contributions of Botanic Gardens, Aquariums, and Zoos to wildlife conservation. IUCN, 11. Oktober 2023.36EAZA (o. J.). Population management. European Association of Zoos and Aquaria, abgerufen am 17. Juli 2026. Ihn zu ignorieren, und darüber nicht einmal mehr eine Debatte zuzulassen, ist für mich ein deutliches Zeichen der Vollradikalisierung.

Noch mehr, wenn aus der Parole „Tax the Rich!„, was die meisten von uns sicher unterstützen würden, dann „Eat the Rich!“ wird, und damit zu Vandalismus und Gewalt an wohlhabender Personen aufgerufen wird,37Weinert, T. (2017). Gentrifizierung in Berlin: Von Mieterfrust und Straßenschlachten. Deutschlandfunk, 4. Juni 2017.38Mcmurtry, A. (2024). Climate activists vandalize Lionel Messi’s mansion in Ibiza. Anadolu Ajansı, 6. August 2024., oder sie dazu missbraucht wird, derartige Gewalt und sogar Morde an Reichen im Nachhinein zu verherrlichen.39Clarence-Smith, L. (2024). Murder of insurer’s CEO revives Eat the Rich mentality. The Times, 11. Dezember 2024.

Am meisten nervt mich als Historiker aber das geschichtsrevisionistische Beharren, dass historische sowie gegenwärtige sozialistische Systeme nicht wirklich „sozialistisch“ seien und der „echte“ Sozialismus ja „noch nie richtig versucht“ worden sei.40Bayer, B. (2020). The dishonesty of „real socialism has never been tried“. New Ideal, 19. August 2020.41Schutt, M. (2025): Opferbeauftragter warnt vor Relativierung von DDR-Unrecht. Süddeutsche Zeitung, 10. September 2025.

Eine solche Argumentation immunisiert die eigene Weltanschauung gegen jede historische Widerlegung. Demokratische Politik, egal ob links, rechts oder liberal, muss immer bereit sein, Irrtümer einzugestehen, Gegenargumente ernst zu nehmen und die eigenen Positionen anhand von Fakten weiterzuentwickeln. Da nehme ich mich selbst nicht aus. Über meine hier vorgebrachten Punkte lässt sich sicherlich diskutieren und man darf gerne anderer Meinung mit mir sein. Wer das aber nicht mehr ohne ein Kribben der Wut im Bauch hinbekommt, geschweige denn, sich mit direkten Beleidigungen zurückzuhalten, weil ihm meine Worte nicht passen, dem möchte ich deutlich ins Gesicht sagen, dass er den stabilen Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bereits verlassen hat.

Klima-Extremismus

Ein weiteres Phänomen aus dem linksextremen Spektrum sind Klimaproteste, die auch in Deutschland in den vergangenen Jahren verstärkt zutage traten. Die große Mehrheit der Klimaaktivisten bewegt sich dabei aber im Rahmen des demokratischen Protestrechts. Und sie verfolgt Ziele, die aus wissenschaftlicher Sicht rational und völlig berechtigt sind.

Einzelne Gruppierungen wie die Letzte Generation machten jedoch durch Straßenblockaden, Farbanschläge oder andere bewusst rechtswidrige Protestformen auf sich aufmerksam. Diese Aktionen führten häufig zu erheblichen Behinderungen des Straßenverkehrs und teilweise auch zu hohen Sachschäden.

Anderslautende Behauptungen, wie dass eine Straßenblockade der Letzten Generation den Tod einer verunglückten Radfahrerin in Berlin verursacht habe, konnten durch die Ermittlungen jedoch nicht bestätigt werden. Nach dem heutigen Kenntnisstand bestand kein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Blockade und dem Tod der Frau.42Zinken, P. (2023). „Letzte Generation“ nicht verantwortlich für den Tod einer Radfahrerin. Stern, 13. April 2023. Dennoch bergen derartige Protestformen Risiken. Werden Rettungswege blockiert oder gefährliche Verkehrssituationen geschaffen, können Menschen zu Schaden kommen, was von den Verantwortlichen jedoch billigend in Kauf genommen wird. Der Klimaaktivist Christian Bläul formulierte diese Problematik selbst mit den Worten:

„Eine Sache, auf die ich zumindest im Hinterkopf mental darauf vorbereitet bin, ist, dass in unserem Stau jemand stirbt. Das ist etwas, was wir zumindest ein Stück weit riskieren müssen.“43Yilmaz, L.-M. (2023). Klimaaktivist der Letzten Generation: „Mental immer darauf vorbereitet, dass in unseren Staus jemand stirbt“. RedaktionsNetzwerk Deutschland, 7. März 2023.

Es ist jedoch ein Unterschied, ob Extremisten gegenwärtig wirklich aktiv geplante Terrorakte und direkt auf die Tötung von möglichst vielen Andersdenkenden abzielen, oder ob Menschen als Kollateralschaden aus ihren Aktionen heraus zu Schaden kommen. Beides ist natürlich abscheulich. Doch hat sich die Aktionsstrategie der Letzten Generation inzwischen deutlich verändert, derartige Straßenblockaden spielen heute nur noch eine untergeordnete Rolle.


Religiöser Extremismus

Während sich politischer Extremismus vor allem um Fragen der staatlichen Ordnung, der Demokratie, der Wirtschaft oder der gesellschaftlichen Machtverteilung dreht, beruft sich religiöser Extremismus auf einen absoluten Wahrheitsanspruch, der aus einer bestimmten Glaubensüberzeugung abgeleitet wird. Dabei werden religiöse Lehren nicht nur als persönliche Orientierung verstanden, sondern als allgemein verbindliche Normen, die über den Gesetzen eines demokratischen Rechtsstaates stehen sollen. Ziel ist häufig die Errichtung einer Gesellschaftsordnung, die sich ausschließlich an den eigenen religiösen Vorstellungen orientiert.

Politischer und religiöser Extremismus schließen sich dabei keineswegs gegenseitig aus. Im Gegenteil: Beide können sich überschneiden und gegenseitig verstärken. Religiöse Extremisten verfolgen häufig politische Ziele, während politische Extremisten religiöse Argumente nutzen können, um ihre Ideologie zu legitimieren oder Anhänger zu mobilisieren. Gemeinsam ist beiden Formen die Ablehnung zentraler Prinzipien einer pluralistischen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft sowie die Einteilung der Welt in vermeintlich „richtige“ und „falsche“ Menschen oder Lebensweisen.

Fundamentalismus

Während für den politischen Extremismus inzwischen mehrere wissenschaftlich etablierte Messinstrumente existieren, wurde religiöser Fundamentalismus lange deutlich seltener empirisch untersucht. Eine der bekanntesten Studien stammt vom niederländischen Soziologen Ruud Koopmans, der die Verbreitung fundamentalistischer Einstellungen unter Muslimen und Christen in sechs westeuropäischen Ländern verglich.44Koopmans, R. (2015). Religious Fundamentalism and Hostility against Out-groups: A Comparison of Muslims and Christians in Western Europe. Journal of Ethnic and Migration Studies, 41(1), 33–57. doi:10.1080/1369183X.2014.935307 Im Mittelpunkt seiner Untersuchung stand dabei nicht die Frage nach persönlicher Religiosität, sondern nach einem religiösen Absolutheitsanspruch: der Überzeugung, dass es nur eine einzig wahre Auslegung der eigenen Religion gibt und dass religiöse Gebote über den Gesetzen eines demokratischen Rechtsstaates stehen. Darüber hinaus untersuchte Koopmans, in welchem Zusammenhang solche fundamentalistischen Einstellungen mit Feindbildern gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen stehen. Die folgenden Aussagen orientieren sich an den von Koopmans verwendeten Kern-Items sowie den in seiner Studie untersuchten Begleitmerkmalen religiösen Fundamentalismus:

Religiöser Absolutheitsanspruch

  • Unsere Religion sollte sich auf ihre ursprünglichen Wurzeln besinnen.
  • Es gibt nur eine richtige Auslegung der Heiligen Schrift, an die sich alle Gläubigen halten müssen.
  • Die Gebote der Heiligen Schrift stehen über den Gesetzen des Staates.

Ablehnung einer säkularen Demokratie

  • Die Regeln der Religion sind wichtiger als die Gesetze des Staates.
  • Die Trennung von Religion und Staat widerspricht dem Willen Gottes.
  • Gesetze sollten ausschließlich auf der Heiligen Schrift beruhen.

Feindbilddenken

  • Der Westen / der Staat / will unsere Religion zerstören!
  • Ungläubige sind eine Bedrohung für die Religion und seine Anhänger.
  • Gläubige sollten sich möglichst von allen Nichtgläubigen abgrenzen.

Misogyne, homophobe und feindliche Überzeugungen gegen andere Religionen

  • Frauen und Männer haben von Gott festgelegte Rollen, die nicht verändert werden dürfen.
  • Homosexualität darf gesellschaftlich nicht akzeptiert werden.
  • Juden / Muslimen / Christen kann man nicht trauen.

Legitimation von Gewalt und Expansion

  • Wer die Religion und ihre Propheten beleidigt, muss hart bestraft werden.
  • Die Ausbreitung der Religion ist die heilige Pflicht aller Gläubigen.
  • Wer gegen die Feinde der Religion kämpft und ihnen schadet, handelt immer rechtschaffen.

Islamistischer Fundamentalismus

Wenn wir auf extremistische Strömungen schauen, denken die meisten wohl zunächst an den Islam. Doch ist das überhaupt gerechtfertigt? Ist der Islam wirklich die einzige, oder wenigstens die problematischste Religion, von der extremistische Tendenzen ausgehen? So pauschal kann man das auf keinen Fall sagen. Der Islam ist mit weltweit rund zwei Milliarden Gläubigen nach dem Christentum die zweitgrößte Religion der Erde und umfasst eine große Vielfalt theologischer, kultureller und politischer Strömungen. Ebenso wenig wie alle Christen christliche Fundamentalisten sind, sind alle Muslime Islamisten. Und deshalb sollte man die Begriffe „Islam“ und „Islamismus“ immer scharf voneinander trennen.

Islamismus ist nämlich keine Religion, sondern vielmehr auch wieder eine politische Ideologie, die den Islam aber als Grundlage einer umfassenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung versteht. Islamistische Bewegungen vertreten die Auffassung, dass göttliches Recht über den Gesetzen eines demokratischen Rechtsstaates steht und dass Politik, Rechtsprechung und gesellschaftliches Leben vollständig nach ihrer Interpretation des Islam ausgerichtet werden sollten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz definiert Islamismus dementsprechend als eine Form des politischen Extremismus, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richtet und grundlegende Prinzipien wie Volkssouveränität, Gewaltenteilung und individuelle Freiheitsrechte ablehnt. 45Bundesamt für Verfassungsschutz (2025). Islamismus in Deutschland. Köln.46Bundeszentrale für politische Bildung (2024). Islamismus. Bonn.

Islamistische Grundsätze und Ziele

Der ideologische Kern islamistischer Bewegungen besteht in einem religiösen Absolutheitsanspruch. Nach ihrer Auffassung existiert nur eine einzig richtige Auslegung des Islam, der sich alle Muslime bzw. auch alle Menschen auf der Welt unterzuordnen hätten. Die Legitimität staatlicher Gesetze wird dabei davon abhängig gemacht, ob sie mit den als göttlich verstandenen Regeln der Scharia vereinbar sind. Ruud Koopmans untersuchte diesen religiösen Fundamentalismus anhand dreier zentraler Aussagen: Der Islam solle zu seinen ursprünglichen Wurzeln zurückkehren, es gebe nur eine richtige Auslegung des Korans und die Regeln des Korans seien wichtiger als die Gesetze des Landes. Seine Untersuchung zeigte, dass solche fundamentalistischen Einstellungen eng mit einer stärkeren Ablehnung anderer Bevölkerungsgruppen zusammenhängen können. Fundamentalismus ist dabei jedoch noch lange nicht direkt mit Terrorismus gleichzusetzen, sondern beschreibt zunächst eine bestimmte religiös-politische Grundhaltung.47Koopmans, R. (2015). Religious Fundamentalism and Hostility against Out-groups: A Comparison of Muslims and Christians in Western Europe. Journal of Ethnic and Migration Studies, 41(1), 33–57. doi:10.1080/1369183X.2014.935307

Der moderne Islamismus entwickelte sich vor allem im 20. Jahrhundert als Reaktion auf Kolonialismus, Modernisierung und den politischen Einfluss westlicher Staaten im Nahen Osten. Zu den prägenden ideologischen Strömungen zählen die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft, die sich als gesellschaftliche Reformbewegung versteht und langfristig eine islamische Ordnung anstrebt.48Abdo, G. (2000). No God but God: Egypt and the triumph of Islam. Oxford University Press, Oxford.49Abu-Amr, Z. (1994). Islamic Fundamentalism in the West Bank and Gaza: Muslim Brotherhood and Islamic Jihad. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis. Wichtig zu nennen ist auch der Salafismus, der eine Rückkehr zum Glauben der ersten Generationen des Islam fordert. Aus dem salafistischen Spektrum gingen wiederum jihadistische Organisationen hervor, die Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele ansehen.50Knight, M. M. (2015). Why I am a Salafi. Soft Skull Press, Berkeley.51Commins, D. D. (1990). Islamic Reform: Politics and Social Change in Late Ottoman Syria. New York & Oxford.52Biene, J. & Junk, J. (Hgg.) (2016). Salafismus und Dschihadismus in Deutschland: Herausforderungen für Politik und Gesellschaft (= Sicherheitspolitik-Blog Fokus 3). Frankfurt a. M. 

Trotz gemeinsamer ideologischer Wurzeln unterscheiden sich diese Strömungen jedoch erheblich hinsichtlich ihrer Strategien, Organisationsformen und ihrer Haltung zur Anwendung von Gewalt. Islamistische Bewegungen organisieren sich auch auf sehr unterschiedliche Weise. Neben formalen Vereinen, Moscheegemeinden oder religiösen Bildungsangeboten spielen soziale Medien, Messenger-Dienste und internationale Netzwerke eine immer wichtigere Rolle. Über digitale Plattformen verbreiten sie religiöse Vorträge, politische Botschaften und ideologische Schriften, knüpfen Kontakte und versuchen insbesondere junge Menschen für ihre Weltanschauung zu gewinnen. Viele dieser Organisationen präsentieren sich zunächst als religiöse oder soziale Gemeinschaften und vermeiden offen extremistische Aussagen. Erst nach und nach werden Anhänger mit einem zunehmend exklusiven Weltbild vertraut gemacht, das die eigene Glaubensgemeinschaft als einzig legitime Gemeinschaft betrachtet und demokratische Werte als unvereinbar mit dem göttlichen Willen darstellt.53Leggewie, C. (1993). Der Islam im Westen: Zwischen Neo-Fundamentalismus und Euro-Islam. In Bergmann, J., Hahn, A. & Luckmann, T. (Hgg.), Religion und Kultur. Opladen, S. 271–291.54Mukherjee, K. (2009). Islamism and neo-fundamentalism. In Durward, R. & Marsden, L. (Hgg.), Religion, conflict, and military intervention. Ashgate, Farnham, S. 17–31.55Rost, S. (2009). Ein demokratischer Weg aus dem Terrorismus im Westen: Islamistischer Terrorismus, Neofundamentalismus, politische Öffentlichkeiten und die globale Zivilgesellschaft. LIT, Berlin.56Roy, O. (2006). Der islamische Weg nach Westen: Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. Pantheon, München.

Das übergeordnete Ziel islamistischer Bewegungen besteht darin, Gesellschaft und Staat an einer als göttlich verstandenen Ordnung auszurichten. Demokratie wird dabei häufig nicht deshalb abgelehnt, weil politische Mitbestimmung grundsätzlich unerwünscht wäre, sondern weil nach islamistischer Auffassung letztlich allein Gott als Gesetzgeber legitim sei. Daraus ergibt sich ein grundlegender Konflikt mit den Prinzipien eines säkularen Rechtsstaates, in dem alle Bürger unabhängig von ihrer Religion dieselben Rechte besitzen und Gesetze durch demokratische Verfahren entstehen. Die überwältigende Mehrheit der Muslime teilt diese politischen Vorstellungen ausdrücklich nicht und lebt ihren Glauben in Einklang mit demokratischen Grundwerten. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen der Religion des Islam und der politischen Ideologie des Islamismus konsequent zu unterscheiden. 57Bundesamt für Verfassungsschutz (2025). Islamismus in Deutschland. Köln.58Bundeszentrale für politische Bildung (2024). Islamismus. Bonn.

Christlicher und jüdischer Fundamentalismus

Eine gesellschaftliche Gefahr kann auch von bestimmten christlich-fundamentalistischen oder jüdischen Strömungen ausgehen. Dabei ist jedoch eine klare Abgrenzung notwendig: Weder konservative Christen noch Katholiken, Protestanten oder Mitglieder evangelikaler Freikirchen oder bei den Zeugen Jehovas sind per se schon durch ihre Mitgliedschaft in solche Kirchen direkt Extremisten, genauso wenig wie alle Muslime direkt Islamisten sind. Auch der Begriff „evangelikal“ bildet ein breites und heterogenes Spektrum ab, das nicht pauschal mit Fundamentalismus oder politischem Extremismus gleichgesetzt werden darf.

Christlicher Fundamentalismus beginnt in der Regel aber dort, wo die eigene Auslegung der Bibel als einzig zulässige Wahrheit absolut gesetzt wird, demokratischer Pluralismus grundsätzlich abgelehnt wird und anderen Menschen gleiche Rechte oder die Freiheit zu einer selbstbestimmten Lebensführung abgesprochen werden. In Teilen christlich-fundamentalistischer Milieus finden sich autoritäre Vorstellungen von Familie und Geschlechterrollen, die Abwertung homosexueller und transgeschlechtlicher Menschen, Widerstand gegen reproduktive Selbstbestimmung sowie die Vorstellung, staatliche Gesetze müssten religiösen Geboten untergeordnet werden. 59Schneider, G. & Toyka-Seid, C. (2026). Fundamentalismus. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.60Finger, A. (2010). Homosexualität/en und Religion/en. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.

Solche Positionen können mit bestimmten islamistischen Vorstellungen Überschneidungen aufweisen, insbesondere hinsichtlich religiöser Absolutheitsansprüche, patriarchalischer Geschlechterordnungen und der Ablehnung sexueller Vielfalt. Daraus darf jedoch keine Gleichsetzung erfolgen. Der islamistische Terrorismus besitzt in Deutschland ein erheblich größeres organisiertes und gewaltorientiertes Personenpotenzial. Für christlich-fundamentalistische Milieus in Deutschland gibt es derzeit keine vergleichbare Zahl terroristischer Organisationen, Anschlagsplanungen oder politisch-religiös motivierter Gewalttaten. Die hauptsächlichen Gefahren christlich-fundamentalistischer Milieus liegen daher weniger im Terrorismus als in sozialem Druck, Diskriminierung, politischer Einflussnahme und der Einschränkung individueller Freiheit. Besonders betroffen können queere Menschen, Frauen, Andersgläubige, Nichtgläubige sowie Mitglieder sein, die religiöse Lehren infrage stellen oder eine abgeschlossene Gemeinschaft verlassen wollen.

Kreationismus

Ein besonderes Beispiel für wissenschaftsfeindliche Strömungen in religiös-fundamentalistischen Milieus ist der Kreationismus. Kreationisten bestreiten zentrale Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und vertreten häufig die Auffassung, die biblischen Schöpfungserzählungen seien als naturwissenschaftlich und historisch wörtliche Beschreibungen der Entstehung der Erde und des Lebens zu verstehen. Varianten wie das sogenannte „Intelligent Design“ versuchen, übernatürliche Eingriffe als wissenschaftliche Erklärung biologischer Strukturen darzustellen.61Allmon, W. D. (2006). Evolution and Creationism: A very short guide (Special publications, 27). Paleontological Research Institution, Ithaca/NY.62Anderson, B. W. (Hg.) (1987). Creation Versus Chaos: The Reinterpretation of Mythical Symbolism in the Bible. Fortress Press, Philadelphia.63Harrold, F. B. & Eve, R. A. (Hgg.) (1995). Cult, archaeology & creationism: Understanding pseudoscientific beliefs about the past. University of Iowa Press, Iowa City.

Kreationismus ist allerdings nicht mit dem christlichen Schöpfungsglauben insgesamt gleichzusetzen. Die großen christlichen Kirchen in Deutschland akzeptieren die Evolutionstheorie grundsätzlich. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland bezeichnet den Kreationismus als Irrweg und betont, dass er weder den Standards naturwissenschaftlicher Erkenntnis noch einer angemessenen theologischen Auslegung der biblischen Schöpfungstexte gerecht werde. 64Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (2008). Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule. EKD-Texte 94, Hannover.

Die Ablehnung der Evolutionstheorie ist für sich genommen auch noch kein Beleg für politischen Extremismus oder Gewaltbereitschaft. Problematisch wird sie vor allem dort, wo religiöse Überzeugungen als vermeintlich wissenschaftliche Tatsachen ausgegeben, etablierte Forschung pauschal delegitimiert oder Schulen und staatliche Bildungseinrichtungen unter Druck gesetzt werden, kreationistische Lehren gleichberechtigt neben naturwissenschaftlichen Theorien zu vermitteln. Auch aus einer wortwörtlichen Bibelauslegung folgt nicht automatisch, dass eine Person gewalttätig oder menschenverachtend handelt. Sie kann jedoch in abgeschlossenen und autoritär geführten Gruppen dazu beitragen, diskriminierende Regeln, rigide Geschlechterrollen oder die soziale Kontrolle von Mitgliedern religiös zu legitimieren.

Für mich persönlich ist Kreationismus jedoch ein besonderes Ärgernis, da in der Bibel ja nicht nur die Sache mit der Schöpfungsgeschichte steht, sondern auch ziemlich viel menschenverachtender und brutaler Krams, kann man die Gefahr, die von diesen Leuten ausgeht, auch nicht als zu gering einschätzen.

Aus diesem Grund habe ich zum Kreationismus auch bereits ein eigenes Statement geschrieben. Bei Interesse darfst du gern links auf das Bild klicken!

Psychische Belastungen beim Ausstieg aus fundamentalistischen Gruppen

Für Mitglieder streng abgeschlossener religiöser Gemeinschaften kann ein Austritt mit erheblichen Belastungen verbunden sein. Betroffene berichten unter anderem von Schuldgefühlen, Ängsten, Identitätskrisen, dem Verlust sozialer Beziehungen, Einsamkeit und Isolation. Untersuchungen zu Menschen, die christlich-fundamentalistische Gruppen verlassen haben, weisen auch auf depressive Symptome und in einzelnen Fällen auf Suizidgedanken hin. Viele erleben nach dem Austritt eine schwere Krise, während andere aber auch langfristig von einer Verbesserung ihrer psychischen und körperlichen Gesundheit berichten. Entscheidend sind unter anderem die Struktur der jeweiligen Gemeinschaft, der Grad sozialer Kontrolle, der Verlust familiärer Kontakte und die Verfügbarkeit professioneller und privater Unterstützung. 65Utsch, M. (2022). Neue Studie untersucht Befinden nach dem Ausstieg aus christlich-fundamentalistischen Gruppen. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin.

Religiöse Gemeinschaften sind daher nicht wegen ihres Glaubens problematisch, sondern dort, wo sie ihre Mitglieder kontrollieren, Andersdenkende entwürdigen, notwendige medizinische oder psychologische Hilfe verhindern oder den Austritt durch Drohungen, soziale Ächtung und den vollständigen Verlust familiärer Beziehungen sanktionieren. Genau wie bei anderen Formen des Extremismus muss sich die Bewertung an konkreten Ideologien, Organisationsstrukturen und Handlungen orientieren, aber nicht an pauschalen Urteilen über eine gesamte Religion.


Fazit: Wo beginnt der Extremismus?

Nach dieser langen Reise durch die verschiedenen Formen des Extremismus kommen wir nun wieder zu den beiden Fragen vom Anfang zurück: Wann wird aus einer legitimen politischen, religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung eigentlich Extremismus? Und welche Gruppierungen verdienen dieses Etikett überhaupt? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Weder macht einen eine konservative Haltung direkt zum Nazi noch ist eine antifaschistische Haltung direkt linksextrem. Genauso wenig sind Muslime automatisch Islamisten, Christen automatisch Fundamentalisten oder Klimaaktivisten automatisch Terroristen. Entscheidend ist nicht, welcher Partei, Religion oder gesellschaftlichen Gruppe jemand angehört, sondern welche Überzeugungen er tatsächlich wie hart vertritt, welche Mittel er bereit ist, für sie einzusetzen und wie er mit Andersdenkenden umgeht.

Dort, wo Menschen beginnen, ihre eigene Weltanschauung für die einzig legitime Wahrheit halten, demokratische Regeln mehr und mehr ablehnen, Gegner pauschal abzuwerten und zu entmenschlichen, Gewalt billigen und rechtfertigen oder wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich verweigern, beginnt der Boden des demokratischen Miteinanders brüchig zu werden. Extremismus ist deshalb weniger eine Frage der Gruppenzugehörigkeit als vielmehr eine Frage der Haltung. Genau deshalb sollte man mit diesem Begriff auch äußerst vorsichtig umgehen. Wer ganze Bevölkerungsgruppen oder politische Lager pauschal als extremistisch bezeichnet, macht letztlich denselben Fehler wie die Extremisten selbst: Er reduziert Menschen auf eine einzige Eigenschaft und verzichtet auf die notwendige Differenzierung.

Wer sind die gefährlichsten Extremisten?

Damit bleibt allerdings eine entscheidende Frage noch unbeantwortet. Denn nicht jede extremistische Ideologie stellt dieselbe Gefahr für unsere Gesellschaft dar. Manche Gruppen verfügen über viele Anhänger, andere über ein besonders hohes Gewaltpotenzial. Einige verbreiten vor allem Hass und Verschwörungserzählungen, andere planen gezielt Anschläge oder versuchen demokratische Institutionen zu unterwandern. Wieder andere sind zahlenmäßig klein, können aber durch einzelne Täter enorme Schäden verursachen. Wer also sind die gefährlichsten Extremisten? Lässt sich das überhaupt objektiv beantworten oder hängt die Antwort davon ab, ob man Straftaten, Gewalttaten, Terroranschläge, Todesopfer, Personenpotenziale oder den Einfluss auf die Gesellschaft betrachtet?

Genau diesen Fragen widmet sich der nächste Beitrag. Anhand der aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes, des Bundesamtes für Verfassungsschutz und weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen habe ich die verschiedenen extremistischen Milieus miteinander verglichen und kritisch geprüft, welche Formen des Extremismus in Deutschland gegenwärtig tatsächlich die größte Bedrohung darstellen, und welche zwar lautstark wahrgenommen werden, statistisch aber deutlich weniger gefährlich sind, als viele Menschen vermuten.


Hier kommst du zu den weiteren Extremismus-Artikeln:

Was ist Extremismus?


Welche Formen von Extremismus gibt es?


Wer sind die gefährlichsten Extremisten?


Wieso sind Extremisten so erfolgreich?


Was können wir gegen Extremismus tun?


Extremistische Scheinargumente – bekämpfen!

Noch eine letzte Bitte

Wenn man so einen Artikel wie diesen hier schreibt, bedeutet das natürlich, dass man polarisiert. Und für mich als Autor bedeutet es, dass ich sogar mit Rückschlägen zu kämpfen habe. Extremisten sind charakterschwache, hinterhältige Feiglinge, die mit unsauberen, heimtückischen Methoden arbeiten. Das ist allerdings nicht etwa eine persönliche Meinung oder Behauptung, sondern eine Tatsache, die ich selbst schon am eigenen Leib zu spüren bekam. Sobald ich mal etwas über Toleranz geschrieben, oder mich zu meiner Ablehnung von Diskriminierung und Extremismus bekannt habe, ist die Bewertung meiner Bücher auf Amazon nämlich meist deutlich gesunken.

Und nein, das ist keine zufällige Korrelation! Wenn man mehr als 4.000 Follower hat, dazu noch mehrere „stille“ Mitleser, müssen sich darunter zwangsläufig auch einige Personen eher zweifelhafter Gesinnung befinden. Das ist eben das Gesetz der Masse. Diese Personen drücken mir immer eine miese Bewertung rein, wenn sie Widerspruch erleben. Einige haben mich auch grundlos bei Facebook gemeldet, sodass mein Artikel für kurze Zeit gesperrt war. Ich konnte das aber zum Glück wieder rückgängig machen.

Ich befürchte also, dass einige Ewiggestrige auch diesen Artikel wieder zum Anlass nehmen werden, mir auf Amazon eine miese Bewertung reinzudrücken, um mich für meine ketzerischen Worte zu „bestrafen“. Und dass ich auf Facebook auch wieder Ärger dafür kriege, dass ich gegen Extremisten aufstehe, besonders gegen Rechtsextremisten. Ich verlasse mich aber darauf, dass du, der du jetzt wirklich bis ganz zum Ende gelesen hast, mir dabei hilfst, dass die blaubraunen Arschgeigen hier keinen „Sieg“ gegen mich erringen können.


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