Die Potrerillos Formation im Nordosten Mexikos gehört zu den wenigen Schichtenfolgen, die nicht nur die letzten Millionen Jahre der Kreidezeit, sondern auch die unmittelbaren Folgen des Chicxulub-Einschlags überliefern. In der La-Popa-Senke folgen auf fossilreiche Küsten- und Schelfablagerungen des Maastrichtiums ein mächtiges K/Pg-Ereignisbett mit Impaktauswurf und umgelagerten Wirbeltierresten sowie paläozäne Sedimente einer neu entstehenden Welt.

Earle F. McBride |
McBride et al. führten die Potrerillos Formation 1974 bei der systematischen Untersuchung zweier großer Sedimentbecken im Nordosten Mexikos ein: des Parras-Beckens und des nordöstlich anschließenden La-Popa-Beckens in den Bundesstaaten Coahuila und Nuevo León. Das La-Popa-Becken liegt nordwestlich von Monterrey, im Vorland der Sierra Madre Oriental. |
Wo heute trockene Hügel und aufgerichtete Gesteinsschichten die Landschaft prägen, hatten Flüsse und Meer einst über Millionen Jahre mächtige Sedimentpakete abgelagert. Diese steinerne Geschichte zu ordnen, war eine anspruchsvolle Aufgabe: Sand-, Schluff- und Tonsteine wechseln nicht nur übereinander, sondern gehen auch seitlich ineinander über. Spätere Gebirgsbildung hat die Schichten zusätzlich gefaltet. Die Forscher untersuchten deshalb, welche Gesteinseinheiten sich im Gelände verfolgen lassen, wie sie aufeinanderfolgen und welche früheren Lebensräume sie überliefern. Ihre Gliederung der Difunta Group schuf dafür ein grundlegendes Gerüst. Eine der dabei benannten Einheiten war die Potrerillos Formation, deren Name sich auf das Gebiet des Cañón de Potrerillos bezieht. Er darf jedoch nicht mit der gleichnamigen, aber wesentlich älteren, bereits triassischen Potrerillos Formation Argentiniens verwechselt werden.1McBride, E. F. et al. (1974). Stratigraphy and structure of the Parras and La Popa basins, northeastern Mexico. Geological Society of America Bulletin, 85(10), 1603–1622.
Die spektakuläre Landschaft am Boca de Potrerillos mit Aufschlüssen der nach ihm benannten Lagerstätte. Bildquelle: Sergio Montemayor / Google Maps.
Geologie
Die bis zu rund 2.300 Meter mächtige Potrerillos Formation besteht überwiegend aus Ton- und Siltsteinen, untergeordnet aus Sandsteinen sowie örtlich aus linsenförmigen Kalksteinen. Sie entstand am westlichen Rand des damaligen Golfs von Mexiko. Prodelta und Schelf, Flussmündungen, Strandzonen, Wattflächen und eine flache Küstenebene verschoben sich im Laufe der Zeit immer wieder übereinander. Die La-Popa-Senke war zugleich ein tektonisch sehr bewegter Ablagerungsraum. Aufsteigendes Salz aus jurassischen Evaporiten bildete Diapire und beeinflusste Meeresbodenrelief, Strömungen und Sedimentmächtigkeit. An solchen Salzstrukturen konnten sich lokale Karbonatkörper bilden, während benachbarte Minibecken große Mengen klastischen Materials aufnahmen. Deshalb beschreibt die Formation keinen einzigen Lebensraum, sondern ein wechselhaftes Küstenmosaik. Die unteren Teile stammen aus dem Maastrichtium. Die Kreide-Paläogen-Grenze liegt innerhalb der Formation, darüber folgen paläozäne Schichten. Ihr Gesamtalter kann deshalb mit ungefähr 70 bis 56 Millionen Jahren angegeben werden. Die genaue Reichweite einzelner Member ist aber lokal unterschiedlich.2McBride, E. F. et al. (1974). Stratigraphy and structure of the Parras and La Popa basins, northeastern Mexico. Geological Society of America Bulletin, 85(10), 1603–1622.3Shelley, D. C. & Lawton, T. F. (2005). Sequence stratigraphy of tidally influenced deposits in a salt-withdrawal minibasin: Upper sandstone member of the Potrerillos Formation (Paleocene), La Popa Basin, Mexico. AAPG Bulletin, 89, 1157–1179.
Die Formation wird traditionell in fünf informelle Einheiten gegliedert: Lower Siltstone, Lower Mudstone, Middle Siltstone, Upper Mudstone und Upper Sandstone Member. Diese Abfolge ist nicht überall gleich mächtig und ihre Grenzen können wegen seitlicher Verzahnung und wechselnder Ablagerungsräume diachron sein. Das an der Kreide-Paläogen-Grenze wichtige Delgado Sandstone Member wird in neueren Arbeiten als markanter Sandsteinkörper innerhalb der Schichtenfolge behandelt.4McBride, E. F. et al. (1974). Stratigraphy and structure of the Parras and La Popa basins, northeastern Mexico. Geological Society of America Bulletin, 85(10), 1603–1622. Der wissenschaftlich außergewöhnlichste Aufschluss liegt bei El Papalote. Dort füllt ein lokal bis etwa vier Meter mächtiger Sandsteinkörper eine in ältere Sedimente eingeschnittene Rinne. Er enthält Sphärulen und anderes Material aus dem Chicxulub-Auswurf, große herausgerissene Sandsteinblöcke sowie Fossilien verschiedenen Erhaltungszustands. Die Ablagerung wird als Folge eines vom Einschlag ausgelösten Tsunamis und besonders seines Rückstroms interpretiert: das Wasser lief vom überfluteten Küstenland zurück in das Becken und riss Sediment, Pflanzenmaterial und Tiere mit unermesslicher Gewalt mit sich.5Lawton, T. F. et al. (2005). Basinward transport of Chicxulub ejecta by tsunami-induced backflow, La Popa basin, northeastern Mexico, and its implications for distribution of impact-related deposits flanking the Gulf of Mexico. Geology, 33(2), 81–84. doi:10.1130/G21057.1 So wurden sowohl Dinosaurier- als auch Mosasaurierreste aus maastrichtischen Lebensräumen und Sedimenten aufgenommen, weggespült und gemeinsam mit dem Impaktmaterial wieder in der Potrerillos Formation abgelagert. Sie belegen somit eine kreidezeitliche Fauna, erlauben aber für sich genommen keine genaue Aussage darüber, wie lange vor dem Einschlag die Tiere gelebt haben. Noch weniger liefern sie einen einen Nachweis für ein Überleben der Nichtvogeldinosaurier oder Mosasaurier bis ins Paläozän, wie es einige Stimmen gerne behaupten möchten.6Cadena-González, D., Barragán-Manzo, R. & Ruiz-Aguilar, C. (2025). Reworked K/Pg ejecta in early Paleocene deposits, Difunta Group, NE Mexico. Boletín de la Sociedad Geológica Mexicana, 77(2), A190625. doi:10.18268/BSGM2025v77n2a190625
Heutige Lage der Potrerillos Formation:
Lage: La-Popa-Senke, Nordostmexiko
Benannt: 1974 von McBride et al.
Koordinaten heute: 26,05° N, 100,72° W
Paläo-Koordinaten: ca. 32.6° N, 79.4° W
Alter: 70-56 Ma
Liegt unter: Adjuntas Formation
Liegt über: Muerto Formation
Fossilbericht
Die maastrichtischen Küsten- und Schelfablagerungen enthalten Muscheln, Schnecken, Ammoniten, Haizähne, Knochenreste und bemerkenswert gut erhaltene Zehnfußkrebse. Aus dem Lower Siltstone Member stammen unter anderem Dakoticancer australis und der Schwimmkrebs Mascaranada difuntaensis; zahlreiche Panzer, Häutungsreste und teils gegliederte Extremitäten erlauben ungewöhnlich genaue Einblicke in eine spätkreidezeitliche Bodengemeinschaft. Historisch gemeldete Mollusken und Kopffüßer umfassen etwa Ostrea semiarmata, Liopistha coahuilensis, Baculites ovatus und Sphenodiscus pleurisepta.7Vega, F. J. & Feldmann, R. M. (1991). Fossil crabs (Crustacea, Decapoda) from the Maastrichtian Difunta Group, northeastern Mexico. Annals of Carnegie Museum, 60, 163–177.8Wolleben, J. A. (1977). Paleontology of the Difunta Group (Upper Cretaceous–Tertiary) in northern Mexico. Journal of Paleontology, 51(2), 373–398. Mascaranada difuntaensis war ein schwimmfähiger Zehnfußkrebs aus dem oberen Teil des Lower Siltstone Member. Der Holotyp stammt vom Fuß des Cerro La Zorra im Cañón de Potrerillos. Seine Erhaltung mit verbundenen Körperteilen deutet darauf hin, dass der Kadaver nicht weit transportiert wurde. Dieser Fund unterscheidet sich damit von den stark umgelagerten Fossilien des späteren K/Pg-Ereignisbetts.9Vega, F. J. & Feldmann, R. M. (1991). Fossil crabs (Crustacea, Decapoda) from the Maastrichtian Difunta Group, northeastern Mexico. Annals of Carnegie Museum, 60, 163–177.
Oberhalb der Grenze verändert sich das Bild. Das Upper Mudstone Member bewahrt eine vergleichsweise kleine paläozäne Wirbellosenfauna, darunter den Nautiliden Cimomia haltomi, Schnecken, Muscheln und Röhrenwürmer. Kalklinsen lieferten die Brachiopoden Probolarina neoleonensis und Probolarina papalotensis. Diese Funde zeigen die Wiederbesiedlung flacher Meeresräume, ersetzen aber keine lückenlose Zeitreihe: Umlagerung, wechselnde Fazies und große örtliche Mächtigkeitsunterschiede begrenzen direkte Vorher-nachher-Vergleiche.10Vega, F. J. & Perrilliat, M. C. (1995). On some Paleocene invertebrates from the Potrerillos Formation (Difunta Group), northeastern Mexico. Journal of Paleontology, 69(5), 862–869. doi:10.1017/S002233600003553811Klosterman, S. L. et al. (2007). New Paleocene rhynchonellide brachiopods from the Potrerillos Formation, northeast Mexico. Journal of Paleontology, 81(3), 483–489.
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Die Artenvielfalt des Potrerillos Formation sowie ihrer Nachbarformationen ist in einem eigenen Artikel gelistet. Alle spektakulären Lebewesen der Meereswelt, also von den Muscheln, Kopffüßern und Fischen, bis hin zu den mächtigen Meeresreptilien, die dort lebten, findest du hier! |
Weitere Lagerstätten der kreidezeitlichen westlichen Golfküste:
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Alle anderen Lagerstätten, die in meinen Büchern eine Rolle spielen, erreichst du über meine interaktive Karte:
Quellenangaben:
- 1McBride, E. F. et al. (1974). Stratigraphy and structure of the Parras and La Popa basins, northeastern Mexico. Geological Society of America Bulletin, 85(10), 1603–1622. ↩︎
- 2McBride, E. F. et al. (1974). Stratigraphy and structure of the Parras and La Popa basins, northeastern Mexico. Geological Society of America Bulletin, 85(10), 1603–1622. ↩︎
- 3Shelley, D. C. & Lawton, T. F. (2005). Sequence stratigraphy of tidally influenced deposits in a salt-withdrawal minibasin: Upper sandstone member of the Potrerillos Formation (Paleocene), La Popa Basin, Mexico. AAPG Bulletin, 89, 1157–1179. ↩︎
- 4McBride, E. F. et al. (1974). Stratigraphy and structure of the Parras and La Popa basins, northeastern Mexico. Geological Society of America Bulletin, 85(10), 1603–1622. ↩︎
- 5Lawton, T. F. et al. (2005). Basinward transport of Chicxulub ejecta by tsunami-induced backflow, La Popa basin, northeastern Mexico, and its implications for distribution of impact-related deposits flanking the Gulf of Mexico. Geology, 33(2), 81–84. doi:10.1130/G21057.1 ↩︎
- 6Cadena-González, D., Barragán-Manzo, R. & Ruiz-Aguilar, C. (2025). Reworked K/Pg ejecta in early Paleocene deposits, Difunta Group, NE Mexico. Boletín de la Sociedad Geológica Mexicana, 77(2), A190625. doi:10.18268/BSGM2025v77n2a190625 ↩︎
- 7Vega, F. J. & Feldmann, R. M. (1991). Fossil crabs (Crustacea, Decapoda) from the Maastrichtian Difunta Group, northeastern Mexico. Annals of Carnegie Museum, 60, 163–177. ↩︎
- 8Wolleben, J. A. (1977). Paleontology of the Difunta Group (Upper Cretaceous–Tertiary) in northern Mexico. Journal of Paleontology, 51(2), 373–398. ↩︎
- 9Vega, F. J. & Feldmann, R. M. (1991). Fossil crabs (Crustacea, Decapoda) from the Maastrichtian Difunta Group, northeastern Mexico. Annals of Carnegie Museum, 60, 163–177. ↩︎
- 10Vega, F. J. & Perrilliat, M. C. (1995). On some Paleocene invertebrates from the Potrerillos Formation (Difunta Group), northeastern Mexico. Journal of Paleontology, 69(5), 862–869. doi:10.1017/S0022336000035538 ↩︎
- 11Klosterman, S. L. et al. (2007). New Paleocene rhynchonellide brachiopods from the Potrerillos Formation, northeast Mexico. Journal of Paleontology, 81(3), 483–489. ↩︎
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Earle F. McBride

