Die Cárdenas Formation ist eine mächtige fossilreiche Gesteinsfolge aus der Oberkreide im mexikanischen Bundesstaat San Luis Potosí. Ihre vorwiegend maastrichtischen Sedimente entstanden am westlichen Rand des damaligen Golfs von Mexiko, während sich im Zuge der Laramischen Gebirgsbildung die Sierra Madre Oriental herauszuheben begann. Rudistenriffe, Korallen, Muscheln und Spurenfossilien belegen örtlich flache Küsten- und Schelfbereiche. Andere Abschnitte enthalten dagegen umgelagerte Rifftrümmer und feinkörnige Turbidite eines tieferen Vorlandbeckens. Die Formation dokumentiert deshalb nicht einen einzigen Lebensraum, sondern ein räumlich und zeitlich wechselndes System zwischen Karbonatplattform, Küste und tektonisch absinkendem Becken.

Emil Böse |
Der deutsch-mexikanische Geologe Emil Böse beschrieb die fossilführenden Schichten bei der Eisenbahnstadt Cárdenas 1906 als „División Cárdenas“. Der Name bezieht sich auf die Stadt und nicht auf den ähnlich benannten präkambrischen Cardenas Basalt im Grand Canyon. Der heute gebräuchliche Formationsbegriff setzte sich später durch. Eine grundlegende moderne Bearbeitung lieferte Roger L. Myers 1968 mit seiner Biostratigraphie des ungefähr 1.050 Meter mächtigen Profils in der asymmetrischen Mulde östlich des Bahnhofs von Cárdenas.1Böse, E. (1906). La fauna de moluscos del Senoniano de Cárdenas, San Luis Potosí. Boletín del Instituto Geológico de México 24, 1–95.2Myers, R. L. (1968). Biostratigraphy of the Cardenas Formation (Upper Cretaceous), San Luis Potosi, Mexico. Paleontología Mexicana 24, 1–89. |
Blick auf Cárdenas mit Aufschlüssen der Cárdenas Formation am Cerro Picacho. Bildquelle: Jorge Saucedo / GoogleMaps.
Geologie
Die klassische Schichtenfolge bei Cárdenas erreicht ungefähr 1.050 Meter Mächtigkeit. Myers gliederte sie in drei informelle Abschnitte. Wiederholt wechseln Schluffstein, Tonstein und feinkörniger Sandstein mit fossilreichen Kalksteinen und groben bioklastischen Lagen. Die kalkigen Bänke enthalten örtlich ganze Rudisten- und Korallengemeinschaften, andernorts aber zerbrochene, transportierte Schalen und Riffblöcke. Schon diese starken Fazieswechsel zeigen, dass Mächtigkeit und Gesteinsausbildung nicht an jedem Aufschluss gleich sind.3Myers, R. L. (1968). Biostratigraphy of the Cardenas Formation (Upper Cretaceous), San Luis Potosi, Mexico. Paleontología Mexicana 24, 1–89.4Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 Lange wurde die gesamte Cárdenas Formation als Ablagerung einer flachen, nach Südosten progradierenden Küsten- und Karbonatplattform aufgefasst. Für mehrere Fundorte ist diese Deutung gut belegt. Rudisten-Korallen-Kalke entstanden im lichtdurchfluteten Flachwasser, und die Spurenfossilien sprechen am Potrero del Carnero für ein mäßig bis schwach bewegtes Küstenareal, das wiederholt von Stürmen beeinflusst wurde.5Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.126Palma-Ramírez, A. et al. (2022). The paleoenvironmental significance of trace fossils from the Cárdenas Formation (Late Cretaceous, Maastrichtian) at Potrero del Carnero, San Luis Potosí, central Mexico. Boletín de la Sociedad Geológica Mexicana 74(2), A230422. doi:10.18268/bsgm2022v74n2a230422 Die Flachwasserinterpretation kann jedoch nicht unterschiedslos auf die ganze Formation übertragen werden. Neuere sedimentologische Untersuchungen deuten mächtige Abfolgen aus Schiefer und feinem Sandstein als Turbidite eines proximalen Vorlandbeckens beziehungsweise eines auf dem Überschiebungskeil liegenden Teilbeckens. Bioklastische Brekzien mit Rudisten, Muscheln und Korallen gelangten dort durch Schuttströme aus flacheren Lebensräumen in tieferes Wasser. Damit können selbst ausgesprochen typische Rifffossilien umgelagert sein. Die Cárdenas Formation bewahrt folglich nebeneinander autochthone Flachwassergemeinschaften und allochthones Material aus demselben Plattform-Becken-System.7Juárez-Arriaga, E. et al. (2022). Stratigraphy and origin of Upper Cretaceous wedge-top and proximal foredeep deposits in the Mexican foreland basin, east-central Mexico. Journal of South American Earth Sciences 114, 103681. doi:10.1016/j.jsames.2021.103681
Diese Entwicklung hing mit der Laramischen Kompression zusammen. Im Westen und Südwesten wurden ältere Gesteine der späteren Sierra Madre Oriental angehoben und erodiert. Das neu entstehende Relief lieferte zunehmend siliziklastisches Material, während auf verbliebenen Untiefen weiterhin Karbonatproduzenten lebten. In einem ungefähr 175 Meter mächtigen Teilprofil wurden 24 Rudisten- oder Korallen-Rudisten-Vergesellschaftungen in fünf Kalksteinpaketen unterschieden. Ihr wiederholter Wechsel mit klastischen Sedimenten wird als Folge kleiner Transgressionen und episodischer Sedimentzufuhr vom sich hebenden Gebirge gedeutet.8Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 Die klassische fossilreiche Folge reicht überwiegend vom frühen bis in das späte Maastrichtium. Jüngere Arbeiten weisen zugleich darauf hin, dass örtliche basale oder mit der Méndez Formation verzahnte Abschnitte bereits im späten Campanium abgelagert worden sein könnten. Die Altersgrenzen hängen daher vom jeweiligen Profil und von der dort verwendeten lithostratigraphischen Abgrenzung ab.9Schafhauser, A., Götz, S. & Stinnesbeck, W. (2007). Rudist decline in the Maastrichtian Cardenas Formation (East-central Mexico). Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 251(2), 210–221. doi:10.1016/j.palaeo.2007.03.04710Juárez-Arriaga, E. et al. (2022). Stratigraphy and origin of Upper Cretaceous wedge-top and proximal foredeep deposits in the Mexican foreland basin, east-central Mexico. Journal of South American Earth Sciences 114, 103681. doi:10.1016/j.jsames.2021.103681 Im klassischen Gebiet liegt die Cárdenas Formation an einer Störung gegen den älteren Tamasopo Limestone. Dieser Kontakt darf deshalb nicht als ungestörter Übergang gelesen werden. Nach oben endet die marine Sedimentation mit Regression, Erosion und zeitweiliger Trockenlegung. Darüber folgen diskordant die kontinentalen roten Schichten der Tabaco Formation, in denen Paläoböden ausgebildet sind.11Myers, R. L. (1968). Biostratigraphy of the Cardenas Formation (Upper Cretaceous), San Luis Potosi, Mexico. Paleontología Mexicana 24, 1–89.12Schafhauser, A., Götz, S. & Stinnesbeck, W. (2007). Rudist decline in the Maastrichtian Cardenas Formation (East-central Mexico). Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 251(2), 210–221. doi:10.1016/j.palaeo.2007.03.047

Heutige Lage der Cárdenas Formation:
Lage: östliches Zentralmexiko, besonders im Gebiet von Cárdenas und Rayón im Bundesstaat San Luis Potosí
Benannt: 1906 von Emil Böse als „División Cárdenas“, nach der Stadt Cárdenas
Koordinaten heute: 22,0° N, 99,65° W
Paläo-Koordinaten: ungefähr 20° N, der Längengrad ist schwer zu bestimmen.
Alter: 72–68 Millionen Jahre
Liegt unter: Tabaco Formation
Liegt über: Tamasopo Limestone
(Geschätzte!) Paläo-Lage der Cárdenas Formation:
Fossilbericht
Die Cárdenas Formation bewahrt eine der bedeutendsten maastrichtischen Meeresfaunen Mexikos. Rudisten, Korallen, Mollusken, Krebse, Mikro- und Spurenfossilien und Lebensspuren dokumentieren mehrere miteinander verbundene Lebensräume. Eine moderne Revision unterschied neun benannte Rudisten-Arten, darunter Biradiolites aguilerae, Biradiolites cardenasensis, Huasteca ojanchalensis, Tampsia floriformis, Trechmannites rudissimus, Caribbea muellerriedi, Praebarrettia sparcilirata, Coralliochama gboehmi und Mitrocaprina tschoppi.13Pons, J. M. et al. (2013). The rudist fauna of the Cárdenas Formation, Maastrichtian, San Luis Potosí State, Mexico. Journal of Paleontology 87(4), 726–754. doi:10.1666/12-116 Sie lebten zusammen mit riffbildenden Steinkorallen, zahlreichen anderen Muscheln, Schnecken, Brachiopoden, Seeigeln und Ammoniten.14Böse, E. (1906). La fauna de moluscos del Senoniano de Cárdenas, San Luis Potosí. Boletín del Instituto Geológico de México 24, 1–95.15Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 Bemerkenswert sind außerdem fossile Krebse. Aus drei Fundorten wurden 24 weitgehend vollständige Panzer beschrieben, die fünf Familien repräsentieren. Am häufigsten ist Dakoticancer australis; daneben treten unter anderem Branchiocarcinus cornatus und Costacopluma bishopi sowie Reste von Maulwurfskrebsen auf. Die vergleichsweise vollständigen Panzer zeigen, dass zumindest ein Teil der Tiere rasch und ohne starken Transport eingebettet wurde.16Vega, F. J., Feldmann, R. M. & Sour-Tovar, F. (1995). Fossil crabs (Crustacea: Decapoda) from the Late Cretaceous Cardenas Formation, east-central Mexico. Journal of Paleontology 69(2), 340–350. Mikrofossilien wie Großforaminiferen, planktonische und benthische Foraminiferen sowie Ostrakoden erlauben die Korrelation der Profile und zeigen den Wechsel zwischen verschiedenen Wassertiefen.17Caus, E. et al. (2002). Upper Cretaceous microfauna of the Cárdenas Formation, San Luis Potosí, NE Mexico. Biostratigraphical, palaeoecological and palaeogeographical significance. Revista Mexicana de Ciencias Geológicas 19(2), 137–144.18Omaña, L., Pons, J. M. & Alencáster, G. (2009). Latest Cretaceous foraminifera from the Cárdenas Formation, San Luis Potosí, Mexico: Biostratigraphical, paleoenvironmental and paleobiogeographical significance. Micropaleontology 54, 445–462. Auch Spurenfossilien machen die unterschiedlichen Milieus sichtbar. Es handelt sich vor allem um Wohn- und Fraßbauten wirbelloser Tiere in sandigem Küstensediment. Die Vergesellschaftung spricht für einen flachen, von Gezeiten, Wellen und Stürmen beeinflussten Übergangsbereich zwischen Deltaebene und offenem Meer.19Palma-Ramírez, A., Maldonado-Sarabia, R. C. & Stimson, M. R. (2019). Marginal marine trace fossils from the Cárdenas Formation (Maastrichtian), Rayón municipality, San Luis Potosí, central Mexico. Revista Brasileira de Paleontologia 22(2), 89–96. doi:10.4072/rbp.2019.2.01
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Die Artenvielfalt der Cárdenas Formation sowie ihrer Nachbarformationen sind in einem eigenen Artikel gelistet. Alle spektakulären Lebewesen der Meereswelt, also von den Muscheln, Kopffüßern und Fischen, bis hin zu den mächtigen Meeresreptilien, die dort lebten, findest du hier! |
Weitere Lagerstätten der oberkreidezeitlichen Meere in und um Nordamerika:
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Nordpolarmeer:
Pazifik-Küste:
Golfregion:
Pierre Seaway:
Atlantikküste:
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Alle anderen Lagerstätten, die in meinen Büchern eine Rolle spielen, erreichst du über meine interaktive Karte:
Quellenangaben:
- 1Böse, E. (1906). La fauna de moluscos del Senoniano de Cárdenas, San Luis Potosí. Boletín del Instituto Geológico de México 24, 1–95. ↩︎
- 2Myers, R. L. (1968). Biostratigraphy of the Cardenas Formation (Upper Cretaceous), San Luis Potosi, Mexico. Paleontología Mexicana 24, 1–89. ↩︎
- 3Myers, R. L. (1968). Biostratigraphy of the Cardenas Formation (Upper Cretaceous), San Luis Potosi, Mexico. Paleontología Mexicana 24, 1–89. ↩︎
- 4Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 ↩︎
- 5Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 ↩︎
- 6Palma-Ramírez, A. et al. (2022). The paleoenvironmental significance of trace fossils from the Cárdenas Formation (Late Cretaceous, Maastrichtian) at Potrero del Carnero, San Luis Potosí, central Mexico. Boletín de la Sociedad Geológica Mexicana 74(2), A230422. doi:10.18268/bsgm2022v74n2a230422 ↩︎
- 7Juárez-Arriaga, E. et al. (2022). Stratigraphy and origin of Upper Cretaceous wedge-top and proximal foredeep deposits in the Mexican foreland basin, east-central Mexico. Journal of South American Earth Sciences 114, 103681. doi:10.1016/j.jsames.2021.103681 ↩︎
- 8Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 ↩︎
- 9Schafhauser, A., Götz, S. & Stinnesbeck, W. (2007). Rudist decline in the Maastrichtian Cardenas Formation (East-central Mexico). Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 251(2), 210–221. doi:10.1016/j.palaeo.2007.03.047 ↩︎
- 10Juárez-Arriaga, E. et al. (2022). Stratigraphy and origin of Upper Cretaceous wedge-top and proximal foredeep deposits in the Mexican foreland basin, east-central Mexico. Journal of South American Earth Sciences 114, 103681. doi:10.1016/j.jsames.2021.103681 ↩︎
- 11Myers, R. L. (1968). Biostratigraphy of the Cardenas Formation (Upper Cretaceous), San Luis Potosi, Mexico. Paleontología Mexicana 24, 1–89. ↩︎
- 12Schafhauser, A., Götz, S. & Stinnesbeck, W. (2007). Rudist decline in the Maastrichtian Cardenas Formation (East-central Mexico). Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 251(2), 210–221. doi:10.1016/j.palaeo.2007.03.047 ↩︎
- 13Pons, J. M. et al. (2013). The rudist fauna of the Cárdenas Formation, Maastrichtian, San Luis Potosí State, Mexico. Journal of Paleontology 87(4), 726–754. doi:10.1666/12-116 ↩︎
- 14Böse, E. (1906). La fauna de moluscos del Senoniano de Cárdenas, San Luis Potosí. Boletín del Instituto Geológico de México 24, 1–95. ↩︎
- 15Schafhauser, A. et al. (2003). Depositional environment of coral–rudist associations in the Upper Cretaceous Cardenas Formation (Central Mexico). Geologia Croatica 56(2), 187–198. doi:10.4154/GC.2003.12 ↩︎
- 16Vega, F. J., Feldmann, R. M. & Sour-Tovar, F. (1995). Fossil crabs (Crustacea: Decapoda) from the Late Cretaceous Cardenas Formation, east-central Mexico. Journal of Paleontology 69(2), 340–350. ↩︎
- 17Caus, E. et al. (2002). Upper Cretaceous microfauna of the Cárdenas Formation, San Luis Potosí, NE Mexico. Biostratigraphical, palaeoecological and palaeogeographical significance. Revista Mexicana de Ciencias Geológicas 19(2), 137–144. ↩︎
- 18Omaña, L., Pons, J. M. & Alencáster, G. (2009). Latest Cretaceous foraminifera from the Cárdenas Formation, San Luis Potosí, Mexico: Biostratigraphical, paleoenvironmental and paleobiogeographical significance. Micropaleontology 54, 445–462. ↩︎
- 19Palma-Ramírez, A., Maldonado-Sarabia, R. C. & Stimson, M. R. (2019). Marginal marine trace fossils from the Cárdenas Formation (Maastrichtian), Rayón municipality, San Luis Potosí, central Mexico. Revista Brasileira de Paleontologia 22(2), 89–96. doi:10.4072/rbp.2019.2.01 ↩︎
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