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Die Weißen Steine

Entdeckungsreise in die Welt der Urzeit

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Statement zu „Rasse“ und Rassismus

Posted on August 12, 2026August 13, 2026 by Markus Kretschmer
Lesedauer 68 Minuten

Ein Thema, das in unserem Alltag oft ausgeblendet, kleingeredet oder sogar aggressiv abgewehrt wird, ist Rassismus. Klar, keiner möchte „Rassist“ genannt werden. Und den Wunsch, damit einfach nur in Ruhe gelassen zu werden, kann ich auch absolut nachvollziehen. Ich möchte dich trotzdem nicht damit in Ruhe lassen. Denn wenn wir uns alle nur entspannt zurücklehnen, bedeutet das endloses Leid für die Betroffenen. Also auch wenn du nicht betroffen bist: lies bitte weiter. Ich gehe hier der Frage nach, woher Rassismus kommt, wie er sich historisch entwickelte und wie er wissenschaftlich widerlegt wurde. Unsere Reise führt dabei über die kolonialistische Sklaverei, die etablierte Rassenlehre der Frühmoderne bis hin zur modernen Genetik. Und ich erkläre dir so, dass du es auch anderen erklären kannst, warum es überhaupt keine Menschenrassen gibt!


Inhaltsverzeichnis

  • Rassismus in Deutschland
    • Was ist Rassismus? 
    • Rassismus – sogar gegen Kinder!
    • Rassistische No-Gos im Alltag
    • Meine Intention für diesen Beitrag
  • Die Anfänge des modernen Rassismus
    • Sklaverei im Früh- und Hochmittelalter
    • Sklaverei im Spätmittelalter
    • Die Versklavung der amerikanischen Ureinwohner
    • Die Versklavung der Afrikaner
  • Religiöse Legitimationsversuche für Sklaverei und Rassismus
    • Noahs Fluch
    • Das Kainsmal
    • Rassistischer Missbrauch der Bibel
    • Weitere Rechtfertigungen aus der Bibel
    • Rassismus als Extremform der kognitiven Dissonanz?
  • Die Rassenlehre
    • Rassismus in der Zeit von Aufklärung und Humanismus
    • Aufklärerische Rassisten oder rassistische Aufklärer?
    • Wie aus Unterschieden und Hautfarben „Rassen“ wurden
    • Beginnender Antirassismus
  • Die eigentliche „Rassentheorie“
    • Rassistische Völkerschauen
    • Physiognomik
  • Die Rassentheorie als dominante Lehre im frühen 20. Jahrhundert
  • Rassismus in der Paläontologie
  • Wieso es keine Menschenrassen gibt
    • Gattungen
    • Arten
    • Unterarten
    • Rassen
  • Gibt es beim heutigen Menschen verschiedene Unterarten?
    • Erster Punkt: Diagnostizierbarkeit
    • Zweiter Punkt: Abgrenzung durch mehrere unabhängige Evidenzlinien
    • Dritter Punkt: Geografische Kohärenz
    • Vierter Punkt: Populationsgenetische und entwicklungsgeschichtliche Eigenständigkeit
    • Was bleibt also von den biologischen „Menschenrassen“ übrig?
  • Gab es in der Vergangenheit einmal menschliche Unterarten?
    • Der Neandertaler als Unterart: Homo sapiens neanderthalensis
    • Der Neandertaler als eigene Art – Homo neanderthalensis
  • Fazit und Schlusswort
  • Quellenangaben

Rassismus in Deutschland

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Du bist (wahrscheinlich) ein Rassist. Was? Wie kann der Markus mir das nur vorwerfen?, denkst du wahrscheinlich gerade. Immerhin geben sich die meisten von uns wahrscheinlich schon tolerant, weltoffen, freundlich. Wir hassen es, oder sollten es als demokratische Deutsche jedenfalls hassen und verurteilen, wenn Menschen aufgrund ihres Äußeren benachteiligt, beleidigt oder gar angegriffen werden. Vielleicht hast du selbst sogar schon einmal in so einer Situation Hilfe geleistet und Zivilcourage gezeigt. Kannst du dann mit dem Vorwurf überhaupt noch gemeint sein?

Das Wilde ist: Es ist überhaupt kein Vorwurf! Jedenfalls habe ich es nicht als solchen gemeint. Tatsächlich bin ich selbst auch ein Rassist, aber dazu komme ich gleich. Zuerst einmal das viel Spannendere: Du hast es vielleicht doch als Vorwurf empfunden. Ich auch, als mir jemand mal auf diese Weise kam! Und ich habe mich dabei wirklich empört und sehr geärgert, so wie du gerade wahrscheinlich auch. Und so kommen wir zu einem wichtigen Kern, der auch beim Rassismus gilt: Denn es ist eine Sache, was ich mit meinen Worten meine oder ausdrücken will. Eine ganz andere ist es aber, was du dabei empfindest. Und das gilt für uns alle. Wir können eben nicht in die Köpfe unserer Mitmenschen hineinschauen. Und so können wir auch nicht nachempfinden, was Menschen denken und fühlen, wenn wir einfach etwas nur daher sagen oder einen kleinen Spruch oder Witz reißen. Solche „Kleinigkeiten“ können schon ungeheuer empörend und verletzend sein – wie du ja selbst eben vielleicht selbst gemerkt hast.

Markus Peter Kretschmer Aber doch, es betrifft dich tatsächlich. Und mich genauso. Denn wenn du so wie ich selbst weiß und deutsch bist, gehörst du zur breiten Mehrheit der Bevölkerung. Und das gibt dir viele Privilegien, derer du dir gar nicht bewusst bist. Du kannst – weil sie für dich selbstverständlich sind und ein Leben lang Teil deiner Identität waren – dir ihrer auch noch nicht einmal voll bewusst sein!

Denn du musst nicht damit leben, dass spitze Bemerkungen, Witze, aber auch ganz real wirksame Benachteiligungen, wie etwa bei der Job- oder Wohnungssuche Teil deines Alltags sind. Auch in der Schule schon: Wenn du von deinem Lehrer eine schlechte Note bekommen hast, ist deine Hautfarbe sicher der letzte Grund, der dir einfällt, um diese zu erklären. Für nichtweiße Menschen ist es aber oft der erste. Und sie haben damit sogar sehr oft recht damit. Es gibt Sudien, die klar belegen, dass die Herkunft bei der Notenvergabe in vielen Fächern eine Rolle spielt!1Hofer, S. I. (2015). Studying gender bias in physics grading: The role of teaching experience and country. International Journal of Science Education, 37(17), 2879–2905. doi:10.1080/09500693.2015.11141902Sprietsma, M. (2013). Discrimination in grading: Experimental evidence from primary school teachers. Empirical Economics, 45, 523–538. doi:10.1007/s00181-012-0609-x3Bonefeld, M. & Dickhäuser, O. (2018). (Biased) grading of students’ performance: Students’ names, performance level, and implicit attitudes. Frontiers in Psychology, 9, 481. doi:10.3389/fpsyg.2018.00481

Was ist Rassismus?

Dumme Witze, Benachteiligungen auf dem Job- und Wohnungsmarkt und schlechtere Schulnoten: das waren schon einige Beispiele für sogenannten Alltagsrassismus. Sogar „eigentlich gut gemeinte“ Komplimente wie Du kannst sicher gut Tanzen! und „interessiertes“ (aber eigentlich total übergriffiges!) Verhalten wie Kann ich mal deine Haare anfassen? oder Wo kommst du eigentlich her? Deutschland, pfff.. Nee, Ich meine, wo kommst du eigentlich wirklich her? sind alles Dinge, die für Menschen mit einem nicht-deutschen Aussehen furchbar lästig sind. Bei schärferen Polizei- oder Fahrkahrtenkontrollen geht es weiter. Das wird dir als weißem Deutschen eher nicht passieren. Doch das passiert anderen Menschen beinahe jeden Tag. Oder sogar mehrmals täglich. Rassismus fängt nämlich nicht erst bei persönlichen Beleidigungen oder tätlicher Gewalt an.

Aber was ist Rassismus eigentlich? Und was ist eine „Rasse“? Das Wort kam wahrscheinlich im 16. und 17. Jahrhundert über das italienische razza ins Deutsche. Der genaue Ursprung ist unklar. In der Literatur werden häufig Ableitungen vom lateinischen radix (Wurzel), oder generatio (Geschlecht; Wesen) vermutet. Eine andere mögliche Herleitung des Wortes führt nach Spanien, dort könnte es wird Hispanisierung des arabischen رأس / raʾs / ‚Kopf, Ursprung‘ zu raza geworden sein. Anfangs wurde „Rasse“ nur in der Tier- und Pferdezucht genutzt, doch schon bald darauf im Kolonialismus auf den Menschen übertragen.4Conze, W. & Sommer, A. (2004). Rasse. In Brunner, O., Conze, W. & Koselleck, R. (Hgg.), Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 5, Klett-Cotta, Stuttgart, 135–178, hier 137.5Kluge, F. & Seebold, E. (2011). Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Auflage, De Gruyter, Berlin und Boston, 746 f.

Ähnlich wie bei Tieren macht die „Rasse“ aus Menschen aufgrund zugeschriebener Abstammung, Herkunft oder körperlicher Merkmale vermeintlich natürliche Gruppen. Dann schreibt man diesen Gruppen Eigenschaften oder unterschiedlichen Wert zu. Letztendlich leitet man dann daraus auch Hierarchien ab, also eine Wertung, bei der eine – natürlich die eigene – „Rasse“ die überlegene, von Gott auserwählte oder auch biologisch „beste“ ist, die über allen anderen steht. Das rechtfertigt dann Ausgrenzung oder Ungleichbehandlung. Spätestens dann sind wir tatsächlich beim Rassismus angekommen, der ganz individuell, institutionell oder strukturell wirken kann. Wir wollen hier aber weniger auf das Individuelle schauen und legen den Fokus mehr auf die Struktur. Und diese Struktur fängt schon damit an, wenn du selbst nicht zur „besten“, aber sehr wohl zur privilegierten Gruppe in der Bevölkerung gehörst. Deshalb mein provokanter Einstieg.

Du kannst im Grunde also gar nichts dafür, dass du ein Rassist bist! Aber mach dir bitte nicht nur das bewusst, sondern auch, dass Rassismus überall um dich herum stattfindet. Und sieh auch hin, wenn er passiert!

Rassismus – sogar gegen Kinder!

Diese traurigen Beispiele illustrieren, wie dramatisch die Situation in Wirklichkeit ist. Viele denken vielleicht, dass wir bereits viel beim Abbau von Rassismus erreicht hätten, doch das ist leider nicht der Fall! Das kann ich auch selbst aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich arbeite seit einigen Jahren an einer Schule, an welcher ein großer Teil der Schüler einen Migrationshintergrund hat. Dort habe ich ein Präventionsprojekt gegen Rassismus geleitet, wo die Schüler auch ihre eigenen Erfahrungen schildern durften. Und dabei haben sich einige mutig geöffnet und zum Teil Schreckliches berichtet.

  • Los ging es mit dem Thema Witze, wo z. B. ein kurdischer Junge berichtete, wie blöd er es fände, wenn seine Mitschüler ständig fragen, was der Unterschied zwischen einer Pizza und einem Kurden sei (Pizza hat einen Boden). Das Krasse ist: Der Junge, acht Jahre alt, konnte mir gar nicht erklären, was eigentlich das Witzige an dem Witz sein solle. Der, der ihn erzählt hat, ebenso wenig. Beide haben aber trotzdem verstanden, dass dieser Witz eine Wirkung, eine gewisse Macht hat, nämlich die, einen anderen Menschen damit provozieren und herabsetzen zu können. Dazu muss man nicht einmal die Pointe raffen.
  • Deutlich weniger „humorvoll“ wurde es, als eine Schülerin mit einem dunklen Teint berichtete, dass sie gerade erst an besagtem Tag auf dem Weg zur Schule als „Scheiß N…“ beschimpft und bespuckt wurde. Und nicht zum ersten Mal sei ihr oder ihren Geschwistern sowas passiert. Dass neunjährige und sogar jüngere Kinder von erwachsenen Fremden rassistisch beleidigt werden, ist Alltag!
  • Und auch ein Junge berichtete, dass er schon zweimal aufgrund seiner Hautfarbe von anderen verprügelt worden sei, das erste Mal bereits in der ersten Klasse. Nein, habe ich mir nicht ausgedacht!

Rassismus passiert. Jeden Tag, genau vor deiner Nase. Und er trifft sogar schon kleine Kinder, die noch gar nicht verstehen, was ihnen da eigentlich widerfährt. Geschweige denn, warum!6Jahresbericht 2024: Zahl der Ratsuchenden zu Diskriminierung steigt deutlich. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. 3. Juni 2025.

Rassisitische No-Gos im Alltag

Das Bitterste kommt aber erst noch: Es sind eben nicht nur solche ekelhaften Leute oder überzeugte Neonazis mit einem geschlossen rassistischen und menschenverachtenden Weltbild, von denen Benachteiligungen für alle die Menschen ausgehen, die nicht deutsch und nicht weiß sind. Es sind vielmehr die Menschen um sie herum, Menschen wie du und ich, eben die Privilegierten in der Gesellschaft. Auch wenn wir das gar nicht wollen, gar nicht so meinen, so tragen wir strukturell, nicht bewusst, sondern ganz latent, ein Gesellschaftsmodell der Ungleichheit mit. Schon durch unser ganz alltägliches Verhalten, und sogar dann, wenn wir es eigentlich nicht böse meinen. Trotzdem sind es klare No-Gos:

  • „Wo kommst du wirklich her?“
    Nach Herkunft zu fragen ist zwar grundsätzlich okay. Problematisch wird es, wenn „Kiel“, „Berlin“ oder „Deutschland“ als Antwort nicht ausreicht. Damit vermittelt man (ungewollt): Du bist vielleicht hier geboren, aber für mich gehörst du trotzdem nicht wirklich hierher.
  • „Du sprichst aber wirklich gut Deutsch!“
    Bei jemandem, der Deutsch tatsächlich gerade lernt, kann das ein ehrliches Kompliment sein. Bei einem hier geborenen Deutschen mit anderer Hautfarbe dagegen steckt darin eine unausgesprochene Annahme, die abwertet und sogar (ungewollt) beleidigt: So wie du aussiehst, hatte ich nicht erwartet, dass Deutsch deine Muttersprache ist.
  • „Darf ich mal deine Haare anfassen?“ (oder einfach direkt hineingreifen…)
    Gerade Schwarze Menschen berichten häufig davon. Auch wenn reine Neugier dahintersteckt: Einen fremden Menschen wegen seiner körperlichen Merkmale anzufassen, als müsse man etwas Ungewöhnliches untersuchen, wird von den meisten als entwürdigend und übergriffig empfunden.
  • Menschen als „exotisch“ bezeichnen
    „Ich stehe total auf exotische Frauen wie dich!“ ist wahrscheinlich die beste Einladung dafür, dir direkt einen Korb zu geben. Nein, es ist kein Kompliment. Denn „exotisch“ sind aus europäischer Perspektive normalerweise Pflanzen, Tiere, Speisen oder Reiseziele. Menschen, die so bezeichnet werden, nehmen aber vor allem war, dass sie fremd und anders sind und nicht dazu gehören.
  • Rassistische Begriffe verteidigen
    Klassiker sind „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“. Beide Bezeichnungen enthalten Fremdbezeichnungen, die mit einer langen Geschichte von Abwertung und Stereotypisierung verbunden sind. Und sie werden entsprechend als beleidigend empfunden. Natürlich darfst du diese Wörter gern weiterverwenden, kein Gesetz der Welt verbietet es dir. Es kostet dich aber nichts, und auch geschmacklich ändert sich für dich nichts, wenn du es trotzdem einfach lässt.
  • „Aber ich meine das doch gar nicht rassistisch!“ – „War doch nur Spaß!“
    Das ist höchstwahrscheinlich wahr. Absicht und Wirkung sind aber zwei verschiedene Dinge. Wenn ich jemandem versehentlich auf den Fuß trete, ist der Schmerz schließlich auch nicht verschwunden, nur weil ich es nicht wollte. Und Pointen auf Kosten anderer sind nicht mehr witzig, wenn sie die Betroffenen alle schon auswendig kennen.
  • Stereotype als Kompliment verpacken.
    „Asiaten sind halt gut in Mathematik“, „Schwarze können wahnsinnig gut tanzen“ oder „Südländer sind einfach temperamentvoll“… Die Liste solcher „Komplimente“ ist lang. Aber es sind keine. Denn damit reduziert man einen einzelnen Menschen auf eine bloß angenommene Eigenschaft seiner vermeintlichen Gruppe. Und grenzt ihn damit von sich selber ab und damit aus.
  • Eine Person stellvertretend für ein ganzes Land oder eine ganze Ethnie befragen.
    „Was denkst du als Iranerin darüber?“ oder „Wie sehen Muslime das?“ sind wirklich keine guten und angemessenen Fragen, da sie (wenn auch ungewollt) verallgemeinern. Nicht alle Iraner oder Muslime haben dieselbe Meinung. Ein einzelner Mensch kann nicht für Millionen andere sprechen.
  • „Ich sehe keine Hautfarben.“
    Sicher nicht böse gemeint, als Für mich sind alle Menschen gleich. Er kann aber sehr wohl übel aufgefasst werden. Hautfarbe und Herkunft sind immerhin wichtige Bestandteil der Identität eines Menschen sein und beeinflussen auch sehr wohl seine gesellschaftlichen Erfahrungen. Es kann daher im besten Fall desinteressiert und im schlechtesten relativierend wahrgenommen werden.
  • Einen Namen absichtlich vereinfachen oder dauerhaft falsch aussprechen.
    „Kann ich dich nicht einfach Ali nennen?“ Vorsicht mit sowas. Der eigene Name gehört zur immerhin zur Identität. Nachzufragen, wie er ausgesprochen wird, ist natürlich vollkommen in Ordnung, aber bitte „biete“ anderen Menschen keine Spitznamen an, sondern warte, bis sie es von sich aus tun. Ansonsten ist das übergriffig.

Ich könnte noch ein Dutzend weiterer „Kleinigkeiten“ aufzählen, die ich mit- oder zusammen mit Sahar sogar selbst erlebt haben. Alles von Menschen, die es im Grunde nicht Böse gemeint haben. Aber sensibilisiere dich bitte dafür, dass Menschen sich wegen diesen Dingen genervt und herabgesetzt fühlen. Natürlich ist das eine andere Ebene, als wenn sie bespuckt oder beleidigt werden, aber die Grenzen dorthin sind ausgesprochen fließend.

Meine Intention für diesen Beitrag

Das Thema Rassismus ist für mich nicht nur ein persönliches (ich bin schließlich mit einer Iranerin verheiratet!) und politisches, sondern auch ein durchaus wissenschaftliches und biologisches. Wenn ich nämlich manchmal die Kommentare zu meinen Beiträgen lese, selbst wenn diese das Thema „Menschenrassen“ nur grob anschneiden, bekomme ich oft Krämpfe in den Kiefermuskeln. Dort wird so viel Blödsinn geschrieben! Hanebüchenes Halb- und Nichtwissen trifft dort auf veraltete Schulbildung und persönliche Vorurteile, aber auch auf echten, beinharten, menschenverachtenden Rassismus. Und alles geht oft genug sogar Hand in Hand. Ich persönlich glaube ja, dass Rassismus vor allem deshalb überhaupt erst entsteht und dass die Leute an ihren Ideologien und Vorurteilen sehr gerne festhalten, weil sie die Problematik dahinter und davor nicht verstehen. Weil sie irgendeinen Quatsch oft genug gehört haben.

Theodor W. Adorno Aber „gehört haben“ ist nicht „begreifen„. Und da muss ich an Theodor W. Adorno denken, ein Allround-Talent als Soziologe, Philosoph, Musiktheoretiker und Komponist. Der sagte zu einem ähnlichen Thema einmal:

„Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind.“ – Theodor W. Adorno7Adorno, T. W. (1959). Theorie der Halbbildung. In Busch, A. (Hg.), Soziologie und moderne Gesellschaft: Verhandlungen des 14. Deutschen Soziologentages, Ferdinand Enke, Stuttgart, 169–191.

Und weil ich seine Ansicht durchaus teile, musste jetzt schnell ein eigener Artikel her. Dieser richtet sich nicht an die, die wirklich Ahnung von Biologie haben und bereits genau verstehen, wieso das mit den Menschenrassen Quatsch ist. Ihr könnt jetzt gerne hier aufhören und lieber einen meiner anderen Artikel weiterlesen oder auch gerne eines meiner Bücher.

Die Weißen Steine

DIE WEISSEN STEINE: Abenteuer-Romanreihe über eine Schulklasse, die in der Kreidezeit um ihr Überleben kämpfen muss. Ab 12 Jahren.

Traumreise in die Urzeit

TRAUMREISE IN DIE URZEIT: Kinderbücher mit Traumreisen zur Achtsamkeit und Entspannung, mit Dinosauriern und anderen Urzeit-Tieren. Ab 3 Jahren.

De-Extinktion

DE-EXTINKTION: Sachbuch über das Zurückbringen ausgestorbener Tiere: Ist das wirklich möglich? Ab 12 Jahren.

Das Königreich unter der Erde

DAS KÖNIGREICH UNTER DER ERDE: Eine zauberhafte Geschichte und magische Reise in die winzige Welt unter unseren Füßen! Ab 3 Jahren.

Alle, die jetzt aber gerade gedacht haben:

„Moment mal, es gibt aber doch Schwarze, Asiaten, Indianer, Europäer und so weiter. Also gibt es beim Menschen doch zumindest Unterarten, und die könnte man doch auch „Rassen“ nennen!“

Oder:

„Halt mal… Es gibt vielleicht heute keine Rassen mehr, aber es gab sie doch früher mal: Neandertaler, Heidelbergmenschen, Homo erectus und so weiter…“

Diese Leute möchte ich bitten, jetzt unbedingt dranzubleiben. Nein, also wenn wir alle Freunde bleiben wollen, dann bestehe ich sogar darauf, dass ihr jetzt weiterlest, denn ihr habt da wirklich ein ganz großes Problem im Kopf, das wir dringend mal auskehren müssen!


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Die Anfänge des modernen Rassismus

Beginnen wir deshalb mit einem Blick zurück in die Geschichte. Der moderne Rassismus ist eng mit dem Kolonialismus und der Sklaverei verknüpft. Auch der Begriff „Menschenrasse“ wird schon spätestens seit dem 17. Jahrhundert verwendet. Zu jener Zeit entwickelten sich exotische Waren aus Übersee, besonders aus der Neuen Welt, zu wertvollen Exportgütern. Das waren zum Beispiel Rohzucker und daraus hergestellte Spirituosen, aber auch Tabak, Baumwolle und andere Rohstoffe, die nur in warmen Klimazonen anzubauen sind. Es gab nur ein Problem: Die Produktion und der Transport dieser Waren waren so aufwändig und teuer, dass man die Produkte niemals im Heimatland losgeworden wäre, wenn man sie unter normalen oder, besser gesagt, fairen Bedingungen von lohnbeziehenden Arbeitern produziert hätte. Deshalb setzte man auf den Plantagen Sklaven ein.8Smedley, A. & Smedley, B. D. (2012). Race in North America: Origin and Evolution of a Worldview. 4. Auflage, Westview Press, Boulder.

World 1898 empires colonies territory
Kolonialreiche um 1898. Bildquelle: Kein maschinenlesbarer Autor angegeben. Roke~commonswiki wird aufgrund der Urheberrechtsangaben als Autor angenommen., CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons.

Sklaverei im Früh- und Hochmittelalter

Man könnte nun auf den Gedanken kommen, dass die Sklaverei etwas Neues gewesen wäre. Oft hört oder liest man, dass Sklaverei vorher, im Mittelalter, sogar verboten gewesen sei. Doch das ist nur eine Halbwahrheit. Sklaverei und Menschenhandel sind so alt wie die Menschheit selbst; sie kamen in allen Epochen der Menschheitsgeschichte vor und es gibt sie sogar noch heute. Im Mittelalter ging sie bestenfalls in manchen Regionen zurück oder wurde durch andere, kaum weniger ausbeuterische Gesellschaftsstrukturen wie Leibeigenschaft und Hörigkeit ersetzt. Auch das Christentum war nicht weniger „sklavereifeindlich“ als andere Religionen zu jener Zeit. Lediglich der persönliche Besitz christlicher Menschen und vor allem der Handel mit ihnen durch andere Christen wurde auf mehreren Konzilien immer wieder verboten. Ähnliche Verbote gab es übrigens auch im Judentum und im Islam, wonach Angehörige derselben Glaubensgemeinschaft nicht versklavt werden durften.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Sklaverei damals kein Thema mehr war. Für „Ungläubige“ galten solche Regelungen schließlich nicht. Besonders Slawen wurden im frühen und hohen Mittelalter immer wieder aus dem Leben gerissen und verschleppt. Sogar das englische Wort slave und das deutsche Wort Sklave leiten sich von dem ursprünglichen Volksbegriff der Slawen ab. Wichtige Umschlagplätze für den mittelalterlichen Slawen- bzw. Sklavenhandel waren Verdun, Prag und Rouen. Auch Klöster und Herrscher besaßen Sklaven. Im 11. Jahrhundert waren in England noch Zehntausende Menschen versklavt. Und auch nach der Christianisierung der Slawen wurden religiöse Verbote noch häufig umgangen und blieben deshalb begrenzt wirksam.9Pijper, F. (1909). The Christian Church and Slavery in the Middle Ages. The American Historical Review, 14(4), 675–695. doi:10.1086/ahr/14.4.67510Boswell, J. (1981). Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality. University of Chicago Press, Chicago.11Thomas, H. (2006). The Slave Trade: History of the Atlantic Slave Trade, 1440–1870. Weidenfeld & Nicolson. 

Targ niewolnikow w Kordowie
Slawische und arabische Sklaven stehen im muslimischen Cordoba zum Verkauf. Bildquelle: Cantigas de Santa Maria, 13. Jahrhundert; public domain, via Wikimedia Commons.

Sklaverei im Spätmittelalter

Im Spätmittelalter änderte sich das nur regional. Damals war der Sklavenhandel in Nord- und Osteuropa zwar praktisch nicht mehr existent, ganz im Gegensatz aber zum Mittelmeerraum. Vor allem italienische Seerepubliken wie Genua und Venedig sowie katalanische Händler kauften und verkauften bis ins 15. Jahrhundert Menschen aus dem Schwarzmeerraum und vom Balkan. Im muslimisch geprägten Raum wurden dagegen auch weiterhin christliche Gefangene aus Südeuropa versklavt. Die osmanische Eroberung Konstantinopels 1453 und des Schwarzmeerraums erschwerte den Handel auf diesen Routen aber schließlich erheblich, weshalb sich der Sklavenhandel nun in den Atlantikraum verlagerte. Die Entdeckungsfahrten von berühmten Seeleuten wie Christoph Kolumbus, Amerigo Vespucci, Vasco da Gama und Francesco Magellan hatten nicht nur, wie man es aus dem Geschichtsunterricht vielleicht zu wissen glaubt, mit der Erschließung neuer Handelsrouten mit Gewürzen und anderen Luxusgütern zu tun. Man suchte auch gezielt nach neuen Orten für lukrativen Menschenhandel.12Heers, J. (2007). Les Négriers en terres d’islam: La première traite des noirs, VIIe–XVIe siècle. Paris, 265.13Cluse, C. (2005). Frauen in Sklaverei: Beobachtungen aus genuesischen Notariatsregistern des 14. und 15. Jahrhunderts. In Hirschmann, F. G. & Mentgen, G. (Hgg.), Campana pulsante convocati. Trier, 85–123.14Eckert, A. (2021). Geschichte der Sklaverei: Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. München, 34 f.

Papst Eugen IV. Eines der letzten wirkmächtigen Verbote der Sklaverei wurde von Papst Eugen IV. ausgesprochen. Er verurteilte mit den Bullen Creator Omnium (1434) und Sicut dudum (1435) z. B. die Versklavung der kanarischen Guanchen scharf und bedrohte Zuwiderhandelnde sogar mit Exkommunikation. 15Raiswell, R. (1997). Eugene IV, Papal bulls of. In Rodriguez, J. P. (Hg.), The Historical Encyclopedia of World Slavery. ABC-CLIO, Santa Barbara, 260.

Man könnte nun denken, dass das enorme Leid und die Entwürdigungen, welche die Sklaven von ihren Herren zu erdulden hatten, sehr wohl von Zeitgenossen und sogar hohen geistlichen Würdenträgern als große Barbarei und Unrecht wahrgenommen worden sein könnten. Möglicherweise trifft dies sogar auf einige zu, die tatsächlich Mitleid mit den Sklaven hatten. Fakt ist aber: Die wirtschaftlichen Interessen haben die moralischen Bedenken meist überwogen. Und so wurden, als mit der Sklaverei der Guanchen Schluss war, eben andere Völker versklavt, und das tatsächlich in einem völlig neuen Ausmaß, wie es im ganzen Mittelalter nicht der Fall gewesen war.16Perry, C. et al. (Hgg.) (2021). The Cambridge World History of Slavery. Volume 2: AD 500–AD 1420. Cambridge University Press. doi:10.1017/9781139024723 

Papst Nikolaus V. Schon Eugens Nachfolger, Papst Nikolaus V., gewährte dem portugiesischen König 1452 mit Dum Diversas ausdrücklich die Befugnis, „Sarazenen, Heiden und andere Ungläubige“ zur Ausbreitung der christlichen Religion zu unterwerfen und sie in dauerhafte Knechtschaft zu bringen. 1455 bestätigte und erweiterte er mit Romanus Pontifex diese Privilegien noch zusätzlich. 17Meißner, M. (2017). Stichtag: 18. Juni 1452: Die päpstliche Bulle Dum diversas duldet die Versklavung von Schwarzafrikanern. NDR Info, Zeitzeichen, 18. Juni 2017.18Maxwell, John Francis (1975). The Catholic Church and Slavery. Barry-Rose Publishers.

Es wird darin unter anderem der Gedanke vertreten, dass diesen „Ungläubigen“ damit sogar ein Gefallen getan würde: Denn wenn sie, wenn auch durch Zwang, dennoch zum Christentum kämen, sei ihnen immerhin das ewige Himmelreich sicher und seien sie vor der Verdammnis, die sie als „Ungläubige“ erwartet hätte, gerettet. Dafür und auch für die religiöse Erziehung hätten die Sklavenbesitzer selbst Sorge zu tragen. Die Forschung betrachtet diese Dokumente deshalb als eine der wichtigsten kirchlichen Legitimationen der frühen portugiesischen Expansion und Versklavung an der afrikanischen Küste. Und damit sind sie eine wichtige Säule des Rassismus, die noch bis in die heutige Zeit hinein wirkt.19Stein, W. (1990). Fahrplan der Weltgeschichte. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München und Berlin.20Sweet, J. H. (2003). Spanish and Portuguese influences on racial slavery in British North America, 1492–1619. Yale University, 31. Oktober 2003.21Gama, L. (o. J.). Recursos para a História Marítima de Portugal (1200–1700). Monumenta Henricina, 1.

Die Versklavung der amerikanischen Ureinwohner

Auch die amerikanischen Ureinwohner wurden nach der Ankunft der Europäer ab dem Jahr 1492 in großer Zahl versklavt, verschleppt und zur Arbeit gezwungen. Besonders die spanischen Eroberer griffen dabei massiv auf indigene Arbeitskräfte zurück.

Bartolomé de Las Casas Ähnlich wie bei den Guanchen regte sich aber auch hiergegen eine gewisse Kritik. Einer der bekanntesten Fürsprecher für die versklavten Ureinwohner war der Dominikanermönch Bartolomé de las Casas. Er setzte sich vehement dafür ein, die indigene Bevölkerung als freie Untertanen der spanischen Krone anzuerkennen und ihre Versklavung zu beenden.22Clayton, L. A. (2012). Bartolomé de las Casas: A Biography. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/CBO9781139047401

Die spanische Krone schränkte die Versklavung der Indigenen daraufhin zunehmend ein, besonders mit den Leyes Nuevas von 1542. Das bedeutete jedoch keineswegs das Ende ihrer Ausbeutung und Entrechtung: Systeme wie Encomienda, Repartimiento und Mita zwangen weiterhin Millionen Menschen zu Arbeit und Abgaben. Auch echte indigene Sklaverei bestand in verschiedenen Regionen noch jahrhundertelang fort. Zugunsten von Landerschließungen infolge des Imperialismus wurden den amerikanischen Ureinwohnern nicht anders als den Afrikanern ihre Heimat, ihre kulturelle Identität und auch ihre Freiheit immer wieder geraubt.23Gallay, A. (2012). Indian Slavery. In Eltis, D. & Engerman, S. L. (Hgg.), The Oxford Handbook of Slavery in the Americas. Oxford University Press, Oxford, 312–335. doi:10.1093/oxfordhb/9780199227990.013.001524Van Deusen, N. E. (2023). Why Indigenous Slavery Continued in Spanish America after the New Laws of 1542. The Americas, 80(3), 395–432. doi:10.1017/tam.2023.33

Native American being enslaved by Virginia colonists in the 17th century
Ein amerikanischer Ureinwohner wird von europäischen Kolonisten versklavt. Bildquelle: G. A. Bogert (1882), Public domain, via Wikimedia Commons.

Die Versklavung der Afrikaner

Allerdings hatte auch de las Casas einen gewaltigen blinden Fleck: Um die Ureinwohner von der mörderischen Zwangsarbeit zu entlasten, schlug er ab 1516 zeitweise vor, stattdessen bereits versklavte Menschen vor allem aus Afrika in die amerikanischen Kolonien zu bringen. Später erkannte er zwar, dass die Versklavung der Afrikaner genauso grausam war, bereute seinen Vorschlag ausdrücklich und verurteilte schließlich auch den afrikanischen Sklavenhandel.25Clayton, L. A. (2009). Bartolomé de las Casas and the African Slave Trade. History Compass, 7(6), 1526–1541. doi:10.1111/j.1478-0542.2009.00639.x Geändert hat dies allerdings für die Afrikaner nichts, im Gegenteil. Und hier fällt nun tatsächlich ein Unterschied auf: Die Grundsituation ist bei Slawen, Sarazenen, Guanchen, amerikanischen Ureinwohnern und eben auch Afrikanern identisch. Sie alle galten für ihre christlichen Sklavenhalter zunächst als Ungläubige, deren Versklavung mit den gleichen Argumenten legitimiert wurde. Sie alle wurden infolge ihrer Versklavung schließlich zu Christen. Trotzdem sah man weder bei der Kirche noch bei der weltlichen Obrigkeit ein Bestreben, diese Grausamkeiten auch für Afrikaner zu beenden. Im Gegenteil: Seit der frühen Neuzeit etablierten sich neue Narrative, mit denen die Sklaverei von Afrikanern auch lange nach ihrer Christianisierung weiterhin legitimiert wurde.

Slave traders revenging their loses
Ostafrikanischer Sklavenhandel. Bildquelle: Horace Waller: The last journals of David Livingstone in Central Africa, from 1865 to his death. London, 1874. Public domain, via Wikimedia Commons.

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Religiöse Legitimationsversuche für Sklaverei und Rassismus

Heute vertrauen wir bei politischen wie auch gesellschaftlichen Fragen und Entscheidungen auf die Wissenschaft. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit herrschte allerdings noch ein „magisches“ bzw. religiös geprägtes Weltbild vor, wo man bei wichtigen Fragen und Entscheidungen auf die Bibel oder die andere jeweiligie Heilige Schriftquelle als höchste Instanz zurückgriff. Immerhin galten diese Schriften als das Wort Gottes, das er höchstselbst bzw. seine Propheten den Menschen verkündet hatte. Es ist somit nicht verwunderlich, dass die Gelehrten in der Anfangszeit des Rassismus und Kolonialismus ihre Überzeugungen vor allem mit ihrer Religion legitimierten.

Noahs Fluch

Eine der wohl einflussreichsten biblischen Rechtfertigungen für die Versklavung schwarzer Menschen ist die Geschichte von Noahs Fluch über seinen Sohn Ham bzw. seinen Enkel Kanaan. Sie steht im ersten Buch Mose, also der Genesis, und geht im Grunde so: Nachdem Noah mit seiner Familie die Sintflut überstanden hatte, pflanzte Noah einen Weinberg, kelterte und trank reichlich Wein und lag eines Abends schließlich nackt in seinem Zelt, um seinen Rausch auszuschlafen. Sein Sohn Ham sah ihn dort liegen und erzählte seinen Brüdern Sem und Jafet davon. Diese gingen rückwärts in das Zelt und bedeckten ihren Vater, ohne seine Nacktheit anzusehen. Als Noah wieder zu sich kam und erfuhr, was geschehen war, sprach er einen Fluch über Kanaan, den Sohn Hams, aus. Er solle seinen Verwandten auf ewig als Knecht untergeordnet sein. Zugleich wurden Sem und Jafet durch einen besonderen Segen des Vaters ausgezeichnet, da sie ihn zugedeckt hatten.26Gen 9,20–27 EU.

Was genau Ham oder Kanaan nun eigentlich verbrochen haben sollen und ob hinter der etwas merkwürdigen Geschichte noch mehr steckt, wird bis heute unterschiedlich ausgelegt. In einigen Auslegungen sollen Ham oder Kanaan oder auch Ham gemeinsam mit allen seinen Söhnen sich am schlafenden Noah sexuell vergangen haben. Der Text selbst gibt das jedoch nicht eindeutig her.27Schlimm, M. (2025). Noah’s Inebriated Curse (Gen 9:20–27). Harvard Theological Review, 118(2), 181–202. doi:10.1017/S0017816025100655 Jedenfalls: Diese Geschichte wurde nun im Zuge der voranschreitenden Kolonialisierung und des immer wichtiger werdenden Atlantikhandels immer weiter ausgeschmückt, umgedeutet und für die Legitimation der Sklaverei herangezogen.

Ksenophontov noah
Iván Stepánovich (1817-1875): Die Verdammung Hams. Bildquelle: Public domain, via Wikimedia Commons.

Ham und seine Nachkommen wurden in verschiedenen Auslegungstraditionen mit Afrika in Verbindung gebracht. In Jeremia 13,23 wird ein Kuschit ausdrücklich anhand seiner Hautfarbe erwähnt. Kusch war laut Genesis 10,6 ebenfalls ein Sohn Hams, weshalb die Bewohner Afrikas als „Hamiten“, also als Nachkommen Hams, interpretiert wurden. Zuvor lange Zeit schon ein gesellschaftliches, politisches wie auch religiöses Dogma, wurde die Hamitentheorie im 19. Jahrhundert vom Afrikaforscher John H. Speke „wissenschaftlich“ ausformuliert.  Die Linguisten Karl R. Lepsius und Carl Meinhof erweiterten die Theorie auf den heute nicht mehr verwendeten Begriff der hamitischen Sprachen, zu denen sie Ägyptisch, Berberisch, Tschadisch, Kuschitisch und Omotisch zählten. Diese Betrachtungen sind heute allerdings vollständig überholt.28Jungraithmayr, H. & Möhlig, W. J. G. (Hgg.) (1983). Lexikon der Afrikanistik: Afrikanische Sprachen und ihre Erforschung. Berlin.29Köhler, O. (1975). Geschichte und Probleme der Gliederung der Sprachen Afrikas: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. In Baumann, H. (Hg.), Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen. Teil I: Allgemeiner Teil und südliches Afrika. Wiesbaden, 135–373, hier 276 ff.30Rohrbacher, P. (2002). Die Geschichte des Hamiten-Mythos. (Beiträge zur Afrikanistik 71), Afropub, Wien.

Das Kainsmal

Auch andere Bibelgeschichten wurden nun eifrig uminterpretiert und dahingehend ausgelegt, dass die Versklavung von Schwarzen nicht nur gottgewollt, sondern eine gerechte Strafe für biblische Verbrechen darstellt. Es ist somit kein Wunder, dass vor allem das erste große Verbrechen hier eine besondere Rolle einnimmt, nämlich der Mord von Kain an seinem Bruder Abel. Weil Abel als Viehhirte aufgrund seiner Opfergaben von Gott mit Wohlgefallen angeblickt wurde, Kain aber als Bauer aufgrund seiner geringeren Erträge nicht, wurde dieser neidisch und erschlug seinen Bruder. Die Genesis besagt, Gott habe Kain nach diesem Mord ein Zeichen gegeben, das sogenannte Kainsmal.31Gen 4,8–15 EU Was dieses Zeichen war, wird zwar nicht genauer erklärt. In späteren Auslegungstraditionen wurde jedoch behauptet, es habe sich um eine Schwärzung der Haut gehandelt.

Blake Cain Fleeing from the Wrath of God (The Body of Abel Found by Adam and Eve) c1805-1809
William Blake: Kain flieht vor dem Zorn Gottes (1805). Bildquelle: Public domain, via Wikimedia Commons

Rassistischer Missbrauch der Bibel

Die Geschichten vom Fluch Noahs und vom Kainsmal verschmolzen also zu einem gemeinsamen Narrativ, in welchem die schwarze Haut als sichtbarer Fluch und Zeichen einer gottgewollten Bestrafung betrachtet wurde. Dies stellt eine der wichtigsten Grundlagen für die rassistische Abwertung von Schwarzen dar. Nicht nur das Recht zu ihrer Versklavung sei aufgrund des Fluches bereits in der Bibel vorherbestimmt, die schwarze Haut selbst wurde allegorisch mit Heidentum, Verbrechen, Sünde und Unreinheit konnotiert, wohingegen das Weißsein mit Reinheit, Unschuld, Auserwähltheit und Überlegenheit verknüpft wurde. So wurden religiöse Legitimationen für rassistische Unterdrückung etabliert, um die Versklavung schwarzer Menschen als angeblich gottgewollte Ordnung darzustellen. Selbst wenn die Bibel selbst diese Deutung überhaupt nicht wörtlich hergibt. Teilweise sogar das Gegenteil: Das Kainsmal ist in der Geschichte nämlich ausdrücklich kein Stigma der Bestrafung, sondern soll dazu dienen, deutlich zu machen, dass Kain weiterhin unter dem Schutz Gottes steht und niemand sich an ihm für den Mord an Abel rächen darf.32Haynes, S. R. (2002). Noah’s Curse: The Biblical Justification of American Slavery. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/0195142799.001.0001

Weitere Rechtfertigungen aus der Bibel

Doch sind diese Geschichten bei weitem nicht die einzigen Stellen aus der Bibel, mit welchen die Sklaverei gerechtfertigt wurde. Die Bibel stammt ja selbst aus einer Zeit, in der Sklaverei ein wichtiger Teil der Gesellschaft war. Und so wird an vielen Stellen darauf eingegangen. Es wurden also nun verstärkt diese Stellen herangezogen, sie sogar den Sklaven selbst in den Gottesdiensten immer wieder vorgelesen, um das Narrativ zu verstärken, dass ihre Ausbeutung gottgewollt und damit völlig in Ordnung sei:

3. Mose 25,44: Willst du aber leibeigene Knechte und Mägde haben, so sollst du sie kaufen von den Heiden, die um euch her sind.

Epheser 6,5: Ihr Knechte, seid gehorsam euren leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als Christo.

Kolosser 3,22: Ihr Knechte, seid gehorsam in allen Dingen euren leiblichen Herren.

1. Timotheus 6,1: Die Knechte, so unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten.

Titus 2,9: Den Knechten sage, daß sie ihren Herren untertänig seien, in allen Dingen zu Gefallen tun, nicht widerbellen.

1. Petrus 2,18: Ihr Knechte, seid untertan mit aller Furcht den Herren, nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen.

Interessant ist, dass es auch jede Menge Stellen in der Bibel gibt, die Sklaverei völlig anders darstellen. Diese wurden aber im Zuge des Kolonialismus weitestgehend ignoriert:

5. Mose 24,7: Wenn jemand gefunden wird, der aus seinen Brüdern, aus den Kindern Israel, eine Seele stiehlt und versetzt oder verkauft sie: solcher Dieb soll sterben.

2. Mose 21,20: Wer seinen Knecht oder seine Magd schlägt mit einem Stabe, daß sie sterben unter seinen Händen, der soll darum gestraft werden.

5. Mose 23,16: Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn überantworten, der von ihm zu dir sich entwandt hat.

2. Mose 21,2: So du einen hebräischen Knecht kaufst, der soll dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr soll er frei ausgehen umsonst.

2. Mose 21,26-27: Wenn jemand seinen Knecht oder seine Magd in ein Auge schlägt und verderbt es, der soll sie frei loslassen um das Auge. Desgleichen, wenn er seinem Knecht oder seiner Magd einen Zahn ausschlägt, soll er sie frei loslassen um den Zahn.

5. Mose 15,12-13: Wenn sich dein Bruder, ein Hebräer oder eine Hebräerin, dir verkauft, so soll er dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr sollst du ihn frei losgeben. Und wenn du ihn frei losgibst, sollst du ihn nicht leer von dir gehen lassen.

3. Mose 25,39: Wenn dein Bruder verarmt neben dir und verkauft sich dir, so sollst du ihn nicht lassen dienen als einen Leibeigenen.

3. Mose 25,43: Und sollst nicht mit Strenge über sie herrschen, sondern dich fürchten vor deinem Gott.

Hiob 31,15: Hat ihn (den Sklaven) nicht auch der gemacht, der mich in Mutterleibe machte, und hat ihn im Schoße ebensowohl bereitet?

Galater 3,28: Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib.

Rassismus als Extremform der kognitiven Dissonanz?

Die aus heutiger Sicht absurd erscheinende Hartnäckigkeit, mit der Weiße ihr offensichtlich falsches, auf Diskriminierung, Unterdrückung, Verschleppung, Entmenschlichung und massivem Leid aufgebautes Weltbild der Sklaverei verteidigten, kann aber nicht nur durch Profitdenken und Skrupellosigkeit oder falsche Frömmigkeit und Sendungsbewusstsein zur Rettung der „armen“, ungläubigen Afrikaner erklärt werden. Die Menschen, die Sklaven hielten, müssen sich des Leides bewusst gewesen sein, das mit der Geschichte der Sklaverei verbunden war. Sie sahen es jeden einzelnen Tag, hatten es direkt vor ihren Augen. Tatsächlich zogen viele daraus ja auch die sowohl logisch als auch moralisch richtigen Konsequenzen, lehnten Sklavenhaltung ab und setzten sich für die Abschaffung der Sklaverei ein. Doch waren diese „vielen“ Menschen dennoch in der Minderheit und erreichten lange Zeit nichts. Die Sklaverei bestand jahrhundertelang fort.

Erklärt werden kann dies durch ein interessantes psychologisches Phänomen: Den unangenehmen Spannungszustand, der entsteht, wenn Überzeugungen und eigene Interessen auf der einen und die Realität, auch das bewusste Einordnen durch Moral und Empathie auf der anderen nicht zusammenpassen, nennt man kognitive Dissonanz. Die meisten von uns kennen das gut. Wir wissen, dass Süßigkeiten oder fettes Essen ungesund sind. Dass Alkohol ein Nervengift ist. Dass Tabak Krebs verursacht. Oder, der hier wohl interessanteste Vergleich, dass für ein leckeres Steak ein Tier in Gefangenschaft gehalten wurde, wahrscheinlich sein Leben lang gelitten hat und letzten Endes für unser Geschmackserlebnis getötet und geschlachtet wurde.

Eine mögliche Reaktion, damit umzugehen, ist ehrliche Korrektur unseres Verhaltens. Also nie wieder Haribo, Zigaretten, Schnaps und McDonald’s. Es gibt tatsächlich zunehmend mehr Menschen, die ihr Leben nach der Überwindung ihrer kognitiven Dissonanz neu ausrichten und auf das Schädliche verzichten. Doch die häufigere Reaktion sieht doch eher so aus, dass wir die widersprechende Information schlicht auszublenden versuchen. Und wenn uns andere mit der Nase draufstoßen, versuchen wir, sie abzuwerten und das eigene Weltbild sogar noch stärker zu verteidigen.33Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford: Stanford University Press.34Cooper, J. (2007). Cognitive Dissonance: Fifty Years of a Classic Theory. London: Sage. Genau diesen Backfire-Effekt können wir auch noch bis zur Etablierung der Menschenrechte und der schlussendlichen Ächtung der Sklaverei beobachten. Sogar heute noch gibt es viele Menschen, die mich verdutzt anschauen oder scharf und ablehnend reagieren, wenn sie mit dem Thema Rassismus konfrontiert werden oder schlicht mit der Tatsache, dass es keine Menschenrassen gibt.


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Die Rassenlehre

Weiße Menschen sehen sich anderen Menschen bis heute noch gern als überlegen an. In der Zeit, als Sklaverei noch Alltag war, musste diese Sichtweise noch zusätzlich ausgebaut werden, um die enorme kognitive Dissonanz zu kompensieren, denn sicherlich war sich jeder der Grausamkeit spätestens dann bewusst, wenn er sah, wie ein Sklave, der nichts anderes verbrochen hatte als aus einem vielleicht sogar berechtigten Grund sein erwartetes Arbeitspensum nicht erfüllt zu haben, brutal ausgepeitscht wurde oder selbst das erste Mal einen Sklavenmarkt besuchte und dort sah, wie Familien auseinandergerissen wurden und Mütter und Kinder unter Tränen zusammenbrachen, wenn ihnen bewusst wurde, sich in ihrem Leben wahrscheinlich niemals wiederzusehen.

Slavery in Brazil, by Jean-Baptiste Debret (1768-1848)
Sklaverei in Brasilien, Gemälde von Jean-Baptiste Debret. Bildquelle: Public domain, via Wikimedia Commons. 

Diese Grausamkeit zu ignorieren, sie zu rechtfertigen, sogar gutzuheißen und gesellschaftlich mitzutragen, kann mit einem christlichen Wertesystem nicht funktionieren. Kaum etwas kann schließlich härter mit der Nächstenliebe35Lev 19,18 EU , der Fremdenliebe36Lev 19,34 EU, der Ablehnung von Gewalt und der „goldenen Regel“ kollidieren:

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. – Matthäus 7,12.37Mt 7,12 EU

Diese enorme kognitive Dissonanz auszugleichen, kann nur gelingen, wenn man gravierende Unterschiede zwischen sich als Herrn und „den anderen“ benennen kann, die bis zur Entmenschlichung gehen können. Nur wenn man die Sklaven als Menschen zweiter Klasse, als Nachfahren von Mördern und Vergewaltigern und somit mehr als Tiere denn als Menschen betrachten kann, beruhigt sich das Gewissen auch des Frömmsten unter den Frommen. Besonders, wenn da auch noch ein hübscher Profit drin ist! Dies ist eine zentrale historische Wurzel späterer Rassentheorien: Unterschiede zwischen Menschengruppen wurden zunehmend zu festen, erblichen Hierarchien umgedeutet und konnten so Kolonialherrschaft, Versklavung und Ausbeutung legitimieren.38Smedley, A. & Smedley, B. D. (2012). Race in North America: Origin and Evolution of a Worldview. 4. Auflage, Routledge.39Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882 Und das stellte auch niemand infrage, weil ein großer Teil des Wirtschaftssystems und damit auch des eigenen Wohlstandes davon abhing.

Rassismus in der Zeit von Aufklärung und Humanismus

Menschen haben andere Völker natürlich schon in der Antike und im Mittelalter nach Herkunft, Religion, Sprache oder Aussehen unterschieden und dabei oft genug abgewertet. Die Vorstellung, die gesamte Menschheit lasse sich anhand körperlicher Merkmale in einige wenige, biologisch verschiedene „Rassen“ einteilen, entstand jedoch erst in der Neuzeit.

François Bernier Einen der frühesten systematischen Versuche zur Unterscheidung von Menschen aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale unternahm der französische Arzt und Reisende François Bernier (1620–1688) 1684. Er wollte die Menschen nicht mehr nur nach Ländern und Kulturen, sondern anhand körperlicher Merkmale in verschiedene Gruppen einteilen.40Stuurman, S. (2000). François Bernier and the Invention of Racial Classification. History Workshop Journal, 50(1), 1–21. doi:10.1093/hwj/2000.50.1
Carl von Linné Später übertrug Carl von Linné (1707–1778) dieses Denken auf seine biologische Systematik. In der zehnten Auflage seiner Systema Naturae, wo er unter anderem die heute noch verwendete Systematik mit Arten, Gattungen, Ordnungen, Stämmen und Reichen etablierte, unterschied er 1758 nun auch innerhalb von Homo sapiens verschiedene Varietäten. Den Begriff der „Rasse“ oder auch Unterart verwendete er selbst aber noch nicht.41Linné, C. von (1758). Systema Naturae. 10. Auflage, 20–22.

Ab der 1758 erschienenen 10. Auflage ordnete von Linné jeder der vier Varietäten ein Element, ein „Temperament“ und eine Körperhaltung zu: den weißen H. s. europaeus (Luft) beschrieb er als sanguinisch und muskulös, den roten H. s. americanus (Feuer) als cholerisch und aufrecht, den gelben H. s. asiaticus (Erde) als melancholisch und steif und den schwarzen H. s. afer (Wasser) als phlegmatisch und schlaff. Diese heute natürlich als rassistisch zu bewertende Einstufung fußte, wie gut erkennbar ist, noch auf der antiken Vier-Elemente-Lehre und der an diese anschließenden Lehre von den vier Körpersäften.42Kattmann, U. (2004). Rassismus, Biologie und Rassenlehre: Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen? Zukunft braucht Erinnerung, 14. September 2004.

Interessant in diesem Zusammenhang ist aber vor allem, dass es nun nicht etwa Vertreter der oft gerügten Kirche, sondern vielmehr universitär gebildete Humanisten und die Vorreiter der Aufklärung waren, die den Rassismus vorantrieben und ihm weitere Grundlagen von Legitimation beschafften. Gebildete Männer, die wir aus dem Geschichtsunterricht eher als die Begründer der modernen Wissenschaften kennen, sind eng verbunden mit dem Thema Rassismus! Auch historisch gilt es, sich dieser Tatsache bewusst zu sein, insbesondere, wenn wir uns der mühsamen wie schockierenden Aufarbeitungsarbeit widmen wollen.

Aufklärerische Rassisten oder rassistische Aufklärer?

Immanuel Kant Immanuel Kant (1724–1804) entwickelte beispielsweise eine Theorie vererbbarer „Rassen“ und vertrat zumindest in seinen Schriften der 1780er Jahre auch ausdrücklich Vorstellungen von einer Überlegenheit Weißer gegenüber anderen Menschengruppen. Gegen Ende seines Lebens rückte er von Teilen dieser Hierarchie zwar wieder ab, doch die Vorstellung biologisch verschiedener Menschengruppen hatte sich auch durch Kants Einfluss in der Aufklärung fest etabliert.43Kleingeld, P. (2007). Kant’s Second Thoughts on Race. The Philosophical Quarterly, 57(229), 573–592. doi:10.1111/j.1467-9213.2007.498.x
Voltaire (François-Marie Arouet) Auch Voltaire (1694–1778) vertrat ausgeprägte Vorstellungen menschlicher Ungleichheit und vertrat den sogenannten Polygenismus: Verschiedene Menschengruppen seien nicht bloß Varianten einer gemeinsamen Menschheit, sondern hätten unterschiedliche Ursprünge. Afrikaner beschrieb Voltaire wiederholt als körperlich und geistig unterlegen und rückte sie teilweise näher an Menschenaffen als an Europäer.44Giovannetti-Singh, G. (2022). Racial Capitalism in Voltaire’s Enlightenment. History Workshop Journal, 94, 22–41. doi:10.1093/hwj/dbac025
David Hume David Hume (1711–1776) formulierte darauf aufbauend eine ausgesprochen deutliche Hierarchie zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. In einer berüchtigten Fußnote seines Essays Of National Characters äußerte er den Verdacht, Schwarze seien von Natur aus Weißen unterlegen, und behauptete, es habe unter ihnen weder bedeutende Zivilisationen noch herausragende Gelehrte gegeben.45Garrett, A. & Sebastiani, S. (2017). David Hume on Race. In Zack, N. (Hg.), The Oxford Handbook of Philosophy and Race, 31–43. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oxfordhb/9780190236953.013.43
Charles de Montesquieu Bei Charles de Montesquieu (1689–1755) ist die Sache komplizierter. Er spottete zwar über mehrere Rechtfertigungen der Versklavung von Afrikanern und lieferte wichtige Argumente gegen erbliche und durch Krieg begründete Sklaverei, gleichzeitig vertrat er jedoch einen ausgeprägten Klimadeterminismus. Klima und Umwelt sollten Körper, Charakter, Arbeitsfähigkeit und gesellschaftliche Entwicklung von Menschen entscheidend prägen. Menschen heißer Länder galten ihm als passiver und stärker zur Unterwerfung geneigt als Bewohner gemäßigter Regionen. Montesquieu erklärte deshalb Sklaverei unter bestimmten klimatischen Bedingungen sogar als in gewissem Sinne „natürlich“.46Jorati, J. (Hg.) (2025). Montesquieu, “How the Laws of Civil Slavery Are Related to the Nature of the Climate” (1748). In Slavery in Early Modern Philosophy 1500–1765: Essential Readings, 220–230. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/9780197833339.003.0031
Georges-Louis de Buffon Auch Georges-Louis de Buffon (1707–1788) schloss sich dieser Denkweise an: Klima, Ernährung und Lebensweise hätten die ursprüngliche Menschheit verändert und unterschiedliche Hautfarben, Körperformen und andere Merkmale hervorgebracht. Das europäische Erscheinungsbild diente dabei faktisch als Idealbild, von dem andere Formen abgewichen seien. 47Siena, K. (2026). Pathology, Heredity, and the Varieties of Man, 1650–1800. Past & Present, 271(Supplement 18), 168–202. doi:10.1093/pastj/gtag001

Und die Liste weiterer Aufklärer mit ausgeprägt rassistischen Denkmustern ist noch deutlich länger.

Wie aus Unterschieden und Hautfarben „Rassen“ wurden

Auch in den folgenden Jahrhunderten versuchten zahlreiche gebildete Naturforscher und Philosophen, die Unterschiede zwischen Menschen, oder wir sollten eher sagen den Weißen und „den anderen“, wissenschaftlich zu erklären. Und es entwickelte sich geradezu zu einer eigenen Form der Wissenschaft.

Johann F. Blumenbach Johann F. Blumenbach (1752–1840), ein wesentlicher Begründer der Zoologie und der Anthropologie, orientierte sich an Linné und Bernier, als er die Menschheit in fünf sogenannte Varietäten einteilte: eine kaukasische, mongolische, äthiopische, amerikanische und malaiische. Von ihm stammt damit auch der bis heute manchmal verwendete, aber biologisch überholte Begriff „kaukasisch“ für hellhäutige Menschen, da er im georgischen Kaukasus die „hübschesten“ hellhäutigen Menschen zu lokalisieren meinte.48Keel, T. (2018). Impure Thoughts: Johann Blumenbach and the Birth of Racial Science. In: Divine Variations: How Christian Thought Became Racial Science, 23–54. Stanford University Press, Stanford. doi:10.11126/stanford/9780804795401.003.0002

Allerdings wäre es falsch, Blumenbach zum Erfinder einer starren Rassenhierarchie zu erklären. Vielmehr war er das genaue Gegenteil: Er betonte ausdrücklich, dass alle Menschen zu einer einzigen Art gehören und die Übergänge zwischen den „Varietäten“ fließend seien.

Samuel T. von Soemmerring In massiver Form wandte sich Blumenbach gegen seinen Frankfurter Fachkollegen Samuel T. von Soemmerring (1755–1830), der nach der Obduktion von mehreren Leichen afrikanischer Menschen glaubte sagen zu dürfen, dass die Schwarzen eine den Europäern unterlegene Menschenart darstellten.49Dougherty, F. W. P. (1985). Johann Friedrich Blumenbach und Samuel Thomas Soemmerring: Eine Auseinandersetzung in anthropologischer Hinsicht? In Mann, G. & Dumont, F. (Hgg.), Samuel Thomas Soemmerring und die Gelehrten der Goethezeit. Fischer, Stuttgart, 35–56.
Christoph Meiners Ebenfalls zu nennen ist hier Christoph Meiners (1747–1810), der in seinem Grundriß der Geschichte der Menschheit von 1785 Menschen in verschiedene „Rassen“ einteilte, denen er ausdrücklich ungleiche körperliche, geistige und moralische Eigenschaften zuschrieb. Die von ihm bevorzugten europäischen beziehungsweise „kaukasischen“ Menschen standen innerhalb dieser Hierarchie weit oben, während andere Bevölkerungsgruppen als hässlicher, weniger intelligent oder moralisch minderwertig beschrieben wurden. Meiners beließ es zudem nicht bei theoretischen Klassifikationen: Er verteidigte die Sklaverei bestimmter Bevölkerungsgruppen, wandte sich gegen die politische Gleichstellung von Juden und befürwortete eine weitreichende europäische Herrschaft über andere Völker.50Golf-French, M. (2023). Teaching Race in the German Enlightenment: Christoph Meiners’ History of Humanity in Institutional Context. In Beeton, A. et al. (Hgg.), History of Universities, 36(2), 243–260. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oso/9780198901730.003.001251Dougherty, F. W. P. (1996). Gesammelte Aufsätze zu Themen der klassischen Periode der Naturgeschichte. Klatt, Göttingen, 176–190.

Beginnender Antirassismus

Blumenbach trat beiden heftig entgegen und legte stattdessen stichhaltige Belege für die intellektuelle Gleichwertigkeit aller Menschen vor. Insofern sehen viele in Blumenbach einen frühen Vertreter des Antirassismus!52Rupke, N. & Lauer, G. (Hgg.) (2019). Johann Friedrich Blumenbach: Race and Natural History, 1750–1850. Routledge, London und New York.53Junker, T. (2019). Blumenbach’s theory of human races and the natural unity of humankind. In Rupke, N. & Lauer, G. (Hgg.), Johann Friedrich Blumenbach: Race and Natural History, 1750–1850. Routledge, London und New York.54Rupke, N. A. (2019). The origins of scientific racism and Huxley’s Rule. In Rupke, N. & Lauer, G. (Hgg.), Johann Friedrich Blumenbach: Race and Natural History, 1750–1850. Routledge, London und New York. Die heute oft gehörte Behauptung, dass gewisse große Denker ihrer Zeit ja bloß „Opfer“ ihrer Zeit und des Zeitgeistes gewesen seien, wenn man in ihren Schriften rassistische Äußerungen nachweist, ist somit nicht zu halten. Nein, es ist also absolut falsch zu behaupten und am Beispiel von Blumenbach auch klar zu entkräften, dass rassistische Vorstellungen unwidersprochen der „allgemeine Zeitgeist“ der Neuzeit gewesen wären! Tatsächlich finden wir nicht nur bei Blumenbach, sondern auch bei Samuel Sewall (1652–1730), John Woolman (1720–1772), Anthony Benezet (1713–1784), Johann G. Herder (1744–1803), Henri Grégoire (1750–1831), Alexander von Humboldt (1769–1859), Friedrich Tiedemann (1781–1861), Franz Boas (1858–1942) und vielen weiteren bedeutenden Namen Positionen, die sich deutlich gegen diesen „Zeitgeist“ stellten, und das zu den Hochzeiten von Rassentheorie, Kolonialismus und Sklaverei. Dem „Freispruch“ durch den Zeitgeist sollten wir also entschieden entgegentreten, weil er Rassismus relativiert, Rassisten in Schutz nimmt und eine klassische Täter-Opfer-Umkehr betreibt.

Frühe Gegenstimmen zur Rassentheorie, oben: Johann F. Blumenbach (1752–1840), Samuel Sewall (1652–1730), John Woolman (1720–1772), Anthony Benezet (1713–1784), Johann G. Herder (1744–1803); unten: Henri Grégoire (1750–1831), Alexander von Humboldt (1769–1859), Friedrich Tiedemann (1781–1861), Franz Boas (1858–1942).

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Die eigentliche „Rassentheorie“

Doch trotz der Gegenstimmen entwickelte sich der Rassismus in Europa nach und nach nicht nur zu einer bestimmenden Ideologie, sondern auch zu einem Grundsatz, der Philosophie und Naturwissenschaft noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein entscheidend prägte. Und er wirkt bis in die heutige Zeit nicht nur nach, sondern hat sich zu so starren Denkmustern verfestigt, dass auch heute noch jeder weiße Europäer in einer Gesellschaft aufwächst, die im Grunde immer noch tief rassistisch ist. Denke nur einmal an den Anfang des Artikels und das Video zurück sowie die Beispiele meiner Schülerinnen und Schüler. Das alles hat tief reichende Wurzeln. Und auch hier finden wir wieder so einige berühmte Namen, die wir noch aus dem Schulunterricht kennen sollten – aber wahrscheinlich nur selten mit Rassismus in Verbindung bringen.

Georg W. F. Hegel Zuerst ist hier der „Vater“ der Dialektik Georg W. F. Hegel (1770–1831) zu nennen. Er übertrug die Vorstellung menschlicher Rassen auch auf seine Geschichtsphilosophie und schrieb verschiedenen Gruppen erbliche körperliche, geistige und kulturelle Eigenschaften zu und ordnete sie hierarchisch an. Insbesondere Afrikanern unterstellte Hegel angeborene geistige Defizite. Damit wurde die Rassenhierarchie bei ihm nicht nur zu einer anthropologischen, sondern geradezu zu einer philosophisch-metaphysischen Ordnung: Die unterschiedlichen „Rassen“ und ihre vermeintlich verschiedenen Entwicklungsstufen erschienen ihm als Teil einer höheren geschichtlichen Notwendigkeit.55James, D. & Knappik, F. (2023). Exploring the Metaphysics of Hegel’s Racism: The Teleology of the ‘Concept’ and the Taxonomy of Races. Hegel Bulletin, 44(S1), 99–126. doi:10.1017/hgl.2022.3856James, D. & Knappik, F. (2021). Rassismus bei Hegel: Wie soll die Philosophie damit umgehen? FAZ.net, 7. September 2021.57Simpson, P. A. (2011). Hegel, Haiti, and universal history (review). Comparative Literature Studies, 48(2), 246–249.
Samuel G. Morton Samuel G. Morton (1799–1851) verlieh der Rassenlehre im 19. Jahrhundert den Anschein einer exakt messenden Naturwissenschaft. Im Rahmen der sogenannten Anthropometrie sammelte und vermaß Morton Hunderte menschliche Schädel und verglich deren Innenvolumen. Aus seinen Messwerten glaubte er Rückschlüsse auf geistige Fähigkeiten unterschiedlicher „Rassen“ ziehen zu können. Seine Arbeiten wurden zu einem wichtigen Bestandteil des amerikanischen wissenschaftlichen Rassismus und lieferten scheinbar objektive Zahlen für bereits bestehende rassistische Werturteile.58Heaney, C. (2023). Mismeasuring Incas: Samuel George Morton and the American School of Peruvian Skull Science. In Empires of the Dead: Inca Mummies and the Peruvian Ancestors of American Anthropology, 108–135. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oso/9780197542552.003.000659Gould, S. J. (1978). Morton’s ranking of races by cranial capacity: Unconscious manipulation of data may be a scientific norm. Science, 200(4341), 503–509. doi:10.1126/science.34757360Lewis, J. E. et al. (2011). The mismeasure of science: Stephen Jay Gould versus Samuel George Morton on skulls and bias. PLoS Biology, 9(6), e1001071. doi:10.1371/journal.pbio.1001071
Arthur de Gobineau Arthur de Gobineau (1816–1882) machte den Terminus „Rasse“ Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich zu einem bestimmenden Faktor der gesamten Weltgeschichte. In seinem Essai sur l’inégalité des races humaines von 1853–1855 erklärte er Zivilisationen wesentlich aus der Zusammensetzung ihrer angeblichen Rassen. Besonders folgenreich war seine Vorstellung von der Degeneration durch Rassenmischung: Eine Vermehrung von Angehörigen verschiedener Rassen führe langfristig zum Verlust der ursprünglichen Eigenschaften und damit zum Niedergang einer Zivilisation.61Bernasconi, R. (2023). The Philosophy of Race in the Nineteenth Century. In Critical Philosophy of Race: Essays, 51–75. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oso/9780197587966.003.000462Klee, E. (2001). Deutsche Medizin im Dritten Reich: Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main, 162.63Fenske, H. (1993). Politisches Denken im zwanzigsten Jahrhundert. In Lieber, H.-J. (Hg.), Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. 2., durchgesehene Auflage, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 803.
Herbert Spencer Ebenfalls wichtig zu nennen ist in diesem Zuge natürlich Herbert Spencer (1820–1903), einer der wichtigsten Wegbereitern des Sozialdarwinismus. Er übertrug die von Charles Darwin im etablierte Evolutionstheorie auf die menschliche Gesellschaft, interpretierte soziale Ungleichheit und Ausbeutung als Ergebnis natürlicher Prozesse und lieferte damit rassistischen, imperialistischen und eugenischen Gesellschaftsmodellen eine „wissenschaftliche“ Grundlage und Rechtfertigung.64Radick, G. (2019). Darwinism and Social Darwinism. In Breckman, W. & Gordon, P. E. (Hgg.), The Cambridge History of Modern European Thought, 279–300. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/9781316160855.01365Smith, G. H. (1991). Will the real Herbert Spencer please stand up? In Smith, G. H., Atheism, Ayn Rand and Other Heresies. Prometheus Books, Buffalo, 239–250.66Turner, J. H. (1985). Herbert Spencer: A Renewed Appreciation. Sage, Beverly Hills und London.
Francis Galton Darwins Cousin Francis Galton (1822–1911) machte aus Vorstellungen von Vererbung schließlich ein gesellschaftliches Zuchtprogramm. Er prägte 1883 den Begriff Eugenik und ging davon aus, dass nicht nur körperliche Merkmale, sondern auch Intelligenz, Begabung, Charakter und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit in hohem Maße erblich seien. Daraus leitete Galton die Forderung ab, die Fortpflanzung vermeintlich besonders „geeigneter“ Menschen zu fördern und diejenige vermeintlich „Untauglicher“ einzuschränken. Damit wurde die Rassenlehre zunehmend zu einem politischen Programm zur gezielten biologischen „Verbesserung“ zukünftiger Generationen. Rassismus und Sozialdarwinismus bekamen durch Galton einen historischen und politischen Wert, der auch für die Verbrechen des Nationalsozialismus eine wichtige Grundlage bildete.67Adams, M. B. (1990). Eugenics in the History of Science. In Adams, M. B. (Hg.), The Wellborn Science: Eugenics in Germany, France, Brazil, and Russia, 3–7. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/oso/9780195053616.003.000168Langkjær-Bain, R. (2019). The troubling legacy of Francis Galton. Significance, 16(3), 16–21. doi:10.1111/j.1740-9713.2019.01275.x69Gillham, N. W. (2001). Sir Francis Galton and the birth of behavioral genetics. Annual Review of Genetics, 35, 83–101. doi:10.1146/annurev.genet.35.102401.090055
Ernst Haeckel Auch Ernst Haeckel (1834–1919), den wir sonst als berühmten Zoologen und Evolutionsforscher kennen, schloss sich diesen Vorstellungen an. Er untergliederte die Menschheit in zahlreiche Gruppen und ordnete diese vermeintlich unterschiedlichen Entwicklungsstufen zu. Einige indigene Bevölkerungen Australiens und Melanesiens stellte er näher an angenommene menschliche Vorstufen, während „indogermanische“ Menschen an der Spitze seiner Entwicklungshierarchie standen.70Kemp, M. (1998). Haeckel’s hierarchies. Nature, 395, 447. doi:10.1038/2664271Mann, G. (1993). Biologismus – Vorstufen und Elemente einer Medizin im NS. In Bleker, J. et al. (Hgg.), Medizin im „Dritten Reich“. Köln, 25 ff.72Haeckel, E. (1879). Natürliche Schöpfungsgeschichte. 7. Auflage, Reimer, Berlin, 153–155.
Houston S. Chamberlain Besonders radikal verband Houston S. Chamberlain (1855–1927) die Rassentheorie immer stärker mit Antisemitismus. In seinem äußerst einflussreichen Werk Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts von 1899 deutete er die europäische Geschichte als Auseinandersetzung verschiedener Rassen. Eine angeblich germanische beziehungsweise „arische“ Bevölkerung stellte er als besonders kulturschöpferisch dar, während die Semiten, also Juden, Sinti und Roma, Araber und andere Völker Asiens den zerstörerischen Gegenpol verkörperten. Wem das noch nicht bekannt vorkommt: Chamberlains Schriften wurden später zu wichtigen ideologischen Bezugspunkten des Nationalsozialismus.73Haas, M. (2013). The Resolute Romantics. In Forbidden Music: The Jewish Composers Banned by the Nazis. Yale University Press, New Haven. doi:10.12987/yale/9780300154306.003.001074Bermbach, U. (2015). Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. Springer-Verlag.75Chapoutot, J. (2015). From humanism to Nazism: Antiquity in the work of Houston Stewart Chamberlain. Miranda, November 2015.
Ethnographische Karte (1881) by Bibliographisches Institut, showing races by 19th-c. theory.
Einteilung der Welt in Rassen in Meyers Konversations-Lexikon (1895-1890). Bildquelle: Herrmann Julius Meyer, Public domain, via Wikimedia Commons.
Ellka Five Races
Wandtafel von 1911 mit Darstellung der fünf „Menschenrassen“ nach damaliger Lehrmeinung. Der Europäer befindet sich als größte Figur im Zentrum. Bildquelle: G. Ellka, Public domain, via Wikimedia Commons.

Rassistische Völkerschauen

Für die weißen Europäer ist es somit schon lange selbstverständlich und einfach, und heute leider immer noch trauriger Alltag, auf Menschen einfach nur aufgrund ihrer Abstammung und Herkunft herabzublicken und sich selbst als etwas Besseres zu sehen. Im 19. Jahrhundert fanden sogar sogenannte Menschenschauen statt: Europäische Geschäftsleute reisten damals durch die Welt und boten Menschen aus fernen Nationen Verträge an, wenn sie in einer Art Ausstellung auftreten würden. Diese Ausstellungen waren aber eher sowas wie Zoos. Unter erbärmlichen Bedingungen, oft auch nur unter Zahlung eines Hungerlohns, mussten sich die Teilnehmer Tag für Tag demütigen und begaffen lassen. Und natürlich wurde dabei das rassistische Bild weiter ausgemalt, dass die „exotischen“ Völker primitiv und der „europäischen Rasse“ in jeder Hinsicht unterlegen seien.76Dreesbach, A. (2005). Gezähmte Wilde: Die Zurschaustellung exotischer Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus Verlag, Frankfurt am Main.

Völkerschau Amazonen aus Dahomey Fotografie Hamburg 1890
Plakatwerbung für eine Völkerschau in Hamburg, „Amazonen-Corps“. Bildquelle: Peter Nissen, Hamburg 1890, Public domain, via Wikimedia Commons.

Physiognomik

Es gibt übrigens nicht nur den Rassismus, der als Lehre zur Diskriminierung von anderen Menschen immer noch herangezogen wird. Neben der Rassentheorie waren und sind bis heute noch viele weitere menschenverachtende Lehrmeinungen in Umlauf, die Menschen aufgrund ihres Äußeren bestimmte Eigenschaften zuwiesen, wie z. B. die Physiognomik. Sie besagt, dass allein von der Form des Gesichtes auf Intelligenz und Charakter eines Menschen geschlossen werden könne. Hierbei wurden auch häufig Tiervergleiche gezogen und die Eigenschaften verschiedener Tiere auf ihnen „ähnlich“ sehende Menschen übertragen. So könne man Menschen also direkt ansehen, beziehungsweise es wissenschaftlich an ihren Gesichtszügen „messen“, ob sie verlogen, geizig, habgierig oder einfach nur dumm seien. Das war lange Zeit salonfähig und wurde auch von zahlreichen Gelehrten als wissenschaftlich vertreten, auch wenn auch diese Pseudowissenschaft heute natürlich längst widerlegt ist. Besonders folgenreich war die Verbindung solcher physiognomischen Vorstellungen mit antisemitischen Stereotypen.77Parfitt, T. (2020). The Racial Face. In Hybrid Hate: Jews, Blacks, and the Question of Race. Oxford University Press, 133–155. doi:10.1093/oso/9780190083335.003.0007 Auch einem Juden könne man seine Habgier, seine Heimtücke und andere negative Charakterschwächen buchstäblich an der Nase ansehen.

Human physiognomies next to animal physiognomies, showing th Wellcome V0009439
Charles Le Brun: Menschliche Physiognomik im Vergleich zu tierischer Physiognomik. Bildquelle: Charles Le Brun, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.

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Die Rassentheorie als dominante Lehre im frühen 20. Jahrhundert

Doch die übelsten Auswüchse des Rassismus kommen erst noch! Es mag erschreckend erscheinen, ist aber doch die Realität, dass die Rassentheorie, die man spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts als abgeschlossen sowie auch als geschlossenes Weltbild bezeichnen kann, noch bis vor wenigen Jahrzehnten kaum infrage gestellt wurde. Und sie sollte maßgeblich zu den schlimmsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte beitragen. Nun ging Rassismus nicht mehr nur allein mit Ausbeutung und Diskriminierung einher. Es ging nun ganz konkret um die totale Vernichtung und Auslöschung der als minderwertig betrachteten „Rassen“.

Alfred Ploetz In Deutschland führte Alfred Ploetz (1860–1940) die Eugenik unter dem Begriff „Rassenhygiene“ weiter. 1895 verwendete er diesen Ausdruck schon für das Ziel, die vermeintliche erbliche Qualität einer Bevölkerung durch eine gezielte Beeinflussung ihrer Fortpflanzung zu erhalten oder zu verbessern. Ploetz gründete später die Gesellschaft für Rassenhygiene und machte aus solchen Vorstellungen ein organisiertes wissenschaftliches Forschungsprogramm. Die Rassenhygiene, deren schlussendliche Zielsetzung schließlich von den Nazis als Ausrottung aller „unhygienischen“ Rassen radikal umgesetzt wurde, bildete sich somit schon Jahrzehnte vor der nationalsozialistischen Machtübernahme heraus. 78Kühl, S. (1994). German-American Relations within the International Eugenics Movement before 1933. In The Nazi Connection: Eugenics, American Racism, and German National Socialism, 13–26. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/oso/9780195082609.003.0002
Madison Grant Und sie blieb absolut nicht nur auf Deutschland oder Europa beschränkt. In den USA machte Madison Grant (1865–1937) die Vorstellung einer überlegenen „nordischen Rasse“ populär. In The Passing of the Great Race von 1916 teilte er auch die weiße Bevölkerung Europas in verschiedene „Unter-Rassen“ ein und stellte die hochgewachsenen, hellhäutigen und blonden „Nordics“ an die Spitze. Die Einwanderung süd- und osteuropäischer Menschen betrachtete Grant als Gefahr für diesen angeblich wertvollen Bestand. Seine Schriften beeinflussten die amerikanische Debatte über restriktive Einwanderungsgesetze erheblich.79Kline, W. (2010). Defending the Master Race: Conservation, Eugenics, and the Legacy of Madison Grant. Journal of American History, 96(4), 1200. doi:10.1093/jahist/96.4.1200
Hans F. K. Günther Der Philologe und Rassentheoretiker Hans F. K. Günther (1891–1968), wegen seiner Schriften auch als „Rasse-Günther“ bekannt, machte den „nordischen Gedanken“ in Deutschland populär. In seiner Rassenkunde des deutschen Volkes von 1922 teilte er Europäer in mehrere vermeintliche „Rassen“ ein und erklärte die nordische unter ihnen zur kulturell und biologisch besonders wertvollen Gruppe. Seine populär geschriebenen und reich illustrierten Bücher erreichten ein großes Publikum. Günther wurde dadurch zu einem der einflussreichsten Vermittler der Vorstellung einer nordischen Überlegenheit und später zu einem prominenten Rassenideologen des Nationalsozialismus.80Kyllingstad, J. R. (2012). Norwegian Physical Anthropology and the Idea of a Nordic Master Race. Current Anthropology, 53(S5). doi:10.1086/662332
Charles B. Davenport Mit Charles B. Davenport (1866–1944) wurde die Eugenik endgültig zu einer institutionell organisierten Wissenschaft. Davenport leitete ab 1910 das Eugenics Record Office in Cold Spring Harbor und versuchte, vermeintlich erbliche körperliche, geistige und gesellschaftliche Eigenschaften ganzer Familien und Bevölkerungsgruppen systematisch zu erfassen. Er verband Vererbungsforschung mit Vorstellungen über Rassen, Einwanderung und gesellschaftliche „Untauglichkeit“. Die amerikanische Eugenik beeinflusste Segregation und befürwortete auch die Sterilisation von Menschen, die als „erblich minderwertig“ eingestuft wurden.81Yudell, M. (2014). Charles Davenport and the Biology of Blackness. In Race Unmasked: Biology and Race in the Twentieth Century. Columbia University Press, New York. doi:10.7312/columbia/9780231168748.003.0003
Eugen Fischer Zu den Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenbiologie leistete Eugen Fischer (1874–1967) einen entscheidenden Beitrag. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte er Nachkommen europäischer und afrikanischer Eltern im damaligen Deutsch-Südwestafrika untersucht und sich intensiv mit der Vererbung angeblicher Rassenmerkmale beschäftigt. 1927 wurde er Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Unter seiner Leitung entwickelte sich dieses Institut zu einem Zentrum für die nationalsozialistische Rassenpolitik.82Cartmill, M. (2018). Fischer, Eugen. In Trevathan, W. et al. (Hgg.), The International Encyclopedia of Biological Anthropology. Wiley. doi:10.1002/9781118584538.ieba0175

Das zutiefst menschenverachtende Gedankengut dieser Rassisten des 20. Jahrhunderts prägte die faschistische Ideologie des Nationalsozialismus unter Adolf Hitler maßgeblich und führte zu einem der wohl schrecklichsten rassistischen Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Infolge der Ideologie der Nazis, die zum Ziel hatte, alles „lebensunwerte“ Leben zu vernichten, darunter Menschen mit Beeinträchtigungen, politische Gegner, Homosexuelle, aber eben auch Angehörige aller „minderwertigen Rassen“, fielen Millionen Menschen zum Opfer, die in den sogenannten Konzentrationslagern zusammengepfercht und systematisch politisch verfolgt, durch Gesetze diskriminiert, misshandelt, gefoltert, zwangssterilisiert, für medizinische Experimente missbraucht und letztlich im industriellen Maßstab ermordet wurden.

  • Juden: ca. 6 Millionen83Piper, F. (1993). Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim.84Bajohr, F. & Pohl, D. (2006). Der Holocaust als offenes Geheimnis: Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Beck, München, 58.85Burkhard Asmuss (Hrsg.): Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung. Deutsches Historisches Museum, Berlin 2002.86Cohen, B. (2010). Dr. Jacob Robinson, the Institute of Jewish Affairs and the elusive Jewish voice in Nuremberg. In Bankier, D. & Michman, D. (Hgg.), Holocaust and Justice: Representation and Historiography of the Holocaust in Post-War Trials. Berghahn Books, Jerusalem, 94, 96.87United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. USHMM88Yad Vashem (o. J.). Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer: Häufig gestellte Fragen. Yad Vashem
  • Sowjetische Kriegsgefangene: etwa 3.300.000 Menschen ermordet.89United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. Schätzung: etwa 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene. USHMM90Streit, C. (1995). Die Kriegsgefangenen. Aus Politik und Zeitgeschichte, 7–8/1995. Von etwa 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen kamen etwa 3,3 Millionen ums Leben. bpb
  • Nichtjüdische Polen: ca. 1.900.000 Menschen ermordet.91United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. Schätzung: etwa 1,8 Millionen nichtjüdische ethnische Polen. USHMM92Steffen, K. (12. Januar 2026). Erinnerungen nach dem Holocaust. Bundeszentrale für politische Bildung. Schätzung: 1,8 bis 1,9 Millionen nichtjüdische polnische Zivilisten. bpb
  • Sinti und Roma: bis zu 500.00093Pohl, D. (2003). Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt, 116.94Asséo, H. (1994). Les Tsiganes: Une destinée européenne. (Découvertes Gallimard 218: Histoire), Gallimard, Paris.95Bastian, T. (2001). Sinti und Roma im Dritten Reich: Geschichte einer Verfolgung. (Beck’sche Reihe 1425), Beck, München.96Długoborski, W. (Hg.) (1998). Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau 1943–1944: Vor dem Hintergrund ihrer Verfolgung unter der Naziherrschaft. Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Oświęcim.
  • Menschen mit Behinderungen und als „erbkrank“ stigmatisierte Menschen: ca. 300.000 Menschen ermordet. 97Deutscher Bundestag (28. Juli 2026). Antrag zur Aufarbeitung der „Euthanasie“ angenommen. Schätzungsweise 300.000 Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Deutscher Bundestag98Pohl, D. (2003). Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt, 32, 69.99Gruner, W. (2021). Judenverfolgung und „Euthanasie“: Gemeinsamkeiten und Unterschiede im NS-Staat. In Schulte, J. E. & Osterloh, J. (Hgg.), „Euthanasie“ und Holocaust: Kontinuitäten, Kausalitäten, Parallelitäten. Brill, 102 f.100Kingreen, M. (2006). Jüdische Kranke als Patienten der Landesheilanstalt und als Opfer der Mordanstalt Hadamar. In George, U. et al. (Hgg.), Hadamar: Heilstätte – Tötungsanstalt – Therapiezentrum. Jonas-Verlag, 211.
  • Kommunisten und andere politische Gegner: mehrere Zehntausend Menschen ermordet, Gesamtzahl der Opfer unbekannt. 101United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. USHMM102United States Holocaust Memorial Museum (2024). Welche Gruppen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt? Holocaust-Enzyklopädie. USHMM
  • Als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ stigmatisierte Menschen: Mehrere Zehntausend Menschen ermordet, genaue Zahl unbekannt. 103United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. Für als „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ in Konzentrationslagern inhaftierte Deutsche werden Zehntausende Todesopfer angegeben. USHMM104United States Holocaust Memorial Museum (2024). What Groups of People did the Nazis Target? Holocaust Encyclopedia. Tens of thousands of people labeled as “asocials” or “professional criminals” died as a result of Nazi policies. USHMM
  • Homosexuelle: etwa 5.000 Männer ermordet, Gesamtzahl der Opfer unbekannt. 105Bundeszentrale für politische Bildung (2023). Homosexualität. Das Rechtslexikon. bpb106Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (22. Juni 2013). Gedenkfeier für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des Berliner CSD. Stiftung Denkmal107Burleigh, M. & Wippermann, W. (1991). The Racial State: Germany 1933–1945. Cambridge University Press, Cambridge, 186–196.108Bergmann, A. (1997). Homosexualität/Homosexuelle. In Benz, W., Graml, H. & Weiß, H. (Hgg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart, 518 f.109Zinn, A. (2018). „Aus dem Volkskörper entfernt“? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus. Campus, Frankfurt am Main, 309–320.110Korom, P. & Fleck, C. (2012). Wer wurde als homosexuell verfolgt? Zur Bedeutung sozialstruktureller Merkmale bei der strafrechtlichen Verfolgung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 64(4), 755–782. doi:10.1007/s11577-012-0187-0
  • Zeugen Jehovas: etwa 1.700 Menschen ermordet. 111United States Holocaust Memorial Museum (2024). Welche Gruppen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt? Holocaust-Enzyklopädie. Etwa 1.700 Zeugen Jehovas wurden während der NS-Zeit getötet. USHMM112Deutscher Bundestag (24. Juni 2026). Julia Klöckner: „Das Denkmal für die Zeugen Jehovas ist eine Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus.“ Mindestens 1.700 Zeugen Jehovas überlebten die Verfolgung nicht. Deutscher Bundestag
  • Afro-Deutsche: genaue Opferzahl unbekannt.113United States Holocaust Memorial Museum (2024). Verfolgung Schwarzer durch die Nationalsozialisten. Holocaust-Enzyklopädie, 4. Okt. 2024.

Die Gesamtzahl der afrikanischstämmigen Deutschen, die von den Nazis ermordet wurden, ist bis heute nicht bekannt und ihre Geschichte auch nur schwach in der Forschung aufgearbeitet worden. Fakt ist aber, dass auch infolge des deutschen Kolonialismus eine nicht unerhebliche Zahl von dunkelhäutigen Menschen schon im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und auch im Nazi-Reich gelebt hat.

Bones of anti-Nazi German women still are in the crematoriums in the German concentration camp at Weimar, Germany
Menschliche Überreste in den Verbrennungsöfen des Konzentrationslagers Buchenwald. Foto aufgenommen unmittelbar nach der Befreiung von Pfc. W. Chichersky. (Army), Public domain, via Wikimedia Commons.

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Rassismus in der Paläontologie

Auch die Paläontologie blieb von der Entwicklung der Rassenlehre keineswegs unberührt, im Gegenteil. Einige ihrer bedeutendsten Vertreter beteiligten sich selbst an der Einteilung lebender Menschen in vermeintliche Rassen, suchten in Schädeln und Fossilien nach Beweisen für deren angebliche Ungleichheit oder unterstützten Eugenik, Rassenhygiene und Antisemitismus.

Georges Cuvier Sogar schon der „Vater“ der Paläontologie Georges Cuvier (1769–1832) spielte bei der Entstehung der modernen Rassentheorie eine wichtige Rolle. Er unterschied verschiedene menschliche Rassentypen und betrachtete körperliche Unterschiede als vergleichsweise feste biologische Merkmale. Besonders berüchtigt wurde seine Untersuchung der südafrikanischen Khoikhoi-Frau Sara Baartman: Nach ihrem Tod sezierte Cuvier ihren Körper und verglich bestimmte anatomische Merkmale mit denen von Menschenaffen. Solche Untersuchungen trugen dazu bei, die Vorstellung einer biologischen Rangordnung menschlicher Gruppen mit der Autorität der vergleichenden Anatomie zu versehen.114Banton, M. (1998). Race as Type. In Racial Theories, 44–80. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/CBO9780511583407.004115Johnson, M. & Rolls, A. (2023). Georges Cuvier’s Autopsy Report on Sara Baartman: A Translation and Commentary. Terrae Incognitae, 55(2), 170–195. doi:10.1080/00822884.2023.2227480
Louis Agassiz Louis Agassiz (1807–1873), der berühmte Natur- und Eiszeitforscher, gehörte hingegen zu den prominentesten Vertretern des Polygenismus. Er ging davon aus, dass die verschiedenen menschlichen „Rassen“ getrennt voneinander geschaffen worden seien und somit unterschiedliche Ursprünge besäßen. Agassiz hielt diese Gruppen für biologisch dauerhaft verschieden und beschäftigte sich außerdem mit der vermeintlichen Degeneration durch ihre Vermischung. Auf Expeditionen ließ er Menschen afrikanischer und gemischter Abstammung systematisch fotografieren und körperlich dokumentieren, um ihre „Degeneration“ zu zeigen. So verlieh er der Vorstellung voneinander grundsätzlich verschiedener Menschenrassen erhebliches wissenschaftliches Prestige.116Josephino, M. (2025). Louis Agassiz: Science, Photography and Race in the Tropics. Filosofia e História da Biologia, 20(1), 73–93. doi:10.11606/issn.2178-6224v20i1p73-93
Edward D. Cope Auch Edward D. Cope (1840–1897), einer der beiden Kontrahenten in den Bone Wars, verband seine Überlegungen zur Evolutionstheorie mit rassistischen Vorstellungen. In seinem neolamarckistischen Entwicklungsmodell galten manche Menschengruppen als weiter fortgeschritten als andere. Schwarze Menschen ordnete Cope auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe ein und suchte vermeintlich ursprünglichere beziehungsweise affenähnliche Merkmale bei nichtweißen Bevölkerungen. 1890 bezeichnete er in seinem Aufsatz Two Perils of the Indo-European die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten sogar als eine der größten Gefahren für die von ihm angenommene indoeuropäische Bevölkerung.117Cahan, E. (2020). Amid protests against racism, scientists move to strip offensive names from journals, prizes, and more. Science, 2. Juli 2020. doi:10.1126/science.abd6441
Henry F. Osborn Der Erstbeschreiber von T. rex Henry F. Osborn (1857–1935), auch langjähriger Präsident des American Museum of Natural History, gehörte zu den einflussreichsten wissenschaftlichen Unterstützern der Eugenik und einer hierarchischen Rassenlehre in den Vereinigten Staaten. Unter seiner Leitung fand 1921 am Museum der Zweite Internationale Eugenikkongress statt, auf dem menschliche Vererbung, „Rassen“ und eine angebliche Verbesserung des menschlichen Erbguts miteinander verbunden wurden. Osborn unterstützte außerdem Madison Grants Vorstellung einer besonders wertvollen nordischen Rasse und versah dessen The Passing of the Great Race mit zustimmenden Vorworten. In seinen letzten Jahren äußerte er mehrfach Bewunderung für die Politik Adolf Hitlers.118Osborn, H. F. (1924). Lo, the poor Nordic! Professor Osborn’s position on the immigration question. The New York Times, 8. April 1924, 18.119Yudell, M. (2014). Eugenics in the Public’s Eye. In Race Unmasked: Biology and Race in the Twentieth Century. Columbia University Press, New York. doi:10.7312/columbia/9780231168748.003.0004120Mitchell, W. J. T. (1998). The Last Dinosaur Book: The Life and Times of a Cultural Icon. University of Chicago Press, Chicago und London, 149.
Othenio Abel Bei Othenio Abel (1875–1946) tritt neben völkischen und nationalistischen Vorstellungen vor allem sein Antisemitismus offen hervor. Abel war einer der zentralen antisemitischen Hochschulpolitiker der Universität Wien und initiierte vermutlich die geheime Professorengruppe „Bärenhöhle“. Dieses Netzwerk arbeitete seit den frühen 1920er Jahren gezielt daran, jüdische sowie linke oder liberale Wissenschaftler von Habilitationen und Berufungen fernzuhalten. Abel bezeichnete den Zusammenschluss seiner antisemitischen Kollegen selbst stolz als eine feste „Phalanx“. Später wurde er zu einem wichtigen Vorkämpfer nationalsozialistischer und völkischer Bestrebungen an der Universität Wien. Hier blieb die Ideologie also keineswegs theoretisch, sondern beeinflusste ganz konkret wissenschaftliche Karrieren und Hochschulpolitik.121Taschwer, K. (2015). Othenio Abel: Paläontologe, antisemitischer Fakultäts- und Universitätspolitiker. In Ash, M. G. & Ehmer, J. (Hgg.), Universität – Politik – Gesellschaft, 287–292. Vienna University Press | V&R Unipress, Göttingen. doi:10.14220/9783737004138.287
Robert Broom Der Paläoanthropologe Robert Broom (1866–1951) beteiligte sich unmittelbar an der damaligen Rassenforschung. Bereits um 1900 sammelte er Schädel indigener Südafrikaner und handelte mit ihnen, die anschließend nach rassentypologischen Kriterien untersucht wurden. Seine besondere Aufmerksamkeit galt der Kraniometrie, also der Vermessung von Schädeln. Broom wollte damit unter anderem zeigen, dass die heute als Khoisan bezeichneten Bevölkerungen besonders ursprüngliche beziehungsweise „prähistorische“ menschliche Merkmale bewahrt hätten. Lebende afrikanische Menschen wurden dadurch gewissermaßen zu Relikten früher Menschheitsstufen erklärt und unmittelbar in evolutionäre Rassenhierarchien eingeordnet.122Schroetter, L., Madison, P. & Ackermann, R. R. (2025). Why Heads Matter in Palaeoanthropology: The Impacts and Consequences of Collecting Skulls. South African Journal of Science, 121(1/2). doi:10.17159/sajs.2025/18481
Pierre Teilhard de Chardin Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) vertrat über Jahrzehnte Vorstellungen, die heute dem wissenschaftlichen Rassismus und der Eugenik zugerechnet werden. Er betrachtete menschliche „Rassen“ als evolutionär ungleich entwickelte Zweige und äußerte sich wiederholt kolonial-paternalistisch über nichteuropäische Bevölkerungen. In seinen späteren Lebensjahren befürwortete er ausdrücklich eugenische Eingriffe in die zukünftige Entwicklung der Menschheit. Noch 1950 wandte er sich gegen die UNESCO-Erklärung zur Gleichheit der „Rassen“, weil er diese aus zoologischer Sicht für wissenschaftlich falsch hielt. Aggressiven Rassenhass lehnte er allerdings ab.123Slattery, J. P. (2024). The Extent and Impact of Racism and Eugenics in the Writings of Pierre Teilhard de Chardin, S.J. Horizons, 51(1), 33–71. doi:10.1017/hor.2024.6
Arthur Keith Arthur Keith (1866–1955) versuchte menschliche „Rassen“ und sogar ganze Nationen als biologische und evolutionäre Einheiten zu erklären. Er nahm mehrere grundlegende menschliche Rassentypen an und entwickelte die Vorstellung eines angeborenen „tribal spirit„, eines stammesartigen Zusammengehörigkeitsgefühls, das Menschen innerhalb ihrer eigenen Gruppe verbinde und zugleich Abgrenzung oder Feindschaft gegenüber anderen Gruppen begünstige. Nationale und rassische Konflikte erschienen dadurch teilweise als Ergebnis menschlicher Evolution. Keiths Arbeiten gehören damit zu jener Strömung der Rassenanthropologie, die politische und gesellschaftliche Grenzen biologisch zu erklären versuchte und ihnen dadurch einen vermeintlich natürlichen Charakter verlieh.124Harris, J. J. (2020). The “Tribal Spirit” in Modern Britain: Evolution, Nationality, and Race in the Anthropology of Sir Arthur Keith. Intellectual History Review, 30(2), 273–294. doi:10.1080/17496977.2019.1648031
Raymond Dart Nicht zu vergessen ist auch Raymond Dart (1893–1988), berühmt durch die Beschreibung des „Kindes von Taung“, der ebenfalls eine ausgeprägte Rassentypologie vertrat. 1936 leitete Dart eine Expedition in die Kalahari, bei der indigene Menschen vermessen, fotografiert und teilweise mit Gesichtsmasken abgeformt wurden. Besonders San und Khoikhoi erschienen in solchen Forschungen als vermeintlich ursprüngliche Bevölkerungen, deren Anatomie Hinweise auf frühe Stadien der Menschheitsentwicklung liefern sollte. Neuere wissenschaftshistorische Untersuchungen kommen ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass Darts Arbeit aber weniger zur Paläoanthropologie als vielmehr zur Entwicklung des wissenschaftlichen Rassismus im Apartheidssystem von Südafrika beitrug.125Kuljian, C. (2025). Contesting a Legendary Legacy: A Century of Reflection on Raymond Dart and the Taung Skull. South African Journal of Science, 121(1/2). doi:10.17159/sajs.2025/18323

Auch wenn sich die Ansichten dieser Männer teils deutlich voneinander unterschieden, leistete somit auch die Paläontologie ihren Teil zur Diskriminierung, Unterdrückung, Segregation bis hin zu genozidalem Gedankengut – eine bittere Tatsache, der wir auch als Urzeit-Fans leider ins Auge sehen müssen. So reichte das Spektrum vom Polygenismus und der Suche nach vermeintlich primitiven Menschengruppen über evolutionäre Rassenhierarchien bis hin zu offenem Antisemitismus und nationalsozialistischer Hochschulpolitik.


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Wieso es keine Menschenrassen gibt

Es lesen hier vielleicht immer noch einige Leute mit, die denken, dass es schwarze, gelbe, weiße und rote Menschen doch wirklich geben müsse. Oder dass es doch wohl stimmt, dass man Menschen ihre Blödheit manchmal wirklich im Gesicht ablesen kann. Markus schreibt hier doch bestimmt nur irgendwelchen linksgrünversifften Gutmenschen-Quatsch. Wenn du das vielleicht gerade wirklich gedacht hast, dann muss ich dich wieder einmal zum Weiterlesen zwingen. Geht nicht anders! Wehe, du klickst weg! Denn dass du so etwas gedacht hast, beweist nur, wie lange sich altbewährte Vorurteile, pseudowissenschaftliche Irrlehren und menschenverachtende Stereotype in den Köpfen der Menschen halten.

Deine Aufgabe ist es jetzt, sie aus deinem Kopf wieder herauszubekommen und sie mit wissenschaftlich belegten Fakten verpuffen zu lassen! Also, auf geht’s! Tatsächlich ist die Rassentheorie nämlich das wahrscheinlich beste Beispiel dafür, wie „schlechte“ Wissenschaft durch „bessere“ Wissenschaft überwunden werden kann und sogar breit anerkannte Lehrmeinungen zusammenbrechen und ersetzt werden können. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die klassische Rassenlehre zunehmend ihre wissenschaftliche Grundlage. Nicht nur die Verbrechen des Nationalsozialismus hatten ihre katastrophalen Konsequenzen gezeigt: Auch Genetik, Evolutionsbiologie und Populationsforschung zeichneten inzwischen ein völlig anderes Bild der Menschheit. Dies führte nun zu einem gravierenden Paradigmenwechsel.

Die traditionellen gesellschaftlichen Rassenkategorien bilden die menschliche biologische Vielfalt nicht korrekt ab. Abstammung, Populationen und genetische Unterschiede sind zwar nach wie vor real, eine natürliche Einteilung der Menschheit in „Weiße“, „Schwarze“, „Asiaten“ oder andere klar getrennte Rassen ist es aber nicht! Und im folgenden Abschnitt möchte ich erklären, warum.126McMahon, R. (2018). The History of Transdisciplinary Race Classification: Methods, Politics and Institutions, 1840s–1940s. The British Journal for the History of Science, 51(1), 41–67. doi:10.1017/S0007087417001054127Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882

Zuerst müssen wir uns dazu aber einmal anschauen, was eine „Rasse“ eigentlich biologisch nun genau sein soll. Die wissenschaftliche Einordnung von Lebewesen erfolgt mithilfe der Taxonomie, also des Systems, das bereits Carl von Linné geprägt hat. Auch wenn wir es seitdem in der Forschung deutlich weiterentwickelt haben, gibt es auch heute noch verschiedene Ebenen, um Organismen in hierarchische Gruppen zu ordnen. Für unser Thema sind vor allem drei dieser Ebenen wichtig: die Gattung, die Art und die Unterart.

Gattungen

Die Gattung fasst mehrere evolutionär eng verwandte Arten zusammen. In jedem Fall ist eine Gattung, die aus mehreren Arten besteht, laut Ernst Mayr eine Gruppe von Arten gemeinsamer Abstammung, die von einer anderen Art oder von einer Gruppe von Arten durch einen deutlichen morphologischen Abstand getrennt ist.128Mayr, E. (1950). Taxonomic categories in fossil hominids. Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology, 15, 109–118, hier 110. doi:10.1101/SQB.1950.015.01.013 Willi Hennig ergänzte und präzisierte diese Definition 1966 in seinem Werk Phylogenetic Systematics dahingehend, dass die Arten einer Gattung enger miteinander verwandt sein müssten als mit irgendeiner anderen Art einer anderen Gattung.129Hennig, W. (1966). Phylogenetic Systematics. University of Illinois Press, Urbana. Wir Menschen gehören zur Gattung Homo, die heute nur noch eine einzige Art, Homo sapiens, umfasst. Früher war das anders: Noch bis vor wenigen Jahrzehntausenden haben parallel mehr als sieben verschiedene Menschenarten auf der Erde existiert, aber dazu kommen wir später. Besser verstehen, was eine Gattung ist, kannst du vielleicht am Beispiel der Großkatzen, die zur Gattung Panthera gehören. Dazu gehören als Arten der Tiger (Panthera tigris), der Löwe (Panthera leo), der Jaguar (Panthera onca), der Leopard (Panthera pardus) und der Schneeleopard (Panthera uncia). Interessant ist hier, dass die verschiedenen Großkatzen sich zwar äußerlich schon, mitunter sogar erheblich voneinander unterscheiden, sie aber trotzdem unter bestimmten Umständen imstande sind, miteinander Nachkommen zu zeugen. Diese Mischlinge wie Töwen oder Liger sind aber selbst wiederum nicht oder nur eingeschränkt fruchtbar. Ähnlich ist es auch bei den Nachkommen von Pferden und Eseln, noch ein Beispiel für einen Mischling zwischen zwei Arten derselben Gattung (Equus): Auch sogenannte Maulesel und Maultiere sind in der Regel nicht fruchtbar.

Ein Liger (links) und ein Maulesel – zwei Säugetier-Hybriden.

Arten

Hier könnte man sich nun bereits an den Begriff der Art heranwagen, der tatsächlich über die Fortpflanzungsfähigkeit definiert werden kann. Daneben gibt es aber auch noch andere Definitionen und bislang keine einheitlich akzeptierte Definition. Tatsächlich gibt es über dreißig mitunter sehr unterschiedliche Konzepte zur Erklärung des Begriffs „Art“. Die beiden wohl am häufigsten verwendeten sind:130de Queiroz, K. (2007). Species Concepts and Species Delimitation. Systematic Biology, 56(6), 879–886. doi:10.1080/10635150701701083131Mayr, E. (1996). What is a species, and what is not? Philosophy of Science, 63, 262–277.

  • Der biologische Artbegriff: Hierbei gehören alle Individuen einer Fortpflanzungsgemeinschaft zu einer Art, wenn sie also miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen können.
  • Der morphologische Artbegriff: Wenn die Individuen mit charakteristischen gemeinsamen Artmerkmalen von anderen Arten klar abgegrenzt werden können, die anhand erblicher äußerer oder verhaltensspezifischer Merkmale bestimmt werden.

Doch ist das Thema komplex und in der Natur von reichlich Ausnahmen geprägt. Nicht nur im Pflanzenreich, sondern auch bei vielen Tieren kommen Kreuzungen auch oft zwischen verschiedenen Arten vor, wie zum Beispiel bei mehreren Vertretern der Steinkorallen oder auch einigen Fischen. Manche haben sich sogar nachweislich über Gattungsgrenzen hinweg erfolgreich vermehrt, wie zum Beispiel der Russische Stör (Acipenser gueldenstaedtii) und der Löffelstör (Polyodon spathula), bei denen eine Kreuzung 2019 versehentlich durch ungarische Forscher geschaffen wurde. Beide gehören sogar unterschiedlichen Familien an, die eigentlich schon seit 184 Millionen Jahren, also seit dem Unterjura, evolutionär voneinander getrennt sind. Diese Kreuzung ist somit äußerst ungewöhnlich, belegt aber doch, dass Gattungs- und Artkonzepte eben keine festen „Gesetze“ der Natur sind, sondern vielmehr menschengemachte Konstrukte zur Erklärung der komplexen, durch Evolution entstandenen Unterschiede.

Unterarten

Noch weit weniger gut zu definieren ist schließlich das Konzept der Unterart. Sie ist in der zoologischen Nomenklatur der niedrigste formell geregelte Rang. Der Name besteht dann aus drei Teilen, einem sogenannten Trinomen, wie zum Beispiel Canis lupus lupus für den Wolf und Canis lupus familiaris für den Hund. Auch wenn die Unterschiede vieler Hunderassen – ja, jetzt kommen wir auch dem Rassenbegriff etwas näher! – erheblich sein können und ein Chihuahua einem wildlebenden Wolf kaum noch äußerlich und auch nicht im Verhalten besonders ähnelt, sind sie sich genetisch doch so ähnlich, dass man sie praktisch kaum voneinander unterscheiden kann. Und tatsächlich können sich Wölfe und Hunde auch miteinander fortpflanzen. Unterarten werden aber nicht nur zur Unterscheidung von Wild- und domestizierten Formen verwendet, sondern auch, wenn Populationen einer Art über längere Zeit geografisch und evolutionär so deutlich differenziert sind, dass eine taxonomische Unterteilung sinnvoll erscheint. Dafür gibt es jedoch keinen universellen genetischen Prozentwert, der für alle Tiere gleichermaßen gilt. Die Abgrenzung bleibt daher eine taxonomische Entscheidung und richtet sich nach mehreren Evidenzlinien.132ICZN (1999). International Code of Zoological Nomenclature, 4. Aufl., Art. 5 und 45. International Trust for Zoological Nomenclature, London. Onlinefassung

Eurasischer Braunbär (Ursus arctos arctos), Grizzly-Bär (U. a. horribilis) und Kodiak-Bär (U. a. middendorffi); Bengaltiger (Panthera tigris tigris), Indochina-Tiger (P. t. corbetti) und Amur-Tiger (P. t. altaica) sowie Wolf (Canis lupus lupus) und Haushund (Canis lupus familiaris) sind einige Beispiele für Unterarten.

Rassen

Der Ausdruck Rasse ist jedoch kein Terminus der klassischen Taxonomie und wurde in der älteren Biologie ganz unterschiedlich benutzt. Wo er eine natürliche Untergliederung einer Tierart bezeichnen sollte, entsprach er ungefähr der Vorstellung geografisch differenzierter Populationen und bewegte sich ziemlich eng auf der Grundlage dessen, was wir heute als Unterarten bezeichnen (und deshalb nicht mehr Rassen nennen). Haustierrassen wie Hunderassen oder auch verschiedene Obst- oder Gemüsesorten sind aber wieder etwas anderes als Unterarten: Sie sind durch menschliche Zucht entstanden und eben nicht durch natürliche Auslese und Anpassung. Hier hat also der Mensch selbst die Zügel in die Hand genommen. Durch Zuchtauswahl schafft er künstliche Selektionsbedingungen, ganz nach den Merkmalen, die er selber beim gewünschten Ergebnis verstärkt sehen möchte. Das geht natürlich auch deutlich schneller. Hier muss die Natur nicht erst warten, bis sich irgendwelche Lebensbedingungen ändern. Tiere und Pflanzen mit nicht gewünschten Eigenschaften werden vom Menschen einfach nicht mehr zur Vermehrung gebracht.

Rassen werden also nicht durch biologische Regeln bestimmt, und sie wurden auch nicht „entdeckt“ und in einer wissenschaftlichen Studie beschrieben. Tatsächlich bestimmen allein Zuchtvereine und Dachverbände wie zum Beispiel die Fédération Cynologique Internationale (FCI) bei Hunden oder die Fédération Internationale Féline (FIF) bei Katzen, was für sie als Rasse zählt. Doch gehören alle Hunde weiterhin biologisch zur Unterart Canis lupus familiaris. Die Hauskatze wird sogar als eigene Art, Felis catus, geführt, während die Wildkatze hingegen Felis silvestris heißt. Und auch, wenn das in der Natur so gut wie nie vorkommt, können sich beide Katzen erfolgreich miteinander kreuzen und fruchtbaren Nachwuchs zeugen. Wieder eine Ausnahme also, die die Regel bestätigt.

Verschiedene Hunde-, Katzen- und Apfelrassen.

Dir schoss vielleicht gerade schon beim Lesen durch den Kopf, was für ein widerwärtiges Gedankengut hinter dem Begriff „Rasse“ eigentlich steckt. Wer damit Menschen meint, setzt sie – also natürlich nur die „minderwertigen Rassen“ – sprachlich auf eine Stufe mit Tieren, insbesondere mit Nutzvieh. Und das kommt historisch nicht von ungefähr: Vorstellungen vermeintlich natürlicher „Menschenrassen“ entwickelten sich eng verflochten mit europäischem Kolonialismus, Versklavung und der Legitimation gesellschaftlicher Hierarchien. Einen auf Nutztiere angewandten Begriff auf sein menschliches „Eigentum“ anzuwenden, folgt also einem klaren sprachlichen Schema der Entmenschlichung. Und weil der Begriff „Rasse“ selbst überhaupt kein Terminus aus der biologischen Taxonomie ist, ist er hier ohnehin bereits vom Tisch!


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Gibt es beim heutigen Menschen verschiedene Unterarten?

Die entscheidende Frage nach der Existenz von Menschenrassen ist aber keine sprachwissenschaftliche, sondern vorrangig eine biologische. Sie lautet aber nicht, ob sich Populationen von Homo sapiens irgendwie unterscheiden – das tun sie ja definitiv! –, sondern ob diese realen, sichtbaren Unterschiede die Menschheit wirklich in wenige klar abgrenzbare, evolutionär eigenständige biologische Untergruppen zerlegen können.133Templeton, A. R. (1998). Human Races: A Genetic and Evolutionary Perspective. American Anthropologist, 100(3), 632–650. doi:10.1525/aa.1998.100.3.632 Gehen wir ihr also auf den Grund!

Vorweg: Eine allgemeingültige Checkliste zur Anerkennung zoologischer Unterarten gibt es nicht. Wie gesagt sind auch die taxonomischen Ebenen der Gattung, Art und Unterart recht schwer zu definieren. Dennoch gibt es doch feste Kriterien, die zu erfüllen sind, damit diese Begriffe jeweils gelten und gebraucht werden können, insbesondere dann, wenn man eine (mögliche) Untergliederung so klar und widerspruchsfrei festlegen möchte, dass sie ein auf Diskriminierung, Ausbeutung und Entmenschlichung aufbauendes Gesellschaftsbild tragen kann.

Dass sich alle Menschen auf der Welt problemlos miteinander fortpflanzen können, ist zumindest schon einmal ein starkes Argument gegen einen trennenden Gattungs- und sogar Artbegriff. Kein Wunder also, dass in der Blütezeit des Kolonialismus zeitweilig sogar behauptet wurde, Weiße könnten mit anderen Rassen keine Kinder zeugen, was sich natürlich nicht sehr lange halten ließ. Das Verb „können“ wurde so dann eben durch das Verb „sollen“ ersetzt, Stichwort „Rassenhygiene“. Übrig bleibt somit eigentlich nur der Begriff der Unterart, den wir beim „Rassenthema“ noch diskutieren könnten. Dieser mag vielleicht willkürlich anmuten, immerhin werden je nach Tiergruppe und taxonomischem Konzept die Kriterien auch unterschiedlich gewichtet. Wiederkehrende Kernfragen gibt es jedoch schon, und die gehen wir nun einmal der Reihe nach durch!

Bevor wir nun prüfen, ob sich unsere eigene Spezies sinnvoll in biologische Unterarten aufteilen lässt, ist eine Sache wichtig: Für Unterarten gibt es in der Zoologie keine weltweit verbindliche Checkliste, bei der man einfach vier Kästchen abhakt und anschließend ein amtliches Ergebnis bekommt. Je nach Tiergruppe und taxonomischem Konzept werden einzelne Kriterien unterschiedlich gewichtet. Wiederkehrende Kernpunkte gibt es aber sehr wohl. Und diese möchten wir nun genauer unter die Lupe nehmen, unter den Leitfragen: Was müsste eine „Menschenrasse“ bzw. eine menschliche Unterart eigentlich mitbringen, damit wir sie in der Forschung anerkennen können? Und wie sieht die Realität wirklich aus?134Patten, M. A. & Unitt, P. (2002). Diagnosability Versus Mean Differences of Sage Sparrow Subspecies. The Auk, 119(1), 26–35. doi:10.1093/auk/119.1.26135Braby, M. F. et al. (2012). The subspecies concept in butterflies: has its application in taxonomy and conservation biology outlived its usefulness? Biological Journal of the Linnean Society, 106(4), 699–716. doi:10.1111/j.1095-8312.2012.01909.x

Erster Punkt: Diagnostizierbarkeit

Beginnen wir mit der einfachsten Frage: Könnten verschiedene menschliche „Rassen“ tatsächlich Unterarten sein, müssten ihre Angehörigen anhand vererbbarer biologischer Merkmale mit hinreichender Zuverlässigkeit voneinander unterschieden werden können. Und nein: Hautfarbe allein ist dafür kein Kriterium, genauso wenig wie nur die Fell- oder Federfarbe bei bestimmten Tieren. Die Merkmale, oder besser noch eine Kombination mehrerer Merkmale, müssten vielmehr so deutlich voneinander abweichen, dass Individuen mit hoher Wahrscheinlichkeit genau zugeordnet werden können. In manchen zoologischen Traditionen wurde dafür historisch sogar die sogenannte 75-%-Regel verwendet, nach der ein erheblicher Teil einer Population außerhalb der Variationsbreite einer anderen liegen sollte. Diese Grenze ist zwar keine universelle Naturkonstante und auch nicht das entscheidende Kriterium allein. Das zugrunde liegende Prinzip ist jedoch wichtig: Eine Unterart muss zumindest diagnostizierbar sein und klar beschrieben werden können, inwieweit sie sich von anderen Unterarten unterscheidet.136Patten, M. A. & Unitt, P. (2002). Diagnosability Versus Mean Differences of Sage Sparrow Subspecies. The Auk, 119(1), 26–35. doi:10.1093/auk/119.1.26

Genau hier wird es bei uns Menschen bereits schwierig. Die Populationsgenetik zeigt sehr deutlich, dass ein großer Teil unserer genetischen Vielfalt nämlich innerhalb der verschiedenen Populationen liegt. Menschen verschiedener Herkunft unterscheiden sich zwar durchaus genetisch, und viele Allele kommen in verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen Häufigkeiten vor. Diese Unterschiede verteilen sich aber nicht so, als bestünde die Menschheit aus einigen wenigen homogenen Genpaketen. Besonders Afrika besitzt aufgrund der langen Populationsgeschichte unserer Art eine außerordentlich hohe genetische Vielfalt, die sogar größer ist als die auf allen anderen Kontinenten der Erde!

Richard LewontinRichard Lewontin Berühmt wurde dieser Befund durch den Evolutionsgenetiker Richard Lewontin. Er untersuchte 1972 insgesamt 17 damals verfügbare genetische Systeme und zerlegte ihre Variation statistisch in verschiedene Ebenen. Durchschnittlich etwa 85,4 Prozent der untersuchten Variation lagen dabei innerhalb lokaler Populationen, weitere 8,3 Prozent zwischen Populationen derselben von ihm verwendeten Großgruppe und lediglich rund 6,3 Prozent zwischen diesen Großgruppen.137Lewontin, R. C. (1972). The Apportionment of Human Diversity. In: Dobzhansky, T., Hecht, M. K. & Steere, W. C. (Hrsg.). Evolutionary Biology, 6, 381–398. Springer, New York.

Damit war die Angelegenheit allerdings noch nicht erledigt. Lewontin arbeitete schließlich lange vor der modernen Genomsequenzierung. Es musste also geprüft werden, ob dasselbe Muster auch dann bestehen bleibt, wenn man nicht nur Blutgruppen und Proteine, sondern direkt die DNS untersucht.

Guido BarbujaniGuido Barbujani Das übernahmen Guido Barbujani und sein Team im Jahre 1997. Sie überprüften Lewontins Grundbefund mit 109 DNS-Markern aus verschiedenen menschlichen Populationen. Im gewichteten Mittel lagen etwa 84,4 Prozent der untersuchten Variation innerhalb der Populationen, rund 4,7 Prozent zwischen Populationen desselben Kontinents und etwa 10,8 Prozent zwischen Kontinenten. Zwar unterschieden sich diese Werte damit von Lewontins älteren Zahlen, das grundlegende Bild blieb aber erhalten: Die genetische Diversität der Menschheit lässt sich nicht so auf Kontinente verteilen, als bestünden dort jeweils weitgehend homogene biologische Einheiten.138Barbujani, G. et al. (1997). An apportionment of human DNA diversity. Proceedings of the National Academy of Sciences, 94(9), 4516–4519. doi:10.1073/pnas.94.9.4516

Die moderne Genomforschung hat das Bild seitdem noch deutlich verfeinert. Eine Untersuchung von 929 hochabgedeckten Genomen aus 54 geografisch, sprachlich und kulturell sehr unterschiedlichen Populationen fand zwar zahlreiche Varianten, die in einzelnen Regionen besonders häufig oder bislang nur dort nachgewiesen waren. Sie fand jedoch keine entsprechenden häufigen Varianten, die zwischen den großen geografischen Regionen vollständig fixiert waren. Mit anderen Worten: Es gibt keine genetisch exklusiven Genmerkmale für Afrikaner und auch keine für Europäer und Asiaten, von denen eine Variante sämtliche Mitglieder der einen Großgruppe tragen und sämtliche Menschen außerhalb davon nicht.139Bergström, A. et al. (2020). Insights into human genetic variation and population history from 929 diverse genomes. Science, 367(6484), eaay5012. doi:10.1126/science.aay5012

Der Grundbefund lautet also: Unsere biologische Vielfalt verteilt sich kunterbunt durch Populationen, Kulturen und Ethnien. Herkunft spielt bei bestimmten Allelhäufigkeiten selbstverständlich eine Rolle, sie zerlegt unsere Spezies aber nicht in wenige Gruppen, deren Angehörige anhand einiger charakteristischer Erbmerkmale zuverlässig als getrennte Unterarten diagnostiziert werden könnten.

Zweiter Punkt: Abgrenzung durch mehrere unabhängige Evidenzlinien

Nun könnten wir einwenden: Vielleicht reicht ja nicht ein einzelnes Merkmal aus, aber mehrere zusammen, in einer bestimmten Population gehäuft, ergeben doch die bekannten Menschenrassen? Genau das müsste man von biologischen Unterarten tatsächlich erwarten. Nicht jedes Gen und nicht jedes Körpermerkmal eines jeden Individuums müsste zwar im Detail diese Merkmale zeigen, das ist auch bei tierischen Unterarten nicht der Fall. Evolution ist eben komplizierter als ein Malbuch. Aber mehrere voneinander unabhängige Evidenzlinien sollten zumindest dieselbe grundlegende Unterteilung stützen. Würde es beispielsweise tatsächlich eine europäische, afrikanische und ostasiatische Unterart des Menschen geben, dann sollten Hautfarbe, Haarstruktur, Schädel- und Körpermerkmale, Blutgruppen, neutrale genetische Marker und populationsgeschichtliche Daten relativ homogen sein. Und je mehr unabhängige Merkmale man untersucht, desto deutlicher müsste dieselbe biologische Einheit hervortreten. Wir müssten also immer wieder mehr diagnostische Merkmale finden, um die Unterarten damit abgrenzen zu können!

Doch bei uns Menschen ist das Gegenteil der Fall. Nahezu alle Körpermerkmale, seien es die Hautfarbe, die Beschaffenheit und Farbe der Haare, die Gesichtsform, die Augenform (z. B. der Epikanthus der Asiaten), bestimmte Körperproportionen, bestimmte Verdauungseigenschaften oder bestimmte Blutgruppen, finden sich zwar durchaus gehäuft in bestimmten Populationen, also in einem mal mehr, mal weniger hohen prozentualen Anteil der jeweiligen Bevölkerung. Aber erstens kommen sie unabhängig davon allesamt auch in fast allen anderen Populationen vor. Zweitens trägt wiederum nicht jeder Angehörige der jeweiligen Population diese Merkmale. Und das spricht sehr klar gegen eigene Unterarten! Genau dieses Problem brachte die klassische Rassenkunde zu Fall.

Jens Byggmark Schladming 2008
Der schwedische Wintersportler Jens Byggmark mit einem Epikanthus, einer Augenform, die vor allem in Asien verbreitet ist. Bildquelle: Christian Jansky (User:Tschaensky), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

San grandaughter, Botswana
Eine Frau vom Volk der San aus Botswana, deren Hautpigmentierung „weiß“ ist. Bildquelle: Lisa Gray, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons.

Blond Boy (30975347)
Ein Junge aus Melanesien mit blondem Haar. Bildquelle: Graham Crumb, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Frank B. LivingstoneFrank B. Livingstone Der Anthropologe Frank B. Livingstone griff damit die typologische, rassistische Denkweise bereits 1962 frontal an. Man dürfe nicht zuerst „Rassen“ festlegen und anschließend willkürlich Merkmale sammeln, die zu ihnen passen. Das sei absolut unwissenschaftliche Rosinenpickerei. Stattdessen müsse man umgekehrt untersuchen, wie einzelne erbliche Eigenschaften tatsächlich geografisch verteilt sind.140Livingstone, F. B. (1962). On the Non-Existence of Human Races. Current Anthropology, 3(3), 279–281. doi:10.1086/200290

Und dabei zeigt sich: Verschiedene Merkmale besitzen unterschiedliche Verteilungsmuster. Die geografische Veränderung einer Blutgruppe muss nicht derjenigen der Hautfarbe folgen, und diese wiederum muss nicht mit Schädelmaßen oder Haarform übereinstimmen. Livingstone machte damit einen fundamentalen Denkfehler der Rassenlehre sichtbar: Aus einzelnen vermeintlichen geografischen Unterschieden lässt sich nicht automatisch ein gemeinsamer biologischer Menschentyp zusammensetzen.

Das lässt sich besonders schön an dem Merkmal zeigen, das in der Geschichte der Rassenlehre wohl am stärksten überbewertet wurde: der Hautfarbe. Sie ist biologisch selbstverständlich real und erblich beeinflusst. Aber sie erzählt vor allem etwas darüber, an welche UV-Bedingungen sich Populationen angepasst haben. Die weltweite Pigmentierung bildet ausgeprägte geografische Klinale, die stark mit ultravioletter Strahlung zusammenhängen. Dunklere Pigmentierung bietet unter hoher UV-Belastung wichtige Schutzwirkungen; in Regionen mit geringerer UV-Belastung konnten dagegen unter bestimmten Bedingungen Varianten begünstigt werden, die eine geringere Pigmentierung ermöglichen.141Jablonski, N. G. & Chaplin, G. (2010). Human skin pigmentation as an adaptation to UV radiation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(Suppl. 2), 8962–8968. doi:10.1073/pnas.0914628107

Und jetzt wird es spannend: Ähnliche Hautfarbe muss keineswegs dieselbe Evolutionsgeschichte besitzen. Die hellere Pigmentierung europäischer und ostasiatischer Populationen entstand teilweise über völlig unterschiedliche genetische Wege. Ähnliche Umweltbedingungen können also in verschiedenen Populationen einen ähnlichen Selektionsdruck erzeugen und unabhängig zu ähnlichen äußerlichen Ergebnissen führen. Umgekehrt können Menschen mit sehr ähnlicher Abstammung bei einzelnen lokal stark selektierten Merkmalen deutlich auseinanderliegen.142Norton, H. L. et al. (2007). Genetic Evidence for the Convergent Evolution of Light Skin in Europeans and East Asians. Molecular Biology and Evolution, 24(3), 710–722. doi:10.1093/molbev/msl203

Wie wenig Hautfarbe als Marker einer einzigen kontinentalen Abstammungseinheit taugt, zeigt ausgerechnet Afrika besonders eindrucksvoll. Eine große Studie an ethnisch und genetisch vielfältigen afrikanischen Populationen fand eine enorme Spannweite der Pigmentierung und mehrere beteiligte Gene mit sehr unterschiedlichen Evolutionsgeschichten. Eine mit hellerer Pigmentierung verbundene Variante von SLC24A5 gelangte beispielsweise offenbar durch späteren Genfluss nach Ostafrika, während andere Pigmentierungsvarianten sehr viel älter sind und teilweise auch in südasiatischen und australo-melanesischen Populationen vorkommen. 143Crawford, N. G. et al. (2017). Loci associated with skin pigmentation identified in African populations. Science, 358(6365), eaan8433. doi:10.1126/science.aan8433 Und sehen wir uns die vielen verschiedenen Ethnien der Afrikaner einmal zusammen an, wird sehr schnell deutlich, wie divers und heterogen die „Schwarzen“ doch eigentlich sind:

Dasselbe Prinzip begegnet uns sogar noch an vielen weiteren Stellen im menschlichen Körper. Die Fähigkeit, Milchzucker auch im Erwachsenenalter zu verdauen, wurde in verschiedenen Viehhalterpopulationen stark begünstigt. In Europa und Teilen Afrikas beruht diese sogenannte Laktasepersistenz teilweise auf unterschiedlichen Mutationen, die unabhängig voneinander unter vergleichbaren kulturellen Selektionsbedingungen zunahmen. 144Tishkoff, S. A. et al. (2007). Convergent adaptation of human lactase persistence in Africa and Europe. Nature Genetics, 39(1), 31–40. doi:10.1038/ng1946 Bei Tibetern wiederum trägt eine Variante im Bereich des Gens EPAS1 wesentlich zur Anpassung an große Höhen bei. Ihre ungewöhnliche Evolutionsgeschichte lässt sich am überzeugendsten durch introgressiven Genfluss aus Denisovanern oder einer Denisovaner-verwandten Population erklären. 145Huerta-Sánchez, E. et al. (2014). Altitude adaptation in Tibetans caused by introgression of Denisovan-like DNA. Nature, 512(7513), 194–197. doi:10.1038/nature13408

Unser Körper ist damit kein fertiger Satz von „Rassenmerkmalen“, sondern eher ein biologisches Mosaik. Verschiedene Gene und Merkmale tragen unterschiedliche Geschichten: gemeinsame alte Variation, genetische Drift, Migration, natürliche Selektion, kulturell beeinflusste Anpassung und sogar Genfluss von archaischen Homininen. Je nachdem, welches Merkmal wir auswählen, bekommen wir deshalb eine andere Karte. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was man sehen müsste, würde es wirklich verschiedene Unterarten des Menschen geben.

Dritter Punkt: Geografische Kohärenz

Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass geografische Herkunft genetisch unsichtbar wäre. Nimmt man Hunderte oder Tausende Genorte gleichzeitig, summieren sich viele kleine Unterschiede in den Allelhäufigkeiten, sodass sich die Abstammung eines Menschen häufig erstaunlich gut statistisch abschätzen lässt. Genau deshalb funktionieren moderne Herkunftsanalysen überhaupt.146Witherspoon, D. J. et al. (2007). Genetic Similarities Within and Between Human Populations. Genetics, 176(1), 351–359. doi:10.1534/genetics.106.067355

Eine zoologische Unterart besitzt dementsprechend immer eine geografische Komponente. Ihre Angehörigen müssen zwar nicht hinter einer unsichtbaren Mauer leben und an einer Grenze plötzlich durch völlig andere Tiere ersetzt werden. Übergangs- und Hybridzonen sind durchaus möglich, wie etwa an unseren heimischen Krähen (Corvus corone) deutlich wird: Östlich einer gewissen geografischen Linie sind die Vögel grau-schwarz, westlich dagegen pechschwarz.

Dennoch müsste es eine geografisch zusammenhängende Population oder Populationsgruppe geben, deren Verbreitung sich gegenüber anderen Unterarten biologisch sinnvoll umschreiben lässt. Wenn die klassischen Menschenrassen solche Unterarten wären, sollten also zumindest ungefähr stabile Grenzen existieren, an denen afrikanische, europäische, asiatische oder andere Großpopulationen voneinander abgrenzbar werden. Beim Menschen finden wir zwar selbstverständlich gewisse geografische Strukturen. Menschen lebten ja nicht zu jeder Zeit gleichmäßig über den gesamten Planeten verteilt. Große Entfernungen und geografische Hürden wie Gebirge, Wüsten, Meere, aber auch Sprachgrenzen und historische Isolation haben den Genfluss jahrzehntausendelang beeinflusst.

Doch ein sehr großer Teil der menschlichen Variation verändert sich graduell über die Geografie. In der Populationsgenetik spricht man von einem Klin beziehungsweise von klinaler Variation. Vereinfacht gesagt: Benachbarte Populationen tauschten im Durchschnitt häufiger Gene miteinander aus als sehr weit voneinander entfernte. Deshalb wächst die genetische Verschiedenheit häufig schrittweise mit der geografischen Entfernung, aber eben nicht erst dann, wenn eine vermeintliche Rassengrenze überschritten wird.

Svante PääboSvante Pääbo David Serre und Svante Pääbo untersuchten 2004 genau die Frage, wie stark das Ergebnis genetischer Populationsanalysen von der geografischen Stichprobe abhängt. Werden vor allem Populationen an weit voneinander entfernten Enden der Kontinente untersucht und die Zwischenräume ausgelassen, entsteht leicht der Eindruck scharf getrennter Gruppen. Bei geografisch gleichmäßigerer Probenahme trat dagegen ein Muster kontinuierlicher Allelfrequenzgradienten hervor, die sich über große Teile der Welt erstrecken. Die Autoren folgerten, dass Isolation durch Entfernung die globale menschliche Variation wesentlich besser beschreibt als die Vorstellung einiger weniger großer genetischer Brüche zwischen Kontinenten. 147Serre, D. & Pääbo, S. (2004). Evidence for Gradients of Human Genetic Diversity Within and Among Continents. Genome Research, 14(9), 1679–1685. doi:10.1101/gr.2529604

Eine solche statistische Klassifikation ist aber etwas anderes als die Diagnose einer zoologischen Unterart. Sie funktioniert gerade dadurch, dass sehr viele kleine, sich überlappende Frequenzunterschiede gemeinsam ausgewertet werden, aber nicht dadurch, dass eine vermeintliche „Rasse“ durch wenige eindeutige Merkmale von allen anderen getrennt wäre.

Allerdings wäre es ebenfalls falsch, daraus nun das andere Extrem zu machen und so zu tun, als wäre die Menschheit ein vollkommen gleichmäßiger genetischer Farbverlauf ohne irgendwelche geografischen Strukturen. Große Barrieren und historische Trennungen können durchaus genetische Sprünge erzeugen. Und genau deshalb können moderne Computerprogramme aus sehr vielen Markern statistische Cluster errechnen, um herauszufinden, wo deine Vorfahren wahrscheinlich einmal ursprünglich gelebt haben.

Noah A. RosenbergNoah A. Rosenberg Noah A. Rosenberg und sein Team zeigten 2005, dass Klinale und genetische Cluster keineswegs Gegensätze sind. Mit 993 Markern bestätigten sie, dass genetische Unterschiede im Allgemeinen graduell mit geografischer Entfernung zunehmen. Gleichzeitig treten an manchen großen geografischen Barrieren zusätzliche kleine Diskontinuitäten auf. Ein Clusterprogramm kann solche Muster zu Gruppen zusammenfassen, vorausgesetzt, man gibt ihm unter anderem vor, wie viele Cluster es suchen soll. Die Cluster beruhen also auf realer Populationsstruktur, sind aber nicht automatisch natürliche zoologische Unterarten. Je nach geografischer Skala und Fragestellung lässt sich dieselbe menschliche Variation grob oder immer feiner untergliedern.148Rosenberg, N. A. et al. (2005). Clines, Clusters, and the Effect of Study Design on the Inference of Human Population Structure. PLoS Genetics, 1(6), e70. doi:10.1371/journal.pgen.0010070

Wie fein diese geografische Struktur werden kann, zeigt ein besonders schönes Beispiel aus Europa. Eine genomweite Untersuchung ergab, dass sich genetische Hauptkomponenten europäischer Stichproben erstaunlich eng an der tatsächlichen Landkarte Europas orientieren. Menschen aus benachbarten Regionen sind im Durchschnitt genetisch etwas ähnlicher als Menschen aus weit voneinander entfernten Regionen. Das bedeutet aber gerade nicht, dass irgendwo eine biologische „europäische Rasse“ beginnt und endet. Dieselbe geografische Struktur setzt sich nämlich dann auch innerhalb Europas weiter fort. Würde jede statistisch erkennbare geografische Population automatisch eine Unterart darstellen, müssten wir die Menschheit in eine enorme Zahl immer kleinerer „Rassen“ zerlegen.149Novembre, J. et al. (2008). Genes mirror geography within Europe. Nature, 456, 98–101. doi:10.1038/nature07331 Und das wäre widersinnig und außerdem inkonsequent und willkürlich, weil wir tierische Unterarten ja auch nicht so feingliedrig zerlegen.

Figure 1: Population structure within Europe.
Populationsstruktur in Europa. Bildquelle: Novembre, J. et al. (2008). Genes mirror geography within Europe. Nature, 456, 98–101. doi:10.1038/nature07331. Als Open Access gekennzeichnet.

Die klassische Vorstellung einiger weniger kontinentaler Menschenrassen scheitert deshalb auch geografisch. Ja, es existieren reale Populationen, regionale Unterschiede, Barrieren und historische Cluster. Aber es gibt keine einzige natürliche Weltkarte, auf der sich die Menschheit eindeutig in wenige scharf umrissene biologische Unterarten zerlegen lässt. Je genauer wir hinsehen, desto deutlicher wird vielmehr ein Geflecht aus Klinalen, lokalen Diskontinuitäten und unterschiedlich stark miteinander verbundenen Populationen.

Vierter Punkt: Populationsgenetische und entwicklungsgeschichtliche Eigenständigkeit

Nun kommt der vielleicht entscheidendste Test. Alle Unterschiede einer möglichen Unterart müssen auch eine tatsächliche Populationsgeschichte widerspiegeln. Damit sich charakteristische erbliche Merkmale über längere Zeit aufbauen und erhalten können, muss der Genfluss zu anderen Populationen zumindest teilweise unterbrochen gewesen sein. Das muss noch keine vollständigen Fortpflanzungsbarrieren bedeuten wie z. B. bei den Großkatzen oder Pferden und Eseln. Unterarten gehören schließlich noch derselben Art an und dürfen sich durchaus uneingeschränkt miteinander kreuzen können. Man würde aber erwarten, dass sie über ausreichend lange Zeiträume zumindest teilweise getrennte Wege gegangen sind. Für die klassischen „Menschenrassen“ müsste also nachweisbar sein, dass sich Afrikaner, Europäer und Asiaten über erhebliche Evolutionszeiträume nicht miteinander vermischt haben. Das würde auch den Einwand ausblenden, dass die heute doch so breit gestreute Vielfalt an bestimmten Merkmalen erst nachträglich, vielleicht sogar direkt durch Kolonialismus und Sklavenhandel entstanden wäre. Doch das zeigen die Daten nicht.

Alan R. TempletonAlan R. Templeton Der Populationsgenetiker Alan R. Templeton stellte 1998 genau diese Frage. Er prüfte die traditionellen Menschenrassen sowohl nach dem klassischen Unterartverständnis einer geografisch umschriebenen und genetisch hinreichend differenzierten Population als auch nach einem strengeren evolutionären Konzept, bei dem Unterarten eigenständige Abstammungslinien innerhalb einer Art darstellen müssten. Nach beiden Maßstäben scheiterten die traditionellen Rassen.150Templeton, A. R. (1998). Human Races: A Genetic and Evolutionary Perspective. American Anthropologist, 100(3), 632–650. doi:10.1525/aa.1998.100.3.632

Besonders wichtig war Templetons Schlussfolgerung, dass dies nicht einfach dadurch erklärt werden kann, dass sich ursprünglich „reine Rassen“ erst in jüngster Zeit miteinander vermischt hätten. Der genetische Kontakt zwischen menschlichen Populationen gehört vielmehr selbst zu unserer Evolutionsgeschichte – sogar als roter Faden, könnte man sagen. Die Menschheit bestand immer aus lokal differenzierten Populationen, die dennoch immer durch Genfluss miteinander verbunden blieben. Inzwischen wurde dieses Bild sogar noch weiter verfeinert. Wir wissen heute schon sehr genau, wie und vor allem wann Menschen wanderten, Populationen sich teilten oder ausbreiteten, wo und wann sie erneut aufeinandertrafen und sich wieder vermischten. Die Geschichte von Homo sapiens gleicht keinem Baum, dessen wenige Hauptäste sich früh voneinander trennten und anschließend sauber getrennt bis in die Gegenwart weiterwuchsen. Sie ähnelt viel eher einem „Busch“, einem dichten Netzwerk, in dem sich Linien trennen und später erneut verbinden. Allein für die vergangenen rund 4.000 Jahre konnten Genomanalysen mehr als hundert historische Vermischungsereignisse in weltweit untersuchten Populationen rekonstruieren. Die Autoren bezeichneten genetische Vermischung deshalb als nahezu universelle Kraft der jüngeren menschlichen Populationsgeschichte. 151Hellenthal, G. et al. (2014). A Genetic Atlas of Human Admixture History. Science, 343(6172), 747–751. doi:10.1126/science.1243518

Alte DNS zeigt dasselbe sogar bei Populationen, die wir heute leichtfertig für uralte geografische Einheiten halten könnten. Die heutigen Europäer stammen beispielsweise keineswegs von einer einzigen seit der Eiszeit unverändert bestehenden „europäischen Rasse“ ab. Genomdaten prähistorischer Menschen zeigen erhebliche Abstammungsbeiträge von westlichen Jägern und Sammlern, frühen Bauern mit starker nahöstlich-anatolischer Abstammung und weiteren nordeurasischen Populationen.152Lazaridis, I. et al. (2014). Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature, 513(7518), 409–413. doi:10.1038/nature13673 Vor rund 4.500 Jahren kam zusätzlich eine massive Abstammungskomponente aus Populationen der pontisch-kaspischen Steppe nach Mittel- und Westeuropa.153Haak, W. et al. (2015). Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature, 522(7555), 207–211. doi:10.1038/nature14317

Auch die bereits erwähnte Untersuchung von 929 vollständigen Genomen zeichnet keine Geschichte einiger weniger seit Urzeiten isolierter Menschengruppen. Sie fand unter anderem tiefe, aber graduelle Populationsaufspaltungen innerhalb Afrikas sowie eine komplexe Geschichte aus Trennung, Populationsveränderungen und Genfluss. Entscheidend ist erneut: Die großen geografischen Regionen besitzen keine jeweils eigenen häufigen Varianten, die zwischen ihnen vollständig fixiert wären. 154Bergström, A. et al. (2020). Insights into human genetic variation and population history from 929 diverse genomes. Science, 367(6484), eaay5012. doi:10.1126/science.aay5012

Und je weiter die Forschung zeitlich zurückgeht, desto komplizierter wird das Bild. Ein 2025 veröffentlichtes populationsgenetisches Modell liefert Hinweise darauf, dass selbst die gemeinsame Vorgeschichte aller heute lebenden Menschen möglicherweise über sehr lange Zeit von tiefer Populationsstruktur und späterer Wiedervermischung geprägt war. Das bestpassende Modell der Autoren enthält zwei sehr alte Vorfahrenpopulationen, deren Linien sich weit vor der Entstehung des modernen Menschen trennten und vor ungefähr 300.000 Jahren wieder erhebliche genetische Beiträge zu einer gemeinsamen Population lieferten. Moderne Daten führen immer weiter weg von der alten Vorstellung einiger weniger „reiner“ Menschenlinien und hin zu einer netzartigen Evolutionsgeschichte aus Trennung, Kontakt und wiederholtem Genfluss. 155Cousins, T., Scally, A. & Durbin, R. (2025). A structured coalescent model reveals deep ancestral structure shared by all modern humans. Nature Genetics, 57, 856–864. doi:10.1038/s41588-025-02117-1

Was bleibt also von den biologischen „Menschenrassen“ übrig?

Verschiedene menschliche Populationen gibt es selbstverständlich. Geografische Abstammung gibt es. Genetische Unterschiede gibt es. Lokale Anpassungen gibt es ebenfalls. Aber die traditionellen Kategorien „Weiße“, „Schwarze“, „Asiaten“ oder ähnliche Großrassen erfüllen nicht das Gesamtbild, das wir bei zoologischen Unterarten erwarten würden: Sie sind nicht anhand einiger charakteristischer Erbmerkmale zuverlässig voneinander diagnostizierbar, verschiedene Merkmale ergeben keine konsistenten Rassenpakete, ihre geografischen Grenzen lösen sich vielfach in Klinale und feinere Populationsstrukturen auf, und ihre Entwicklungsgeschichte besteht nicht aus wenigen langfristig voneinander isolierten Linien. Homo sapiens ist eine vielfältige Spezies. Aber diese Vielfalt lässt sich nicht sinnvoll in die klassischen biologischen Menschenrassen der alten Rassenlehre zerlegen. Und noch nicht einmal in biologische Unterarten.156Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882


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Gab es in der Vergangenheit einmal menschliche Unterarten?

Historisch, biologisch und gesellschaftlich sind sowohl die Rassentheorie als auch die Annahme von Unterarten bei Homo sapiens damit vom Tisch. Das gilt jedenfalls für heute. Und es sollte inzwischen auch deutlich geworden sein, dass wir prähistorische Menschen wie den Neandertaler oder die Denisova-Menschen nicht als „Rassen“ bezeichnen können. Die genaue systematische Zuteilung ist jedoch umstritten. Tatsächlich gibt es da mehrere Positionen, die kontrovers diskutiert werden. Das eine Lager sieht die Populationen von Frühmenschen als Teil von Homo sapiens an und unterteilt sie somit in Unterarten. Der Neandertaler trägt bei ihnen dann den trinomischen Namen Homo sapiens neanderthalensis. Das andere Lager weist sie dagegen als eigene Arten aus. Hier wäre der Name also binomisch und schlicht Homo neanderthalensis.157Cartmill, M. & Smith, F. H. (2022). The Human Lineage. 2. Auflage, Wiley-Blackwell, Hoboken.

Wohlgemerkt sind beide Positionen berechtigte Punkte einer wissenschaftlichen Klassifikationsfrage und etwas grundsätzlich anderes als die Behauptung, heutige Europäer, Afrikaner oder Ostasiaten seien getrennte Menschenrassen. Wobei wir bei der Darstellung von Frühmenschen allerdings kaum weniger rassistische Stereotype sehen als auf den Völkerschauen des 19. und 20. Jahrhunderts. Besonders der Neandertaler wird bis heute als roher Primitivling dargestellt, der nicht oder nur kaum sprechen konnte, nicht besonders intelligent und vor allem auch grobschlächtig und aggressiv gewesen sei. Es erschreckt mich als Urzeit-Fan somit sehr, wie viele Parallelen es hier zu Positionen aus der Rassentheorie gibt! Und ich bin mir deshalb auch sicher: Die Neandertaler und auch alle anderen Frühmenschen sollten wir aus den gleichen Gründen nicht als primitiver oder minderwertiger betrachten, aus denen wir auch Menschen aus anderen heutigen Kulturen nicht diskriminieren sollten!

Der Neandertaler als Unterart: Homo sapiens neanderthalensis

Für die Einordnung des Neandertalers als Unterart von Homo sapiens spricht vor allem, dass zwischen beiden Populationen keine vollständige Fortpflanzungsbarriere bestand. Genomdaten zeigen nicht nur ein einzelnes zufälliges Hybridisierungsereignis, sondern wiederholten Genfluss in beide Richtungen. Li und Kollegen rekonstruierten 2024 mehrere Phasen des Austauschs zwischen Neandertalern und frühen modernen Menschen über einen Zeitraum von rund 200.000 Jahren.158Li, L. et al. (2024). Recurrent gene flow between Neanderthals and modern humans over the past 200,000 years. Science, 385(6705), eadi1768. doi:10.1126/science.adi1768159Mendez, F. L. et al. (2016). The divergence of Neandertal and modern human Y chromosomes. American Journal of Human Genetics, 98(4), 728–734. doi:10.1016/j.ajhg.2016.02.023 Noch deutlicher ist der Fund von Peștera cu Oase: Der etwa 40.000 Jahre alte Mensch hatte einen Neandertaler-Vorfahren nur vier bis sechs Generationen zuvor in seinem Stammbaum.160Fu, Q. et al. (2015). An early modern human from Romania with a recent Neanderthal ancestor. Nature, 524, 216–219. doi:10.1038/nature14558 Dass Neandertaler-DNS bis heute in vielen menschlichen Populationen erhalten ist, beweist zudem, dass zumindest ein Teil der gemeinsamen Nachkommen fruchtbar gewesen sein muss. Iasi und Kollegen datierten den wichtigsten länger dauernden Genfluss auf etwa 50.500 bis 43.500 Jahre vor heute.161Iasi, L. N. M. et al. (2024). Neanderthal ancestry through time: Insights from genomes of ancient and present-day humans. Science, 386(6727), eadq3010. doi:10.1126/science.adq3010 Das spricht dafür, dass beide Formen trotz deutlicher Unterschiede zumindest zeitweise miteinander überlappende Populationen gebildet haben und letztlich der Neandertaler überhaupt nicht ausgestorben, sondern direkt im modernen Menschen aufgegangen ist.

Ob der Neandertaler (rechts) eine Unterart des Homo sapiens ist, wird derzeit noch diskutiert. Eine eigene „Rasse“ ist er aber sicherlich nicht!

Der Neandertaler als eigene Art – Homo neanderthalensis

Für die Einstufung als eigene Art Homo neanderthalensis spricht allerdings, dass Neandertaler über sehr lange Zeit eine unterscheidbare evolutionäre Linie bildeten, eben ohne einen regelmäßigen genetischen Austausch mit anderen Populationen. Genetische Daten datieren die Trennung der Vorfahren von Neandertalern und modernen Menschen grob auf 600.000 Jahre vor heute. Parallel dazu entwickelte sich eine charakteristische Anatomie, angepasst an die Extreme des eiszeitlichen Europa. Ein kräftiger, bulliger Körperbau, kürzere Unterarme und Unterschenkel, eine breite Nase zum Erwärmen der kühlen Luft vor dem Atmen, breite Knie- und Ellenbogengelenke und eine typische Schädel- und Unterkieferform traten bereits sehr früh in der Individualentwicklung auf.162Ponce de León, M. S. & Zollikofer, C. P. E. (2001). Neanderthal cranial ontogeny and its implications for late hominid diversity. Nature, 412, 534–538. doi:10.1038/35087573 Und da dies über die gesamte Neandertaler-Population der Fall war, die immerhin von Spanien bis nach Indien reichte, reichen diese Merkmale morphologisch für viele Forscher aus, den Neandertaler in eine eigene Art zu stellen und ihn von Homo sapiens abzugrenzen, nicht zuletzt deshalb, weil diese Alleinstellungsmerkmale in der heutigen Menschenpopulation verschwunden sind. Dies stützt ausdrücklich eine Trennung auf Artniveau.163Harvati, K., Frost, S. R. & McNulty, K. P. (2004). Neanderthal taxonomy reconsidered: Implications of 3D primate models of intra- and interspecific differences. Proceedings of the National Academy of Sciences, 101(5), 1147–1152. doi:10.1073/pnas.0308085100

Das Argument der erwiesenen Vermischung zieht außerdem nur begrenzt. Tatsächlich können, wie bereits gezeigt, auch mehrere unterschiedliche Säugetierarten mit ihren engen Verwandten durchaus zumindest begrenzt fruchtbare Nachkommen erzeugen. Weibliche Liger sind zum Beispiel in der Regel fruchtbar und können somit von einem männlichen Löwen oder Tiger erneut gedeckt werden. Nur die Liger-Männchen sind zwangsläufig unfruchtbar. Ähnlich könnte es auch bei den Frühmenschen-Populationen gewesen sein. Wir haben übrigens nicht nur Belege für die Vermischung von Homo sapiens und Neandertalern. Auch zwischen Neandertalern und anderen Menschengruppen, vor allem den Denisova-Menschen Ostasiens, kam es erwiesenermaßen zu Vermischungen.164Slon, V. et al. (2018). The genome of the offspring of a Neanderthal mother and a Denisovan father. Nature, 561, 113–116. doi:10.1038/s41586-018-0455-x Hybridisierung allein widerlegt somit keineswegs, dass es bestehende Artgrenzen zwischen den Populationen gegeben haben könnte.

Für eine Arttrennung spricht, dass der genetische Austausch offenbar tatsächlich nicht ohne gewisse biologische Kosten verlief. Bestimmte Genomregionen heutiger Menschen enthalten auffällig wenig Neandertaler-DNS, besonders das X-Chromosom und testisrelevante Gene. Das deutet auf verringerte Fitness mancher Hybriden hin.165Sankararaman, S. et al. (2014). The genomic landscape of Neanderthal ancestry in present-day humans. Nature, 507, 354–357. doi:10.1038/nature12961 Vieles spricht sogar für eine starke geschlechtsspezifische Asymmetrie im Genfluss zwischen Neandertalern und modernen Menschen. Paarungen zwischen männlichen Neandertalern und weiblichen Homo sapiens hinterließen erwiesenermaßen häufiger genetische Spuren als die umgekehrte Kombination.166Platt, A., Harris, D. N. & Tishkoff, S. A. (2026). Interbreeding between Neanderthals and modern humans was strongly sex biased. Science, 391, 922–925. doi:10.1126/science.aea6774 Die Fortpflanzungskontakte waren außerdem regional und zeitlich sehr ungleich verteilt.167Bossoms Mesa, A. et al. (2026). Genetic diversity of late Neanderthals in northwestern Europe. Nature, 655, 409–417. doi:10.1038/s41586-026-10625-1 Welche biologischen, demografischen oder sozialen Prozesse diese Asymmetrie verursachten und was letztendlich zum phänotypischen Verschwinden der anderen Frühmenschen führte, ist aber noch nicht vollständig geklärt.168Vaesen, K., Dusseldorp, G. L. & Brandt, M. J. (2021). An emerging consensus in palaeoanthropology: demography was the main factor responsible for the disappearance of Neanderthals. Scientific Reports, 11, 4925. doi:10.1038/s41598-021-84410-7


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Fazit und Schlusswort

Du verstehst nun sicher, wieso ich am Anfang so harte Worte finden musste. Rassismus ist in unserem Alltag leider allgegenwärtig, unabhängig davon, ob er uns selbst betrifft oder ob wir ihn (bewusst oder unbewusst) ausüben. Das geht schon bei dummen Bemerkungen zu unseren Kollegen los, bei eigentlich gar nicht bös gemeinten kleinen Witzen. Ich möchte sicher niemandem den Spaß verderben, aber lustig sind Witze eben nur dann, wenn jeder darüber lachen kann. Tatsächlich sollten, wie ich finde, nur Schwarze das Privileg haben, selber Witze über ihre Hautfarbe zu reißen. Als Weiße dürfen wir dann natürlich mitlachen. Aber aufgrund unserer historischen Verantwortung und gesellschaftlich privilegierten Stellung sollte es für uns ein Tabu sein. Denn wenn Menschen es wegen rassistischer Vorurteile trotz guter Qualifikationen deutlich schwerer haben, einen Job oder auch eine Wohnung zu finden, wenn Kinder auf offener Straße mit dem N-Wort betitelt oder sogar regelmäßig verdroschen werden, wenn Menschen von rassistischen Polizisten unter Generalverdacht gestellt werden und in einer Kontrolle gar um ihre Gesundheit, ja um ihr Leben bangen müssen, dann hört der Spaß spätestens auf!

Deshalb brauchen wir Schutz- und Präventionsmaßnahmen gegen Rassismus! Die Regierung muss endlich Geld in die Hand nehmen, um die Gründe für eine Diskriminierung aufgrund von Herkunft und Körpermerkmalen abzubauen. Und um Aufklärungsarbeit zu leisten. Da kann und sollte man zuerst bei den Kindern und Jugendlichen ansetzen und z. B. gemeinsame Kulturräume und Begegnungsstellen schaffen. Jugendtreffs, Sportvereine, Freizeit- und Aktivprogramme, in denen ein antirassistisches Programm stattfindet. Gemeinsam mit Angehörigen der unterschiedlichsten Ethnien sollten auch Austauschprogramme mit Schulen in Afrika und Asien gefördert werden. Rassismus resultiert oft aus Angst vor dem Fremden, die man nur überwindet, wenn man das Fremde endlich mal kennenlernt! Und Fremde sollten bei uns nicht mehr selbst Angst haben müssen. Deshalb brauchen wir auch eine lückenlose Aufklärung von rassistisch motivierten Straftaten, auch und vor allem dann, wenn sie innerhalb unserer Exekutivbehörden stattfinden.

Alles, was in diesem Artikel steht, sollte meiner Meinung nach auch unbedingt in die Lehrpläne für den Biologie-, Ethik- und Geschichtsunterricht aufgenommen werden. Dass der Begriff „Rasse“ allein schon obsolet ist, sollte jedes Kind, aber auch jeder, der das mal anders gelernt hat, heute unbedingt wissen und auch anderen Menschen so einfach, wie es irgendwie geht, erklären können. Nur wenn wir intensive Aufklärungsarbeit leisten, haben wir eine Chance, den Rassismus zu einer Randerscheinung in unserer Gesellschaft zu degradieren. Merke dir also bitte die folgenden wissenschaftlich gut begründeten Punkte, warum sich die traditionelle Einteilung moderner Menschen in biologische „Rassen“ nicht halten lässt:169Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882170Jobling, M. et al. (2026). Human Evolutionary Genetics. 3. Auflage, CRC Press.

  • Der Terminus „Rasse“ ist keine valide biologische bzw. taxonomische Kategorie!
  • Unsere genetische Variation bildet keine scharf voneinander trennbaren menschlichen Großgruppen!
  • Hautfarbe ist überhaupt kein Kriterium für eine gemeinsame Verwandtschaft!
  • Und auch die Frühmenschen waren vielleicht eigene Arten oder auch Unterarten, aber keine Rassen von Menschen!

Ich möchte dich bitten, diesen wichtigen Artikel zu teilen, damit er möglichst viele Menschen und ihre Köpfe erreicht. Auch damit kannst du dem Rassismus vielleicht ein kleines bisschen entgegenwirken. Vielen Dank fürs Lesen!


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  • 28
    Jungraithmayr, H. & Möhlig, W. J. G. (Hgg.) (1983). Lexikon der Afrikanistik: Afrikanische Sprachen und ihre Erforschung. Berlin. ↩︎
  • 29
    Köhler, O. (1975). Geschichte und Probleme der Gliederung der Sprachen Afrikas: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. In Baumann, H. (Hg.), Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen. Teil I: Allgemeiner Teil und südliches Afrika. Wiesbaden, 135–373, hier 276 ff. ↩︎
  • 30
    Rohrbacher, P. (2002). Die Geschichte des Hamiten-Mythos. (Beiträge zur Afrikanistik 71), Afropub, Wien. ↩︎
  • 31
    Gen 4,8–15 EU ↩︎
  • 32
    Haynes, S. R. (2002). Noah’s Curse: The Biblical Justification of American Slavery. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/0195142799.001.0001 ↩︎
  • 33
    Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford: Stanford University Press. ↩︎
  • 34
    Cooper, J. (2007). Cognitive Dissonance: Fifty Years of a Classic Theory. London: Sage. ↩︎
  • 35
    Lev 19,18 EU ↩︎
  • 36
    Lev 19,34 EU ↩︎
  • 37
    Mt 7,12 EU ↩︎
  • 38
    Smedley, A. & Smedley, B. D. (2012). Race in North America: Origin and Evolution of a Worldview. 4. Auflage, Routledge. ↩︎
  • 39
    Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882 ↩︎
  • 40
    Stuurman, S. (2000). François Bernier and the Invention of Racial Classification. History Workshop Journal, 50(1), 1–21. doi:10.1093/hwj/2000.50.1 ↩︎
  • 41
    Linné, C. von (1758). Systema Naturae. 10. Auflage, 20–22. ↩︎
  • 42
    Kattmann, U. (2004). Rassismus, Biologie und Rassenlehre: Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen? Zukunft braucht Erinnerung, 14. September 2004. ↩︎
  • 43
    Kleingeld, P. (2007). Kant’s Second Thoughts on Race. The Philosophical Quarterly, 57(229), 573–592. doi:10.1111/j.1467-9213.2007.498.x ↩︎
  • 44
    Giovannetti-Singh, G. (2022). Racial Capitalism in Voltaire’s Enlightenment. History Workshop Journal, 94, 22–41. doi:10.1093/hwj/dbac025 ↩︎
  • 45
    Garrett, A. & Sebastiani, S. (2017). David Hume on Race. In Zack, N. (Hg.), The Oxford Handbook of Philosophy and Race, 31–43. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oxfordhb/9780190236953.013.43 ↩︎
  • 46
    Jorati, J. (Hg.) (2025). Montesquieu, “How the Laws of Civil Slavery Are Related to the Nature of the Climate” (1748). In Slavery in Early Modern Philosophy 1500–1765: Essential Readings, 220–230. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/9780197833339.003.0031 ↩︎
  • 47
    Siena, K. (2026). Pathology, Heredity, and the Varieties of Man, 1650–1800. Past & Present, 271(Supplement 18), 168–202. doi:10.1093/pastj/gtag001 ↩︎
  • 48
    Keel, T. (2018). Impure Thoughts: Johann Blumenbach and the Birth of Racial Science. In: Divine Variations: How Christian Thought Became Racial Science, 23–54. Stanford University Press, Stanford. doi:10.11126/stanford/9780804795401.003.0002 ↩︎
  • 49
    Dougherty, F. W. P. (1985). Johann Friedrich Blumenbach und Samuel Thomas Soemmerring: Eine Auseinandersetzung in anthropologischer Hinsicht? In Mann, G. & Dumont, F. (Hgg.), Samuel Thomas Soemmerring und die Gelehrten der Goethezeit. Fischer, Stuttgart, 35–56. ↩︎
  • 50
    Golf-French, M. (2023). Teaching Race in the German Enlightenment: Christoph Meiners’ History of Humanity in Institutional Context. In Beeton, A. et al. (Hgg.), History of Universities, 36(2), 243–260. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oso/9780198901730.003.0012 ↩︎
  • 51
    Dougherty, F. W. P. (1996). Gesammelte Aufsätze zu Themen der klassischen Periode der Naturgeschichte. Klatt, Göttingen, 176–190. ↩︎
  • 52
    Rupke, N. & Lauer, G. (Hgg.) (2019). Johann Friedrich Blumenbach: Race and Natural History, 1750–1850. Routledge, London und New York. ↩︎
  • 53
    Junker, T. (2019). Blumenbach’s theory of human races and the natural unity of humankind. In Rupke, N. & Lauer, G. (Hgg.), Johann Friedrich Blumenbach: Race and Natural History, 1750–1850. Routledge, London und New York. ↩︎
  • 54
    Rupke, N. A. (2019). The origins of scientific racism and Huxley’s Rule. In Rupke, N. & Lauer, G. (Hgg.), Johann Friedrich Blumenbach: Race and Natural History, 1750–1850. Routledge, London und New York. ↩︎
  • 55
    James, D. & Knappik, F. (2023). Exploring the Metaphysics of Hegel’s Racism: The Teleology of the ‘Concept’ and the Taxonomy of Races. Hegel Bulletin, 44(S1), 99–126. doi:10.1017/hgl.2022.38 ↩︎
  • 56
    James, D. & Knappik, F. (2021). Rassismus bei Hegel: Wie soll die Philosophie damit umgehen? FAZ.net, 7. September 2021. ↩︎
  • 57
    Simpson, P. A. (2011). Hegel, Haiti, and universal history (review). Comparative Literature Studies, 48(2), 246–249. ↩︎
  • 58
    Heaney, C. (2023). Mismeasuring Incas: Samuel George Morton and the American School of Peruvian Skull Science. In Empires of the Dead: Inca Mummies and the Peruvian Ancestors of American Anthropology, 108–135. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oso/9780197542552.003.0006 ↩︎
  • 59
    Gould, S. J. (1978). Morton’s ranking of races by cranial capacity: Unconscious manipulation of data may be a scientific norm. Science, 200(4341), 503–509. doi:10.1126/science.347573 ↩︎
  • 60
    Lewis, J. E. et al. (2011). The mismeasure of science: Stephen Jay Gould versus Samuel George Morton on skulls and bias. PLoS Biology, 9(6), e1001071. doi:10.1371/journal.pbio.1001071 ↩︎
  • 61
    Bernasconi, R. (2023). The Philosophy of Race in the Nineteenth Century. In Critical Philosophy of Race: Essays, 51–75. Oxford University Press, Oxford. doi:10.1093/oso/9780197587966.003.0004 ↩︎
  • 62
    Klee, E. (2001). Deutsche Medizin im Dritten Reich: Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main, 162. ↩︎
  • 63
    Fenske, H. (1993). Politisches Denken im zwanzigsten Jahrhundert. In Lieber, H.-J. (Hg.), Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. 2., durchgesehene Auflage, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 803. ↩︎
  • 64
    Radick, G. (2019). Darwinism and Social Darwinism. In Breckman, W. & Gordon, P. E. (Hgg.), The Cambridge History of Modern European Thought, 279–300. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/9781316160855.013 ↩︎
  • 65
    Smith, G. H. (1991). Will the real Herbert Spencer please stand up? In Smith, G. H., Atheism, Ayn Rand and Other Heresies. Prometheus Books, Buffalo, 239–250. ↩︎
  • 66
    Turner, J. H. (1985). Herbert Spencer: A Renewed Appreciation. Sage, Beverly Hills und London. ↩︎
  • 67
    Adams, M. B. (1990). Eugenics in the History of Science. In Adams, M. B. (Hg.), The Wellborn Science: Eugenics in Germany, France, Brazil, and Russia, 3–7. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/oso/9780195053616.003.0001 ↩︎
  • 68
    Langkjær-Bain, R. (2019). The troubling legacy of Francis Galton. Significance, 16(3), 16–21. doi:10.1111/j.1740-9713.2019.01275.x ↩︎
  • 69
    Gillham, N. W. (2001). Sir Francis Galton and the birth of behavioral genetics. Annual Review of Genetics, 35, 83–101. doi:10.1146/annurev.genet.35.102401.090055 ↩︎
  • 70
    Kemp, M. (1998). Haeckel’s hierarchies. Nature, 395, 447. doi:10.1038/26642 ↩︎
  • 71
    Mann, G. (1993). Biologismus – Vorstufen und Elemente einer Medizin im NS. In Bleker, J. et al. (Hgg.), Medizin im „Dritten Reich“. Köln, 25 ff. ↩︎
  • 72
    Haeckel, E. (1879). Natürliche Schöpfungsgeschichte. 7. Auflage, Reimer, Berlin, 153–155. ↩︎
  • 73
    Haas, M. (2013). The Resolute Romantics. In Forbidden Music: The Jewish Composers Banned by the Nazis. Yale University Press, New Haven. doi:10.12987/yale/9780300154306.003.0010 ↩︎
  • 74
    Bermbach, U. (2015). Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. Springer-Verlag. ↩︎
  • 75
    Chapoutot, J. (2015). From humanism to Nazism: Antiquity in the work of Houston Stewart Chamberlain. Miranda, November 2015. ↩︎
  • 76
    Dreesbach, A. (2005). Gezähmte Wilde: Die Zurschaustellung exotischer Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus Verlag, Frankfurt am Main. ↩︎
  • 77
    Parfitt, T. (2020). The Racial Face. In Hybrid Hate: Jews, Blacks, and the Question of Race. Oxford University Press, 133–155. doi:10.1093/oso/9780190083335.003.0007 ↩︎
  • 78
    Kühl, S. (1994). German-American Relations within the International Eugenics Movement before 1933. In The Nazi Connection: Eugenics, American Racism, and German National Socialism, 13–26. Oxford University Press, New York. doi:10.1093/oso/9780195082609.003.0002 ↩︎
  • 79
    Kline, W. (2010). Defending the Master Race: Conservation, Eugenics, and the Legacy of Madison Grant. Journal of American History, 96(4), 1200. doi:10.1093/jahist/96.4.1200 ↩︎
  • 80
    Kyllingstad, J. R. (2012). Norwegian Physical Anthropology and the Idea of a Nordic Master Race. Current Anthropology, 53(S5). doi:10.1086/662332 ↩︎
  • 81
    Yudell, M. (2014). Charles Davenport and the Biology of Blackness. In Race Unmasked: Biology and Race in the Twentieth Century. Columbia University Press, New York. doi:10.7312/columbia/9780231168748.003.0003 ↩︎
  • 82
    Cartmill, M. (2018). Fischer, Eugen. In Trevathan, W. et al. (Hgg.), The International Encyclopedia of Biological Anthropology. Wiley. doi:10.1002/9781118584538.ieba0175 ↩︎
  • 83
    Piper, F. (1993). Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim. ↩︎
  • 84
    Bajohr, F. & Pohl, D. (2006). Der Holocaust als offenes Geheimnis: Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. Beck, München, 58. ↩︎
  • 85
    Burkhard Asmuss (Hrsg.): Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung. Deutsches Historisches Museum, Berlin 2002. ↩︎
  • 86
    Cohen, B. (2010). Dr. Jacob Robinson, the Institute of Jewish Affairs and the elusive Jewish voice in Nuremberg. In Bankier, D. & Michman, D. (Hgg.), Holocaust and Justice: Representation and Historiography of the Holocaust in Post-War Trials. Berghahn Books, Jerusalem, 94, 96. ↩︎
  • 87
    United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. USHMM ↩︎
  • 88
    Yad Vashem (o. J.). Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer: Häufig gestellte Fragen. Yad Vashem ↩︎
  • 89
    United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. Schätzung: etwa 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene. USHMM ↩︎
  • 90
    Streit, C. (1995). Die Kriegsgefangenen. Aus Politik und Zeitgeschichte, 7–8/1995. Von etwa 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen kamen etwa 3,3 Millionen ums Leben. bpb ↩︎
  • 91
    United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. Schätzung: etwa 1,8 Millionen nichtjüdische ethnische Polen. USHMM ↩︎
  • 92
    Steffen, K. (12. Januar 2026). Erinnerungen nach dem Holocaust. Bundeszentrale für politische Bildung. Schätzung: 1,8 bis 1,9 Millionen nichtjüdische polnische Zivilisten. bpb ↩︎
  • 93
    Pohl, D. (2003). Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt, 116. ↩︎
  • 94
    Asséo, H. (1994). Les Tsiganes: Une destinée européenne. (Découvertes Gallimard 218: Histoire), Gallimard, Paris. ↩︎
  • 95
    Bastian, T. (2001). Sinti und Roma im Dritten Reich: Geschichte einer Verfolgung. (Beck’sche Reihe 1425), Beck, München. ↩︎
  • 96
    Długoborski, W. (Hg.) (1998). Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau 1943–1944: Vor dem Hintergrund ihrer Verfolgung unter der Naziherrschaft. Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Oświęcim. ↩︎
  • 97
    Deutscher Bundestag (28. Juli 2026). Antrag zur Aufarbeitung der „Euthanasie“ angenommen. Schätzungsweise 300.000 Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Deutscher Bundestag ↩︎
  • 98
    Pohl, D. (2003). Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt, 32, 69. ↩︎
  • 99
    Gruner, W. (2021). Judenverfolgung und „Euthanasie“: Gemeinsamkeiten und Unterschiede im NS-Staat. In Schulte, J. E. & Osterloh, J. (Hgg.), „Euthanasie“ und Holocaust: Kontinuitäten, Kausalitäten, Parallelitäten. Brill, 102 f. ↩︎
  • 100
    Kingreen, M. (2006). Jüdische Kranke als Patienten der Landesheilanstalt und als Opfer der Mordanstalt Hadamar. In George, U. et al. (Hgg.), Hadamar: Heilstätte – Tötungsanstalt – Therapiezentrum. Jonas-Verlag, 211. ↩︎
  • 101
    United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. USHMM ↩︎
  • 102
    United States Holocaust Memorial Museum (2024). Welche Gruppen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt? Holocaust-Enzyklopädie. USHMM ↩︎
  • 103
    United States Holocaust Memorial Museum (2026). Wie viele Menschen wurden von den Nazis ermordet? Holocaust-Enzyklopädie. Für als „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ in Konzentrationslagern inhaftierte Deutsche werden Zehntausende Todesopfer angegeben. USHMM ↩︎
  • 104
    United States Holocaust Memorial Museum (2024). What Groups of People did the Nazis Target? Holocaust Encyclopedia. Tens of thousands of people labeled as “asocials” or “professional criminals” died as a result of Nazi policies. USHMM ↩︎
  • 105
    Bundeszentrale für politische Bildung (2023). Homosexualität. Das Rechtslexikon. bpb ↩︎
  • 106
    Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (22. Juni 2013). Gedenkfeier für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des Berliner CSD. Stiftung Denkmal ↩︎
  • 107
    Burleigh, M. & Wippermann, W. (1991). The Racial State: Germany 1933–1945. Cambridge University Press, Cambridge, 186–196. ↩︎
  • 108
    Bergmann, A. (1997). Homosexualität/Homosexuelle. In Benz, W., Graml, H. & Weiß, H. (Hgg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart, 518 f. ↩︎
  • 109
    Zinn, A. (2018). „Aus dem Volkskörper entfernt“? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus. Campus, Frankfurt am Main, 309–320. ↩︎
  • 110
    Korom, P. & Fleck, C. (2012). Wer wurde als homosexuell verfolgt? Zur Bedeutung sozialstruktureller Merkmale bei der strafrechtlichen Verfolgung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 64(4), 755–782. doi:10.1007/s11577-012-0187-0 ↩︎
  • 111
    United States Holocaust Memorial Museum (2024). Welche Gruppen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt? Holocaust-Enzyklopädie. Etwa 1.700 Zeugen Jehovas wurden während der NS-Zeit getötet. USHMM ↩︎
  • 112
    Deutscher Bundestag (24. Juni 2026). Julia Klöckner: „Das Denkmal für die Zeugen Jehovas ist eine Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus.“ Mindestens 1.700 Zeugen Jehovas überlebten die Verfolgung nicht. Deutscher Bundestag ↩︎
  • 113
    United States Holocaust Memorial Museum (2024). Verfolgung Schwarzer durch die Nationalsozialisten. Holocaust-Enzyklopädie, 4. Okt. 2024. ↩︎
  • 114
    Banton, M. (1998). Race as Type. In Racial Theories, 44–80. Cambridge University Press, Cambridge. doi:10.1017/CBO9780511583407.004 ↩︎
  • 115
    Johnson, M. & Rolls, A. (2023). Georges Cuvier’s Autopsy Report on Sara Baartman: A Translation and Commentary. Terrae Incognitae, 55(2), 170–195. doi:10.1080/00822884.2023.2227480 ↩︎
  • 116
    Josephino, M. (2025). Louis Agassiz: Science, Photography and Race in the Tropics. Filosofia e História da Biologia, 20(1), 73–93. doi:10.11606/issn.2178-6224v20i1p73-93 ↩︎
  • 117
    Cahan, E. (2020). Amid protests against racism, scientists move to strip offensive names from journals, prizes, and more. Science, 2. Juli 2020. doi:10.1126/science.abd6441 ↩︎
  • 118
    Osborn, H. F. (1924). Lo, the poor Nordic! Professor Osborn’s position on the immigration question. The New York Times, 8. April 1924, 18. ↩︎
  • 119
    Yudell, M. (2014). Eugenics in the Public’s Eye. In Race Unmasked: Biology and Race in the Twentieth Century. Columbia University Press, New York. doi:10.7312/columbia/9780231168748.003.0004 ↩︎
  • 120
    Mitchell, W. J. T. (1998). The Last Dinosaur Book: The Life and Times of a Cultural Icon. University of Chicago Press, Chicago und London, 149. ↩︎
  • 121
    Taschwer, K. (2015). Othenio Abel: Paläontologe, antisemitischer Fakultäts- und Universitätspolitiker. In Ash, M. G. & Ehmer, J. (Hgg.), Universität – Politik – Gesellschaft, 287–292. Vienna University Press | V&R Unipress, Göttingen. doi:10.14220/9783737004138.287 ↩︎
  • 122
    Schroetter, L., Madison, P. & Ackermann, R. R. (2025). Why Heads Matter in Palaeoanthropology: The Impacts and Consequences of Collecting Skulls. South African Journal of Science, 121(1/2). doi:10.17159/sajs.2025/18481 ↩︎
  • 123
    Slattery, J. P. (2024). The Extent and Impact of Racism and Eugenics in the Writings of Pierre Teilhard de Chardin, S.J. Horizons, 51(1), 33–71. doi:10.1017/hor.2024.6 ↩︎
  • 124
    Harris, J. J. (2020). The “Tribal Spirit” in Modern Britain: Evolution, Nationality, and Race in the Anthropology of Sir Arthur Keith. Intellectual History Review, 30(2), 273–294. doi:10.1080/17496977.2019.1648031 ↩︎
  • 125
    Kuljian, C. (2025). Contesting a Legendary Legacy: A Century of Reflection on Raymond Dart and the Taung Skull. South African Journal of Science, 121(1/2). doi:10.17159/sajs.2025/18323 ↩︎
  • 126
    McMahon, R. (2018). The History of Transdisciplinary Race Classification: Methods, Politics and Institutions, 1840s–1940s. The British Journal for the History of Science, 51(1), 41–67. doi:10.1017/S0007087417001054 ↩︎
  • 127
    Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882 ↩︎
  • 128
    Mayr, E. (1950). Taxonomic categories in fossil hominids. Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology, 15, 109–118, hier 110. doi:10.1101/SQB.1950.015.01.013 ↩︎
  • 129
    Hennig, W. (1966). Phylogenetic Systematics. University of Illinois Press, Urbana. ↩︎
  • 130
    de Queiroz, K. (2007). Species Concepts and Species Delimitation. Systematic Biology, 56(6), 879–886. doi:10.1080/10635150701701083 ↩︎
  • 131
    Mayr, E. (1996). What is a species, and what is not? Philosophy of Science, 63, 262–277. ↩︎
  • 132
    ICZN (1999). International Code of Zoological Nomenclature, 4. Aufl., Art. 5 und 45. International Trust for Zoological Nomenclature, London. Onlinefassung ↩︎
  • 133
    Templeton, A. R. (1998). Human Races: A Genetic and Evolutionary Perspective. American Anthropologist, 100(3), 632–650. doi:10.1525/aa.1998.100.3.632 ↩︎
  • 134
    Patten, M. A. & Unitt, P. (2002). Diagnosability Versus Mean Differences of Sage Sparrow Subspecies. The Auk, 119(1), 26–35. doi:10.1093/auk/119.1.26 ↩︎
  • 135
    Braby, M. F. et al. (2012). The subspecies concept in butterflies: has its application in taxonomy and conservation biology outlived its usefulness? Biological Journal of the Linnean Society, 106(4), 699–716. doi:10.1111/j.1095-8312.2012.01909.x ↩︎
  • 136
    Patten, M. A. & Unitt, P. (2002). Diagnosability Versus Mean Differences of Sage Sparrow Subspecies. The Auk, 119(1), 26–35. doi:10.1093/auk/119.1.26 ↩︎
  • 137
    Lewontin, R. C. (1972). The Apportionment of Human Diversity. In: Dobzhansky, T., Hecht, M. K. & Steere, W. C. (Hrsg.). Evolutionary Biology, 6, 381–398. Springer, New York. ↩︎
  • 138
    Barbujani, G. et al. (1997). An apportionment of human DNA diversity. Proceedings of the National Academy of Sciences, 94(9), 4516–4519. doi:10.1073/pnas.94.9.4516 ↩︎
  • 139
    Bergström, A. et al. (2020). Insights into human genetic variation and population history from 929 diverse genomes. Science, 367(6484), eaay5012. doi:10.1126/science.aay5012 ↩︎
  • 140
    Livingstone, F. B. (1962). On the Non-Existence of Human Races. Current Anthropology, 3(3), 279–281. doi:10.1086/200290 ↩︎
  • 141
    Jablonski, N. G. & Chaplin, G. (2010). Human skin pigmentation as an adaptation to UV radiation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(Suppl. 2), 8962–8968. doi:10.1073/pnas.0914628107 ↩︎
  • 142
    Norton, H. L. et al. (2007). Genetic Evidence for the Convergent Evolution of Light Skin in Europeans and East Asians. Molecular Biology and Evolution, 24(3), 710–722. doi:10.1093/molbev/msl203 ↩︎
  • 143
    Crawford, N. G. et al. (2017). Loci associated with skin pigmentation identified in African populations. Science, 358(6365), eaan8433. doi:10.1126/science.aan8433 ↩︎
  • 144
    Tishkoff, S. A. et al. (2007). Convergent adaptation of human lactase persistence in Africa and Europe. Nature Genetics, 39(1), 31–40. doi:10.1038/ng1946 ↩︎
  • 145
    Huerta-Sánchez, E. et al. (2014). Altitude adaptation in Tibetans caused by introgression of Denisovan-like DNA. Nature, 512(7513), 194–197. doi:10.1038/nature13408 ↩︎
  • 146
    Witherspoon, D. J. et al. (2007). Genetic Similarities Within and Between Human Populations. Genetics, 176(1), 351–359. doi:10.1534/genetics.106.067355 ↩︎
  • 147
    Serre, D. & Pääbo, S. (2004). Evidence for Gradients of Human Genetic Diversity Within and Among Continents. Genome Research, 14(9), 1679–1685. doi:10.1101/gr.2529604 ↩︎
  • 148
    Rosenberg, N. A. et al. (2005). Clines, Clusters, and the Effect of Study Design on the Inference of Human Population Structure. PLoS Genetics, 1(6), e70. doi:10.1371/journal.pgen.0010070 ↩︎
  • 149
    Novembre, J. et al. (2008). Genes mirror geography within Europe. Nature, 456, 98–101. doi:10.1038/nature07331 ↩︎
  • 150
    Templeton, A. R. (1998). Human Races: A Genetic and Evolutionary Perspective. American Anthropologist, 100(3), 632–650. doi:10.1525/aa.1998.100.3.632 ↩︎
  • 151
    Hellenthal, G. et al. (2014). A Genetic Atlas of Human Admixture History. Science, 343(6172), 747–751. doi:10.1126/science.1243518 ↩︎
  • 152
    Lazaridis, I. et al. (2014). Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature, 513(7518), 409–413. doi:10.1038/nature13673 ↩︎
  • 153
    Haak, W. et al. (2015). Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature, 522(7555), 207–211. doi:10.1038/nature14317 ↩︎
  • 154
    Bergström, A. et al. (2020). Insights into human genetic variation and population history from 929 diverse genomes. Science, 367(6484), eaay5012. doi:10.1126/science.aay5012 ↩︎
  • 155
    Cousins, T., Scally, A. & Durbin, R. (2025). A structured coalescent model reveals deep ancestral structure shared by all modern humans. Nature Genetics, 57, 856–864. doi:10.1038/s41588-025-02117-1 ↩︎
  • 156
    Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882 ↩︎
  • 157
    Cartmill, M. & Smith, F. H. (2022). The Human Lineage. 2. Auflage, Wiley-Blackwell, Hoboken. ↩︎
  • 158
    Li, L. et al. (2024). Recurrent gene flow between Neanderthals and modern humans over the past 200,000 years. Science, 385(6705), eadi1768. doi:10.1126/science.adi1768 ↩︎
  • 159
    Mendez, F. L. et al. (2016). The divergence of Neandertal and modern human Y chromosomes. American Journal of Human Genetics, 98(4), 728–734. doi:10.1016/j.ajhg.2016.02.023 ↩︎
  • 160
    Fu, Q. et al. (2015). An early modern human from Romania with a recent Neanderthal ancestor. Nature, 524, 216–219. doi:10.1038/nature14558 ↩︎
  • 161
    Iasi, L. N. M. et al. (2024). Neanderthal ancestry through time: Insights from genomes of ancient and present-day humans. Science, 386(6727), eadq3010. doi:10.1126/science.adq3010 ↩︎
  • 162
    Ponce de León, M. S. & Zollikofer, C. P. E. (2001). Neanderthal cranial ontogeny and its implications for late hominid diversity. Nature, 412, 534–538. doi:10.1038/35087573 ↩︎
  • 163
    Harvati, K., Frost, S. R. & McNulty, K. P. (2004). Neanderthal taxonomy reconsidered: Implications of 3D primate models of intra- and interspecific differences. Proceedings of the National Academy of Sciences, 101(5), 1147–1152. doi:10.1073/pnas.0308085100 ↩︎
  • 164
    Slon, V. et al. (2018). The genome of the offspring of a Neanderthal mother and a Denisovan father. Nature, 561, 113–116. doi:10.1038/s41586-018-0455-x ↩︎
  • 165
    Sankararaman, S. et al. (2014). The genomic landscape of Neanderthal ancestry in present-day humans. Nature, 507, 354–357. doi:10.1038/nature12961 ↩︎
  • 166
    Platt, A., Harris, D. N. & Tishkoff, S. A. (2026). Interbreeding between Neanderthals and modern humans was strongly sex biased. Science, 391, 922–925. doi:10.1126/science.aea6774 ↩︎
  • 167
    Bossoms Mesa, A. et al. (2026). Genetic diversity of late Neanderthals in northwestern Europe. Nature, 655, 409–417. doi:10.1038/s41586-026-10625-1 ↩︎
  • 168
    Vaesen, K., Dusseldorp, G. L. & Brandt, M. J. (2021). An emerging consensus in palaeoanthropology: demography was the main factor responsible for the disappearance of Neanderthals. Scientific Reports, 11, 4925. doi:10.1038/s41598-021-84410-7 ↩︎
  • 169
    Fuentes, A. et al. (2019). AAPA Statement on Race and Racism. American Journal of Physical Anthropology, 169(3), 400–402. doi:10.1002/ajpa.23882 ↩︎
  • 170
    Jobling, M. et al. (2026). Human Evolutionary Genetics. 3. Auflage, CRC Press. ↩︎

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Hier meine anderen Statements:


… gegen Kreationismus


… zur Prä-Astronautik


… zur „gendergerechten“ Sprache


… zu „Rasse“ und Rassismus


… für Toleranz


… zur Nutzung von KI

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1 thought on “Statement zu „Rasse“ und Rassismus”

  1. Michael Kubi sagt:
    Mai 1, 2022 um 9:00 p.m. Uhr

    Ein super Beitrag. Wer sich in die Thematik etwas vertiefen möchte, dem kann ich mein Buch „Eva kam aus Afrika … und Adam auch. Der Mythos vom ‚wissenschaftlichen Rassismus‘ ans Herz legen, bei dem die taxonomische, evolutionären, genetischen und psychologischen „Argumente“ seitens der „Rassenrealisten“ kritisch unter die Lupe genommen werden. https://www.amazon.de/Eva-Afrika-Adam-auch-%C2%BBwissenschaftlichen/dp/3894387572/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=Y5F209ZPCRYK&keywords=michael+kubi&qid=1651438651&sprefix=michael+kubi%2Caps%2C81&sr=8-1

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