Die Cantwell Formation ist eine geologische Formation im Südosten Alaskas. Sie enthält interessante Fossilien, die aus der letzten Phase der Kreidezeit stammen. Im Denali National Park wurden auch zahlreiche Dinosaurierspuren entdeckt, die von einem prähistroischen Wanderweg zeugen, der von Therizinosauriern, Hadrosauriern, Ceratopsiern, Ankylosauriern, Pterosauriern und Vögeln benutzt wurde.

George H. Eldridge |
Der US-amerikanische Geologe George H. Eldridge führte die Einheit 1900 als Cantwell Conglomerate ein. Er hatte Konglomerate und grobe Sandsteine am damaligen Cantwell River untersucht, der heute Nenana River heißt. Die historische Typregion liegt einige Kilometer flussaufwärts der unteren Flussgabelungen im Susitna-Becken. Spätere Arbeiten erweiterten die ursprüngliche, auf grobkörnige Gesteine beschränkte Definition und verwendeten den Namen Cantwell Formation für eine wesentlich mächtigere Abfolge aus Konglomerat, Sandstein, Siltstein, Tonstein, Kohle und vulkanischen Gesteinen. 1Eldridge, G. H. (1900). A reconnaissance in the Sushitna basin and adjacent territory, Alaska, in 1898. U.S. Geological Survey Annual Report 20, Part 7, 1–30 |
Heute wird gewöhnlich zwischen einer unteren, überwiegend sedimentären Folge und einer oberen, überwiegend vulkanischen Folge unterschieden. Diese Zweiteilung ist wichtig: Die Fossilfundstellen gehören zur unteren Cantwell Formation und entstanden im späten Campanium bis Maastrichtium. Die darüberliegenden Vulkanite sind deutlich jünger und werden in Teilen der Fachliteratur auch als Teklanika Formation ausgegliedert. Sie stammen überwiegend aus dem Paläozän bis frühen Eozän. Die bisherige pauschale Altersangabe von 70 bis 60 Millionen Jahren vermischte somit zwei geologisch und zeitlich verschiedene Abschnitte. 2Ridgway, K. D.; Trop, J. M. & Sweet, A. R. (1997). Thrust-top basin formation along a suture zone, Cantwell basin, Alaska Range: Implications for development of the Denali fault system. Geological Society of America Bulletin 109, 505–523 3Tomsich, C. S. et al. (2014). New zircon U-Pb ages for the lower Cantwell Formation: Implications for the Late Cretaceous paleoecology and paleoenvironment of the lower Cantwell Formation near Sable Mountain, Denali National Park and Preserve, central Alaska Range, USA. Proceedings of the International Conference on Arctic Margins VI, 19–60
Die interaktive Ansicht zeigt Aufschlüsse der Cantwell Formation am Sable Mountain im Denali-Nationalpark. Dort stehen sowohl dunkle, organikreiche Sedimentgesteine der kreidezeitlichen unteren Folge als auch rötlich verwitternde jüngere Vulkanite an. Störungen und Falten haben die ursprünglich weitgehend horizontal abgelagerten Schichten später steilgestellt und gegeneinander versetzt. Bildquelle: Google Maps.
Geologie
Die untere Cantwell Formation erreicht stellenweise mehrere Kilometer Mächtigkeit. Sie entstand im Cantwell-Becken, einem tektonisch aktiven Becken nördlich einer damaligen Gebirgs- und Überschiebungszone. Erosion lieferte große Mengen Geröll, Sand und Schlamm aus den umliegenden Hochgebieten. Nahe den Beckenrändern bildeten sich Schwemmfächer; weiter im Becken lagerten verflochtene und mäandrierende Flüsse ihre Sedimente in Rinnen, auf Sandbänken und Überschwemmungsebenen ab. Dazwischen entwickelten sich Seen, Teiche, Moore und zeitweise trockengefallene Bodenoberflächen. Kohlelagen und kohlenstoffreiche Tonsteine entstanden dort, wo Pflanzenmaterial unter sauerstoffarmen Bedingungen erhalten blieb. 4Keough, B. & Ridgway, K. (2023). High-latitude depositional systems, provenance, and basinal setting of the Late Cretaceous Cantwell Basin, Denali National Park and Preserve, Alaska: A stratigraphic framework for paleontological and paleoclimatic studies. Geosciences 13, 181. doi:10.3390/geosciences13060181 Die Gesteine zeigen starke seitliche und vertikale Fazieswechsel. Ein einzelner Aufschluss kann deshalb einen grobkörnigen Flusslauf darstellen, während wenige hundert Meter entfernt feinkörnige See- oder Überflutungssedimente erhalten sind. Eine vulkanische Aschelage am East Fork des Toklat River wurde auf 69,5 ± 0,7 Millionen Jahre datiert. Sie belegt, dass zumindest ein wichtiger Teil der fossilführenden unteren Folge im mittleren Maastrichtium entstand. Andere Abschnitte reichen bis in das späte Campanium zurück. Die Sedimentfolge ist daher nicht überall exakt gleich alt. Auch die zahlreichen Störungen und die lückenhafte Aufschlusslage erschweren die direkte Korrelation einzelner Spurflächen. 5Salazar-Jaramillo, S. et al. (2016). Terrestrial isotopic evidence for a Middle-Maastrichtian warming event from the lower Cantwell Formation, Alaska. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 441, 360–376. doi:10.1016/j.palaeo.2015.09.044
Viele Fußspuren entstanden dort auf feuchtem Schlamm an Ufern oder auf überfluteten Ebenen und wurden kurz darauf von neuem Sediment bedeckt. Diese rasche Überdeckung schützte die Trittsiegel vor vollständiger Zerstörung. Besonders große Spurenflächen erlauben Aussagen über Größenverteilung, Bewegungsrichtung und mögliches Gruppenverhalten, ohne dass damit automatisch eine bestimmte Dinosaurierart identifiziert werden kann. 6Fiorillo, A. R.; Hasiotis, S. T. & Kobayashi, Y. (2014). Herd structure in Late Cretaceous polar dinosaurs: A remarkable new dinosaur tracksite, Denali National Park, Alaska, USA. Geology 42, 719–722. doi:10.1130/G35740.1 Die gemeinsame Überlieferung von Hadrosaurier- und Therizinosaurierspuren ähnelt Faunengemeinschaften aus Asien. Sie passt zu der Vorstellung, dass Beringia in der späten Kreidezeit zeitweise einen Austausch zwischen Asien und Nordamerika ermöglichte. Hier könnte sich vor Jahrmillionen ein „Dinosaurier-Highway“ befunden haben, auf welchem Dinosaurier von Asien nach Amerika gelangten. In jedem Fall ist es belegt, dass verschiedene Gruppen von Dinosauriern denselben Lebensraum nutzten und dass ihre Verbreitung mit einem längerfristigen Faunenaustausch vereinbar ist. 7Fiorillo, A. R. et al. (2018). An unusual association of hadrosaur and therizinosaur tracks within Late Cretaceous rocks of Denali National Park, Alaska. Scientific Reports 8, 11706. doi:10.1038/s41598-018-30110-8 Zur Zeit der Spurenbildung lag Zentralalaska auf hoher nördlicher Breite und erlebte eine ausgeprägte jahreszeitliche Veränderung des Tageslichts. Pflanzenfossilien vom Sable Mountain dokumentieren einen sommergrünen Laubwald mit zahlreichen Bedecktsamern, Farnen, Schachtelhalmen und Nadelgehölzen. Die Flora wird als polarer, breitblättriger Laubwald interpretiert. Blattmerkmale sprechen für ein kühlgemäßigtes, saisonales Klima; für den Fundhorizont wurden eine mittlere Jahrestemperatur von ungefähr 7 °C und milde Sommer rekonstruiert. Ein einzelner, wasserlilienähnlicher Blattabdruck sowie See- und Ufersedimente weisen auf stehende oder langsam fließende Gewässer hin.8Tomsich, C. S. et al. (2010). Paleofloristic and paleoenvironmental information from a Late Cretaceous (Maastrichtian) flora of the lower Cantwell Formation near Sable Mountain, Denali National Park, Alaska. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 295, 389–408. doi:10.1016/j.palaeo.2010.02.023

Heutige Lage der Cantwell Formation
Lage: Zentralalaska (USA), vor allem Denali National Park and Preserve
Benannt: 1900 von George H. Eldridge
Koordinaten heute: 63,6° N, 149,6° W
Paläo-Koordinaten: 76,8° N, 114,0° W
Alter: 75–56 Ma
Liegt unter: Teklanika Formation
Liegt über: Kahiltna Formation
Wichtige Fundstellen: Sable Mountain, Igloo Canyon, Double Mountain, Fang Mountain, Tattler Creek und Cabin Peak
Paläolage der Cantwell Formation
Fossilbericht
Der Fossilbericht der unteren Cantwell Formation wird von Ichnofossilien beherrscht. Dokumentiert sind dreizehige Spuren kleiner und großer Theropoden, zahlreiche Hadrosaurierspuren einschließlich Abdrücken von Jungtieren, seltene Therizinosaurier- und Ceratopsierspuren sowie ein Handabdruck eines Pterosauriers. Ganze Flächen mit unterschiedlich großen Hadrosaurierabdrücken wurden als Hinweis auf gemeinsam ziehende Gruppen gedeutet. Außergewöhnlich vielfältig sind die Vogelspuren: Beschrieben wurden unter anderem Aquatilavipes swiboldae, Ignotornis mcconnelli, Magnoavipes denaliensis, Gruipeda vegrandiunus und Uhangrichnus chuni. Hinzu kommen Fraß- und Laufspuren wirbelloser Tiere, fossiles Holz, Blätter, Pollen und Sporen. Die Spuren ergänzen sich häufig mit Pflanzenresten aus denselben Sedimentlagen und Lebensräumen. Körperfossilien von Wirbeltieren sind dagegen ausgesprochen selten. Da Fußspuren meist nur eine übergeordnete Tiergruppe erkennen lassen, dürfen sie nicht ohne weiteres einer bestimmten Gattung zugeordnet werden. Die bislang publizierte Spurengemeinschaft belegt keine Ankylosaurier eindeutig. Sie zeigt vielmehr eine artenreiche Fluss- und Seenlandschaft, die von Dinosauriern, Pterosauriern, Vögeln und kleineren Organismen wiederholt genutzt wurde. 9Fiorillo, A. R. et al. (2009). A pterosaur manus track from Denali National Park, Alaska Range, Alaska, United States. PALAIOS 24, 466–472. doi:10.2110/palo.2008.p08-129r 10Fiorillo, A. R. & Adams, T. L. (2012). A therizinosaur track from the lower Cantwell Formation (Upper Cretaceous) of Denali National Park, Alaska. PALAIOS 27, 395–400. doi:10.2110/palo.2011.p11-083r 11Fiorillo, A. R. et al. (2011). Bird tracks from the Upper Cretaceous Cantwell Formation of Denali National Park, Alaska, USA: A new perspective on ancient northern polar vertebrate biodiversity. Journal of Systematic Palaeontology 9, 33–49. doi:10.1080/14772019.2010.509356
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Die Artenvielfalt der Cantwell Formation sowie ihrer Nachbarformationen sind in einem eigenen Artikel gelistet. Alle spektakulären Lebewesen, also alle Pflanzen und Tiere, von den kleinen Wirbellosen über die Fische, Amphibien, Säugetiere und Reptilien bis hin zu den famosen Dinosauriern, die dort lebten, findest du hier! |
Weitere Lagerstätten des hohen Nordens:
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Prince Creek Formation |
Alle anderen Lagerstätten, die in meinen Büchern eine Rolle spielen, erreichst du über meine interaktive Karte:
Quellen und weiterführende Literatur
- 1Eldridge, G. H. (1900). A reconnaissance in the Sushitna basin and adjacent territory, Alaska, in 1898. U.S. Geological Survey Annual Report 20, Part 7, 1–30 ↩︎
- 2Ridgway, K. D.; Trop, J. M. & Sweet, A. R. (1997). Thrust-top basin formation along a suture zone, Cantwell basin, Alaska Range: Implications for development of the Denali fault system. Geological Society of America Bulletin 109, 505–523 ↩︎
- 3Tomsich, C. S. et al. (2014). New zircon U-Pb ages for the lower Cantwell Formation: Implications for the Late Cretaceous paleoecology and paleoenvironment of the lower Cantwell Formation near Sable Mountain, Denali National Park and Preserve, central Alaska Range, USA. Proceedings of the International Conference on Arctic Margins VI, 19–60 ↩︎
- 4Keough, B. & Ridgway, K. (2023). High-latitude depositional systems, provenance, and basinal setting of the Late Cretaceous Cantwell Basin, Denali National Park and Preserve, Alaska: A stratigraphic framework for paleontological and paleoclimatic studies. Geosciences 13, 181. doi:10.3390/geosciences13060181 ↩︎
- 5Salazar-Jaramillo, S. et al. (2016). Terrestrial isotopic evidence for a Middle-Maastrichtian warming event from the lower Cantwell Formation, Alaska. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 441, 360–376. doi:10.1016/j.palaeo.2015.09.044 ↩︎
- 6Fiorillo, A. R.; Hasiotis, S. T. & Kobayashi, Y. (2014). Herd structure in Late Cretaceous polar dinosaurs: A remarkable new dinosaur tracksite, Denali National Park, Alaska, USA. Geology 42, 719–722. doi:10.1130/G35740.1 ↩︎
- 7Fiorillo, A. R. et al. (2018). An unusual association of hadrosaur and therizinosaur tracks within Late Cretaceous rocks of Denali National Park, Alaska. Scientific Reports 8, 11706. doi:10.1038/s41598-018-30110-8 ↩︎
- 8Tomsich, C. S. et al. (2010). Paleofloristic and paleoenvironmental information from a Late Cretaceous (Maastrichtian) flora of the lower Cantwell Formation near Sable Mountain, Denali National Park, Alaska. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 295, 389–408. doi:10.1016/j.palaeo.2010.02.023 ↩︎
- 9Fiorillo, A. R. et al. (2009). A pterosaur manus track from Denali National Park, Alaska Range, Alaska, United States. PALAIOS 24, 466–472. doi:10.2110/palo.2008.p08-129r ↩︎
- 10Fiorillo, A. R. & Adams, T. L. (2012). A therizinosaur track from the lower Cantwell Formation (Upper Cretaceous) of Denali National Park, Alaska. PALAIOS 27, 395–400. doi:10.2110/palo.2011.p11-083r ↩︎
- 11Fiorillo, A. R. et al. (2011). Bird tracks from the Upper Cretaceous Cantwell Formation of Denali National Park, Alaska, USA: A new perspective on ancient northern polar vertebrate biodiversity. Journal of Systematic Palaeontology 9, 33–49. doi:10.1080/14772019.2010.509356 ↩︎
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