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Die Weißen Steine

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Was ist Extremismus?

Posted on Januar 6, 2025Juli 17, 2026 by Markus Kretschmer
Lesedauer 21 Minuten

Extremismus ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Gegenwart. Es erscheint absurd, dass die Menschen heute immer noch die Bereitschaft zeigen, sich politischen, religiösen oder weltanschaulichen Extremen zu öffnen, und sich damit immer weiter aus der Mitte der Gesellschaft entfernen – gerade in einer Zeit, in der wissenschaftlicher Fortschritt, Wohlstand und Freiheit so umfassend ausgebaut sind wie selten zuvor in der Geschichte. Grund genug, uns das Phänomen etwas genauer anzusehen und wissenschaftlich zu beleuchten. In diesem Artikel versuche ich, zunächst einmal eine Definition für das Wort „Extremismus“ aufzubauen. Ich möchte dir damit die Frage beantworten: Was ist eigentlich Extremismus?


Wortherkunft und -Bedeutung von Extremismus und Radikalismus

Fangen wir dazu am besten einmal bei der Wortherkunft an. Die Begriffe „extrem“ und damit auch „extremistisch“ sind vom lateinischen Wort extremus abgeleitet. Das ist der dem Superlativ des Adjektivs exterus, zu Deutsch „außen“. Extremus bedeutet somit „am äußersten“.1Backes, U. (2006). Politische Extreme. Eine Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 31). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Somit ist Extremismus der Wortbedeutung nach erst einmal vor allem eine Einstellung, die besonders vehement und mit äußerster Härte vertreten wird. Und das kann auf sehr viele Einstellungen zutreffen. Tatsächlich kann wohl jede Form von Gedankengut, egal ob politisch, religiös, weltanschaulich oder philosophisch, extreme und extremistische Züge annehmen.

Radikalismus

„Radikalismus„, genau wie das Adjektiv „radikal“ und das Verb „sich radikalisieren„, gehen auf das ebenfalls aus dem Lateinischen stammende Wort radix (Wurzel) zurück. Es beschreibt das Bestreben, gesellschaftliche und politische Probleme „an der Wurzel“ zu greifen und von dort aus möglichst umfassend, vollständig und nachhaltig zu lösen. Ursprünglich waren diese Worte eine Selbstbezeichnung für die bürgerliche Linke des frühen 20. Jahrhunderts, die Liberalismus und ein Ende der Monarchie und der Ausbeutergesellschaft anstrebten. In unserem Sprachraum hat sich bei diesen Wörtern aber inzwischen längst ein Bedeutungswandel vollzogen.2Tanner, A. (2013). Radikalismus. In Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 29. Januar 2013.

Als „radikal“ werden heute nämlich Strömungen jedweder politischen Couleur gemeint, die ihre Ziele kompromisslos und häufig in Opposition zur herrschenden Gesellschaftsordnung verfolgen. In diesem Sinne spricht man etwa vom Links- oder Rechtsradikalismus, und jemanden, dessen Geisteshaltung sich immer weiter von der Norm entfernt und der sich zu immer extremeren Gedanken, aber auch Handlungen inspirieren lässt, bezeichnen wir als „radikalisiert“.

Ideologien

Radikale Extremisten vertreten mit besonderer Halsstarrigkeit und Vehemenz eine sogenannte Ideologie. Was ist eine Ideologie? Es gibt tatsächlich auch wieder mehrere Auffassungen dieses Begriffs, der auf das französische Wort idéologie zurückgeht. Dieses leitet sich wiederum aus dem Altgriechischen ab (ἰδέα, was „Idee“ oder „Vorstellung“ bedeutet, und λόγος, was „Lehre“ oder auch „Wissenschaft“ bedeutet. Ideologie bedeutet dem Wortlaut nach also so viel wie „Ideenlehre“ und meint in diesem Sinne eine bestimmte Weltanschauung, mit Werten, Idealen, und Wünschen für die Zukunft, sowie auch alle Regeln und Maßnahmen, um eine bessere Welt für alle oder zumindest ihren eigenen Anhängerkreis zu schaffen.3Der große Brockhaus, Bd. 13 (2006). 21., völlig neu bearbeitete Auflage. Leipzig/Mannheim: F. A. Brockhaus, S. 96–97 (Themenseiten: „Schlüsselbegriff Ideologie“).

Einige Soziologen bewerten grundsätzlich jedes System von sozialen Normen als eine Ideologie, das Gruppen zur Rechtfertigung eigener oder auch fremder Handlungen einsetzen. Sie bilden das notwendige „Wir-Gefühl“, das den inneren Zusammenhalt einer Gemeinschaft gewährleistet. Nach diesem Verständnis wäre aber auch unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und der Rechtsstaat eine Ideologie. Da es in diesem Artikel aber um Extremismus gehen soll, beziehe ich mich bei dem Wort „Ideologie“ vor allem auf den Begriff aus dem marxistischen Verständnis. Dort bezeichnet der Ideologiebegriff nämlich nicht ein System aus gemeinsamen Werten und Normen, sondern vielmehr direkt die Ideen und Weltbilder, die sich nicht etwa an Beweisbarkeit oder guten Argumenten orientieren, sondern die vorrangig darauf abzielen, Machtverhältnisse zu stabilisieren oder zu ändern. Auch die Verknüpfung mit einem „notwendig falschen Bewusstsein“, das der Legitimation ungerechter Herrschaftsverhältnisse dient, ist ein zentraler Punkt des marxistischen Ideologiebegriffs.4Marx, K. & Engels, F. (1969). Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten. In Marx-Engels-Werke, Bd. 3 (S. 9–530, bes. S. 46). Berlin.


Definitionsversuche

Ähnlich wie bei den Begriffen „radikal“ und „Ideologie“ gibt es auch beim Terminus „Extremismus“ ein breites Spektrum an Definitionen. Eine offizielle und allgemein gültige, die von einer Mehrheit der Gesellschaftswissenschaftler anerkannt und forlaufend zitiert wird, gibt es (noch) nicht. Tatsächlich war und ist auch dieser Begriff von einer Reihe von Bedeutungsverschiebungen betroffen und kann je nach Kontext anders ausgelegt werden. Und somit verwundert es nicht, dass die gängigen Definitionsversuche in der zeitgenössischen Literatur recht facettenreich ausfallen.

Extremismus als perspektivabhängiger Konfliktbegriff?

So beschrieben Peter T. Coleman und Andrea Bartoli Extremismus im Jahr 2015 als ein komplexes Phänomen, dessen Vielschichtigkeit häufig unterschätzt wird. Im einfachsten Sinne definieren sie Extremismus als einen Cocktail aus Überzeugungen, Einstellungen, Gefühlen, Handlungen oder Strategien, die sich deutlich vom gesellschaftlich Üblichen entfernen. In Konfliktsituationen äußere sich Extremismus als eine besonders ausgeprägte Form der Konfliktaustragung. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass die Einstufung von Handlungen, Personen oder Gruppen als „extremistisch“ sowie die Festlegung dessen, was als „normal“ gelte, stets subjektiv und politisch geprägt sind. Deshalb sollte jede Diskussion über Extremismus mehrere grundlegende Aspekte berücksichtigen, da dieselbe Handlung häufig unterschiedlich bewertet werde – von den einen als „extremistisch“, von den anderen als „normal“, je nach den eigenen Wertvorstellungen, politischen Überzeugungen, moralischen Maßstäben und auch der persönlichen Beziehung zum Handelnden. Die Begriffe „Freiheitskampf“ und „Terrorismus“ lägen somit eng beieinander und wären damit eher perspektivenabhängig als objektiv formulierbar. Darüber hinaus kann sich die Bewertung einer extremistischen Handlung im Laufe der Zeit verändern, die Geschichte sie rückblickend auch ganz anders einordnen als es in der Gegenwart der Handlung noch der Fall war.5Coleman, P. T. & Bartoli, A. (n.d.). Addressing extremism. Archived at the Wayback Machine, 24 September 2015, pp. 3–4. Hier bleibt die Definition also sehr offen und wandelbar. Das müssen wir unbedingt im Kopf behalten, wenn wir weiter über die Begriffsdefinition sprechen.

Auch reale Machtverhältnisse spielen nach Ansicht von Coleman und Bartoli eine wichtige Rolle. Besonders in Konflikten werden Aktivitäten von Gruppen mit geringer gesellschaftlicher oder politischer Macht häufig eher als extremistisch eingestuft als vergleichbare Handlungen mächtiger Gruppen, die „bloß“ den bestehenden Zustand verteidigen. Extremistische Mittel werden besonders häufig von marginalisierten Personen oder Gruppen eingesetzt, die den Eindruck haben, dass ihnen normale oder friedliche Formen der Konfliktaustragung verschlossen bleiben oder sie benachteiligen würden. Allerdings sollte hier keineswegs der Eindruck entstehen, dass nicht auch mächtige Akteure und auch regierende Kräfte zu extremen Maßnahmen greifen können. Die Autoren gaben hierfür als Beispiel die Belagerung von Waco durch das FBI in Texas an, wobei 76 Anhänger der Branch Davidians gewaltsam durch Bundespolizisten zu Tode kamen.6Coleman, P. T. & Bartoli, A. (n.d.). Addressing extremism. Archived at the Wayback Machine, 24 September 2015, pp. 3–4. Noch viel extremere traurige Beispiele der Gegenwart wären auch die gewaltsame Niederschlagung der Januar-Proteste im Iran 2026 oder das Vorgehen der israelischen Armee im gleichen Jahr während des Krieges in Gaza gegen die palästinensiche Zivilbevölkerung. Festzuhalten ist an dieser Stelle: Extremistische Handlungen sind häufig mit exzessiver Gewalt verbunden.

Extremismus als Synonym für Demokratiefeindlichkeit?

Arthur Schlesinger Jr. vertrat in seinem Buch The Vital Center die Auffassung, dass es eine politische Mitte gebe, innerhalb derer der legitime demokratische Meinungsstreit stattfinde. Ihm zufolge müsse die demokratische Mitte zugleich reformfähig und wehrhaft sein: Sie darf gesellschaftliche Missstände nicht ignorieren, muss auf der anderen Seite aber auch politische Bewegungen scharf zurückweisen, die Freiheit, Pluralismus und demokratische Institutionen zugunsten totalitärer Gewissheiten preisgeben. So betonte er, dass dafür klare Grenzen zu ziehen seien, welche politischen Positionen noch als akzeptabel gelten und welche außerhalb dieses Rahmens liegen.7Schlesinger, A. M. Jr. (1949). The vital center. The politics of freedom. Boston, MA u. a.: Houghton Mifflin.

Auch in Deutschland wird der Begriff „Extremismus“ gern zur Unterscheidung zwischen demokratischen und antidemokratischen bzw. verfassungsfeindlichen Bestrebungen verwendet. Uwe Backes definierte Extremismus als sinngemäß als Diskurse, Programme und Ideologien, die sich implizit oder explizit gegen grundlegende Werte und Verfahrensregeln demokratischer Verfassungsstaaten richten.8Backes, U. (2001). Gestalt und Bedeutung des intellektuellen Rechtsextremismus in Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte, B 46/2001, S. 24. Nach der Definition des Bundesministeriums des Innern liegt Extremismus immer dann vor, wenn Bestrebungen die freiheitlich-demokratische Grundordnung sowie ihre grundlegenden Werte, Normen und Gesetze ablehnen.9Kailitz, S. (2004). Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Einführung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 212; vgl. hierzu auch Pfahl-Traughber, A. (2000). Politischer Extremismus – was ist das überhaupt? In Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Bundesamt für Verfassungsschutz. 50 Jahre im Dienst der inneren Sicherheit (S. 213). Köln.

Abgelehnt werden somit vor allem:

  • Das Ethos menschlicher Fundamentalgleichheit
  • Menschen- und Bürgerrechte
  • Der Konstitutionalismus mit dem Prinzip der Gewaltenteilung
  • Der Schutz der persönlichen Freiheitssphäre des Einzelnen
  • Das Einhalten rechtsstaatlicher Vorgaben,
  • Das Mehrheitsprinzip, verbunden mit einem Minderheitenschutz
  • Ein Verständnis von Demokratie im Sinne der Konkurrenztheorie
  • Ein politischer und gesellschaftlicher Pluralismus
  • Das Repräsentativprinzip10Fischer, F. (2018). Identität, Gemeinschaft und dunkle Mächte. Zentrale Motive in Abwehrideologien des politischen Extremismus. In S. Liebold, T. Mannewitz, M. Petschke & T. Thieme (Hrsg.), Demokratie in unruhigen Zeiten. Festschrift für Eckhard Jesse (S. 195–207). Baden-Baden: Nomos.

„Extremismus“ ist somit bei uns eher eine Bezeichnung, die seit den 1970er Jahren zur Etikettierung der „Feinde der Demokratie“ dient. Das mit dem Begriff einhergehende Konzept, welches die politische Landschaft in eine „gute“ demokratische Mitte und „bedrohliche“ extremistische Ränder aufteilt, ist bis heute in der politischen Kultur der Bundesrepublik fest verankert.11Dunkel, B., Gollasch, C. & Padberg, K. (Hrsg.) (2019). Nicht zu fassen. Das Extremismuskonzept und neue rechte Konstellationen. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, S. 254. doi:10.14279/depositonce-7070 Insofern sollten wir auch immer den sprachlichen Wirkungsgrad dieses Begriffs im Auge behalten: er ist bei uns durchweg negativ und abwertend konnotiert.12Bendel, P. (1995). Extremismus. In D. Nohlen (Hrsg.), Lexikon der Politik, Band 7: Politische Begriffe (S. 8384–8387). München: C.H. Beck. Insofern springen wir bei einer vorwurfsvollen Konfrontation mit diesem Begriff, also wenn uns jemand „Extremist“ nennen sollte, sofort in den „Verteidigungsmodus“ und empfinden diese Zuschreibung als persönlichen Angriff. Und oft ist es auch genauso gemeint. Eine sachliche Auseinandersetzung wird dadurch erheblich behindert, kann sogar verunmöglicht werden.

Definitionsversuche durch Abgrenzung

Aus diesem Grund ist es wichtig, den Extremismusbegriff enger zu fassen und ihn in einer Lesart zu verwenden, die ihn klarer benennt, ohne in eine reine Vorwurfshaltung zu verfallen. Soziologen kritisieren häufig, dass „unser“ Extremismuskonzept unterkomplex sei und dem tatsächlichen Phänomen des Extremismus nicht gerecht werde. Zudem verenge es Demokratie auf eine staatszentrierte Form.13Dunkel, B., Gollasch, C. & Padberg, K. (Hrsg.) (2019). Nicht zu fassen. Das Extremismuskonzept und neue rechte Konstellationen. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, S. 254. doi:10.14279/depositonce-7070 Auch in meinen Augen folgen solche Definitionen meist einer viel zu einseitigen und wertenden Betrachtungsweise, bei der die Objektivität und vor allem die Sachlichkeit häufig verloren gehen. Diese sind aber zur wissenschaftlichen Erfassung des Extremismusbegriffs und auch seiner konkreten Definition essenziell. Insofern sollte man das Wort „Extremismus“ von anderen Begriffen abzugrenzen wissen, die häufig nicht weniger negativ konnotiert sind.

Astrid Bötticher Astrid Bötticher weist beispielsweise auf mehrere Unterschiede zwischen Radikalismus und Extremismus hin. Diese Unterschiede betreffen unter anderem die Ziele, die moralische Grundlage, den Umgang mit Vielfalt und den Einsatz von Gewalt. Radikalismus verfolgt demnach eher idealistische und emanzipatorische Ziele, Extremismus ist dagegen stärker restaurativ oder antidemokratisch ausgerichtet, möchte also häufig eine frühere Ordnung wiederherstellen oder lehnt geltende demokratische Grundprinzipien ab.

Auch moralisch unterscheiden sich beide Konzepte. Radikalismus beruft sich eher auf universelle moralische Werte, also auf Grundsätze, die für alle Menschen gelten sollen. Extremismus orientiert sich dagegen eher an partikularen Moralvorstellungen, also an Werten, die nur für eine bestimmte Gruppe gelten und andere Gruppen ausschließen oder abwerten sollen. Beim Umgang mit Vielfalt zeigt sich ebenfalls ein deutlicher Unterschied: Radikale Positionen können gesellschaftliche Vielfalt grundsätzlich akzeptieren, auch wenn sie tiefgreifende Veränderungen fordern. Extremistische Positionen begegnen Vielfalt dagegen häufig mit Ablehnung, Verachtung oder sogar Gewalt. Auch beim Blick direkt auf die Gewaltbereitschaft zieht Bötticher eine klare Grenze: Im Radikalismus kann Gewalt zwar pragmatisch und selektiv betrachtet und ausgeübt werden, also als mögliches Mittel in bestimmten Situationen. Im Extremismus hingegen wird Gewalt eher grundsätzlich als legitim und akzeptabel angesehen.14Bötticher, A. (2017). Towards academic consensus definitions of radicalism and extremism. Perspectives on Terrorism, 11(4), 73–77.

Dies sollten wir unbedingt festhalten. Es gibt schließlich auch Formen von Extremismus, welche unseren Staat nicht direkt ablehnen oder ihn beseitigen wollen. Außerdem lassen sich extremistische Gruppierungen nicht zweidimensional anordnen. Sie unterscheiden sich untereinander in ihren Inhalten viel zu stark, um sie alle in einen Topf zu werfen. „Extremismus“ darf in meinen Augen nicht nur als Etikett verstanden werden, das man beliebig verwenden darf, wenn einem die Haltung eines Gegenübers nicht passt. Es benötigt vielmehr feste Definitionskriterien, anhand derer wir objektiv messen und beurteilen können, wann wirklich Extremismus vorgeht. Und wann und warum dieser dann gefährlich und problematisch wird.

Definitionsversuche über Gemeinsamkeiten

Dazu ist es jedoch auch wichtig, sich nicht nur die Grenzen anzuschauen, sondern auch, was Extremisten aller Couleur durchaus miteinander gemeinsam haben. Allerdings darf man hierbei nicht in einen Gleichsetzungsmodus verfallen. Dazu unterscheiden sich die vielen Ideologien, die dem Extremismus zugrunde liegen, einerseits viel zu stark. Andererseits kann sich der Extremismus auch individuell sehr deutlich unterscheiden und ein Mitglied einer „radikalen“ Gruppe sich in seinem Wertepool und auch in seiner potenziellen Gefährlichkeit sehr stark von einem anderen unterscheiden.

Ronald Wintrobe Ronald Wintrobe vertritt zum Beispiel die Ansicht, dass viele extremistische Bewegungen trotz völlig unterschiedlicher Ideologien gemeinsame Merkmale aufweisen. Als Beispiel nennt er Gemeinsamkeiten zwischen jüdischen Fundamentalisten und Extremisten der Hamas: Beide lehnen Kompromisse mit der Gegenseite grundsätzlich ab, beide sind vollkommen von der Richtigkeit ihrer eigenen Position überzeugt, beide befürworten oder nutzen Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen, beide vertreten einen stark nationalistischen Standpunkt, beide dulden innerhalb der eigenen Gruppe keinen Widerspruch, und beide dämonisieren ihre Gegner und stellen sie als grundsätzlich schlecht oder feindlich dar.15Wintrobe, R. (2006). Rational extremism: The political economy of radicalism. Cambridge: Cambridge University Press, S. 6.
Laird Wilcox Laird Wilcox beschrieb 21 Merkmale auf Basis des Verhaltens, die seiner Ansicht nach für politische Extremisten typisch sind. Laut ihm zeichnen sich Extremisten durch folgende Verhaltensweisen aus:16Wilcox, L. (1990). What is „Political Extremism?“. Free Inquiry, 10(1).
  • „Charaktermord“: Angriffe auf die Person statt auf deren Argumente.
  • Beschimpfung und Etikettierung: Gegner mit Schlagworten oder diffamierenden Begriffen belegen.
  • Verantwortungslose Verallgemeinerungen: Weitreichende Behauptungen ohne ausreichende Grundlage.
  • Unzureichende Belege für Behauptungen: Aussagen werden nicht oder nur selektiv begründet.
  • Doppelmoral: Für sich selbst andere Maßstäbe anlegen als für andere.
  • Gegner als grundsätzlich böse ansehen: Kritiker werden als moralisch verdorben statt lediglich andersdenkenden betrachtet.
  • Manichäisches Weltbild: Schwarz-Weiß-Denken („gut gegen böse“, „für uns oder gegen uns“).
  • Befürwortung von Zensur oder Unterdrückung Andersdenkender: Gegner sollen möglichst keine öffentliche Stimme erhalten und mundtot gemacht werden.
  • Selbstdefinition über Feindbilder: Die eigene Identität entsteht vor allem durch die Abgrenzung vom Feind.
  • Einschüchterung statt Argumentation: Moralischer Druck oder Drohungen ersetzen sachliche Diskussion.
  • Schlagworte und Denkstopp-Floskeln: Komplexe Themen werden auf Parolen reduziert.
  • Gefühl moralischer oder sonstiger Überlegenheit: Die eigene Gruppe wird als besonders tugendhaft oder überlegen dargestellt.
  • Katastrophendenken: Ständige Warnung vor unmittelbar bevorstehenden Untergangsszenarien.
  • Der Zweck heiligt die Mittel: Unfaire oder schädliche Methoden gelten als legitim, wenn sie der „guten Sache“ dienen.
  • Emotionen vor Vernunft: Gefühle und Propaganda werden stärker betont als rationale Analyse.
  • Überempfindlichkeit und Misstrauen: Feindseligkeit oder Verschwörungen werden selbst dort vermutet, wo keine vorliegen.
  • Verschwörungsdenken: Ereignisse werden häufig als Ergebnis geheimer, mächtiger Verschwörungen interpretiert.
  • Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis: Starkes Bedürfnis, Unsicherheit durch Kontrolle oder Reglementierung zu reduzieren.
  • Gruppendenken (Groupthink): Abweichende Meinungen innerhalb der eigenen Gruppe werden unterdrückt; die Gruppe bestätigt sich selbst.
  • Personalisierung von Feindschaft: Hass richtet sich nicht nur gegen Ideen, sondern gegen einzelne Personen.
  • Das System ist nur gut, wenn wir gewinnen: Eigene Niederlagen werden auf Manipulation, Betrug oder Verschwörungen zurückgeführt.

Meine Definition von Extremismus

Der Begriff „Extremismus“ beschreibt nach dieser Auffassung also keine eigenständige persönliche Eigenschaft. Vielmehr können extremistische Einstellungen oder Verhaltensweisen als Teil eines Spektrums verstanden werden, auf dem wir uns alle als Individuen bewegen können. Es reicht von einem schlichten Interesse an einem bestimmten Thema über eine starke Begeisterung und Beschäftigung damit bis hin zu einer gewissen Besessenheit, der schließlich in Fanatismus entgleist und letztendlich im Extremismus gipfelt.

Besonders bei den Definitionsversuchen von Bötticher, Wintrobe und Wilcox können wir sicher darüber einig werden, dass an ihnen wohl etwas dran sein muss. Doch bleiben sie mir alle doch zu sehr an der Oberfläche und arbeiten nur selten wirklich fassbare, strukturelle Merkmale heraus. Diese brauchen wir aber, wenn wir über dieses wichtige Thema diskutieren und Extremismus klar als solchen Benennen wollen. Mein Ansatz, die Gemeinsamkeiten zwischen Extremisten zu suchen, dient vor allem dazu, ein differenzierteres Bild des Begriffs „Extremismus“ zu etablieren. Das ist wichtig, um Stereotypen und Vereinfachungen zu vermeiden, und unfaire Verallgemeinerungen. Ich möchte hier eine nuancierte Perspektive einnehmen, die die Vielfalt und Komplexität der betroffenen Gruppen und ihrer Individuen berücksichtigt.

Eines ist mir dabei aber wichtig zu betonen: die nun folgenden Kriterien sind nicht als „Checkliste“ zu verstehen. Es geht nicht darum, dass eine Person oder eine Ideologie sie alle erfüllen muss, um als extremistisch zu gelten. Es geht vielmehr um den Grad, die Intensität, die Art und Weise, wie die Kriterien auftreten. Die Diagnose erfolgt also ähnlich wie bei einer Krankheit: ein Patient muss nicht alle Symptome gleichzeitig zeigen, damit ein Arzt die Krankheit erkennt. Ich versuche hier nicht, Extremismus über bestimmte Ideologien zu definieren, sondern über wiederkehrende psychologische und soziale Muster.  

Fundamentalismus

Zum Extremismus gehören zuerst einmal eine fundamentalistische Grundhaltung und eine tiefe Überzeugung von den Werten, die ihrer Ideologie zugrunde liegen. Extremisten unterstützen dabei vor allem Bestrebungen, sich auf die „Wurzeln“ bzw. das „Fundament“ ihrer Ideologie zurückzubesinnen. Dieses „Fundament“ ist bei religiösen Extremisten meist eine als heilig erachtete Schrift, wie etwa die Bibel, die Thora oder der Koran. Aber auch nicht-religiöse Extremisten kennen solche schriftlichen Manifeste, zu denen sie sich in ähnlicher Intensität bekennen. Bei den meisten Fundamentalisten herrscht die Selbstverständlichkeit vor, dass die Regeln und Gesetze ihrer Ideologie deutlichen Vorrang gegenüber den geltenden Gesetzen des Staates haben, in dem sie leben, aber (noch) nicht an der Macht sind. Das tiefe Bekenntnis zu diesem Fundament wird auch in Form von öffentlich getragenen Symbolen zum Ausdruck gebracht. Dazu zählen etwa eine besonderen Kleidung oder Frisur, oder auch Körperschmuck und Tattoos.

Absolutheitsanspruch

Extremisten interpretieren die Ideologien oder Leitideen in einer Weise, die von den gemäßigten Anhängern der gleichen Ideologie meist abgelehnt wird. Die zugrundeliegenden Prinzipien ihrer Ideologie werden von Extremisten auch häufig erweitert. Für einen Extremisten ist das, was er glaubt bzw. seine Ideologie und seine Leitfiguren ihm vordiktieren, aber absolut wahr. Was heißt aber absolut? Extremisten glauben, dass es nur einen einzigen richtigen Weg, also nur eine Form der Auslegung gebe, wie ihre Ideologie, oder auch die Gesellschaft im Allgemeinen zu funktionieren haben sollte.

Dogmatismus

Die absolute, einzig wahre Auslegung ist für den Extremisten allumfassend, widerspruchsfrei und unfehlbar – also dogmatisch. Dogmatismus ist besonders bei religiösen Extremisten verbreitet. Das Wort „Dogma“ (altgriechisch δόγμα, was auf Deutsch Meinung, Lehrsatz, Beschluss, oder Verordnung bedeutet) ist schließlich auch ein Begriff aus dem Kirchenrecht. Doch auch viele andere extremistische Gruppierungen betreiben eine intensive Form des Dogmatismus. Das Phänomen, dass auch valide Gegenbeweise, sogar absolut kohärente und wissenschaftlich stichhaltige, rigoros ignoriert, abgelehnt, ja sogar scharf angegriffen werden, ist für alle Extremisten typisch.

Kritikunfähigkeit

Aus Absolutheitsanspruch und Dogmatismus erwächst auch eine tiefe Form der Kritikunfähigkeit. Die bei gemäßigten Vertretern einer bestimmten Weltanschauung gegebene Offenheit für andere Perspektiven sucht man bei Extremisten vergeblich. Vielmehr schreiben Extremisten ihren Überzeugungen und Ideen eine unveränderliche Gültigkeit zu und reagieren auf jede Kritik mit Ablehnung, oft sogar aggressiv. Ihr Denken erfolgt allein ideologiebasiert, und das völlig unabhängig von (wissenschaftlichen?) Beweisen oder vernunftbasierter Logik.

Fanatismus

Fanatismus bedeutet eine intensive emotionale oder psychologische Bindung an die Überzeugungen, die der Extremist vertritt. Daraus ergibt sich eine besonders leidenschaftliche Form des Engagements und der geradezu blinden Hingabe für seine Bewegung. Oft erwächst der Fanatismus nicht so stark aus der Ideologie, sondern vielmehr aus dem Charakter der jeweiligen Person: Vor allem ist er dem individuellen Geltungsbedürfnis geschuldet, also dem Wunsch nach Macht und Einfluss. Fanatiker haben dabei nicht etwa nur ihre Sache, sondern auch sich selbst und ihre „Karriere“ fest im Blick, wobei sie auch vor den abscheulichsten Taten nicht zurückschrecken. Sie sind sogar bereit, Sanktionen jeder Art, sogar den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, um ihrer Sache zu dienen.

Expansionswunsch und Sendungsbewusstsein

Viele Extremisten glauben, dass die Welt eine bessere wird, wenn doch endlich irgendwann jeder, oder wenigstens der größte Teil der Gesellschaft zu ihnen gehört. Dann, und nur dann haben sie eine Chance auf alle utopischen Heilsversprechungen. Die unterscheiden sich nur in den Details, die Programmatik ist immer die gleiche: „Mit uns wird alles gut, und dir geht es mit uns auf jeden Fall besser!“ Die Überzeugung, die „Anderen“ vor einem schrecklichen Schicksal bewahren zu müssen, ist eine wichtige Motivation, die eigene Ideologie so weit es nur geht in der Welt zu verbreiten und so viele Menschen wir möglich zu bekehren.

Radikalismus und Umsturzpläne

Die ganz harten Extremisten gehen dabei noch einen Schritt weiter. Sie streben nach grundlegenden Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur oder in den bestehenden politischen und sozialen Verhältnissen. Dazu sind sie bereit, alle erdenklichen Maßnahmen zu ergreifen. Einige, aber nicht alle extremistischen Gruppierungen streben dabei auch die Abschaffung der vorherrschenden Gesellschaftsordnung an. Sie planen, selbst die Macht in ihrem Staat zu übernehmen, um ihre Ziele zu erreichen. Andere wünschen sich zumindest, dass die Politik auf ihre Forderungen endlich eingeht und versuchen, mit gezielten Provokationen, zivilem Ungehorsam oder auch Anschlägen auf Sachwerte auf ihre Positionen aufmerksam zu machen.

Strenge Regeln und Über-Erfüllung ebendieser

Extremisten demonstrieren ihrem Umfeld ständig, wie ernst sie es mit ihrer Überzeugung meinen. Die aus dem ideologischen Manifest abgeleiteten Regeln, also Verhaltensregeln und Rituale für das tägliche Leben, werden von Extremisten streng politisiert. Zwar kennt oft nur ein geringer Teil der Extremisten den tatsächlichen Wortlaut ihrer ach so „heiligen“ Schrift wirklich im Detail, doch die Anführer und Leitfiguren zitieren gern daraus, um sich und ihre eigenen Ideen zu profilieren. So tendieren Extremisten vor allem aus Unkenntnis oder wegen zu weit greifenden Interpretationen häufig zur Übererfüllung ihrer Regeln. Ein Beispiel für so eine Übererfüllung ist der vollständige Technologieverzicht der Amish People, einer besonders konservativen christlichen Sekte, das Tragen der Burka (anstelle des Hijab) bei radikalen Muslimas oder die Übererfüllung der Speisegebote bei orthodoxen Juden.

Exklusivitätsanspruch und Arroganz

Das, was die Extremisten als Gruppe fest zusammenhält, ist auch ihre Selbst(über)schätzung. Die Gruppe gibt dem Mitglied als Gegenleistung die Gewissheit, auf die beste nur denkbare Weise zu leben, zu handeln und zu glauben, die überhaupt möglich ist. Und dafür winkt ihnen, wie sie glauben, auch Lohn: Seelenheil, eine bessere Welt, Frieden und Gerechtigkeit für alle… Diese Lohnversprechungen sind bei Extremisten sehr vielfältig, sie unterscheiden sich aber von Gruppierung zu Gruppierung sehr stark. Trotzdem ist die Arroganz, sich in irgendeiner Weise als „erwählt“, als „erleuchtet“, als „woke“ oder als „Herrenrasse“ zu sehen, der Kitt, der den Extremisten ihre tiefe Verwurzelung in ihren Gruppierungen gibt. Sie wissen es besser als jeder Außenstehende. Selbst wenn dieser einen akademischen Abschluss oder sogar einen Doktortitel vorweisen kann, würde dieser von einem Extremisten bei plausibler Gegenrede  noch das Totschlagargument hören: „Da musst du dich eben mal besser informieren!“ Unter Ihresgleichen ist der Ton meist sanfter: so sprechen sie sich oft mit „Brüder“ und „Schwestern“ an, oder mit anderen Begriffen, die eine tiefe Verbundenheit zueinander ausdrücken.

Feindbilder

Umgekehrt blicken Extremisten auf jeden herab, der nicht zu ihnen gehört. Sie verwenden auch herabsetzende Begriffe, wenn von „den anderen“ die Rede ist. Sogar die, die eigentlich zur gleichen Gruppe, aber eben zu einer gemäßigten Variante davon gehören. Für die Extremisten sind das alles Ungläubige (Kuffar), Rassenschänder, Untermenschen, Faschos / Nazis.  So wird die Welt in ein „Wir“ gegen „die anderen“ aufgeteilt. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“, so lautet die Devise. Und je radikaler diese ausgelegt wird, umso gewaltbereiter und fanatischer wird die extremistische Strömung. Oft sind die Feinde konkurrierende Gruppierungen mit einer gegensätzlichen Weltanschauung. Aber auch Menschen, die gar nichts dafürkönnen, dass sie ein bestimmtes Merkmal tragen, werden von den Extremisten häufig diskriminiert. Natürlich macht sich auch jeder, der einem Extremisten egal welcher Couleur zu widersprechen wagt, zu dessen Feind.

Besonders aus diesem Grund lies bitte auch meine persönliche Bitte, die am Ende dieses Artikels steht!

Keine Toleranz für Zweifel

Auch und insbesondere Zweifler aus den eigenen Reihen, nämlich die gemäßigten oder bloß weniger radikalen Mitglieder der Strömung, werden von Extremisten oft als „keine wahren Vertreter der Sache“ und somit als Gegner oder gar als Verräter betrachtet. Es ist zu beobachten, dass unter Extremisten oft Uneinigkeit oder sogar offene Spaltung herrscht, weshalb aus einer extremistischen Strömung bald schon eine oder mehrere neue entstehen können, die dann sogar oft noch „extremer“ sein können als die ursprüngliche. Deshalb sind die Anführer von Extremisten auch darauf bestrebt, mögliche Rivalen oder abweichende Interpretationen ihres Gedankenguts frühzeitig auszuschalten, um die Einheit ihrer Gruppierung zu bewahren. Sonst kann sich eine extremistische Bewegung schnell selbst verschlingen.

Harter Ausstieg

Um in einer extremistischen Gruppierung Aufnahme zu finden, braucht es meist nicht viel. Es kennen noch nicht einmal alle so etwas wie ein Aufnahmeritual. Ist man aber erstmal drin, so ist ein Ausbrechen kaum noch möglich. Extremisten verfolgen nämlich eine harte Präventionsstrategie gegen Aussteiger. Zunächst werden die neuen gezielt von ihrem bisherigen Umfeld isoliert. Ständige Indoktrination und der stets geforderte „Selbstbeweis“ vor der Gruppe knüpfen eine immer enger werdende Verbindung zur Ideologie, die nur schwer aufzubrechen ist. Zweifler werden denunziert und von den Leitfiguren direkt abgefangen, wo sie dann im persönlichen Gespräch, oft mit verlockenden Belohnungen zur „Rückbesinnung“ gebracht werden. Der Umgang mit den „Abweichlern“ kann sich jedoch von Gruppierung zu Gruppierung stark unterscheiden und ist nicht bei allen Extremisten mit Zwang, Gewalt und Grausamkeit verbunden. Trotzdem sollte jemand, der einmal ein Extremist war und dem der Ausstieg gelungen ist, in unserer Achtung sehr hoch stehen.

Zwang, Gewalt und Grausamkeit in extremistischen Systemen

Doch dort, wo die Extremisten bereits die politische Macht haben, werden „Systemfeinde“ aufs Härteste diskriminiert, verfolgt und oft grausam ermordet. Das ist tatsächlich in allen autokratischen Systemen der Fall. Lange Haft- und Todesstrafen sowie eine systematische Unterdrückung und Gleichschaltung der Medien sind dort probate Mittel des Machterhalts, an denen man von Extremisten geführte Unrechtsstaaten sofort erkennt. Und wenn sie noch nicht an der Macht sind, erkennst du sehr selbstbewusste Extremisten daran, dass sie ihren Gegnern genau damit bereits offen drohen. Auch mit Sippenhaft: kann der Gegner entkommen oder ist er öffentlich zu mächtig, um direkt gegen ihn vorzugehen, vergreifen sich Extremisten gern auch an dessen Familie und engen Angehörigen. Einen extremistisch regierten Staat kann man nicht länger mit demokratischen Mitteln in eine Demokratie verwandeln. Er kann nur noch durch innere oder äußere Gewalt gestürzt werden – also durch eine Revolution oder einen Krieg. Und das kostet in der Regel immer viele Menschenleben.

Fünf Stufen der Radikalisierung

Da Extremismus ein Begriff mit fließenden Übergängen ist, ist er nur schwer zu fassen. Diese herausgearbeiteten Merkmale können uns aber dabei helfen, die Intensität von extremen Haltungen, Einstellungen und Weltanschauungen einzuordnen. Es gibt keinen festen Punkt, an dem aus einer harten Haltung plötzlich Extremismus wird. Menschen radikalisieren sich nicht, indem sie alle Merkmale auf einmal und in gleicher Intensität annehmen. Die Radikalisierung ist vielmehr ein fortlaufender Prozess, den man vielleicht am besten mit fünf Stufen beschreiben kann:

1. Interesse: Eine Person beginnt, sich intensiv mit einer Ideologie, also etwa mit einer Religion, politischen Richtung, Philosophie, einer berühmten Person oder Szene oder sonst einem Thema aus Sport, (Pseudo-)Wissenschaft Musik oder sonst einem Feld zu befassen. Sie baut erste Kontakte zu anderen interessierten Menschen auf und entwickelt eine starke Faszination. Das ist zunächst meist noch wenig problematisch. Es findet noch keine eigene Identifikation statt. Andere Themen, Menschen und Perspektiven bleiben weiterhin wichtig.
2. Identifikation: Die Ideologie wird emotional bedeutsamer und stärker verinnerlicht. Die Person investiert viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit und beginnt, sie als festen Bestandteil der eigenen Identität anzunehmen. Dies kann auch für Außenstehende sichtbar werden, etwa durch die Übernahme bestimmter Zeichen, Symbole, Kleidung, Raumdekorationen, das Sammeln von Devotionalien oder durch Körperschmuck und Tattoos. Die Person verteidigt die Ideologie nun leidenschaftlich, bleibt aber grundsätzlich offen, selbstironisch und kritikfähig.
3. Radikale Tendenzen: Die Ideologie ist nun ein deutlich sichtbarer Bestandteil der eigenen Identität. Die Identifikation wird zunehmend radikaler und intensiver ausgelebt, wobei Abgrenzung eine immer größere Rolle spielt. Die Welt wird stärker in „gut“ und „schlecht“, „zugehörig“ und „nicht zugehörig“ eingeteilt. Die Person bleibt jedoch grundsätzlich noch offen für andere Haltungen und Argumente, auch wenn Diskussionen bereits emotional und konfrontativ verlaufen können. Demokratische Spielregeln und die Legitimität anderer Meinungen werden im Grundsatz meist noch akzeptiert. Alte Freundschaften können trotzdem bereits zerbrechen; auch eine weitgehende Loslösung vom familiären Umfeld kann erfolgen.
4. Fortgeschrittene Radikalisierung: Die Ideologie wird zunehmend als moralisch alternativlos empfunden. Zweifel und Offenheit für Gegenargumente verblassen. Es entwickelt sich ein ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken mit klar definierten Feindbildern. Von diesen grenzt sich die Person nicht mehr nur ab, sondern beginnt, sie aktiv zu bekämpfen. Kritik wird immer häufiger als persönlicher Angriff oder als Ausdruck mangelnder Einsicht wahrgenommen, was zunehmend zu Konflikten und dem Bruch mit einst nahestehenden Freunden und Familienmitgliedern führt. Menschen in dieser Phase sind für andere Perspektiven zwar noch erreichbar, dies wird jedoch zunehmend schwieriger.
5. Manifester Extremismus: Die Ideologie wird nun als absolute Wahrheit und als zentraler Bestandteil der eigenen Identität empfunden, in der kaum noch Platz für anderes bleibt, nicht einmal für Freunde und Familie, wenn sie nicht der gleichen Ideologie folgen. Demokratische und rechtsstaatliche Regeln gelten nur noch insoweit, wie sie den eigenen politischen oder weltanschaulichen Zielen dienen. Überzeugung wird zum Kult. Gegner werden systematisch entmenschlicht oder pauschal moralisch delegitimiert. Gewalt, Zwang oder autoritäre Maßnahmen werden nicht nur gerechtfertigt, sondern häufig aktiv unterstützt oder selbst ausgeübt. Ein Ausstieg aus dieser Denkweise bleibt grundsätzlich möglich, erfordert jedoch meist tiefgreifende persönliche Erfahrungen oder langfristige Deradikalisierungsprozesse.

Fazit

Infolgedessen ist es nicht zielführend, eine Person als „gefährlich“ einzustufen, wenn sie die Merkmale von Extremismus nur schwach erfüllt oder sich erst auf einer der unteren Stufen der Radikalisierungs-Skala befindet. Denn wenn man ausreichend sucht und vor allem finden will, könnte man sonst wohl nahezu jedem Menschen in irgendeinem Teil seiner Identität Extremismus vorwerfen.

Sicherlicht ist richtig: Extremisten wollen, dass sich ihre Lebenswirklichkeit, oder sogar die ganze Welt nach ihrem Verständnis und zu ihren Bedingungen gravierend verändert. Sind Extremisten aber allesamt Leute, die an etwas glauben, das „notwendig falsch“, also purer Blödsinn ist? Streben alle Extremisten eine ungerechte Form der Herrschaft und die Machtübernahme an? Man ist schnell geneigt, diese Fragen zu bejahen. Aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Tatsächlich sind die vielen unterschiedlichen Ideologien, die Extremisten in ihren vielen unterschiedlichen Köpfen haben, deutlich komplexer. Einzelne Inhalte können durchaus argumentativ kohärent und plausibel sein. So manche Inhalte von extremistischen Ideologien sind sogar wissenschaftlich verifizierbar. Und längst nicht alle Extremisten wollen wirklich die Macht übernehmen und dabei unsere Demokratie abschaffen. Einige wollen sie sogar stärken! Statt einer Umsturz-Ideologie verfolgen vielmehr ein Programm, dass die Gefahren für den Rechtsstaat mit radikalen Mitteln bannen soll. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Extremisten aus diesen Gruppierungen automatisch harmloser sind. Sie stellen aber eher eine Gefahr für sich selbst als für andere dar.

Welche Gruppierungen nun wirklich am gefährlichsten sind, was ihre Radikalisierungsprozesse und die Bedrohung angeht, die von ihnen für den Fortbestand unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung ausgeht, möchte ich im nächsten Artikel beleuchten.


Hier kommst du zu den weiteren Extremismus-Artikeln:

Was ist Extremismus?


Wer sind die gefährlichsten Extremisten?


Wieso sind Extremisten so erfolgreich?


Was können wir gegen Extremismus tun?


Extremistische Scheinargumente – bekämpfen!

Noch eine letzte Bitte

Wenn man so einen Artikel wie diesen hier schreibt, bedeutet das natürlich, dass man polarisiert. Und für mich als Autor bedeutet es, dass ich sogar mit Rückschlägen zu kämpfen habe. Extremisten sind charakterschwache, hinterhältige Feiglinge, die mit unsauberen, heimtückischen Methoden arbeiten. Das ist allerdings nicht etwa eine persönliche Meinung oder Behauptung, sondern eine Tatsache, die ich selbst schon am eigenen Leib zu spüren bekam. Sobald ich mal etwas über Toleranz geschrieben, oder mich zu meiner Ablehnung von Diskriminierung und Extremismus bekannt habe, ist die Bewertung meiner Bücher auf Amazon nämlich meist deutlich gesunken.

Und nein, das ist keine zufällige Korrelation! Wenn man mehr als 4.000 Follower hat, dazu noch mehrere „stille“ Mitleser, müssen sich darunter zwangsläufig auch einige Personen eher zweifelhafter Gesinnung befinden. Das ist eben das Gesetz der Masse. Diese Personen drücken mir immer eine miese Bewertung rein, wenn sie Widerspruch erleben. Einige haben mich auch grundlos bei Facebook gemeldet, sodass mein Artikel für kurze Zeit gesperrt war. Ich konnte das aber zum Glück wieder rückgängig machen.

Ich befürchte also, dass einige Ewiggestrige auch diesen Artikel wieder zum Anlass nehmen werden, mir auf Amazon eine miese Bewertung reinzudrücken, um mich für meine ketzerischen Worte zu „bestrafen“. Und dass ich auf Facebook auch wieder Ärger dafür kriege, dass ich gegen Extremisten aufstehe, besonders gegen Rechtsextremisten. Ich verlasse mich aber darauf, dass du, der du jetzt wirklich bis ganz zum Ende gelesen hast, mir dabei hilfst, dass die blaubraunen Arschgeigen hier keinen „Sieg“ gegen mich erringen können.


Quellenangaben:

  • 1
    Backes, U. (2006). Politische Extreme. Eine Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 31). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • 2
    Tanner, A. (2013). Radikalismus. In Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 29. Januar 2013.
  • 3
    Der große Brockhaus, Bd. 13 (2006). 21., völlig neu bearbeitete Auflage. Leipzig/Mannheim: F. A. Brockhaus, S. 96–97 (Themenseiten: „Schlüsselbegriff Ideologie“).
  • 4
    Marx, K. & Engels, F. (1969). Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten. In Marx-Engels-Werke, Bd. 3 (S. 9–530, bes. S. 46). Berlin.
  • 5
    Coleman, P. T. & Bartoli, A. (n.d.). Addressing extremism. Archived at the Wayback Machine, 24 September 2015, pp. 3–4.
  • 6
    Coleman, P. T. & Bartoli, A. (n.d.). Addressing extremism. Archived at the Wayback Machine, 24 September 2015, pp. 3–4.
  • 7
    Schlesinger, A. M. Jr. (1949). The vital center. The politics of freedom. Boston, MA u. a.: Houghton Mifflin.
  • 8
    Backes, U. (2001). Gestalt und Bedeutung des intellektuellen Rechtsextremismus in Deutschland. Aus Politik und Zeitgeschichte, B 46/2001, S. 24.
  • 9
    Kailitz, S. (2004). Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Einführung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 212; vgl. hierzu auch Pfahl-Traughber, A. (2000). Politischer Extremismus – was ist das überhaupt? In Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Bundesamt für Verfassungsschutz. 50 Jahre im Dienst der inneren Sicherheit (S. 213). Köln.
  • 10
    Fischer, F. (2018). Identität, Gemeinschaft und dunkle Mächte. Zentrale Motive in Abwehrideologien des politischen Extremismus. In S. Liebold, T. Mannewitz, M. Petschke & T. Thieme (Hrsg.), Demokratie in unruhigen Zeiten. Festschrift für Eckhard Jesse (S. 195–207). Baden-Baden: Nomos.
  • 11
    Dunkel, B., Gollasch, C. & Padberg, K. (Hrsg.) (2019). Nicht zu fassen. Das Extremismuskonzept und neue rechte Konstellationen. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, S. 254. doi:10.14279/depositonce-7070
  • 12
    Bendel, P. (1995). Extremismus. In D. Nohlen (Hrsg.), Lexikon der Politik, Band 7: Politische Begriffe (S. 8384–8387). München: C.H. Beck.
  • 13
    Dunkel, B., Gollasch, C. & Padberg, K. (Hrsg.) (2019). Nicht zu fassen. Das Extremismuskonzept und neue rechte Konstellationen. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, S. 254. doi:10.14279/depositonce-7070
  • 14
    Bötticher, A. (2017). Towards academic consensus definitions of radicalism and extremism. Perspectives on Terrorism, 11(4), 73–77.
  • 15
    Wintrobe, R. (2006). Rational extremism: The political economy of radicalism. Cambridge: Cambridge University Press, S. 6.
  • 16
    Wilcox, L. (1990). What is „Political Extremism?“. Free Inquiry, 10(1).

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1 thought on “Was ist Extremismus?”

  1. open binance account sagt:
    August 11, 2025 um 4:23 p.m. Uhr

    Thanks for sharing. I read many of your blog posts, cool, your blog is very good.

    Antworten

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